Nedo Pawoł (Paul)
Volkskundler, Hochschullehrer, Vorsitzender der Domowina
* 1.11.1908 Kotitz (sorb. Kotecy) 24.5.1984 Leipzig Leipzig, Südfriedhof
VJohann August (1880-1968), BahnangestellterMErnestine Bertha, geb. Lehmann (1881-1961), Näherin1940 Marianne, geb. Buder (1914-1998)SMichael (* 1941); Matej (1947-1971)
GND: 128828234





N. war als politischer Interessenvertreter ebenso wie als Wissenschaftler eine der herausragenden sorbischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. – N. wurde als Kind evangelischer Sorben in der sächsischen Oberlausitz geboren. Die in bescheidenen Verhältnissen lebende Familie ermöglichte dem Sohn den Schulbesuch an der Landständischen Oberschule in Bautzen (sorb. Budyšin). Als Schüler begann sich N. für Volkskunde zu interessieren und damit einhergehend für seine sorbische Herkunft. In der Familie, Volksschule und Umgebung war darauf kein großer Wert gelegt worden, mit den Kindern sprach man nur deutsch. Erst in Bautzen begann N. die sorbische Sprache aktiv zu erlernen. – Nach der Reifeprüfung nahm N. 1928 an der Leipziger Universität ein Pädagogikstudium auf. In der Universitätsstadt engagierte er sich v.a. mit volkskundlichen Vorträgen im „Bund sorbischer Studenten“ und fand über diesen Freundeskreis Zugang zum sorbischen Kulturleben. Seit 1930 war er Mitglied des sorbischen Wissenschaftsvereins „Maćica Serbska“. Die Erfahrung, sorbisches Bewusstsein aus Eigeninitiative und durch Bildung gewonnen zu haben, zog sich als Leitfaden durch N.s späteres politisches, wissenschaftliches und persönliches Wirken. – Seit dem Abschluss des Studiums 1931 war er als Volksschullehrer im Landkreis Bautzen beschäftigt: 1932 in Klix (sorb. Klukš), 1932 bis 1934 in Quatitz (sorb. Chwaćicy) und 1934 bis 1937 in Rackel (sorb. Rakojdy). Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 bildete den Bezugspunkt für den raschen Aufstieg N.s an die Spitze der sorbischen Bewegung. Der damals 25-Jährige sah in der neuen Politik - ungeachtet der anfänglichen Schikanen gegen die „Wendenführer“ - ein Fanal für eine Neukonzipierung des sorbischen Vereinslebens und begann sich auf politischer Ebene für die Interessen der Sorben zu engagieren. Im Sommer 1933 ließ er sich zum Kreisfachberater der NSDAP für sorbische Kulturfragen ernennen, obwohl er kein Parteimitglied war. Durch diese Episode wurde zumindest der Domowina-Vorstand auf ihn aufmerksam, der zu dieser Zeit nach einem für die Behörden unbelasteten und engagierten Vorsitzenden suchte. Mit selbstbewusstem Auftreten und Begeisterungsvermögen vermochte N. die Vertreter der Domowina von seinem Programm zu überzeugen. Es beinhaltete die Umstellung von der Vereinsmitgliedschaft auf Einzelmitgliedschaft, um einen größeren Interessentenkreis zu gewinnen sowie den Ausbau der bisher auf kulturelle Aktivitäten begrenzten Domowina zur politischen Interessenvertretung der Sorben. Trotz der Missbilligung, auf welche die geplante Umgestaltung bei den staatlichen Behörden stieß, einigte sich der Vorstand auf ein neues Statut und eine neue Führung, an deren Spitze N. im Dezember 1933 gewählt wurde. – N.s Wirken in den Jahren 1934 bis 1937 war v.a. der Organisationsarbeit gewidmet. Als ideologische Basis und Legitimation passte er die volkstumspolitischen Parolen der neuen Machthaber von „Blut und Boden“ den sorbischen Belangen an - eine Taktik, deren Tragweite sich dem jungen Mann damals nicht erschloss. Die praktischen Erfahrungen mit der antisorbischen Politik der Nationalsozialisten waren ernüchternd und einschüchternd und belehrten ihn bald eines Besseren. Schritt für Schritt wurde die Organisationsarbeit beschränkt und die Anwendung der sorbischen Sprache z.B. in der Schule behindert und später verboten. Die wenigen sorbischen Intellektuellen, v.a. Lehrer und Pfarrer, wurden durch gezielte administrative Maßnahmen wie Versetzungen an ihrem nationalen Engagement gehindert. Nichts, nicht einmal Ortsnamen oder die Bezeichnung „wendisch“, sollte noch länger an die Existenz einer slawischen Minderheit erinnern. Rassistisch motivierte Umsiedlungspläne sollten nach dem Krieg konkretisiert werden. Der Domowina versuchten die Behörden eine Satzung zu oktroyieren, in der den Sorben generell der Status einer ethnischen Minderheit abgesprochen wurde. Nachdem die Domowina diesen Entwurf demonstrativ ablehnte, wurde der Organisation und allen sorbischen Vereinen am 18.3.1937 jede Betätigung verboten. N. sollte aus der Lausitz versetzt werden, woraufhin er es vorzog, seinen Beruf aufzugeben. – In den folgenden Jahren war er 1937 bis 1939 als Angestellter polnischer Genossenschaftsbanken in Berlin tätig sowie bis zu seiner Einziehung zur Wehrmacht 1942 als Gutsverwalter. Nach einer kurzen Haft im November 1939 hatte er seit 1940 ein Aufenthaltsverbot für den Regierungsbezirk Dresden/Bautzen. Durch die Verhaftung eines ehemaligen Mitstreiters gelangte N. ins Visier der Gestapo und wurde Ende November 1944 wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ erneut inhaftiert. Als Untersuchungshäftling des Volksgerichtshofs erlebte er im April 1945 die Befreiung durch die Rote Armee. – Im Sommer 1945 kehrte N. in die Lausitz zurück. Seine Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und auch die Hoffnung auf nationale Befreiung der Sorben und sozialen Fortschritt bewogen ihn im Herbst 1945, der KPD beizutreten. Schon im Mai 1945 war die Domowina neu belebt worden, deren Vorsitz N. nach seiner Rückkehr wieder übernahm. In einer Anzahl von Memoranden forderte die sorbische Nachkriegsbewegung verschiedene allgemeine und konkrete Maßnahmen zur politischen, sprachlichen und kulturellen Gleichberechtigung der Sorben bis hin zur Autonomie oder Angliederung an die Tschechoslowakei. Über deren politische Zukunft entschied jedoch das Diktat der sowjetischen Besatzungsmacht. Sie billigte ihnen nur auf informelle Art ihre kulturelle Selbstbestimmung zu und untersagte darüber hinaus jegliche politische Autonomiebestrebungen. N. zeigte sich überzeugt davon, im Sozialismus die ideale Gesellschaftsordnung für die Gleichberechtigung der Sorben gefunden zu haben. Trotz Behinderung durch die eigene Partei forcierte er daher die Integration der Domowina in das gesellschaftliche System der SBZ/DDR. Die politischen Bemühungen der Domowina in der Nachkriegszeit mündeten schließlich in der Verabschiedung des „Gesetzes zur Wahrung der Rechte der sorbischen Bevölkerung“ am 23.3.1948 im Sächsischen Landtag. Die Verpflichtung des Staats, nationale Minderheiten zu schützen und zu fördern, stellte ein Novum in der deutschen Verfassungsgeschichte dar, wurde jedoch später willkürlich ausgelegt. – Im Mittelpunkt von N.s nationalen Bestrebungen in der Nachkriegszeit stand ein umfangreiches Volksbildungsprogramm. Er selbst wurde 1945 zum Kreisschulrat für den Schulbezirk Bautzen-Nord ernannt, als der er viel für den Aufbau eines sorbischsprachigen Schulwesens leisten konnte. Ihm ist es zu verdanken, dass im Oktober 1945 von der sächsischen Landesregierung die Volksschulen im zweisprachigen Gebiet als sorbisch oder zweisprachig anerkannt und Sorbisch als gleichberechtigte Unterrichtssprache in allen Fächern und Klassenstufen akzeptiert wurden. Für die Ausbildung der dafür in großer Zahl benötigten Lehrer gründete er 1946 das Sorbische Institut für Lehrerbildung in Radibor (sorb. Radwor) bei Bautzen. Seit 1948 widmete sich N., inzwischen zum Ministerialrat ernannt, dem Aufbau eines sorbischen Kultur- und Volksbildungsamts, wie es im Sorbengesetz vorgesehen war. Dieses Amt sollte beratende Funktionen für gesellschaftliche und staatliche Verwaltungseinrichtungen ausüben sowie sorbische Bildungs- und Kultureinrichtungen aufbauen und unterstützen. – Im Zuge der Stalinisierung wurde N. intern als bürgerlicher Nationalist diffamiert und 1950 von seiner Arbeit in Bautzen an das Volksbildungsministerium nach Dresden „delegiert“. Derart in nationaler Beziehung neutralisiert legte N. den Vorsitz der Domowina nieder. An seiner Bejahung des Sozialismus hielt N. trotz vielfältiger Differenzen mit der Parteilinie fest, zumal ihm andere berufliche Perspektiven nicht versperrt wurden. Anknüpfend an sein früheres Interesse für Volkskunde entschloss er sich, eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen. Nach einem kurzen Intermezzo in Dresden als Verantwortlicher der sächsischen Landesregierung für Kunst und Kultur (1951 Leiter der Hauptabteilung Kunst und Literatur im Ministerium für Volksbildung, 1952 Leiter der Verwaltung für Kunstangelegenheiten bei der Landesregierung) übernahm er die Leitung der Forschungsabteilung des Zentralhauses für Laienkunst (seit 1956 Institut für Volkskunstforschung) in Leipzig. Gleichzeitig unterrichtete er seit 1951 an der Karl-Marx-Universität Leipzig, nach seiner Dissertation 1955 über sorbische Volksmärchen mit einer Professur für Volkskunde und Sorabistik. An der Etablierung des Sorbischen Instituts der Leipziger Universität 1951 hatte N. wesentlichen Anteil. 1961 wechselte er hauptamtlich an die Universität und folgte nach der Habilitation über sorbische Volksdichtung 1964 einem Ruf an die Berliner Humboldt-Universität. – N. beschäftigte sich als Volkskundler hauptsächlich mit der reichen Tradition der sorbischen Trachten- und Sprachfolklore. Als leitender Hochschullehrer entwickelte er wichtige Konzepte für die volkskundliche Gegenwartsforschung, die in ganz Deutschland Beachtung fanden. Insbesondere verdient die Einführung eines volkskundlichen Fernstudiums für Museologen und Kulturfachleute an der Humboldt-Universität Berlin hervorgehoben zu werden. Im „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“, in dem er 1954 bis 1968 den Fachausschuss Volkskunde leitete, vermittelte er mit populärwissenschaftlichen Publikationen die neuen Grundlagen der Volkskunde auch den Heimat- und Freizeitforschern. – 1968 ließ sich N. vorzeitig emeritieren. Seinen Ruhestand nutzte er für weitere wissenschaftliche Publikationen und Diskussionen. Besonders als Herausgeber zeigte er sich sehr produktiv. Zu den von ihm edierten Werken gehören auch mehrere Märchenbücher. Im Alter von 75 Jahren verstarb N. 1984 in Leipzig.



Q  Sorbisches Kulturarchiv Bautzen, Nachlass N.

W  Die Tracht der Sorben um Schleife, Bautzen 1954; Sorbische Volkstrachten, Bautzen 1954; Sorbische Volksmärchen, Bautzen 1956; Die Lausitz. Sorbische Trachten, Berlin 1956; Krabat. Zur Entstehung einer demokratischen sorbischen Volkserzählung, in: Deutsches Jahrbuch für Volkskunde 2/1956, S. 33-50; Grundriss der sorbischen Volksdichtung, Bautzen 1966; Sorbische Volkskunst, Bautzen 1968; Sorbische Kultur. Eine Einführung in Vergangenheit und Gegenwart, Bautzen 1975.

L  Bibliografie volkskundlicher Abhandlungen von Paul N., zusammengestellt von H. Faßke, in: Lětopis C 11/12/1968/1969, S. 9-11; W. Jacobeit, Paul N. und die Volkskunde in der DDR, in: ebd. C 27/1984, S. 115-118; H. Cuška, Pawoł N., Bautzen 1988; P. M. Jahn, Paul N. (1908-1984). Tendenzen und Hintergründe seiner marxistisch-leninistischen Theorie der Ethnographie, in: Geschichte der Völkerkunde und Volkskunde an der Berliner Universität, hrsg. von der Humboldt-Universität zu Berlin, Berlin 1991, S. 80-89; U. Mohrmann, Volkskunde in der DDR während der fünfziger und sechziger Jahre, in: W. Jacobeit/H. Lixfeld/O. Bockhorn (Hg.), Völkische Wissenschaft. Gestalten und Tendenzen der deutschen und österreichischen Volkskunde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Wien/Köln/Weimar 1994, S. 375-394; A. Bresan, Pawoł N. 1908-1984. Ein biografischer Beitrag zur sorbischen Geschichte, Bautzen 2002 (P, WV). – DBA III; Sächsische Lebensbilder, Bd. 6/2, Stuttgart 2009, S. 519-540 (P).

P  K. Heine, um 1955, Fotografie, Sorbisches Kulturarchiv Bautzen, Fotoarchiv (Bildquelle).



Annett Bresan
21.11.2016


Empfohlene Zitierweise:

Annett Bresan, Nedo, Pawoł (Paul), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (11.12.2017)

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