Lotter (Lotther) Melchior d.Ä.
Buchdrucker, Verleger
* 1470 Aue 1.2.1549 Leipzig(kath., später ev.)
um 1490 Dorothea, geb. KachelofenSMelchior d.J. (um 1490-nach 1544), Buchdrucker; Michael (um 1499-nach 1556), Buchdrucker
GND: 137868804





L. gilt als der erste bedeutende Reformationsdrucker. Er entwickelte den Leipziger Buchdruck qualitativ und quantitativ weiter und trug maßgeblich zur Verbreitung von Lutherschriften und Werken des deutschen Humanismus bei. – Aus dem Erzgebirge stammend, erlernte L. die Buchdruckerkunst bei dem zu den Pionieren des Leipziger Buchdrucks zählenden Konrad Kachelofen, dessen Schwiegersohn und Gehilfe er um 1490 wurde. Ihre Druckaufträge besorgten Kachelofen und L. anfangs wechselweise oder gemeinsam, bis sich Kachelofen 1517 ganz aus dem Geschäft zurückzog. Der erste selbstständige Druck L.s, ein Manuale parochalium (Handbuch für Priester), ist für das Jahr 1491 nachweisbar. 1498 erwarb L. das Bürgerrecht der Stadt Leipzig und trat nun immer stärker in der Leitung des Familienunternehmens in Erscheinung. Sein verlegerisches Programm umfasste zunächst hauptsächlich theologische Texte der Spätscholastik sowie Schul- und Studienausgaben antiker Klassiker in lateinischer Sprache. Ein beträchtliches Auftragsvolumen entfiel außerdem auf Messbücher, Breviere und Psalter, die in den mittel- und nordostdeutschen Bistümern, aber auch im Erzbistum Prag Verbreitung fanden. Dabei erzielte L. typografisch eine herausragende Qualität. So trug beispielsweise die überzeugende Ausführung des Missale Misnense (1495) dazu bei, dass L. gewissermaßen zum Hausdrucker der Meißner Bischöfe avancierte. Mit dem Aufkommen des Humanismus begann L. um 1500 auch Werke von Johannes Aesticampianus, Hermann von dem Busche, Ulrich von Hutten, Petrus Mosellanus oder Paulus Niavis zu drucken. Sein wirtschaftlicher Erfolg beruhte nicht nur auf hohen Qualitätsstandards, sondern auch darauf, dass er sich produktionstechnisch als sehr flexibel erwies - zeitweise beschäftigte L. bis zu sieben Drucker - und dass er sich unternehmerische Netzwerke schuf. So gewann L. die Leipziger Humanisten Hermann Tulichius und Veit Werler für Redaktions- und Korrekturaufgaben und trat mit Buchhändlern wie Achatius Glov, Urban Port oder Henning Sosadt in Verbindung, die den Vertrieb von L.s Druckwerken auf Messen und im Sortimentbuchhandel organisierten. V.a. aber entwickelte L. seine Typen ständig weiter. Die acht Typenformen von Kachelofen steigerte er auf 25. Dabei fügte er den herkömmlichen Rotunda- und Texturalettern 1508 zunächst eine in seiner eigenen Schriftgießerei hergestellte Variante der Schwabacher Schrift hinzu, die durch ihren Einsatz beim Druck der Lutherschriften als „Wittenberger Schrift“ populär wurde. Für antike Autoren führte er 1511 in Leipzig Antiquatypen ein und nahm auch griechische und hebräische Lettern in Gebrauch. Im Buchschmuck wandte sich L. v.a. dem Renaissancestil der Cranachschule und Georg Lembergers zu. Auf diese Weise entwickelte er Leipzig zu einem der leistungsfähigsten und gefragtesten Druckorte im deutschsprachigen Raum. In Konkurrenz zu den anderen Leipziger Druckern Martin Landsberg, Wolfgang Stöckel und Jakob Thanner entfiel auf L. die höchste Produktionsrate, und zwar auch deshalb, weil die bedeutendsten Schriften der frühen Reformation bei ihm hergestellt wurden. Nachdem L. bereits seit 1507 verschiedene Arbeiten von Andreas Bodenstein (gen. Karlstadt) gedruckt hatte, übernahm er 1517 den Plakatdruck der 95 Thesen Martin Luthers. Bis 1520 folgten fast 40 weitere Lutherdrucke, die L. zum Teil ohne expliziten Auftrag, aber mit nachträglicher Billigung des Reformators zur Veröffentlichung brachte. – Die Beziehungen zu Luther fanden ihren Ausdruck auch darin, dass L. dem Reformator und seinem Mitstreiter Philipp Melanchthon anlässlich der Leipziger Disputation 1519 in seiner Herberge mit Weinschank in der Hainstraße, die er als weiteres wirtschaftliches Standbein betrieb, Unterkunft gewährte. Luther war es auch, der L. davon überzeugte, eine Zweigdruckerei in Wittenberg zu etablieren, die unter der Leitung von L.s Söhnen Melchior d.J. und Michael den drei Jahre älteren Druckbetrieb von Johann Gronenberg rasch überflügelte. Das Wittenberger Engagement ist u.a. mit dem Druck mehrerer Ausgaben von Luthers Neuem Testament (1522-1524) und anderen seiner deutschen Schriften verbunden. Gleichwohl räumte L. kommerziellen Überlegungen stets den Vorrang vor konfessioneller Parteinahme ein. So stellte er in der Hauptniederlassung Leipzig, die er 1520 aufgrund der Pest kurzzeitig verlassen musste, auch antilutherische Streitschriften her. Außerdem ordnete er sich aus Loyalität zu seinem Landesherrn Herzog Georg (der Bärtige), dessen Mandate er bis 1526 druckte, bereitwillig der albertinischen Kirchenpolitik unter und gab seit 1522 in Leipzig keine Lutherdrucke mehr heraus. Seit Mitte der 1520er-Jahre befand sich L.s Druckerei in einer Krise, was sich am Auftragsvolumen und an der drucktechnischen Qualität seiner Bücher bemerkbar machte. Der letzte nachgewiesene Druck L.s ist die pharmazeutische Abhandlung „Ein schöne Vorordenung [...] die gesundheit des menschen zu erhalten“ des Arztes Philipp Michael Novenianus aus dem Jahr 1537. – Ungeachtet der abflauenden Konjunktur behauptete L. seinen hohen sozialen Rang innerhalb der Leipziger Bürgerschaft und trat in seiner Wahlheimat auch als Gemischtwaren- und Papierhändler in Erscheinung. Seit 1539 war er Ratsmitglied, 1541/42 fungierte er als Stadtrichter.



Q  Staatsbibliothek zu Berlin, Datenbank Gesamtkatalog der Wiegendrucke https://www.gesamtkatalogderwiegendrucke.de/; Staatsbibliothek zu Berlin, TW - Typenrepertorium der Wiegendrucke https://tw.staatsbibliothek-berlin.de/html/index.xql.

L  G. Wustmann, Luthers erster Bibeldrucker, in: ders., Aus Leipzigs Vergangenheit, NF, Leipzig 1898, S. 116-148; H. Bretschneider, Der Leipziger Buchdrucker Melchior L. d.Ä., Diss. Leipzig 1924 [Ms.]; H. Volz, Konrad Kachelofen und Melchior L. d.Ä. als Drucker liturgischer Werke, in: Gutenberg-Jahrbuch 25/1956, S. 100-110; H. Lülfing, Leipziger Frühdrucker, Leipzig 1959; H. Wendland, Martin Luther - seine Buchdrucker und Verleger, in: H. G. Göpfert (Hg.), Beiträge zur Geschichte des Buchwesens im konfessionellen Zeitalter, Wiesbaden 1985, S. 11-35; E. Bünz (Hg.), Bücher, Drucker, Bibliotheken in Mitteldeutschland, Leipzig 2006; T. T. Döring, Leipziger Buchkultur um 1500, Leipzig 2012; S. Oehmig (Hg.), Buchdruck und Buchkultur im Wittenberg der Reformationszeit, Leipzig 2015. – ADB 19, S. 273-278; DBA I, II, III; DBE 6, S. 483; NDB 15, S. 246f.; S. Corsten u.a. (Hg.), Lexikon des gesamten Buchwesens, Bd. 4: Institut für Buch- und Handschriftenrestaurierung - Lyser, Stuttgart 1995, S. 611.

P  Porträt Melchior L., C. F. Gessner, um 1740, Kupferstich, Deutsche Nationalbibliothek Leipzig, Deutsches Buch- und Schriftmuseum, Portraitsammlung der Börsenvereinsbibliothek.



Michael Wetzel
19.6.2019


Empfohlene Zitierweise:

Michael Wetzel, Lotter (Lotther), Melchior d.Ä., in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (15.9.2019)

Wikipedia Link