Hassel Johann Paul Otto
Historiker, Archivar, Direktor des Hauptstaatsarchivs Dresden
* 22.7.1838 Berlin 31.7.1906 Jena Berlin, Alter St.-Matthäus-Kirchhof Schöneberg, nach Umbettung Südwestkirchhof Stahnsdorf(ev.)
VLudwig Friedrich Gottlieb (1803-1860), Sanitätsrat, Stabsarzt beim Kaiser-Franz-Garde-Grenadierregiment in BerlinMJohanna Marie Auguste, geb. Black (* 1816)Louise, geb. Henoch († 1933)SWalter, Regierungsrat beim Oberpräsidium Schleswig; Friedrich, Oberleutnant beim Großen Generalstab
GND: 116515015





Als Nachfolger Cäsar Dietrich von Witzlebens leitete der zunächst im preußischen Archivwesen tätige H. 1882 bis 1906 das Königlich Sächsische Hauptstaatsarchiv in Dresden. Während seiner Amtszeit wurden erste Schritte zu dessen fachgerechter Unterbringung unternommen und das sächsische Archivbenutzungsrecht an die wachsenden Bedürfnisse der wissenschaftlichen Forschung angepasst. – Nach dem Besuch des Friedrichwerderschen Gymnasiums in Berlin studierte H. ab 1857 zunächst Medizin in Berlin und Gießen, seit 1859 Geschichte in Berlin. Johann Gustav Droysen promovierte ihn im Juli 1862 mit einer Arbeit über den Jülich-Klevischen Erbfolgekrieg. Bereits im August 1865 folgte die Habilitation. Seit 1866 las H. als Privatdozent in Berlin zu Themen der preußischen und deutschen Geschichte und versah 1867 bis 1870 die Redaktion der „Zeitschrift für preußische Geschichte und Landeskunde“. Am Deutsch-Französischen Krieg nahm er als Korrespondent des „Preußischen Staatsanzeigers“ im Hauptquartier des preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm (Friedrich III.) teil. Als „Günstling“ (F. Meinecke) des Direktors der preußischen Staatsarchive, Max Duncker, wurde H. am 26.10.1872 zum Archivrat beim Geheimen Ministerialarchiv in Berlin ernannt. Nach dessen Eingliederung in das Geheime Staatsarchiv und dem Ausscheiden Dunckers assistierte er im Staatsministerium von Januar bis Oktober 1875 bei der Leitung der preußischen Staatsarchive, seit dem 30.6.1875 als Geheimer Archivrat. Als Dunckers Nachfolger Heinrich von Sybel im Geheimen Staatsarchiv 1881 das Provenienzprinzip einführte, gehörte H. zu einer kleinen Minderheit von Archivaren, die sich dieser Reform widersetzten. In der Folge kam es zu erheblichen Konflikten, die Sybel zu lösen versuchte, indem er H. von laufenden Dienstgeschäften weitgehend freistellte. H. bewarb sich darauf in einem persönlichen Gespräch mit dem sächsischen Kultusminister Karl von Gerber am 4.6.1882 um die damals gerade vakante Direktion des Hauptstaatsarchivs in Dresden. Am 1.10.1882 wurde er unter gleichzeitiger Ernennung zum Geheimen Regierungsrat mit dessen Leitung betraut. Den Ausschlag für die Berufung gaben seine Bereitschaft, sich für eine verbesserte Unterbringung des Archivs einzusetzen, und sein Bekenntnis, es müsse „der Grundsatz jeder Archivverwaltung sein, wissenschaftliche Forschungen mit allen Kräften zu fördern, dagegen jeder Ausnutzung der Archive zu politischen Zwecken mit Energie entgegenzutreten.“ Die sächsische Staatsregierung erkannte darin „sehr gesunde Anschauungen“, mit denen H. einerseits den zeitgenössischen Vorbehalten gegen eine allzu weite Öffnung der Archive entsprach, sich andererseits aber auch in eine Tradition pragmatischer Wissenschaftsförderung stellte, die der Dresdner Archivdirektor Karl von Weber, weithin bekannt für seine freizügige Praxis in Benutzungsfragen, seit 1849 im Gesamtministerium etabliert hatte. Nach dem Amtsantritt H.s wurde die längst überfällige räumliche Zusammenführung des Hauptstaatsarchivs mit dem bis 1873 selbstständigen Finanzarchiv im Zeughaus (Albertinum) auf der Brühlschen Terrasse eingeleitet, das man zwischen 1884 und 1888 für eine archivische Nutzung umbaute. Anlässlich der Gründung einer sächsischen „Kommission für Geschichte“ 1896, in deren Vorfeld deutliche Kritik an den eingeschränkten Nutzungsmöglichkeiten des Dresdner Archivs geäußert worden war, setzte H. eine neue Benutzungsordnung durch, die ihm großen Spielraum bei der Vorlage zuvor nicht zugänglicher Akten eröffnete und dem sächsischen Archivwesen bis über das Ende der Monarchie hinaus zu einer der liberalsten Grenzjahresregelungen in Deutschland verhalf. – H. war der erste universitär ausgebildete Historiker unter den Dresdner Archivdirektoren, aufgrund seiner akademischen Herkunft aber einer borussisch-nationalen Geschichtsschreibung verpflichtet. Den methodischen Anliegen einer sich in den Jahren um 1900 ausbildenden sächsischen Landesgeschichte stand er distanziert gegenüber. Obwohl zu seinen Aufgaben auch die Geschäftsführung des Codex diplomaticus Saxoniae regiae gehörte, beteiligte er sich nicht selbst an der Erschließung und kritischen Edition archivalischer Quellen, wie sie das Hauptstaatsarchiv damals intensiv betrieb. Zwar fungierte er seit 1896 als stellvertretender Vorsitzender der Kommission für Geschichte, zog hier jedoch den Unwillen der Mitglieder auf sich, als er die Berufung seiner auf landeshistorischem Gebiet ausgewiesenen Mitarbeiter Otto Posse, Hubert Ermisch und Woldemar Lippert zu verhindern suchte. Neben einigen Arbeiten zur sächsischen Reichspolitik im 17. und 18. Jahrhundert richteten sich H.s wissenschaftliche Interessen weiterhin auch auf Themen der brandenburgisch-preußischen Geschichte. Eine umfangreiche Darstellung des preußischen Diplomaten Joseph Maria von Radowitz blieb ebenso unvollendet wie eine auf mehrere Bände angelegte Biografie König Alberts von Sachsen. Seine akademische Lehrtätigkeit stellte H., den Droysen 1882 als einen „der befähigsten jüngeren Docenten an der Berliner Universität“ bezeichnete, mit seinem Wechsel nach Dresden ein. – Neben seiner dienstlichen Tätigkeit engagierte sich H., der am 15.4.1898 zum Geheimen Rat ernannte wurde, im Vaterländischen Frauenverein, später im Roten Kreuz. In seiner Berliner Zeit nahm er Aufgaben als Gemeindeältester und Mitglied der evangelischen Kreis- und Stadtsynode wahr. H. wurde mit verschiedenen sächsischen, preußischen und ausländischen Orden ausgezeichnet, darunter dem sächsischen Albrechtsorden (Stern vom Komturkreuz I. Klasse) dem anhaltischen Gesamtorden Albrechts des Bären (Ritter II. Klasse), dem russischen St.-Stephansorden (II. Klasse), dem schwedischen Nordsternorden (Komtur II. Klasse), dem württembergischen Friedrichsorden (Ritter I. Klasse) und dem württembergischen Olga-Orden. Nach schwerer Erkrankung verstarb H. am Tag vor seiner geplanten Versetzung in den Ruhestand während eines Klinikaufenthalts in Jena.



Q  Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz (Wissenschaftlicher Teilnachlass); Geheimes Staatsarchiv - Preußischer Kulturbesitz, Rep. 76, Va, Sekt. II, Tit. IV, Nr. 51, Bd. 5, Rep. 92 Sybel, B I, Nr. 16, M 5, Rep. 178, Abt. II, Nr. 8, Bd. 1, Nr. 13, Adh. 1, Nr. 17, Adh. 1, Abt. III, Nr. 1, Bd. 4-5, Abt. XIII H 5, Abt. XIV, Nr. 12, 32, Abt. XVII, Nr. 2, Bd. 1-5, Nr. 2, Bd. 1; Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, 10697 Gesamtministerium, Nr. 148, 284, 309, 358, 367, 379, 1740, 10707 Sächsisches Hauptstaatsarchiv, Nr. 1202.

W  De imperio Brandenburgico ad Rhenum fundato sive de primordiis belli Juliacensis commentatio historica, Diss. Berlin 1862; Die Absetzung der Herzoge von Mecklenburg und die Einsetzung Wallensteins zum Fürsten des Landes. Ein Beitrag zur Politik des Hauses Habsburg im Dreissigjährigen Kriege, in: Historisches Taschenbuch 4. Folge 8/1867, S. 1-85; Studien zur Geschichte des Kurfürsten Johann Georg (1571-1598), in: Zeitschrift für preußische Geschichte und Landeskunde 5/1868, S. 81-111; Ein brandenburgisch-holländisches Bündnis 1594-1595, in: ebd., S. 504-541; Friedrich Wilhelm der große Kurfürst 1640-1688, Berlin 1868; mit W. Gemoll, Geschichte Deutschlands in der Zeit des 30jährigen Krieges, Berlin 1870; Von der dritten Armee. Kriegsgeschichtliche Skizzen aus dem Feldzuge von 1870-71, Leipzig 1872; Aus dem Reisetagebuch eines märkischen Edelmannes (1602-1609), vornehmlich über Straßburg. Mit einigen Bemerkungen über die deutschen Reisebücher des 16. und 17. Jahrhunderts, in: Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte NF 1/1872, S. 407-430, 453-477; mit A. v. Witzleben, Fehrbellin 18. Juni 1675. Zum 200jährigen Gedenktag, Berlin 1875; Geschichte der preußischen Politik 1807-1815, Teil 1: 1807/08, Leipzig 1881; mit K. F. Graf Vitzthum v. Eckstedt, Geschichte des Türkenkriegs im Jahre 1683 und die Beteiligung der kursächsischen Truppen an demselben, Dresden 1883; Zur Politik Sachsens in der Zeit vom westfälischen Frieden bis zum Tode Johann Georg II., in: NASG 11/1890, S. 117-144; Das Verhältnis Kursachsens zu den Präliminarien des Baseler Friedens 1794/95, in: ebd. 12/1891, S. 193-246; Aus dem Leben des Königs Albert von Sachsen, 2 Bde., Berlin 1898/1900; Joseph Maria von Radowitz, Bd. 1, Berlin 1905.

L  J. Trefftz, [Nachruf], in: Historische Vierteljahrsschrift 10/1907, S. 127f.; F. Meinecke, Das alte Geheime Staatsarchiv, in: Der Archivar 5/1953, Sp. 1-6; K. Wensch, Archivgeschichte und Genealogie. Zur sozialen Herkunft leitender sächsischer Archivare, in: R. Groß/M. Kobuch (Hg.), Beiträge zur Archivwissenschaft und Geschichtsforschung, Weimar 1977, S. 145-167, Tafel 12; A. Jobst, Paul H. (1838-1906). Historiker und Archivar, Diplomarbeit Humboldt-Universität zu Berlin, Sektion Geschichte, Bereich Archivwissenschaft 1990 [Ms.]; J. Lehmann, Hubert Ermisch 1850-1932. Ein Beitrag zur Geschichte der sächsischen Landesgeschichtsforschung, Köln/Weimar/Wien 2001, S. 212-216; P. Wiegand, Etappen, Motive und Rechtsgrundlagen der Nutzbarmachung staatlicher Archive. Das Beispiel des sächsischen Hauptstaatsarchivs 1834-1945, in: Archivalische Zeitschrift 91/2009, S. 9-57; J. R. Wolf, Der Neubau des Sächsischen Hauptstaatsarchivs in Dresden, in: A. Röpcke (Hg.), Ein Haus für die Ewigkeit. Der Schweriner Archivbau und seine Familie, Schwerin 2011, S. 137-164; E. Henning/C. Wegeleben, Archivare beim Geheimen Staatsarchiv 1874-1974, in: E. Henning, Archivalien und Archivare Preußens, Berlin 2013, S. 165-220. – DBA II, III; DBE 4, S. 428; Biographisches Jahrbuch und deutscher Nekrolog 11/1908, S. 223f.; W. Leesch, Die deutschen Archivare 1500-1945, Bd. 2: Biographisches Lexikon, München u.a. 1992, S. 227.

P  Paul H., um 1900, Fotografie, Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, 10707 Sächsisches Hauptstaatsarchiv, Nr. 6445 (Bildquelle).



Peter Wiegand
7.5.2018


Empfohlene Zitierweise:

Peter Wiegand, Hassel, Johann Paul Otto, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (20.11.2018)

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