Marie Simon

Marie Simon umsorgte und verpflegte in den Kriegen von 1866 und 1870/1871 unermüdlich verwundete und kranke Soldaten auf den Schlachtfeldern. Sie verhalf damit dem Genfer Abkommen von 1864, Keimzelle des humanitären Völkerrechts, zum praktischen Durchbruch. In Friedenszeiten kämpfte die selbstständige Kauffrau gemeinsam mit Kronprinzessin Carola dafür, die Krankenpflege zu professionalisieren und als Erwerbsberuf für Frauen zu etablieren. Sie war eine zupackende, kluge und mutige Frau. – Simon wuchs als nichteheliches sorbisches Kind in der Oberlausitz auf. Deutsch lernte sie erst in der Dorfschule. Wegen ihrer Schönheit und ihrer schwarzen Haare wurde sie „die schwarze Marie“ genannt. Wie viele andere junge Sorbinnen zog sie 1843 in die Haupt- und Residenzstadt Dresden. 1846 heiratete sie in der evangelisch-lutherischen Frauenkirche den verwitweten Hofschleusenräumer Johann Carl Gottlob Roßeck, der zwei kleine Söhne hatte. 1853 wurde die kinderlose Ehe, offenbar auf Initiative von Simon, geschieden. Im gleichen Jahr heiratete sie in der Kreuzkirche den Kaufmann Friedrich Anton Simon und arbeitete in dessen Spitzen- und Weißwarengeschäft am Altmarkt. 1863 übernahm Simon das Geschäft von ihrem Ehemann, erwarb das Dresdner Bürgerrecht und führte das Geschäft bis zum Verkauf 1873. Auch die Ehe mit ihrem zweiten Ehemann blieb kinderlos. 1854, kurz nach der Eheschließung, wurde Eugenie Olga Simon als Tochter ihres Manns Friedrich Anton Simon und des Dienstmädchens Johanna Wilhelmine Krüger geboren. Simon zog sie als ihre Tochter auf und adoptierte sie kurz vor ihrem Tod. Die Stellung eines Pflegesohns nahm der aus Böhmen stammende österreichische Offizier Josef Slatinski ein, den Simon 1866 nach der Schlacht von Königgrätz (tschech. Hradek Králové) gesund gepflegt hatte und der ihr, dienstunfähig geworden, nach Dresden folgte und bis zu ihrem Tod in ihrer Nähe blieb. 1879 heiratete er Clara Sophie Margarethe Ida Freiin von Toll aus einem baltischen Adelsgeschlecht. – Simon hatte sich schon früh für die Krankenpflege interessiert, viel darüber gelernt und u.a. bei Hospitationen im Diakonissenkrankenhaus Dresden und in der Universitätsklinik Leipzig praktische Erfahrungen gesammelt. Unterstützt vom sächsischen Königshof, dem gerade gegründeten „Internationalen Verein zur Pflege im Kriege verwundeter und kranker Soldaten im Königreich Sachsen“ und von Dresdner Bürgern, begab sie sich, als sie im Sommer 1866 von den schrecklichen Zuständen auf den Schlachtfeldern rund um Königgrätz hörte, nach Böhmen, um dort die verwundeten und kranken Soldaten zu pflegen. Sie stützte sich dabei auf die Ideen Henry Dunants, Gründer des Roten Kreuzes, und auf das noch junge Genfer Abkommen: Freiwillige geschulte zivile Helferinnen versorgen verwundete und an Infektionen erkrankte Soldaten, weil die Armeen dazu nicht in der Lage sind. Sie tun dies nach dem Umfang der Not, ohne dabei nach der Nationalität der Opfer zu unterscheiden. Geschützt werden sie dabei durch das Zeichen des Roten Kreuzes. Simon fand Hunderte von verwundeten und kranken Soldaten, denen auch Tage nach der Schlacht noch niemand geholfen hatte. Sie war damit die erste Frau der Welt, die auf der Grundlage des Genfer Abkommens von 1864 mit Rotkreuz-Armbinde in Form von Verbandsmitteln, Essen und Trinken Hilfe auf dem Schlachtfeld organisierte und auch selbst leistete. Damit in künftigen Kriegen deutlich mehr Verwundeten und Kranken geholfen werden könne, gründeten Kronprinzessin Carola und Simon, die zu dieser zeitlebens ein sehr enges Vertrauensverhältnis hatte, nach Ende des Preußisch-Österreichischen Kriegs 1867 den Albertverein als Frauenverein des Roten Kreuzes. Carola übernahm die Präsidentschaft und berief Simon als einzige Bürgerliche in das Direktorium des Vereins. In Friedenszeiten sollten die Krankenpflegerinnen, die Albertinerinnen, systematisch geschult werden und praktische Erfahrungen in Krankenhäusern sammeln. Wegen ihrer besonderen Erfahrungen übernahm Simon die Verantwortung für die Ausbildung der Albertinerinnen und für die Armenkrankenpflege. – Auch im Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 leistete sie freiwillig Dienst. Sieben Monate lang arbeitete sie ohne Unterbrechung als Krankenpflegerin und Lazarettköchin und leitete den Einsatz der Albertinerinnen in Frankreich. Ihre Erfahrungen hielt sie in Briefen und Tagebucheinträgen fest, die 1872 als Buch erschienen. Sie berichtete darin ungeschminkt über Missstände und Fehlentwicklungen. Mit ihrem Buch wollte sie die anbrechende Diskussion über die Reform des Sanitätswesens in den Heeren der deutschen Bundesstaaten beeinflussen. – Aufgrund ihres Wirkens genoss Simon ein hohes Ansehen. Sie erhielt viele Auszeichnungen und war eine gefragte Ratgeberin. 1867 wurde Simon auf der Internationalen Konferenz der Vereine zur Hilfe für verwundete Soldaten der Armeen zu Lande und zur See als einzige Bürgerliche neben Florence Nighthingale mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Sie erhielt den Sächsischen Sidonienorden, das Goldene Verdienstkreuz mit Krone, den Franz-Joseph-Orden, den Württembergischen Olga-Orden, das Preußische Verdienstkreuz für Frauen und Jungfrauen, die französische Médaille Militaire und die Médaille de la Societé au Secour de Blessés Militaires. – Ihre Prominenz stellte Simon auch in den Dienst der Frauenbewegung. Auf der ersten ordentlichen Generalversammlung des „Verbands deutscher Frauen- und Erwerbvereine“ im Oktober 1872 in Darmstadt hielt die damals selbstständig tätige Kauffrau den Hauptvortrag. – Parallel zu den Arbeiten an ihrem Buch baute Simon nach dem Verkauf ihres Geschäfts aus eigenen Mitteln, mit der Unterstützung der Kronprinzessin und mit Spenden in Loschwitz bei Dresden die „Deutsche Heilstätte für Invalide und Kranke“ auf. Dort konnten 25 Patienten behandelt und Krankenpflegerinnen ausgebildet werden. 1876 legte Simon ein weiteres Buch mit einer Anleitung zur Ausbildung weltlicher Krankenpflegerinnen vor. – Simon starb am 20.2.1877 in ihrer Heilstätte in Loschwitz. Der Trauerzug und die Beisetzung auf dem Trinitatisfriedhof unter großer Anteilnahme der Bevölkerung zeigten noch einmal das hohe Ansehen Simons. Sie wurde „Mutter Simon“ und „la Nightingale allemande“ genannt. In einem 1870 gemeinsam von Henri Dunant und Jules Chéron verfassten und unter Chérons Namen erschienenen Werk wurde Simon als „eine der schönsten Verkörperungen aktiver Nächstenliebe: tatkräftig, intelligent und beharrlich“ bezeichnet (S. 187). Nach ihrem Tod geriet sie bald in Vergessenheit. Dies änderte sich erst wieder 2024 mit den Aktivitäten zu ihrem 200. Geburtstag.

Quellen Julius Naundorff, Unter dem rothen Kreuz. Fremde und eigene Erfahrungen auf Böhmischer Erde und den Schlachtfeldern der Neuzeit, Leipzig 1867; Jules Chéron, Les victimes de la guerre et les progrés de la civilisation, Paris 1870.

Werke Meine Erfahrungen auf dem Gebiete der Freiwilligen Krankenpflege im Deutsch-Französischen Kriege 1870-71. Briefe und Tagebuchblätter, Leipzig 1872; Krankenpflege als weiblicher Erwerbszweig, in: Stenographischer Bericht über die erste ordentliche Generalversammlung des 1869 gegründeten Verbandes deutscher Frauen- und Erwerbvereine, gehalten am 10. u. 11. October 1872 zu Darmstadt, Darmstadt 1873; Die Krankenpflege. Theoretische und praktische Anweisungen, Leipzig 1876; Meine Erfahrungen auf dem Gebiete der Freiwilligen Krankenpflege im Deutsch-Französischen Kriege 1870-71. Briefe und Tagebuchblätter, hrsg. von Thomas Klemp, München 2024, S. 43-337.

Literatur Julius Naundorff, Der Albertverein, seine Entstehung und Entwicklung in den Jahren 1867-1892. Eine Denkschrift aus Anlaß des 25jähr. Jubelfestes des Vereins, Dresden 1892; Schneider, Der Albert-Verein und das Carola-Krankenhaus zu Dresden, in: Ludwig Kimmle (Hg.), Das Deutsche Rote Kreuz. Entstehung, Entwicklung und Leistungen der Vereinsorganisation seit Abschluss der Genfer Convention i.J. 1864, Bd. II: Frauen-Hilfs- und Pflege-Vereine unter dem Roten Kreuz, Berlin 1910, S. 623-638; André Uebe, Marie Simon (1824-1877), in: Geschichte der Pflege. Das Journal für historische Forschung der Pflege- und Gesundheitsberufe 7/2018, H. 1, S. 15-22; Jürgen Helfricht, Marie Simon. Die deutsche Nightingale aus der sorbischen Lausitz, Radebeul 2024; Thomas Klemp, Einleitung, in: Marie Simon, Meine Erfahrungen auf dem Gebiete der Freiwilligen Krankenpflege im Deutsch-Französischen Kriege 1870-71, Briefe und Tagebuchblätter, hrsg. von dems., München 2024, S. 13-36. – NDB 24, S. 440.

Porträt Frau Marie Simon, Hermann Scherenberg, 1871, Radierung, aus: Marie Simon, Ordensschwester und Krankenpflegerin im 19. Jh., in: Illustrirte Zeitung, 57/1871, S. 69 (Bildquelle) [Public Domain Mark 1.0; dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Public Domain Mark 1.0 Lizenz].

Thomas Klemp
12.5.2026


Empfohlene Zitierweise:
Thomas Klemp, Artikel: Marie Simon,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/18012 [Stand 12.05.2026, Aufruf 14.05.2026].

Marie Simon



Quellen Julius Naundorff, Unter dem rothen Kreuz. Fremde und eigene Erfahrungen auf Böhmischer Erde und den Schlachtfeldern der Neuzeit, Leipzig 1867; Jules Chéron, Les victimes de la guerre et les progrés de la civilisation, Paris 1870.

Werke Meine Erfahrungen auf dem Gebiete der Freiwilligen Krankenpflege im Deutsch-Französischen Kriege 1870-71. Briefe und Tagebuchblätter, Leipzig 1872; Krankenpflege als weiblicher Erwerbszweig, in: Stenographischer Bericht über die erste ordentliche Generalversammlung des 1869 gegründeten Verbandes deutscher Frauen- und Erwerbvereine, gehalten am 10. u. 11. October 1872 zu Darmstadt, Darmstadt 1873; Die Krankenpflege. Theoretische und praktische Anweisungen, Leipzig 1876; Meine Erfahrungen auf dem Gebiete der Freiwilligen Krankenpflege im Deutsch-Französischen Kriege 1870-71. Briefe und Tagebuchblätter, hrsg. von Thomas Klemp, München 2024, S. 43-337.

Literatur Julius Naundorff, Der Albertverein, seine Entstehung und Entwicklung in den Jahren 1867-1892. Eine Denkschrift aus Anlaß des 25jähr. Jubelfestes des Vereins, Dresden 1892; Schneider, Der Albert-Verein und das Carola-Krankenhaus zu Dresden, in: Ludwig Kimmle (Hg.), Das Deutsche Rote Kreuz. Entstehung, Entwicklung und Leistungen der Vereinsorganisation seit Abschluss der Genfer Convention i.J. 1864, Bd. II: Frauen-Hilfs- und Pflege-Vereine unter dem Roten Kreuz, Berlin 1910, S. 623-638; André Uebe, Marie Simon (1824-1877), in: Geschichte der Pflege. Das Journal für historische Forschung der Pflege- und Gesundheitsberufe 7/2018, H. 1, S. 15-22; Jürgen Helfricht, Marie Simon. Die deutsche Nightingale aus der sorbischen Lausitz, Radebeul 2024; Thomas Klemp, Einleitung, in: Marie Simon, Meine Erfahrungen auf dem Gebiete der Freiwilligen Krankenpflege im Deutsch-Französischen Kriege 1870-71, Briefe und Tagebuchblätter, hrsg. von dems., München 2024, S. 13-36. – NDB 24, S. 440.

Porträt Frau Marie Simon, Hermann Scherenberg, 1871, Radierung, aus: Marie Simon, Ordensschwester und Krankenpflegerin im 19. Jh., in: Illustrirte Zeitung, 57/1871, S. 69 (Bildquelle) [Public Domain Mark 1.0; dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Public Domain Mark 1.0 Lizenz].

Thomas Klemp
12.5.2026


Empfohlene Zitierweise:
Thomas Klemp, Artikel: Marie Simon,
in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde,
https://saebi.isgv.de/biografie/18012 [Stand 12.05.2026, Aufruf 14.05.2026].