Hausmann Nikolaus (Nicolaus)
Pfarrer, Superintendent
* 1478/79 Freiberg 3.11.1538 Freiberg Freiberg, Dom(kath., später ev.)
VNicolaus († 1499), Ratsherr, Münzmeister in FreibergMgeb. Weller von MolsdorfGJohannes (um 1488-1541), Bürgermeister, Münzmeister in Freiberg
GND: 116540508





H. machte sich als enger Freund und Weggefährte Martin Luthers einen Namen und leistete als Prediger in Schneeberg, Zwickau, Dessau und Freiberg einen wichtigen Beitrag zur Ausbreitung der Reformation in Mitteldeutschland. – Der aus einer angesehenen Freiberger Ratsfamilie stammende H. immatrikulierte sich 1498 an der Universität Leipzig und erwarb hier 1499 den akademischen Grad eines Bakkalaureus. 1503 wurde ihm der Titel eines Magister Artium verliehen. Danach verliert sich seine Spur für viele Jahre. Möglicherweise kehrte H. in seine Vaterstadt Freiberg zurück, wo ihn eine unsichere Überlieferung 1514/15 mit der Gründung der Lateinschule durch Ulrich Rülein von Calw in Verbindung bringt. Zweifelsfrei belegt ist hingegen, dass H. nach vorangegangener Priesterweihe 1519 eine Tätigkeit als evangelischer Prediger in Schneeberg aufnahm. In dieser von Ernestinern und Albertinern gemeinsam verwalteten Bergstadt amtierte er neben dem altgläubigen Pfarrer Wolfgang Krauß in einer religionspolitisch sehr angespannten Situation als Seelsorger für die reformatorisch gesinnten Bergknappen. Kämpferischer Polemik fernstehend, darf die milde Wesensart H.s als wichtiger Faktor für das recht geordnete Nebeneinander der beiden Geistlichen angesehen werden, denn unter H.s Nachfolgern Wolfgang Ackermann und Georg Amandus brach der Konfessionskonflikt offen aus. In H.s Schneeberger Zeit begann ein reger schriftlicher Gedankenaustausch mit Luther, der ab 1520 etwa 100 Briefe an H. schrieb, während von H. selbst kein Schreiben an Luther überliefert ist. – Durch die Schneeberger Verhältnisse bestens bewährt, betätigte sich H. seit seiner Berufung zum Pfarrer in Zwickau am 16.5.1521 in einem konfessionspolitisch nicht minder spannungsgeladenen städtischen Milieu. Unmittelbar nach dem heftigen Streit zwischen Thomas Müntzer und Johannes Sylvius Egranus sowie im Umfeld der Vorgänge um die „Zwickauer Propheten“ ging H. behutsam, aber zielbewusst vor und setzte gegen den Widerstand von Franziskanern und Müntzer-Anhängern wichtige kirchliche Neuerungen, z.B. das Abendmahl in beiderlei Gestalt, durch. 1525 erwirkte H.s Fürsprache die Begnadigung einer Reihe verurteilter Bauernkriegsteilnehmer. – Mit scharfem Blick für die organisatorischen Herausforderungen der Reformation drängte H. bei Luther auf die konsequente Neugestaltung von Liturgie und Katechetik. Luther widmete ihm daher seine „Formula missae et communionis“. H.s konzeptionelles Denken schlug sich auch in zwei Reformationsgutachten für Herzog Johann (der Beständige) von Sachsen nieder (1525). Als einer der wichtigsten theoretischen Vorbereiter der Kirchenvisitationen unterbreitete er Vorschläge für ihre Durchführung und wirkte selbst bei der ersten Zwickauer Visitation 1529 mit. Dabei wurde er zum ersten Superintendenten von Zwickau bestellt. Hier stand er lange Zeit mit den städtischen Eliten, insbesondere dem Stadtschreiber Stephan Roth, in gutem Einvernehmen. Kompetenzstreitigkeiten um die Besetzung der geistlichen Stellen bewogen den im kirchlichen Leben Zwickaus einflussreichen H. jedoch, die Stadt im Juni 1531 zu verlassen und sich einige Zeit bei Luther aufzuhalten. Eine neuerliche Berufung nach Schneeberg kam nicht zustande, da H. 1532 auf Empfehlung Luthers stattdessen nach Dessau ging und in der anhaltinischen Residenz die Reformation einführte. 1538 bekam H. das Superintendentenamt in seinem Geburtsort Freiberg angeboten. Dort konnte er jedoch keine Wirksamkeit mehr zugunsten der kurz zuvor begonnenen reformatorischen Bemühungen Herzog Heinrichs (der Fromme) entfalten, da er während seiner Antrittspredigt am 1.11.1538 im Freiberger Dom einen Schlaganfall erlitt. Die Überlieferung, H. sei wenige Stunden danach verstorben, weicht um drei Tage von den Angaben auf seinem Grabstein ab.



Q  Stadtarchiv Zwickau, Ratsprotokolle 1510-1831; Martin Luther, Briefwechsel, Weimarer Ausgabe, 18 Bde., 1930-1983.

W  Zwei Reformationsgutachten, gedruckt in: L. Preller, Nicolaus H., der Reformator von Zwickau und Anhalt, in: Zeitschrift für die historische Theologie 22/1852, NF 16, H. 3, S. 325-379.

L  F. Delitzsch, Nikolaus H. Eine biographische Skizze aus der Reformationszeit, in: Zeitschrift für Protestantismus und Kirche NF 10/1845, S. 357-383; O. G. Schmidt, Nicolaus H., der Freund Luthers, Leipzig 1860; M. Meurer, Nicolaus H.s Leben, in: ders. (Hg.), Das Leben der Altväter der lutherischen Kirche, Bd. 3, Leipzig/Dresden 1863, S. 271-320; J. Bobbe, Nicolaus H. und die Reformation in Dessau, Dessau 1905; A.-R. Fröhlich, Die Einführung der Reformation in Zwickau, in: Mitteilungen des Altertumsvereins für Zwickau und Umgegend 12/1919, S. 1-74; L. Bönhoff, Die sächsische Landeskirche und die Visitationen des Jahres 1529, in: Beiträge zur sächsischen Kirchengeschichte 38/1929, S. 8-48; R. Groß, Eine Denkschrift des Pfarrers Nikolaus H. an den Rat zu Zwickau von Ende 1529, in: Regionalgeschichtliche Beiträge aus dem Bezirk Karl-Marx-Stadt 4/1982, S. 58-67; H. Bräuer, Zwickau und Martinus Luther. Die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um die städtische Kirchenpolitik in Zwickau (1527-1531), Karl-Marx-Stadt 1983; S. Karant-Nunn, Zwickau in Transition: 1500-1547. The Reformation as an Agent of Change, Columbus 1987; J. Kahleyß, Die Bürger von Zwickau und ihre Kirche, Leipzig 2013. – ADB 11, S. 98f.; DBA I, II, III; DBE 4, S. 452; BBKL 2, Hamm 1990, Sp. 607-610; NDB 8, S. 126; RGG4, Bd. 3, Tübingen 1959, Sp. 1484; A. Hauck (Hg.), Realencyklopädie für Theologie und Kirche, Bd. 7, Leipzig 1899, S. 487; W. Lauterbach, Berühmte Freiberger. Ausgewählte Biographien bekannter und verdienstvoller Persönlichkeiten, Teil 1, Freiberg 2000, S. 25f.



Michael Wetzel
28.8.2018


Empfohlene Zitierweise:

Michael Wetzel, Hausmann, Nikolaus (Nicolaus), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (24.9.2018)

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