Bewer Max
Dichter, Schriftsteller
* 19.1.1861 Düsseldorf 13.10.1921 Meißen Dresden, Johannisfriedhof Tolkewitz(kath.)
VClemens (1820-1884), KunstmalerMBerta, geb. Glasersfeld (1836-1877)
GND: 116158999

B. wirkte im Wilhelminischen Kaiserreich als Dichter und politischer Schriftsteller im Sinne der völkischen Bewegung. Bismarckverehrung und Antisemitismus bildeten die Angelpunkte seines literarischen und politischen Schrifttums. – B. wurde als Sohn einer angesehenen rheinischen Künstlerfamilie geboren. Nach dem Abitur arbeitete er seit 1883 in Hamburg und Kopenhagen als Korrespondent für das Frankfurter Journal, den Hamburgischen Korrespondenten und die Kölnische Zeitung. 1890 ließ er sich in Laubegast bei Dresden als freier Schriftsteller nieder und schloss sich dem völkisch-antisemitischen Lager Sachsens an. Über seinen Verleger Ferdinand Woldemar Glöß kam B. in Kontakt mit dem antisemitischen Politiker Hermann Ahlwardt und dem völkischen Kulturphilosophen Julius Langbehn. 1892 verfasste er mit Zustimmung Langbehns eine anonyme Verteidigungsschrift für dessen Buch „Rembrandt als Erzieher“ (1890). Reichsweite Beachtung erzielte B. mit seinen auflagenstarken Bismarckschriften, die die Entlassung des Reichskanzlers und die Politik des „Neuen Kurses“ unter Leo von Caprivi scharf kritisierten. 1891 wurde B. von Otto von Bismarck in Friedrichsruh empfangen. – Infolge von Konflikten mit der liberalen Presse, insbesondere der Frankfurter Zeitung, stellte B. einen Großteil seines dichterischen und literarischen Schaffens zwischen 1890 und 1914 in den Dienst der antisemitischen Bewegung. U.a. verfasste er die Begleittexte zu der Karikaturenserie „Politische Bilderbogen“ (33 Nummern, 1892-1901). In ihnen mischte er die gesamte Palette zeitgenössischer Stereotypen und Feindbilder über „die Juden“ mit Auszügen aus seinen politischen Schriften. In vielen weiteren Gedichten, Aphorismen und Essays geißelte B. die angebliche „Verjudung“ von Presse und Kultur, die Ausplünderung der Bauern durch jüdische Wucherer und „Güterschlächter“ sowie die „jüdische“ Unterwanderung des Reichs durch Linksliberalismus und Sozialdemokratie. Ungewöhnlicher als diese sozioökonomischen Feindbildkonstruktionen, aber durchaus zeittypisch, sind B.s Verknüpfungen von religiösen und rassistischen Motiven. So modernisierte er die Ritualmordlegende unter Bezugnahme auf den Xantener Mordfall (1892) mit Hilfe einer esoterischen Blutmystik. In „Der deutsche Christus“ (1907) versuchte B., den Nachweis zu führen, dass Jesus Christus nicht jüdischer, sondern niederdeutsch-arischer Herkunft gewesen sei. Zielvorstellung B.s war die Überwindung der Konfessionsspaltung auf der Basis eines antisemitischen deutschen Christentums, womit er Ideen Paul de Lagardes und Theodor Fritschs weiterführte. Obwohl B. in einem ganz überwiegend protestantischen Umfeld wirkte, begriff er den Katholizismus als Ausgangspunkt für die völkische Erneuerung des Christentums. Die ihm nahegelegte Konversion zum Protestantismus lehnte er ab. Auch die offene Propagierung politischer Gewalt gegen Juden in seinen Schriften und Bilderbogen unterscheidet ihn von der Mehrheit der zeitgenössischen Antisemiten. – Trotz seines radikalen Antisemitismus fand B.s Werk bis in die Mitte des politischen Spektrums Akzeptanz. Dabei half ihm v.a. seine Verehrung Bismarcks und anderer deutscher „Geistesheroen“ (z.B. „Der deutsche Himmel“, 1912). Für Gedichte auf Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich von Schiller wurde er ausgezeichnet, seine Stadthymnen für Düsseldorf, Köln und Laubegast wurden vertont. Auch seine Kritik an der kosmopolitischen Moderne in Kunst und Kultur sowie die Suche nach einer heimatverbundenen Alternative wurden von der Öffentlichkeit positiv aufgenommen („Künstlerspiegel“, 1904). 1906 soll B. von deutschen und skandinavischen Anhängern für den Literaturnobelpreis nominiert worden sein. Im Ersten Weltkrieg unternahm B. patriotische Vortragsreisen und verherrlichte in zahlreichen Liedern und Gedichten Kaiser Wilhelm II. sowie die Generale Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff. Nach Kriegsende wurde B. aus der völkischen Bewegung herausgedrängt. Mittlerweile hatte sich das unzutreffende Gerücht verbreitet, seine Mutter sei eine Jüdin gewesen. Das vom Deutschvölkischen Schriftstellerverband erstellte Lexikon „Sigilla Veri“ (4 Bände, 1929-1931) führte B. als „Halbjuden“. B. starb 1921 in Meißen. 1923 wurde ihm von seiner Familie, Freunden und Anhängern im Hain des Krematoriums Tolkewitz ein Denkmal gesetzt.



W  Bismarck, Moltke und Goethe. Eine Abrechnung mit Dr. Georg Brandes, Düsseldorf 1890; Ein Goethepreis, Dresden 1890; Gedanken über Bismarck, Dresden 1890; Bei Bismarck, Dresden 1891; Bismarck im Reichstage, Dresden 1891; Bismarck und Rothschild, Dresden 1891; Rembrandt und Bismarck, Dresden 1891; Politische Bilderbogen, 33 Nummern, Dresden 1892-1901; Grabschriften auf Bismarck, Dresden 1892; Der Rembrandtdeutsche, Dresden 1892; Gedanken, Dresden 1892; Bismarck und der Hof, Dresden 1892; Bismarck und der Kaiser, Dresden 1895; Der Papst in Friedrichsruh, Dresden 1897; Xenien, Dresden 1899; Künstlerspiegel, Laubegast 1904 (P); Bismarck, Berlin 1905; Vaterland, Laubegast 1906; Der deutsche Christus, Laubegast 1907; Wie man glücklich wird, Laubegast 1910; Lieder aus der kleinsten Hütte, Leipzig 1911; Der deutsche Himmel, Leipzig 1912; Deutsches Kriegs-Gebetsbuch, Leipzig 1915; Der Kaiser im Schützengraben und andere Kriegslieder, Leipzig 1915; Der Kaiser im Feld. 50 Kriegslieder, Leipzig 1916; Flottenkriegslieder, Leipzig 1916; Bei Kaiser und Hindenburg im großen Hauptquartier, Dresden 1917; Trommeln und Posaunen. 70 neue Kriegsgedichte, Leipzig 1918; Trostgedanken für Hinterbliebene, Leipzig 1919; Die Spatzen-Republik, Leipzig 1920.

L  R. Bewer, Familie Bewer vom Niederrhein, Leipzig 1930, S. 128-159 (P); B. Suchy, Antisemitismus in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, in: J. Bohnke-Kollwitz (Hg.), Köln und das rheinische Judentum, Köln 1984, S. 252-285; R. Lächle, Germanisierung des Christentums - Heroisierung Christi. Arthur Bonus, Max B., Julius Bode, in: S. von Schnurbein/J. H. Ulbricht (Hg.), Völkische Religion und Krisen der Moderne, Würzburg 2001, S. 165-183; T. Gräfe, Antisemitismus in Gesellschaft und Karikatur des Kaiserreichs. Glöß' Politische Bilderbogen 1892-1901, Norderstedt 2005.

P  H. Dahl, um 1900, Gemälde; R. Andresen, 1923, Denkmal, Dresden, Johannisfriedhof Tolkewitz.



Thomas Gräfe
7.3.2008


Empfohlene Zitierweise:

Thomas Gräfe, Bewer, Max, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (27.7.2017)

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