Römer Martin
Amtshauptmann, Berghauptmann, Zehntner
* um 1430 5.4.1483 Zwickau Zwickau, St.-Marien-Kirche
VHansMKatharinaGNicolaus (Nickel), Kaufmann, Ratsherr; Anna, verh. Jacoff (Jakob); Hansvor 1466 Katharina, geb. Tretwein
GND: 138485194

R. war einer der erfolgreichsten sächsischen Unternehmer des 15. Jahrhunderts. Besonders seine Beteiligungen im westsächsischen Silberbergbau verhalfen ihm zu großem Reichtum, sodass er nach 1470 als vermögendster Mann Sachsens galt. In Zwickau wurde er v.a. durch seine Tätigkeit als Ratsherr und Amtshauptmann sowie durch die Vielzahl seiner hoch dotierten Stiftungen bekannt. – Die Herkunft R.s ist unbekannt. An vielen Stellen geäußerte Vermutungen, seine Familie stamme ursprünglich aus Nürnberg oder Chemnitz, sind zwar plausibel, lassen sich aber nicht eindeutig belegen. Außerdem besaß R. eventuell familiäre Verbindungen nach Wertheim, Mansfeld, Zwickau und Dresden. – Seit 1456 ist R. in Zwickau nachweisbar, wo er sich im Safranhandel betätigte. Das Zwickauer Bürgerrecht erwarb er um 1460, fünf Jahre später gelangte er in den Zwickauer Rat. 1475 trat er von seinem Amt als Ratsherr wieder zurück. Wahrscheinlich bereits seit 1453 war R. im Schneeberger Bergbau tätig. 1460 erhielt er zusammen mit Hans Federangel eine landesherrliche Münzbefreiung, die 1466 um acht Jahre verlängert wurde. Nach siebzehn Jahren erfolgloser Suche nach Silber wurden R. und Federangel fündig. R. profitierte maßgeblich von den ertragreichen Silberfunden am Schneeberg nach 1470 und wurde zum sprichwörtlich reichsten Mann Sachsens. Über die Gesamthöhe seines Vermögens gibt es nur Schätzungen, da selbst sein Kuxbesitz nur in Ansätzen belegbar ist. R. war Hauptgewerke in der „Alten Fundgrube“, in der „Rechten“ bzw. „Neuen Fundgrube“ und in der „Alten Wismutzeche“, die ihm 1467 zusammen mit Federangel und Andreas Goltschmidt (Andreas Gaulenhofer) verliehen wurde. Im Grubenverzeichnis von 1477 findet sich außer der „Rechten Fundgrube“ noch die Grube „Gottesgnade“, in der ein Ambrosius Schichtmeister und gleichzeitig R.s Schreiber war. In der „Müntzerzeche“ besaß R. ebenfalls Anteile. Zusätzlich sind Beteiligungen an den Gruben „Römers Leben“, „Fundgrübner Stollen“ und „St. Georgen“ wahrscheinlich. Allein seine Gewinne aus dem Bergbau werden auf 200.000 rheinische Gulden geschätzt. Nach vorsichtigen Schätzungen (R. Dietrich) soll er insgesamt ca. 500.000 rheinische Gulden besessen haben. – Vor 1466 heiratete R. Katharina, die Tochter des Ratsherrn Hans Tretwein, dessen Familie seit Anfang des 15. Jahrhunderts in Zwickau ansässig war und in hohen städtischen Ämtern nachweisbar ist. Nicolaus Tretwein, ein weiteres Familienmitglied, wurde 1466 zum ersten Zehntner auf dem Schneeberg berufen und fungierte als Stellvertreter von Hans Kluge, dem ersten Bergmeister für die wettinischen Bergwerke außerhalb Freibergs. 1467 verlieh er die „Alte Wismutzeche“ und einen angeschlossenen Erbstollen an die Gewerkschaft von R. auf dem Schneeberg. Ende 1470 oder Anfang 1471 gab Nicolaus Tretwein sein Amt zugunsten R.s auf. Im Juli 1474 wurde R. zum Amtshauptmann von Zwickau ernannt. Er fungierte damit gleichzeitig als Berghauptmann auf dem Schneeberg, welcher als oberster Beamter des Landesherrn den dortigen Bergbau überwachte. In seiner Position war es ihm möglich, alle Bergwerke zu inspizieren, was ihm einen Informationsvorsprung verschaffte, sodass er Erfolg versprechende Unternehmungen schnell erkennen konnte. Außerdem kontrollierte er als Zehntner gleichberechtigt neben dem Landrentmeister den sächsischen Silberkauf. Durch das landesherrliche Monopol des Silberkaufs waren die Gewerken gezwungen, das Silber an den Zehntner zu verkaufen, welcher den Weiterverkauf organisierte und den Wettinern zu großen Gewinnen verhalf. R. arbeitete vermutlich auf Provisionsbasis und erhielt auf diese Weise einen Teil des fürstlichen Gewinns aus dem Silberkauf. Des Weiteren erwirtschaftete R. Gewinne beim Silberverkauf, wozu er seine Handelsniederlassungen in Venedig, Augsburg, Nürnberg, Frankfurt/Main und Köln nutzte. Besonders eng waren seine Verbindungen nach Nürnberg, wo der Kaufmann Hans Unbehauen, welcher seit 1476 das Nürnberger Bürgerrecht besaß und 1479 als R.s „Diener“ bezeichnet wurde, den Silberverkauf nach Oberdeutschland und Italien organisierte. Auch nach R.s Tod blieb dieser in Nürnberg für den Silberverkauf im Dienst der Wettiner zuständig. R. war auch auf weiteren Ebenen mit Nürnberg verbunden, beispielsweise stiftete er im dortigen Augustinereremitenkloster einen Jahrtag. Außerdem legte er das Stiftungskapital seiner größten Zwickauer Stiftung, dem „Reichen Almosen“, 1473 in Nürnberg an. Schon vor den Silberfunden war R. als Tuchhändler für den sächsischen Hof tätig und handelte mit Safran sowie mit Metallen, was seine Verhandlungen mit den wettinischen Landesherren über den Aufkauf der gesamten Kupferproduktion Sachsens 1468 belegen. 1466 lieh er Herzog Albrecht (der Beherzte) in Wien 1.180 rheinische Gulden. Das Vertrauensverhältnis zu den Wettinern blieb auch während seiner Tätigkeit als Zehntner bestehen. 1470 bis 1476 musste R. nur fünf Mal vor dem Landesherrn Rechnung legen. Von der Funktion als Schneeberger Berghauptmann trat er 1477 zurück, woraufhin Heinrich von Starschedel in dieses Amt eingesetzt wurde. Das letzte Berggericht unter R.s Vorsitz fand am 28.8.1477 statt. 1481 wurde R. als landesherrlicher Haupteinnehmer im Vogtland mit der Aufbringung der Türkensteuer beauftragt. – Zusammen mit seinem Bruder Nicolaus erhielt R. 1470 einen kaiserlichen Wappenbrief, sechs Jahre folgte der Ritterschlag am Heiligen Grab durch Herzog Albrecht. Vom 3.3. bis 1.12.1476 begleitete R. den sächsischen Herzog nach Jerusalem, wobei R. wesentlich zur Finanzierung der Pilgerfahrt beitrug. – Bis zu seinem Tod 1483 wohnte R. in Zwickau. Er besaß einen Garten vor der Stadt und ein Drittel des Nießnutzes des „großen Teiches“ (heute „Schwanenteich“), den er zusammen mit Federangel bis 1473 anlegen ließ. 1464 erwarb er Nutzungsrechte am Moritzbach in Pölbitz. Außerdem besaß er mindestens zwei Häuser in der Stadt: das sog. Römerhaus in der Nähe der Marienkirche und ein weiteres Haus am Markt. 1480 bzw. 1481 soll er das Kornhaus und das Zeughaus in Zwickau für insgesamt 10.000 Gulden erbaut haben, welche nach seinem Tod von R.s Erben an die Stadt Zwickau verkauft wurden. Außerhalb Zwickaus besaß er seit 1474 ein Vorwerk in Eckersbach, seit 1477 ein Haus in Leipzig und bis 1481 den „Oberhof“ in Freiberg. 1474 verpfändeten die Wettiner Amt und Stadt Werdau sowie das Dorf Zwirtschen für 6.500 rheinische Gulden an R. und seinen Bruder. 1476 belehnte ihn Herzog Albrecht mit dem Rittergut, Vorwerk und Dorf Steinpleis sowie mit Gütern in Beiersdorf und Marienthal. Im gleichen Jahr erwarb R. das Dorf Niederalbertsdorf und Besitz in Hessen (Langenhessen). Schließlich kaufte er 1478 das sog. Poppenholz bei Wildbach, das Vorwerk Marienthal und das Rittergut Neumark, die die Grundlage des späteren Besitzes der adligen Familie Römer in Sachsen bildeten. – Berühmt wurde R. durch seine zahlreichen Stiftungen in Zwickau, deren exakte Höhe bis heute unbekannt ist. In der Literatur werden Summen zwischen 33.600 und 102.200 Gulden angegeben. Einige R. zugeschriebene Stiftungen (Chorneubau und Hochaltar der Marienkirche, Neubau der Zwickauer Schule) sind bereits widerlegt. Zu seinen größten belegbaren Stiftungen gehören die „horae beatae Mariae“ mit zwei Benefizien und fünf Lohnpriesterstellen, welche er 1473 in der Marienkirche einrichtete. Im selben Jahr begründete R. das „Reiche Almosen“ mit einem hohen Stiftungskapital von 10.000 Gulden. Außerdem stiftete er für 100 Mark Silber und einen Kux im Wert von 1.000 Gulden ein goldenes Kreuz, das fünf mit Saphiren besetzte Splitter vom Kreuz Christi enthielt. Für die Kreuzkapelle in der Marienkirche, die in den folgenden Jahrzehnten als Grablege der Familie Römer genutzt wurde, stiftete er 160 Gulden. 1484 stifteten sein Bruder, seine Witwe, Hieronymus Beyer und Caspar von Sala 600 rheinische Gulden für eine ewige Kreuzmesse, die jeden Freitag in der Kreuzkapelle verrichtet werden sollte. R. beschränkte sich in seiner Stiftungstätigkeit jedoch nicht nur auf Zwickau, sondern beteiligte sich u.a. auch an der Stiftung eines „Reichen Almosens“ in Leipzig.



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P  Relief in der „Brauthalle“ der Marienkirche Zwickau, 2014, Fotografie, F. Bliesener, Marienkirche Zwickau (Bildquelle).



Julia Kahleyß
16.4.2013


Empfohlene Zitierweise:

Julia Kahleyß, Römer, Martin, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (24.3.2017)

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