Taupitz Karl Ernst
Bibliothekar, Statistiker, Direktor der Städtischen Bücherei und Lesehalle Dresden
* 25.10.1898 London 20.5.1991 Gilching Tutzing(ev.)
VErnst Friedrich (1875-1957), SchreinermeisterMHelene, geb. Müller (1877-1919)1925 Johanna, geb. Schwarz (1897-1990)SKarl-Christoph (1926-2003), IngenieurTBirgitta (* 1934), Oberstudiendirektorin
GND: 126912092

T. verbrachte seine Kindheit und Jugend in Swakopmund (Namibia). 1913 übersiedelte er nach Leipzig, besuchte dort bis 1916 die öffentliche Handelsschule und wurde Mitglied der Wandervogelbewegung. Nach seinem Kriegsdienst 1916 bis 1919, einer Weiterbildung an der Handelshochschule und dem Abitur 1920 studierte er Volkswirtschaft, Statistik, Soziologie und Kulturphilosophie an den Universitäten Leipzig und Innsbruck (Österreich). Im Juli 1924 promovierte er im Fach Staatswissenschaft an der Philosophischen Fakultät in Leipzig mit der Arbeit „Die Gesellschaftswissenschaften Robert von Mohls“. T. war ein begeisterter Anhänger des Bibliotheksgedankens und der Büchereipädagogik Walter Hofmanns. Im Oktober 1924 nahm er eine Tätigkeit als Fachstatistiker in der von Hofmann gegründeten Deutschen Zentralstelle für volkstümliches Büchereiwesen in Leipzig auf. Parallel dazu absolvierte er 1924 bis 1926 eine bibliothekarische Ausbildung an der Deutschen Volksbüchereischule Leipzig. 1926 bis 1929 war er als wissenschaftlicher Assistent am Institut für Leser- und Schrifttumskunde beschäftigt. Außerdem bekleidete T. das Amt des Geschäftsführers im Verband der Deutschen Zentralstelle und im Einkaufshaus für Volksbüchereien. 1931 avancierte er zum Leiter der Städtischen Bücherei Leipzig-Gohlis und der Sächsischen Facharbeitsstelle für volkstümliches Büchereiwesen. Darüber hinaus war er bis 1939 Mitglied des Sächsischen Prüfungsamts für Büchereiwesen, Abteilung B. In zeitlichem Zusammenhang mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7.4.1933 trat er nominell in die NSDAP ein. Am 1.4.1934 folgte seine Berufung zum Direktor der Städtischen Bücherei und Lesehalle nach Dresden. Gleichzeitig übernahm er nebenamtlich die Leitung der Staatlichen Landesfachstelle für Büchereiwesen und die parteiamtliche des Ressorts Büchereiwesen des Gauschulungsamts. Unter seiner Ägide wurden das erste Kinderlesezimmer in der Zweigstelle Nordwest eingerichtet (eröffnet am 15.9.1935) sowie der Städtischen Bücherei und Lesehalle 1937 weitere Praktikanten zur bibliothekarischen Ausbildung zugewiesen. Publizistisch trat T. u.a. für den Ausbau des Gemeindebibliothekswesens sowie für die Schaffung einer Büchereigesetzgebung nach dem Vorbild anderer Staaten (Großbritannien, USA, Skandinavien) ein. Die Einrichtung gesonderter, einseitig auf Propagandaliteratur spezialisierter Parteibibliotheken lehnte er wegen mangelnder Bildungs- und Entspannungsliteratur u.a. mit Hilfe ideologischer Argumente ab. Die NSDAP-Gauleitung griff diesen Gedanken in einer Parteiverfügung vom 17.1.1935 auf. Entsprechend dieser durften keine Parteibibliotheken gegründet und bereits bestehende mussten in die Volksbibliotheken eingegliedert werden. Der Aussonderung und Vernichtung unerwünschter Literatur stand T. laut Begründung der Spruchkammer Füssen, die im Rahmen seines Entnazifizierungsverfahrens 1947 gesprochen wurde, ablehnend gegenüber. So habe er entgegen einer entsprechenden Parteiverfügung sekretierte Werke in einem Sonderarchiv zusammenstellen lassen und ihre Ausleihe unter besonderen Voraussetzungen geduldet. Der Aufnahme nationalsozialistischer Hetzschriften in den Bibliotheksbestand und der Anschaffung rassistischer und volksverhetzender Literatur nationalsozialistischer Verlage habe er sich widersetzt. 1937 geriet er aufgrund seines Verhaltens und seiner langjährigen Mitgliedschaft in der Vereinigung „Ermächtigte Bruderschaft der alten Riten“ (Ebdar) e.V. Leipzig in Konflikt mit dem damaligen Oberbürgermeister Ernst Zörner. Dies führte 1938 zu einer Beförderungssperre und dem Entzug nahezu aller dienstlichen Kompetenzen. Ein eingeleitetes Parteiausschlussverfahren wurde infolge seiner Einberufung zum Kriegsdienst am 26.8.1939 nicht zu Ende geführt. Der Parteiausschluss war zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits beschlossen. Nach amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Italien 1945 und seiner Entlassung nach Füssen übernahm T. 1946 das Lektorat für Schöne Literatur, Literaturgeschichte, Neuere Geschichte und Heimatgeschichte beim Maximilian-Dietrich-Verlag in Memmingen. Aufgrund des „Gesetzes zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus“ wurde er am 16.7.1947 durch die Spruchkammer Füssen als Entlasteter eingestuft. 1949 wechselte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Schriftleiter zum ifo-Institut für Wirtschaftsforschung nach München. Gleichzeitig wirkte er 1951 bis 1960 als Leiter des Wirtschaftsarchivs, Referent und stellvertretender Abteilungsleiter im Bayerischen Statistischen Landesamt in München. Von 1961 bis zu seiner Pensionierung 1969 arbeitete er als Personalreferent bei dem ifo-Institut in München. – T.s offizielles Wirken in der Zeit des Nationalsozialismus war durch eine äußere Anpassung an die politischen Verhältnisse gekennzeichnet. T. war jedoch kein überzeugter Nationalsozialist. Inoffiziell stand er der Kultur- und Literaturpolitik des Dritten Reichs eher distanziert gegenüber und versuchte im Rahmen seiner Möglichkeiten als Bibliotheksdirektor den exzessiven bibliothekspolitischen Maßnahmen entgegenzuwirken.



Q  Universität Leipzig, Universitätsarchiv; Städtische Bibliotheken Dresden, Facharchiv; Auskünfte Birgitta T. 2008.

W  Die Gesellschaftswissenschaften Robert von Mohls, Diss. Leipzig 1924; Ein zweiter Bücherei-Neubau in Leipzig, in: Hefte für Büchereiwesen 14/1930, S. 356-358; Einige Betriebsziffern aus den Städtischen Bücherhallen zu Leipzig, in: ebd. 15/1931, S. 229-232; Neuordnung des Volksbüchereiwesens in Sachsen, in: Die Bücherei 1/1934, S. 288-291; Parteibibliotheken oder Volksbüchereien?, in: ebd., S. 545-550; Die Bücherei in der Großstadt, in: ebd. 3/1936, S. 145-158; Der Aufbau des Büchereiwesens in Sachsen seit der nationalsozialistischen Revolution, in: ebd. 4/1937, S. 243-258; Leitsätze zur Gliederung der Buchkartenkartei in großstädtischen Büchereien, in: ebd. 5/1938, S. 719-722; Über den Begriff der Volksbücherei, in: ebd. 6/1939, S. 1-8; Das Büchereiwesen in Dorf und Kleinstadt, Dresden 1940, 31942; mit W. Sies, Fünf Jahre Deutsche Mark, Berlin u.a. 1953; Die amtliche bayerische Statistik und das Bayerische Statistische Landesamt von 1833 bis 1958, in: Zeitschrift des Bayerischen Statistischen Landesamts 91/1959, S. 47-106.

L  Stadttore zur Medienwelt, hrsg. von den Städtischen Bibliotheken Dresden, Altenburg 2006 (Bildquelle). – DBA II.

P  Karl T., 1945/46, Fotografie, Privatarchiv Familie Krumm.



Christiane Schastok
22.10.2009


Empfohlene Zitierweise:

Christiane Schastok, Taupitz, Karl Ernst, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (26.3.2017)

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