Bayer-Bürck Marie Katharina
geb. Bayer
Hofschauspielerin
* 31.10.1820 Prag 10.2.1910 Dresden Dresden, Alter Annenfriedhof(kath.)
VFranz Rudolph Bayer (1780-1860), Schauspieler, RegisseurMVeronika, geb. MüllerGFranz Rudolf Bayer (1825-1878), Architekt 1.1849 (gesch. 1862) Heinrich Anton August Bürck (1805-1863) Schriftsteller 2.1863 Adolph Wilhelm Julius Freiherr von Falkenstein (1807-1874), Oberstleutnant, königlich sächsischer Flügeladjutant
GND: 116097191





B. war eine der prägendsten und vielseitigsten Darstellerinnen des Dresdner Hoftheaters in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. – B. debütierte im Dezember 1835 in ihrer Geburtsstadt Prag, wo sie zusammen mit ihrem Vater, der sie ausgebildet hatte, in Carl Töpfers Bühnenbearbeitung von Johann Wolfgang von GoethesHermann und Dorothea“ erstmals (als Dorothea) auf der Bühne stand. Im August 1838 wechselte sie an das Hoftheater Hannover, wo sie am 12.9.1838 als Königin (in „Christinens Liebe und Entsagung“ von Theodor Hell) debütierte. Auf Veranlassung Ludwig Tiecks, der zu dieser Zeit als dramaturgischer Berater am Dresdner Hoftheater wirkte, wurde B. 1839 und 1840 zu Gastspielen nach Dresden eingeladen und zum 1.9.1841 fest engagiert. B. trat am Dresdner Hoftheater erstmals am 11. des Monats als Louise in Friedrich Schillers „Kabale und Liebe“ sehr erfolgreich auf. Dem Zeitzeugen Robert Prölss zufolge entfaltete sich das Talent der bei ihrem Eintritt erst 19-Jährigen während der Dresdner Jahre zu voller Blüte und machte sie zum Vorbild für zahlreiche Nachfolgerinnen. Neben ihrer attraktiven Erscheinung prädestinierte B. auch ihre angenehme, wenngleich kleine Stimme zunächst für die jugendlichen Liebhaberinnen. Als ihr 1848 das Berliner Hoftheater ein verlockendes Angebot machte, forderte sie eine Erhöhung ihres Gehalts von 2.200 auf 3.000 Taler und eine Ausdehnung ihres Urlaubsanspruchs. Auf Anraten des Intendanten Wolf Adolph August von Lüttichau, der einen Weggang des außergewöhnlichen Talents verhindern wollte, gewährte König Friedrich August II. beides. 1850/51 und 1853 bis 1857 trat B. während alljährlicher Gastspiele unter der Intendanz Heinrich Laubes, der sie hoch schätzte, am Wiener Burgtheater auf. Laube hätte sie gern fest engagiert, scheiterte aber am Widerstand des sächsischen Königs bzw. an dessen Intendanten. – Von ihrem Vater zu Natürlichkeit und Wahrheit des Spiels erzogen, gewann B. schon bei ihrem ersten Auftreten die Gunst des Publikums durch „kindliche Unbefangenheit bei gleichzeitiger künstlerischer Reife und Innigkeit“ (A. v. Weilen). Ihre erfolgreichsten Rollen entsprachen alle ihrer Anlage als „holde deutsche Jung(-Frau)“, als deren ideale Verkörperung sie ihren Zeitgenossen erschien, archetypisch verkörpert in Rollen wie in Goethes „Tasso“ (als Leonore) und „Iphigenie von Tauris“ (als Iphigenie) sowie in Schillers „Fiesco“ (wiederum als Leonore), „Wallenstein“ (als Thekla) und der „Jungfrau von Orléans“ (als Jeanne dʼArc). Zu ihren größten Erfolgen gerieten ihre Interpretationen von William Shakespeares Viola („Was ihr wollt“), Julia („Romeo und Julia“) sowie Cordelia („König Lear“), Clärchen („Egmont“) und Gretchen (in Goethes „Faust“). Daneben glänzte sie auch in den aktuellen Salonstücken der Zeit von Gustav Freytag, Édouard Pailleron und Albert Emil Brachvogels, in dessen Erfolgsstück „Narciß“ sie spielte. In diesem Genre trat sie häufig an der Seite des damaligen Dresdner Publikumslieblings Emil Devrient auf, der - wie B. - ein Vertreter der klassischen, in Weimar entwickelten hochtönenden Deklamationskunst war. Auch in den Stücken der zeitgenössischen Dramatiker Karl Gutzkow („Ella Rose“, „Uriel Acosta“) und Laube („Struensee“, „Imogen“) überzeugte sie auf ganzer Linie, ebenso wie sie kleineren Salonstücken (z.B. der Prinzessin Amalia von Sachsen oder den Erfolgsstücken von Charlotte Birch-Peiffer) zu Erfolg verhalf. Dagegen lagen ihr pikante, kokette Damenrollen wenig: Es fehlten ihr hierfür Schärfe und Abgründigkeit. – Dank ihrer Persönlichkeit und ausgezeichneten Sprechtechnik eignete sich B. in reiferen Jahren auch einige dramatische Partien wie Kleopatra (in „Antonius und Cleopatra“ von Shakespeare), Orsina („Emilia Galotti“ von Gotthold Ephraim Lessing), Griseldis („Griseldis“ von Friedrich Halm), Sappho („Sappho“ von Franz Grillparzer), Isabella („Die Braut von Messina“ von Schiller), Elisabeth („Maria Stuart“ von Schiller), Antigone sowie Eboli („Don Carlos“ von Schiller) an, konnte aber letztlich in dramatischen und heroischen Partien nicht wirklich überzeugen. Sowohl ihre auf Harmonie und Maß ausgelegte Persönlichkeit als auch ihre stimmliche Reichweite setzten ihr in diesem Fach deutliche Grenzen. In die Theatergeschichte eingegangen ist B.s Interpretation von Grillparzers Hero in dessen Drama „Des Meeres und der Liebe Wellen“, mit der die Interpretin 1851 dem Stück, das zwanzig Jahre zuvor durchgefallenen war, zum endgültigen Durchbruch verhalf; insgesamt gastierte sie zwölfmal mit dieser Paraderolle in Wien, wohingegen das Stück in Dresden nicht etabliert werden konnte. Gerne hätte sie auch Grillparzers „Libussa“, inszeniert von Laube, verkörpert. Dieser Wunsch erfüllte sich nicht, weil Grillparzer, der B. ansonsten hoch schätzte, seine Zustimmung hierzu verweigerte. – Am 29.11.1886 feierte B. ihr 50-jähriges Künstlerjubiläum. 1893 verhalf sie noch Paul Heyses „Wahrheit“ zu durchschlagendem Erfolg. Mit dem altersbedingten Wechsel ins ältere Fach (Volumnia in „Coriolan“ von Shakespeare sowie in der „Athalia“ von Jean Racine) wandte sie sich auch allmählich von der idealistischen Sprechweise klassischer Prägung ab, wie sie in Dresden jahrzehntelang durch Devrient dominierte, und eignete sich eine realistischere, alltagsnähere Sprechkultur an, wie sie Devrients Antipode Bogumil Dawison in Dresden etabliert hatte. B. blieb bis zu ihrem Abschied 1893 dem Dresdner Hoftheater treu, zu dessen Ehrenmitglied sie bei ihrem Rückzug von der Bühne ernannt wurde. 1896 trat sie letztmalig öffentlich auf, ehe sie sich ins Privatleben zurückzog.



Q  Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden, 10711 Ministerium des Königlichen Hauses, 11125 Ministerium des Kultus und öffentlichen Unterrichts, Nr. 10929.

L  P. Jones, M. B., Dresden 1844; A. Sincerus, Das Dresdner Hoftheater und seine gegenwärtigen Mitglieder, Zerbst 1852, S. 44-54; 25jähriges Jubiläum der Königl. Hofschauspielerin, Frau Marie B., in: Tage-Buch der königlich sächsischen Hoftheater 50/1866, S. 54f.; R. Prölss, Geschichte des Hoftheaters zu Dresden, Dresden 1878; A. Bernhardt (Hg.), Aus dem Dresdner Hoftheater. Biographische Skizzen, Dresden 1882, S. 31-33; Das fünfzigjährige Künstler-Jubiläum von Marie B., in: Tage-Buch der königlich sächsischen Hoftheater 70/1886, S. 103-107; A. Kohut, Das Dresdner Hoftheater in der Gegenwart, Dresden/Leipzig 1888, S. 17-25; O. Teuber, Geschichte des Prager Theaters, Teil 3, Prag 1888, S. 208f.; M. B.s 50jähriges Dienst-Jubiläum am Königl. Hoftheater zu Dresden, in: Tage-Buch der königlich sächsischen Hoftheater 75/1891, S. 83-85; M. B., Ehrenmitglied d. Kgl. Hofschauspiels, gest., in: Tage-Buch der königlich sächsischen Hoftheater 94/1910, S. 90f.; Dresdner Geschichtsblätter 19/1910, Nr. 3, S. 104; E. Pierson, Marie B. †, in: Bühne und Welt 12/1909/10, H. 1, S. 474-476 (P); A. v. Weilen, Heinrich Laube und Marie B., in: Österreichische Rundschau 28/1911, H. 3, S. 207-222; E. Lewinger, Die „AhnenGalerie“ im Staatlichen Schauspielhaus zu Dresden, Dresden 1933 (P); F. Kummer, Dresden und seine Theaterwelt, Dresden 1938; N. Fuerst, Grillparzer auf der Bühne, Wien/München 1958, S. 153-157, 237; I. Mätje, Die Ahnengalerie im Schauspielhaus Dresden, 1989/90 (P). – DBA I, II, III; DBE 1, S. 359; M. B., in: Männer der Zeit, Bd. 2, Supplement I: Frauen der Zeit, Leipzig 1862, S. 11; A. Bettelheim (Hg.), Biographisches Jahrbuch und deutscher Nekrolog, Bd. 15, Berlin 1913, S. 114f.; C. v. Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaisertums Oesterreich, Teil 1, Wien 1856, S. 195f.; L. Eisenberg, Großes biographisches Lexikon der deutschen Bühne im 19. Jahrhundert, Leipzig 1903, S. 65f.; Neuer Theater-Almanach 22/1911, S. 167f. (P); W. Kosch, Deutsches Theater-Lexikon, Bd. 1, Klagenfurt/Wien 1953, S. 424; E. Bruckmüller (Hg.), Österreichisches Biographisches Lexikon, Bd. 1, Lieferung 1, Wien/Graz/Köln 1954, S. 59; I. Korotin (Hg.), Lexikon österreichischer Frauen, Bd. 1, Wien 2016, S. 231.

P  Bildnis Marie B., F. Hanfstaengl, 1842, Kreide-Lithografie, Universitätsbibliothek Leipzig, Porträtstichsammlung; Porträt Maria B. (1820-1910; Schauspielerin), Wilhelm Lampmann, 1866/1872, Albuminabzug auf Karton (Carte-de-visite mit Atelieraufdruck verso), Reproduktionsnegativ (Kunststoff, schwarzweiß), Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle) [CC BY-SA 4.0; this work is licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 Unported License].



Eva Chrambach
17.4.2019


Empfohlene Zitierweise:

Eva Chrambach, Bayer-Bürck, Marie Katharina, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (26.6.2019)

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