Willkomm Heinrich Moritz
Forstbotaniker
* 29.6.1821 Herwigsdorf bei Zittau 26.8.1895 Schloss Wartenberg/Böhmen (tschech. Vartenberk) Herwigsdorf(ev.)
VCarl Gottlob (1776-1849), PfarrerMAmalia Tugendreich, geb. BergmannGKarl Ferdinand (1808-1887), Lehrer in Zittau, Diakon in Hirschfelde, Pfarrer in Ebersbach, Altgersdorf und Strahwalde; Ernst Adolph (1810-1886), Schriftsteller; Charlotte Amalia (1811-1893); Franz Wilhelm (1813-1859), Arzt in Ebersbach, Gerichtsarzt in Bernstadt; Emilie Auguste (1815-1901); Eleonore Louise (1818-1832)1854 Klara, geb. ContiusS3T5
GND: 117394777


Verknüpfte Personen im Text:

W. war einer der hervorragendsten sächsischen Botaniker und gehörte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den führenden Vertretern der europäischen Botanik. Er leistete grundlegende Beiträge zur Erforschung und Erschließung der europäischen Flora, insbesondere die der iberischen Halbinsel, der Balearen, Nordfrankreichs, Hollands, Böhmens, Skandinaviens, des Baltikums sowie der forstlichen Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz. Durch die Zuordnung der Pflanzen und ihrer Vergesellschaftung zu bestimmten Vegetationsformen, Bodenansprüchen, ihrer horizontalen und vertikalen Verbreitung entwickelte er die ersten Ansätze für eine moderne Pflanzensoziologie und forstliche Standortslehre. In die Forschungs- und Lehrmethodik zu Pflanzenernährung, Pflanzenphysiologie, Anatomie und Funktion pflanzlicher Organe sowie Baumwachstum und Baumkrankheiten bei den wichtigsten forstlichen Gehölzen führte er das mikroskopische Praktikum ein und entwickelte dieses theoretisch weiter. Durch die Einbeziehung der seinerzeit modernsten Untersuchungsmethode, der Mikroskopie, zur Erforschung infektiös bedingter Baumkrankheiten und ihrer Erreger, insbesondere der baumschädigenden Pilze, wurde W. der Begründer der modernen forstlichen phytopathologischen Forschung. Berufungen an mehrere europäische Universitäten bestätigten seine internationale Anerkennung als Forscher und Wissenschaftler ersten Rangs. – W. absolvierte das Gymnasium in Zittau und begann 1841 ein medizinisches und naturwissenschaftliches Studium an der Universität Leipzig. Aufgrund seiner Beziehungen zur deutschen Burschenschaft musste er nach drei Jahren die Universität verlassen. Durch Vermittlung des Botanikprofessors Gustav Kunze, bei dem W. Famulus war, unternahm er im Auftrag einer Aktiengemeinschaft botanischer Gärten, Museen und einzelner Botaniker 1844 bis 1846 eine Studienreise zur Erforschung der Flora Südspaniens und Portugals mit dem Ziel des Aufbaus einschlägiger Herbarien. Nach der Rückkehr setzte W. seine Studien in Leipzig fort, die er 1850 mit der philosophischen Doktorwürde abschloss. Auf einer weiteren Studienreise erforschte er das nördliche und mittlere Spanien. Bei seinen Reisen sammelte er u.a. ein Herbarium mit 10.000 Arten in 50.000 Exemplaren, welches die Pflanzenwelt der iberischen Halbinsel in beachtenswerter Vollkommenheit darstellt und von der portugiesischen Universität Coimbra erworben wurde. 1852 habilitierte sich W. an der Universität Leipzig in Botanik, wurde 1855 zum außerordentlichen Professor ernannt und im gleichen Jahr als ordentlicher Professor für Pflanzen- und Tierkunde an die Königliche Forstakademie Tharandt berufen. Hier entwickelte er in zwölfeinhalb Jahren eine äußerst fruchtbare Tätigkeit als Lehrer und Forscher. Neben akademischen Unterrichtsreisen, z.B. 1864 in den Harz, unternahm er selbstständige Forschungsreisen nach Norddeutschland, in die Alpenländer, nach Holland, Dänemark und Schweden. 1868 folgte W. dem Ruf als Professor der Botanik und Direktor des Botanischen Gartens an die Universität Dorpat (heute Tartu) in der russischen Provinz Estland, wo ihm der Titel kaiserlich russischer Staatsrat verliehen wurde. Von hier aus erforschte er auch die umgebenden Provinzen Livland und Kurland. 1873 unternahm er eine dritte Forschungsreise nach Süd- und Südostspanien sowie die Balearen und kehrte über Oberitalien und Tirol nach Sachsen zurück. Hier erhielt er die Berufung als Professor für Pflanzenkunde und Direktor des Botanischen Gartens der Universität Prag, die er 1874 antrat und bis zum Eintritt in den Ruhestand 1892 innehatte. Weitere Forschungsreisen führten ihn in die Alpenländer, nach Holland, in die Normandie und in die Bretagne. Es folgten Aufenthalte 1893 im Riesengebirge, 1894 im Erzgebirge und 1895 im Böhmischen Mittelgebirge. Während dieser letzten Exkursion verstarb W. auf Schloss Wartenberg bei Niemes (tschech. Mimoň). – 26 selbstständige Monografien, acht gemeinschaftliche Buchwerke mit anderen Fachwissenschaftlern sowie eine Vielzahl von Artikeln in Fachzeitschriften verdeutlichen W.s außerordentlich produktive wissenschaftliche und literarische Tätigkeit. W. war Mitglied und Ehrenmitglied einer Vielzahl europäischer Akademien und Wissenschaftsgesellschaften.



Q  Ev. Kirchgemeinde Mittelherwigsdorf bei Zittau.

W  Zwei Jahre in Spanien und Portugal, 3 Bde., Dresden/Leipzig 1847, 21856; Recherches sur l’organographie et la classification des Globulariées, Leipzig 1850; Wanderungen durch die nordöstlichen und zentralen Provinzen Spaniens, 2 Bde., Leipzig 1852; Die Strand- und Steppengebiete der Iberischen Halbinsel und deren Vegetation, Habil. Leipzig 1852; Icones et descriptiones plantarum novarum, criticarum vel minus cognitarum Europae austro-occidentalis, praecipue Hispaniae, 2 Bde., Leipzig 1852-1864; Sertum florae hispanicae, Leipzig 1852; Anleitung zum Studium der Wissenschaftlichen Botanik nach den neuesten Forschungen, Leipzig 1854; Die Halbinsel der Pyrenäen. Eine geographisch-statistische Monographie, Leipzig 1855; Die Wunder des Mikroskopes oder die Welt im kleinsten Raume, Leipzig 1855, 21861, 31871, 41878, 51896, 61902; Über durch parasitäre Pilze verursachte Krankheiten der Kiefer (Pinus sylvestris L.), in: Tharandter Forstliches Jahrbuch 12/1857, S. 157-171; Deutschlands Laubhölzer im Winter, Dresden 1858, 1864, 1880; Die Nonne, der Kiefernspinner und die Kiefernblattwespe, Dresden 1859; Führer ins Reich der deutschen Pflanzen, Leipzig 1863, als 21882 Führer ins Reich der Pflanzen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz; mit J. Lange, Prodromus florae Hispanicae: seu synopsis methodica omnium plantarum in Hispania sponte nascentium vel frequentius cultarum quae innotuerunt, 3 Bde, Stuttgart 1859-1879; Die mikroskopischen Feinde des Waldes, 2 Bde., Dresden 1866-1867; Der Fichtenrostpilz (Chrysomyxa Abietis Ungo) und seine Beziehung zum Stärkemehl der Fichtennadel, in: Botanische Untersuchungen 1866, S. 207-220; Vegetationsverhältnisse der Umgegend von Tharandt und Aufzählung der im Botanischen Garten zu Tharandt kultivierten Holzgewächse, in: Tharandter Jahrbuch 1866, S. 52-165; Die Schmarotzerpilze und die Pflanzenkrankheiten, in: Der chemische Ackersmann. Naturkundliches Zeitblatt für deutsche Landwirthe 13/1867, H. 2, S. 65-90, H. 3, S. 158-183, H. 4, S. 202-221; Über den gegenwärtigen Stand und Umfang der botanischen Wissenschaft und über die Aufgaben, welche daraus für Lehrer der Botanik an Universitäten und für mit solchen verbundene botanischen Gärten erwachsen. Antrittsvorlesung, Dorpat 1868; Streifzüge durch die baltischen Provinzen, Dorpat 1872; Forstliche Flora von Deutschland und Österreich, Leipzig 1872-1875, 21887; Spanien und die Balearen, Berlin 1876; Der Böhmerwald und seine Umgebungen, Prag 1878; Das Waldbüchlein, Leipzig/Heidelberg 1879, 31889; Illustrationes florae hispanicae insularumque Balearium, 2 Bde., Stuttgart 1881-1892; Der k. k. botanische Garten zu Prag und die čechische Universität, Wien 1881; Aus dem Hochgebirge von Granada, Leipzig/Prag 1882; Die pyrenäische Halbinsel,. 3 Bde., Leipzig/Prag/Wien 1883-1886; Bilder-Atlas des Pflanzenreichs nach dem natürlichen System, Esslingen 1885, 21895, 31900; Über die Grenzen des Pflanzen- und Tierreiches und den Ursprung des organischen Lebens auf der Erde, Prag 1887; Schulflora von Österreich, Wien/Prag 1888, 21892; Das Herbar. Anleitung zum Einsammeln, Zubereiten und Trocknen der Herbarpflanzen und Einhaltung wissenschaftlicher Sammlungen, Wien 1892; Über die Charakterpflanzen der Mittelmeerländer, deren Herkunft und Geschichte, Prag 1895; Grundzüge der Pflanzenverbreitung auf der iberischen Halbinsel, in: A. Engler/O. Drude (Hg.), Die Vegetation der Erde, Bd.1, Leipzig 1896, S. 1-395.

L  H. Schober, Geschichte der Akademie für Forst- und Landwirthe zu Tharandt, in: Tharandter Jahrbuch 1866, S. 1-208; M. Kunze, Kleine Mitteilungen. Prof. Dr. Moritz W., in: Tharandter Forstliches Jahrbuch 45/1895, S. 286; L. Asterlind, Das Leben und Wirken Moritz W.s, in: Forstlich-naturwissenschaftliche Zeitschrift 5/1896, S. 89-95; S. Mättig-Willkomm, Aus dem Schülerleben eines alten Lausitzers, in: Die Oberlausitzer Heimat. Ein Volkskalender auf das Jahr 1925, Friedeberg 1925, S. 35-40; H. Jahnel, 150 Jahre Lehre und Forschung im Forstbotanischen Institut Tharandt, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der TU Dresden 1/1968, Nr. 1, S. 203-210 (Bildquelle); A. Roloff, Moritz W.s botanische Arbeiten, in: C. Rodieck (Hg.) Dresden und Spanien, Franfurt/M. 2000, S. 101-110; F. Wolfzettel, Die Spanienreisen Moritz W.s, in: ebd., S. 85-100; W. Schindler, Heinrich Moritz W., in: Oberlausitzer Hausbuch 2004, Bautzen 2003, S. 92f.; ders., Heinrich Moritz W. (1821-1895), in: Oberlausitzer Heimatblätter 7/2005, S. 41-60. – ADB 43, S. 298-300; NDB 20, S. 572; DBA I, II; J. T. C. Ratzeburg, Forstwissenschaftliches Schriftsteller-Lexikon, Berlin 1872, S. 507-511.



Walter Schindler
10.8.2009


Empfohlene Zitierweise:

Walter Schindler, Willkomm, Heinrich Moritz, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (27.5.2017)

Wikipedia Link