Wallot Johann Paul
Architekt, Hochschullehrer
* 26.6.1841 Oppenheim 10.8.1912 Langenschwalbach/Taunus (heute Bad Schwalbach) Oppenheim

GND: 118824686

W. war Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein bedeutender Architekt, der seit 1894/95 als Professor für Baukunst und Hochbau in Dresden wirkte und mit seinem Ständehaus am Fuß der Brühlschen Terrasse maßgeblich das Stadtbild Dresdens mitprägte. – W. entstammte einer hugenottischen Familie, die im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts aus Südfrankreich nach Oppenheim ausgewandert war. Nach Absolvierung der Realschule in Darmstadt besuchte er 1856 bis 1859 die dortige höhere Gewerbeschule. Anschließend studierte W. am Polytechnikum in Hannover Maschinenbau, bevor er 1861 nach Berlin übersiedelte und hier bis 1863 die Bauakademie besuchte. Seine Baumeisterprüfung legte W. 1863 an der Bauschule der Universität Gießen bei Hugo von Ritgen ab. Danach war er für ein Jahr als Bauakzessist in Hessen tätig. 1864 bis 1867 wirkte er wieder in Berlin bei den Architekten Heinrich Strack, Richard Lucae und Friedrich Hitzig. Während dieser Zeit hospitierte W. außerdem bei Martin Gropius und Heino Schmieden, die in Berlin eine gemeinsame Architektenfirma betrieben. 1867 und 1868 unternahm W. längere Studienreisen durch England und Italien. Seit 1869 war er als Architekt in Frankfurt/Main tätig und entwarf mehrere Wohn- und Geschäftshäuser. W. bevorzugte in dieser Zeit für die Fassadengestaltung Konstruktionselemente der Gotik oder Romanik und verband diese mit Ornamentschmuck der deutschen Renaissance. Eine weitere Studienreise führte ihn 1872 wieder nach Italien, bei der er v.a. die Bauwerke von Andrea Palladio und Michele Sanmicheli studierte. In der Folgezeit beteiligte sich W. an verschiedenen Ausschreibungen für große Bauvorhaben. 1876 erhielt er den ersten Preis für seinen Entwurf des Friedhofs für die Kreuzkirche in Dresden, der jedoch nicht ausgeführt wurde. Internationale Aufmerksamkeit in der Architektenwelt erlangte W. mit seinem Entwurf für die neue Stephanienbrücke in Wien, der 1881 mit einem dritten Preis ausgezeichnet wurde. Seine Vielseitigkeit als Architekt fand in der Beteiligung an Wettbewerbsausschreibungen an Großprojekten wie dem Frankfurter Hauptbahnhof (1880) und dem Niederwalddenkmal (1883) Ausdruck. Den Durchbruch als überregional bedeutender Architekt erzielte W. jedoch durch seine Wettbewerbsarbeit für das Reichstagsgebäude im Zentrum von Berlin. Dafür sprach die Jury ihm und dem Architekten Friedrich von Thiersch gemeinsam den ersten Preis zu. Zur Bauausführung wurde vom Preisgericht aber fast einstimmig der Entwurf von W. gewählt, der daraufhin 1883 zur besseren Bauüberwachung nach Berlin übersiedelte. Nach der Beseitigung von Mängeln des ersten Entwurfs und einer auf Forderung der Reichstagsbaukommission nochmaligen Umarbeitung wurde am 9.6.1884 durch Kaiser Wilhelm I. der Grundstein für den Reichstagsbau gelegt und W. zum Kaiserlichen Baurat ernannt. Fast 15 Jahre nahm dieses gewaltige, im Stil der italienischen Hochrenaissance ausgeführte Bauwerk W. in Anspruch. Zwar war der Bau mit seiner verglasten Stahlkuppel ebenso wie die künstlerische Gestaltung und Innenausstattung nicht unumstritten, fand aber schließlich nicht nur in Fachkreisen, sondern auch in der Öffentlichkeit als große künstlerische Leistung Anerkennung und gilt als einer der bedeutendsten Monumentalbauten seiner Zeit. Bis zur baulichen Vollendung des Reichstags am 5.12.1894 (Schlussstein) und nachfolgender Innengestaltung kam es auf Wunsch von Kaiser Wilhelm II., der preußischen Regierung und durch Abstimmung im Reichstag selbst zu weiteren Änderungen in der Bauausführung, die W. größtenteils hinnehmen musste. Allerdings legte er im Zuge der Auseinandersetzungen um die Innengestaltung des Reichstags seine Funktion als Leiter der Ausschmückungskommission nieder. Dennoch wurde W. für seine Gesamtleistung am Reichstagsgebäude 1894 mit dem Titel Kaiserlicher Geheimer Baurat geehrt. Während seiner Berliner Jahre widmete sich W. jedoch nicht ausschließlich diesem Großprojekt, sondern legte auch Entwürfe zur Gestaltung des Königsplatzes (heute Platz der Republik) und des Pariser Platzes sowie zum Bau des Reichstagspräsidentenpalais vor. Letzteres wurde 1897 bis 1904 im Stil des Historismus nach seinen Entwürfen errichtet. Außerdem war W. bereits 1885 Mitglied der Berliner Akademie der Künste geworden. – Zum 1.10.1894 folgte W. einem Ruf als Professor für Baukunst an die Dresdner Kunstakademie und übersiedelte bald ganz nach Dresden. Hier wurde er 1895 zudem zum außerordentlichen Professor für Hochbau an der Technischen Hochschule Dresden ernannt. Er richtete sich auf der Brühlschen Terrasse ein Meisteratelier ein, in dem zahlreiche junge Architekten ihre Ausbildung erweiterten. Seine bedeutendste baukünstlerische Leistung in Dresden war der 1901 begonnene und 1906 vollendete Neubau des Sächsischen Ständehauses (Landtag) an der Brühlschen Terrasse. Auch dieser zweite große Monumentalbau W.s war nicht unumstritten, veränderte er doch prägend die berühmte barocke Stadtsilhouette Dresdens mit Hofkirche, Schlossturm und Frauenkirche. Zudem mussten das recht baufällig gewordene Brühlsche Palais von Johann Christoph Knöffel sowie das Palais Fürstenberg dem wuchtigen Neubau mit seinem schweren, durchbrochenen Turm weichen. An der Innenausstattung waren namhafte Künstler wie Otto Gussmann, Wilhelm Kreis und Richard Riemerschmid beteiligt. Am Ende erhielt W. nicht zuletzt wegen der ausgewogenen Grundriss- und Innengestaltung des Ständehauses und der gelungenen Synthese zwischen praktischer Nutzung und künstlerischem Ausdruck viel Lob und Anerkennung. Vom sächsischen König Friedrich August III. wurde er mit hohen Orden und dem Titel eines Geheimen Hofrats geehrt. Seine Geburtsstadt Oppenheim sowie San Francisco ernannten ihn zum Ehrenbürger. Die Universität Gießen verlieh W. die Ehrendoktorwürde und die Akademien von Rom und St. Petersburg (russ. Sankt-Peterburg) nahmen ihn als Ehrenmitglied auf, was von seinem herausragenden internationalen Ruf als genialer Architekt und Baukünstler zeugt. Gegenüber den inzwischen zum Durchbruch gelangten neuen Baustilen und -formen, insbesondere dem Jugendstil, verhielt sich W. reserviert und blieb bis zu seinem Tod ein führender Vertreter der deutschen Neorenaissance. Politisch ist W. zumindest für seine Dresdner Jahre eher dem national-konservativen Lager zuzuordnen, wovon eine über zehnjährige Mitgliedschaft im Alldeutschen Verband zeugt. Als aktives Mitglied trat er hier jedoch nicht in Erscheinung. Anlässlich des 70. Geburtstags von W. organisierten seine Schüler, unter ihnen inzwischen namhafte Architekten wie Theodor Fischer, Wilhelm Rettich und Otto Rieth, im Juli 1911 in der Galerie Arnold in Dresden eine Ausstellung mit seinen Entwürfen und Modellen. Noch im gleichen Jahr legte W. seine Lehrämter in Dresden nieder und zog sich auf seinen Alterssitz nach Biebrich am Rhein zurück. – Nach seinem Tod veranstaltete die Berliner Akademie der Künste im Januar 1913 eine Gedächtnis-Ausstellung. In Dresden und Berlin wurden zum Gedenken an W. Straßen nach seinem Namen benannt und die Deutsche Bundespost ehrte ihn 1991 anlässlich seines 150. Geburtstags mit einer Sonderbriefmarke.



W  Reichstagsgebäude Berlin, 1884-1894; Johannisfriedhof Dresden-Tolkewitz, Einsegnungshalle, 1894; Reichstagspräsidentenpalais Berlin, 1897-1904; Sächsisches Ständehaus Dresden, 1901-1906; Das Reichstagsgebäude in Berlin, Berlin/Leipzig 1897 [ND Braunschweig 1987]; Architektonische Studien - Arbeiten aus dem akademischen Atelier von Constantin Lipsius, Dresden 1898.

L  Nachruf Paul W., in: Dresdner Journal 12.8.1912, S. 6; W. Mackowsky, Paul W. und seine Schüler, Berlin 1912. – DBA I, II, III; DBE 10, S. 315; H. A. L. Degener (Hg.), Wer ist‘s?, Leipzig 1909, S. 339; Thieme/Becker, Bd. 35, Leipzig 1942, S. 103f.; H. Vollmer (Hg.), Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart, Leipzig 1972 (ND), S. 103f.; W. Klötzer (Hg.), Frankfurter Biographie, Bd. 2, Frankfurt/Main 1996, S. 531f.

P  Paul W., K. Mediz, 1895, Graphit, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstichkabinett, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Gerald Kolditz
19.3.2012


Empfohlene Zitierweise:

Gerald Kolditz, Wallot, Johann Paul, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (29.6.2017)

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