Martersteig Max
Schauspieler, Regisseur, Theaterleiter, Theaterhistoriker und -theoretiker
* 11.2.1853 Weimar 3.11.1926 Köln(ev.)
VKarl Friedrich Heinrich (1820-1855), Koch, CafetierMOttilie Wilhelmine Ernestine, geb. Boge († 1885) 2.1894 Gertrud, geb. Eysoldt († 1955)
GND: 118782207

M. war nicht nur der erste Intendant des Städtischen Theaters Leipzig, er gilt auch als einer der Wegbereiter des antiillusionistischen Bühnenstils im sächsischen Raum. Mit dem Ziel, Theater als visuell-auditives Erlebnis und nicht als Wiedergabe eines literarischen Texts zu vermitteln, suchte M. in seiner Leipziger Zeit 1912 bis 1918 szenische Lösungen, um den Kunstcharakter der Theateraufführung zurückzugewinnen. – Da sein Vater früh verstarb, verließ M. die Realschule aus finanziellen Gründen im Alter von 15 Jahren und nahm eine Stelle als Apothekerlehrling an der Hofapotheke in Gotha an. In seiner Freizeit lernte er weiter, sodass er mit 19 Jahren neben einem sehr guten Apotheker-Examen die Mittlere Reife nachholen konnte. Zum Theater gelangte M., der 1872/73 als Provisor in Worms tätig war, eher zufällig. Im März 1873 sprang er bei einer wandernden Schauspieltruppe ein und überzeugte nach nur wenigen Proben in „Die Jungfrau von Orléans“ in der Rolle des Königs Karl VII. Diese anregende Erfahrung und der schauspielerische Erfolg begeisterten ihn für die Welt des Theaters, sodass er den Entschluss fasste, sich ganz dem Schauspielgewerbe zu widmen. 1874 bis 1876 stand er in Döbeln, Weimar, Mainz und Kassel als Schauspieler auf der Bühne. Mit Regieführung begann sich M. ab 1879 in Mainz auseinanderzusetzen. Er studierte Stile, Theorien und theaterhistorische Entwicklungen und legte die Basis für ein profundes Theaterverständnis, das über die mimetisch-textreferentielle Ebene hinausging. Gepaart mit ersten praktischen Regieerfahrungen trug diese fachliche Kompetenz sicherlich dazu bei, dass ihm 1885 bis 1890 die Leitung des Nationaltheaters in Mannheim überantwortet wurde. Nach einem längeren Aufenthalt in Riga (lett. Rīga), wo er 1890 bis 1896 an dem von einer deutschen Aktiengesellschaft verwalteten und finanzierten Stadttheater Regie führte, kehrte er gemeinsam mit seiner zweiten Frau, der Schauspielerin Gertrud Eysoldt, nach Deutschland zurück. Enthusiastisch entwarf er den sog. Eisenacher Theaterplan, demzufolge in Eisenach ein „Bayreuth des Wortes“ entstehen sollte. Die Umsetzung scheiterte letzten Endes allerdings und M. wandte sich 1898 bis 1904 den Theatern der Hauptstadt zu, ehe er am 11.4.1912 seine Tätigkeit als erster Intendant des Städtischen Theaters Leipzig aufnahm. In seiner Leipziger Zeit 1912 bis 1918 entfaltete sich M.s Stil in seinem ganzen Ausmaß. Mittels antiillusionistischer Bühnenlösungen suchte er künstlerisch den Naturalismus ethisch und ästhetisch zu überwinden. Seine zeitlos stilisierten Räume, die die Akteure plastisch hervortreten ließen, zeichneten sich durch eine strenge Liniensprache und Hell-Dunkel-Kontraste aus. Mit der motivischen Verwendung kubischer Einzelteile und der Betonung der Symbolik der Farbe und des Materials ist M. in den impressionistisch-symbolistischen Kreis der Theaterreformer einzureihen, der mit Namen wie Max Reinhardt, Edward Gordon Craig, Hugo von Hofmannsthal, Alfred Reucker oder Adolphe Appia markiert werden kann. Dennoch fand die heldisch-romantische Kunst- und Lebensauffassung M.s, die sich philosophisch auf Friedrich Hegels metaphysische Dialektik stützte, nicht überall Zustimmung. Im sog. Leipziger Theaterkampf musste er sich gegenüber einem konservativ-genießerischen Bürgertum behaupten, konnte aber auf die Unterstützung aus geistigen und akademischen Kreisen setzen. Bezeichnend sind in diesem Zusammenhang die Sympathiekundgebungen vonseiten der Studentenschaft und des Geisteslebens (u.a. von Wilhelm Wundt und Max Klinger). Der Zusammenbruch nach dem Ersten Weltkrieg brachte M. statt der erhofften wissenschaftlichen Muße Jahre der Not. 1921 folge er einem Ruf an die Universität Köln, wo er, mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet, bis zu seinem Tod am theaterwissenschaftlichen Institut lehrte.



W  Pius Alexander Wolff, Leipzig 1879; Der Schauspieler, Leipzig 1900; Das deutsche Theater im 19. Jahrhundert, Leipzig 1904; Die ethische Aufgabe der Schaubühne, Leipzig 1912; Illusionsbühne und Stilbühne, in: Bericht des Kongresses für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft, Berlin 7.-9. Oktober 1913, Stuttgart 1914, S. 405-415; Das Theater im neuen Staat, Berlin/Leipzig 1920; Das Abendbuch, Köln 1927.

L  E. L. Stahl, Das Mannheimer Nationaltheater, Mannheim 1929; W. Greiner, Max M. als Bühnenleiter und Schriftsteller, Emsdetten 1938. – DBA I, III; DBE 6, S. 634; NDB 16, S. 271f.



Katy Schlegel
17.8.2011


Empfohlene Zitierweise:

Katy Schlegel, Martersteig, Max, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (22.6.2017)

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