Heermann Paul
Bildhauer, Elfenbeinschnitzer
* 23.1.1673 Weigmannsdorf (getauft) 22.7.1732 Dresden
VZacharias († 1686), Erbmüller, Kirchenvorsteher, Gerichtsschöppe in WeigmannsdorfMJustina, geb. Klemm (1639-1711)GSalome (* 1659 [getauft]); Sybilla (* 1666 [getauft]); Rosina (* 1668 [getauft]); Zacharias (* 1670 [getauft]), Bildhauer; Caspar (* 1674 [getauft]); Dorothea (* 1677 [getauft]); Susanne (* 1680 [getauft])1705 Anna Elisabeth, geb. Barth (1688-1764)SJohann Paul (* 1706), Paul Gottfried (* 1708), Paul Christian (* 1710), Paul Gottlob (* 1719), Paul Joseph (* 1725)TDorothea Elisabeth (* 1712), Christiane Sophie (1715-1763)
GND: 129967610





Auch wenn H.s heute noch erhaltenes Oeuvre nicht sehr umfangreich ist, so kann er neben Balthasar Permoser, Christian Kirchner und Johann Benjamin Thomae zu den wichtigsten Bildhauern des Barock in Sachsen gezählt werden. Von besonderer Bedeutung ist auch seine Tätigkeit als Restaurator der kurfürstlich sächsischen Antikensammlungen. – H. erhielt seine Ausbildung vermutlich ab 1684 bei seinem Onkel, dem Bildhauer Georg Heermann. Als Gehilfe arbeiteten H. und sein Bruder Zacharias seit 1685 auch an dessen Hauptwerk mit, dem Skulpturenprogramm der Gartentreppe des Schlosses Troja bei Prag. Danach ging H. zunächst für einige Jahre nach Rom. Vielleicht geschah dies auf Anregung seines Onkels, der sich ebenfalls mehrere Jahre in Rom und Venedig aufgehalten hatte. In Rom entstand 1700 eine aus Buchsbaum geschnitzte Herkules-Statuette, die mit „ROMA/PAUL HERM/1700“ signiert ist. Nach seiner Rückkehr war H. zunächst erneut in Prag tätig, wo er bis 1703 abschließende Arbeiten am Figurenprogramm der Treppe von Schloss Troja ausführte. Außerdem werden ihm vier Marmorbüsten, die Allegorien der Jahreszeiten darstellen, im Festsaal des Lustschlosses zugeschrieben. Danach ließ sich H. in Dresden nieder, wo er über mehrere Jahrzehnte erfolgreich als Bildhauer tätig war und gegen Ende seines Lebens vermutlich den Titel eines kurfürstlich sächsischen Hofbildhauers erhielt. Am 30.6.1705 heiratete er Anna Elisabeth, geb. Barth, die Tochter seines Hauswirts in der Dresdner Neustadt. In den folgenden Jahren ließ H. in Dresden sieben Kinder taufen. Bereits seit ca. 1710 arbeitete er unter der Leitung Permosers am skulpturalen Schmuck des Dresdner Zwingers mit. Zugeschrieben werden ihm hier v.a. die Apollon-Figur am Mathematischen Pavillon, der Schalmeibläser am Kronentor, die erst seit 1926 im Zwinger befindliche Statue eines Gelehrten sowie verschiedene Figuren am Wallpavillon, u.a. die Gruppe des „Paris-Urteils“ - eine allegorische Darstellung Kurfürst Friedrich Augusts I. (August II., der Starke). Zwischen 1711 und 1713 entstand das Modell für ein Reiterstandbild des Kurfürsten. 1718 erhielt H. schließlich den prestigeträchtigen Auftrag, eine Marmorbüste des sächsisch-polnischen Herrschers anzufertigen. Darüber hinaus schuf er in den 1720er-Jahren für den Dresdner Hof Büsten eines Jahreszeitenzyklus sowie Kopien nach Skulpturen aus der kurfürstlich sächsischen Antikensammlung. – Von Dresden aus war H. auch mehrfach für bürgerliche Auftraggeber in verschiedenen sächsischen Städten tätig. Bereits ins Jahr 1712 datieren vier Gruppen spielender Putten, die vermutlich für einen vor den Toren der Stadt gelegenen bürgerlichen Lustgarten bestimmt waren und nur als moderne Gipsabgüsse überliefert sind. Ebenfalls um 1712 entstanden Alabasterskulpturen spielender Putti für die Kunstsammlung des Leipziger Kaufmanns Johann Zacharias Richter, die schon im 18. Jahrhundert durch Publikationen sehr bekannt waren. 1714 stellte er gemeinsam mit dem Tischler Christoph Nägel und dem Maler Christian Kleinert den Altar für die Pfarrkirche zu Lommatzsch her. Zwischen 1721 und 1724 schuf H. den neuen Altar für die Leipziger Thomaskirche (1943 in der Johanniskirche zerstört). Für den Lustgarten des Leipziger Kaufmanns Andreas Dietrich Apel entstand um 1725 die Figur des Apollon. Verschollen sind zwei allegorische Figuren, die H. für den Boseschen Lustgarten in Leipzig gearbeitet hat. Zwischen 1725 und 1726 stellte H. die Figur des hl. Georgs für das Leipziger St. Georgs-Spital her. Wohl wenig später schuf er eine allegorische Figur des Friedens, die bis zu ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg am Wohnhaus Neumarkt 18 angebracht war. – Neben großformatigen Holz- und Steinskulpturen stammen von H. zahlreiche Kleinskulpturen in Buchsbaumholz und Elfenbein, die er zumeist mit seinem Namen bzw. den Initialen P H signierte. Zu den erhaltenen Werken gehören die Elfenbeingruppe „Samson mit den zwei Philistern“ nach Michelangelo, eine Elfenbeinfigur des Gekreuzigten sowie verschiedene kleinere Elfenbeinarbeiten für den Dresdner Hofgoldschmied Johann Melchior Dinglinger. Um 1720 entstanden die Marmorstatuette der liegenden Venus sowie eine Elfenbeinstatuette der Figur des Pulcinella. Zugeschrieben werden H. ferner zwei kleinformatige Marmorfiguren der Allegorie des Winters und des hl. Hieronymus. – In seiner Funktion als Restaurator der kurfürstlich sächsischen Antikensammlungen hatte H. beschädigte Antiken zu ergänzen und dürfte durch diese Tätigkeit auch dem späteren Direktor der Dresdner Kunstakademie, Christian Ludwig von Hagedorn, bekannt geworden sein, der 1771 in seinen Bericht zum „Zustand der Kunst in Sachsen vor und nach Errichtung der Churfürstlichen Akademie der Künste“ über H. schrieb, dass seine weiblichen Statuen denen Permosers vorzuziehen seien, weswegen er irrig für dessen Lehrer gehalten wurde.



W  Skulpturenschmuck der Freitreppe des Schlosses Troja in Prag, ca. 1685-1703, Sandstein (gemeinsam mit Georg und Zacharias Heermann); Statuette des Herakles, 1700, Buchsbaum, Museum für Kunsthandwerk Leipzig; Allegorien der vier Jahreszeiten für den Festsaal des Schlosses Troja bei Prag, 1703-1705, Marmor, Nationalgalerie Prag; Modell eines Reiterstandbildes für Kurfürst August II. von Sachsen, um 1711/13, Gips, Staatliche Kunstsammlungen Dresden; Züchtigung (Zwei Putti), 1712, Marmor, Staatliche Kunstsammlungen Dresden; Lorbeerkrönung (Zwei Putti), 1712, Marmor, Los Angeles County Museum; Figuren des Altars für die Stadtpfarrkirche zu Lommatzsch, 1714, Holz; Apollon, ca. 1714-16, ehem. Zwinger, Mathematischer Pavillon, heute Staatliche Kunstsammlungen Dresden (Zuschreibung); Schalmeibläser, ca. 1714-18, ehem. Dresden, Zwinger, Kronentor, heute Staatliche Kunstsammlungen Dresden; Paris-Urteil (Allegorie Kurfürst Friedrich August I.), ca. 1716-19, ehem. Dresden, Zwinger, Wallpavillon, heute Staatliche Kunstsammlungen Dresden; Büste des Kurfürsten Friedrich August I. von Sachsen, 1718, Marmor, Dresden, Staatliche Kunstsammlungen Dresden; Allegorien der vier Jahreszeiten, um 1720, Marmor, Staatliche Kunstsammlungen Dresden; Ruhende Venus, um 1720/25, Marmor, Staatliche Kunstsammlungen Dresden; Altar der Pfarrkirche St. Thomas in Leipzig, 1721-1724, Marmor (1943 in der Leipziger Johanniskirche zerstört); Figur des hl. Georgs für das Leipziger St. Georgs-Spital, 1725/26, Sandstein, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig; Appollon, um 1725, Sandstein, ehem. Apels Garten, heute Museum für Kunsthandwerk Leipzig; „Herakles mit Telephos“ und „Seleinos mit Dionysos“, 1728, ehemals Dresden, Großer Garten, heute Staatliche Kunstsammlungen Dresden; Allegorie des Friedens, um 1725/30, Sandstein, ehemals Neumarkt 18, Leipzig (1945 zerstört); Merkur und Apollon, 1729, Marmor, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig.

L  K. Knebel, Künstler und Gewerken der Bau- und Bildhauerkunst in Freiberg, in: Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins 34/1897, S. 1-145; C. Gurlitt, Beschreibende Darstellung der älteren Kunstdenkmäler in Sachsen, H. 41: Amtshauptmannschaft Meißen-Land, Dresden 1923, S. 283f.; N. Pevsner, Leipziger Barock, Dresden 1928, S. 143; J. J. Morper, Zur Gartentreppe von Schloß Troja bei Prag, in: Münchner Jahrbuch der bildenden Künste NF 4/1927, S. 344-346; M. Korecký, G. & P. H., Prag 1948; O. J. Blažíček, Sochařství baroku v Čechách [Barockbildhauerei in Böhmen], Prag 1958, S. 92-94; S. Asche, Drei Bildhauerfamilien an der Elbe, Wien/Wiesbaden 1961, S. 171-174, 199f. (WV); E. Bachmann, Plastik, in: K. M. Swoboda (Hg.), Barock in Böhmen, München 1964, S. 125-164; S. Asche, Balthasar Permoser und die Barockskulptur des Dresdener Zwingers, Frankfurt/Main 1966, S. 111-116, 306-311, 342f.; O. J. Blažíček, Barockkunst in Böhmen, Prag 1967 (Übersetzung aus dem Tschechischen), S. 63; H. Smetáčková, Zahradní schodiště vily Tróje v Praze a jeho výzdoba [Die Gartentreppe der Villa Troja bei Prag und ihre Dekoration], in Umění 16/1968, S. 515-526; O. J. Blažíček, Barokní sochařství 17. století v Čechách [Barockbildhauerei des 17. Jahrhunderts in Böhmen], in: J. Dvorský (Hg.), Děijny českého výtvarného umění, Bd. 2.1, Prag 1989, S. 293-323; E. D. Schmidt, Paul H.s ivoren Samson en twee Filistijnen naar Michelangelo [Paul H.s Elfenbeinskulptur „Samson mit den zwei Philistern“ nach Michelangelo], in: Bulletin van het Rijksmuseum 34/1997, S.131-151; P. Preiss/M. Horyna/P. Zahradník, Zámek Troja u Prahy [Das Schloss Troja bei Prag], Prag/Litomyšl 2000, S. 131-138; E. D. Schmidt, Paul H. (1673-1732). Meister der Barockskulptur in Böhmen und Sachsen. Neue Aspekte seines Schaffens, München 2005, S. 234f. – AKL, Bd. 71, Berlin/Boston 2011, S. 47f.; DBA I, II, NDB 8, S. 197f.; Thieme-Becker, Bd. 16, Leipzig 1923, S. 234f.



Kai Wenzel
4.2.2019


Empfohlene Zitierweise:

Kai Wenzel, Heermann, Paul, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (12.11.2019)

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