Spazzo (Spacco, Spaczo, Spatio, Spaz) Marco
Steinmetz, Baumeister
* Lanzo/Lombardei (Italien), in Görlitz belegt 1587-1606(kath.?)

GND: 139869956






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S. entstammte einer im 16. und 17. Jahrhundert in ganz Mitteleuropa tätigen Familie von Baumeistern, Bildhauern und Steinmetzen. Er hatte sich vor 1587 in Görlitz niedergelassen, dort jedoch das Bürgerrecht nicht erhalten. Auch können S. bisher keine Werke in Görlitz und Umgebung mit Sicherheit zugeschrieben werden, was damit zusammenzuhängen scheint, dass Zunftregeln die Arbeitsmöglichkeiten des Zugewanderten stark einschränkten. Trotzdem erwies sich die Neißestadt für den Baumeister als lukrativer Standort, denn die umfangreichen Aufträge, die er aus dem nahen Nordböhmen von der Familie von Redern erhielt, konnte er nur in Zusammenarbeit mit anderen in Görlitz ansässigen Bauhandwerkern und Bildhauern ausführen. S. verfügte über einen eigenen Bautrupp, mit dem er auch größere Aufträge eigenständig leisten konnte. Seine erste nachweisbare Tätigkeit fällt ins Jahr 1587, als er zum 1579 begonnenen Bau der St.-Antonius-Kirche in Reichenberg (tschech. Liberec) hinzugezogen wurde, um gravierende Konstruktionsfehler zu beheben, das Gotteshaus einzuwölben und eine neue Kanzel anzufertigen. Ob er auch am Neubau des Reichenberger Schlosses in den Jahren 1583 bis 1587 beteiligt war, ist unklar. 1596 lieferte S. eine neue Kanzel für die Friedländer Heilig-Kreuz-Kirche, deren Brüstung mit Karyatiden, Rollwerkkartuschen und den vier Evangelisten als Sitzfiguren verziert ist. Zwischen 1598 und 1600 führte er Umbauten am alten Schloss in Friedland (tschech. Frýdlant) aus und errichtete den Neubau des sog. Unteren Schlosses. Höchstwahrscheinlich wurden von ihm bzw. einem seiner Gehilfen auch die Sgraffitoverzierungen an den Friedländer Schlössern angefertigt, die allegorische Darstellungen und Jagdmotive zeigen. Stilistisch weisen diese Sgraffitobilder enge Parallelen zu den Verzierungen am Schloss Oberneundorf bei Görlitz auf, sodass dieses möglicherweise auch als ein von S. errichteter Bau angesehen werden kann. 1598/99 baute er in Friedland nach eigenem Entwurf einen Burgturm zur Schlosskapelle um. Ferner wird ihm die Grabkapelle der Familie von Redern in Friedland zugeschrieben. Beide Kapellenbauten sind in nachgotischen Formen gestaltet. 1599 bis 1602 verstärkte er die Friedländer Stadtbefestigung und führte Umbauten am Vorwerk zu Priedlanz (tschech. Prědlánce) aus. Zwischen 1599 und 1603 entwarf und errichtete S. gemeinsam mit Antonio Spazzo und den aus Görlitz stammenden Steinmetzen Jonas Meißner und Lorentz Wolf den Neubau des Reichenberger Rathauses (1892 abgebrochen), zu dem sich umfangreiche Bauabrechnungen erhalten haben, die einen Einblick in die Arbeits- und Organisationsweise dieses Baumeisters geben. So bestand sein Bautrupp bei diesem Projekt zeitweise aus fünf Maurern und vier Handlangern. Die letzte nachweisbare Arbeit des S. ist der Neubau der herrschaftlichen Mühle in Mildenau (tschech. Luh pod Smrkem) aus dem Jahr 1606. – S., den man auch als einen Bauunternehmer bezeichnen kann, ist ein charakteristischer Vertreter der sog. „Welschen“ Bauleute, einer Form von Wanderarbeitern aus dem nördlichen Italien und der Schweiz, die über familiäre Netzwerke das Bauwesen in Mitteleuropa im 16. und 17. Jahrhundert dominierten und in Konkurrenz zu den zünftisch organisierten einheimischen Handwerkern traten.



W  Dekanatskirche St. Antonius Reichenberg, 1587; Unteres Schloss Friedland, ca. 1588-1590; Kanzel Heilig-Kreuz-Kirche Friedland, 1596; Schlosskapelle Friedland, 1598/99; Rathaus Reichenberg, 1599-1603 (1892 abgebrochen).

L  L. Hübner, Geschichte des Rathausbaues der Stadt Reichenberg in den Jahren 1599-1604, Reichenberg 1887; E. A. Seeliger, Welsche Bauleute um und in Zittau zur Zeit der Renaissance, in: Zittauer Geschichtsblätter 8/1925, unpag.; J. Helbig, Der Bau der Schlosskapelle in Friedland, in: Mitteilungen des Vereins für Heimatkunde des Jeschken-Isergaues 5/1911, S. 129; K. F. Kühn, Topographie der historischen und kunstgeschichtlichen Denkmale im Bezirke Reichenberg, Brünn/Prag/Leipzig/Wien 1934, S. 199f., 204, 250; V. Kotrba, Frýdlant. Státní hrad a památky v okolí [Friedland. Die staatliche Burg und die Denkmäler der Umgebung], Prag 1959; V. Kotrba, Die nachgotische Baukunst Böhmens zur Zeit Rudolfs II., in: Umení 18/1970, S. 298-330, hier S. 326; B. Kubát, Zámecké kaple v Liberci [Die Schlosskapelle in Reichenberg], in: ebd. 26/1978, S. 174-182, hier S. 174-176; E. Poche (Red.), Umelecké památky Čech [Die Kunstdenkmäler Böhmens], Bd. 1, Prag 1977, S. 347f., 351f.; J. Krčálova, Renesanční architektura v Čechách a na Moravě [Die Architektur der Renaissance in Böhmen und Mähren], in: J. Dvorský (Red.), Dějiny českého výtvarného umení [Geschichte der tschechischen bildenden Kunst], Bd. 2/1, Prag 1989, S. 6-62, hier S. 43, 46, 58.



Kai Wenzel
3.9.2008


Empfohlene Zitierweise:

Kai Wenzel, Spazzo (Spacco, Spaczo, Spatio, Spaz), Marco, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (18.8.2017)

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