S. absolvierte eine humanistische Gymnasialausbildung in Frankfurt/Main, Zweibrücken und Kreuznach. Neben alten Sprachen sowie der Geisteswelt und der Kultur der Antike galt sein besonderes Interesse der Germanistik. Diese philologische Ausrichtung sollte S.s medizinhistorische Arbeit sein Leben lang prägen. Nach dem Abitur entschloss er sich zu einem Medizinstudium, das er in Erlangen, Tübingen (Promotion 1875) und Berlin (Staatsexamen 1876) absolvierte und bei dem ihn die evangelisch-reformierte Gemeinde in Frankfurt/Main nach dem frühen Tod seines Vaters finanziell unterstützte. S.s sprachlich-naturwissenschaftliche Doppelbegabung lenkte ihn bereits als Student zur Medizingeschichte, obwohl diese damals kein reguläres Lehrfach war und allenfalls nebenbei von anderen Fachvertretern gelesen wurde. Bei seiner autodidaktischen Beschäftigung mit dem deutschen Mittelalter stieß S. auf die Persönlichkeit des Paracelsus, der zu dieser Zeit gänzlich vergessen und höchstens in esoterisch interessierten Kreisen präsent war. Entgegen dem technik- und fortschrittsorientierten Zeitgeist ließ S. sich sowohl vom Mittelalter als auch von Paracelsus faszinieren, und diese Begeisterung sollte ihn ebenfalls zeitlebens begleiten; wegen seiner Paracelsus-Forschungen wurde S. z.B. 1895 als erster Deutscher Ehrenmitglied der Basler Naturforschenden Gesellschaft. Nach dem neunmonatigen Militärdienst und der Medizinalassistentenzeit in Berlin, Augsburg und Wien arbeitete S. kurze Zeit als Armenarzt in Frankfurt/Main, um seine Verpflichtungen gegenüber der dortigen Gemeinde abzuleisten. 1878 legte er seine Physikatsprüfung ab und ließ sich dann im Frankfurter Vorort Bergen als praktischer Arzt nieder. Seine freie Zeit nutzte er für bibliothekarische und archivarische Studien. Unzufrieden mit dem kulturellen Angebot und der Verdienstsituation zog S. mit seiner Familie 1883 nach Hochdahl bei Düsseldorf, um dort die Stelle eines Hüttenarztes anzutreten, die ihm nebenbei auch eine lukrative Privatpraxis erlaubte. Am neuen Wohnort beteiligte er sich am geselligen Leben und genoss sein Ansehen und den beruflichen Erfolg, der ihm 1901 den Titel eines Sanitätsrats und 1904 die Titularprofessur einbrachte. Der Medizingeschichte blieb S. treu, ihr waren die Morgenstunden zwischen fünf und acht Uhr vorbehalten. Sein Vermögen gestattete S. Kongress- und Forschungsreisen sowie den Erwerb von aktueller Forschungsliteratur, 170 wertvollen Handschriften und 525 Inkunabeln. Durch zahlreiche Publikationen und Vorträge im In- und Ausland ebenso wie durch Ausstellungen sowie durch sein Engagement für die Gründung der „Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften“ (heute: „Deutsche Gesellschaft für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaften und Technik“) 1901 in Hamburg erwarb sich S. den Ruf als führender Medizinhistoriker seiner Zeit. Das Angebot einer Honorarprofessur in Rostock (1905) schlug er aus, aber als durch die Mittel der Puschmann-Stiftung an der Universität Leipzig die Gründung des weltweit ersten medizinhistorischen Instituts möglich wurde und man ihm (ebenfalls 1905) dort eine Stelle als planmäßiger Extraordinarius anbot, nahm er den Ruf an und nutzte diese einmalige Chance einer universitären Etablierung der Medizingeschichte. S. konzentrierte sich fortan voll auf sein zum Beruf gewordenes Forschungsgebiet. Er etablierte mehrere Schriftenreihen (z.B. „Klassiker der Medizin“, „Studien zur Geschichte der Medizin“) und gründete 1907 die erste wissenschaftshistorische Zeitschrift „Archiv für Geschichte der Medizin“ (heute „Sudhoffs Archiv“), die er auch fast 20 Jahre lang allein herausgab, sowie die „Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften“, als deren Mitherausgeber er seit dem ersten Jahrgang 1901 fungierte. Auch beim „Archiv für Geschichte der Naturwissenschaften und der Technik“ und bei den „Schriften zur historischen Biologie der Krankheitserreger“ war S. Mitglied des Herausgeberkollegiums. Ferner betreute er rund 200 Dissertationen, in denen größtenteils medizinische Texte erschlossen wurden, von denen es bis heute keine weiteren Editionen gibt. Ein guter Dozent soll S. allerdings nicht gewesen sein, denn mit seinem enormen Detailwissen überforderte er die Hörer und vergaß die Struktur seines Vortrags. Das größte öffentliche Echo fand S.s Organisation der umfangreichen historischen Abteilung der Internationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden 1911, bei der er auf seine früheren Ausstellungserfahrungen zurückgreifen konnte. Die Beschäftigung mit Sachzeugen der Vergangenheit gab Anlass zur Begründung einer medizinhistorischen Sammlung am Institut, die auch durch Schenkungen von begeisterten Amateur-Medizinhistorikern rasch anwuchs. Besonders hervorgehoben seien die frühneuzeitlichen chirurgischen Instrumente, die S. von Robert Ritter von Töply erhielt, sowie die Nachbildungen antiken Zahnersatzes, die von dem neapolitanischen Zahnarzt Vincenzo Guerini stammten. Es dauerte allerdings bis 1919, ehe S. endlich gegen die Widerstände der auf Exklusivität bedachten Medizinischen Fakultät ein Ordinariat bekam. Angesichts des hohen Ansehens der Leipziger Medizin hatte S. als ein ehemaliger Landarzt und Vertreter eines „Orchideenfachs“, noch dazu mit Vorliebe für seiner Zeit als dubios geltende Themen wie Paracelsus, einen schweren Stand. 1921 wurde S. jedoch zum Vorsitzenden der Medizinischen Gesellschaft zu Leipzig gewählt und fungierte 1922/23 sogar als Dekan. Zum 1.4.1925 wurde S. emeritiert, doch fand dieses Ereignis in seiner Autobiografie keine Erwähnung, und so arbeitete er noch unter seinem ihn sehr verehrenden Nachfolger Henry Ernest Sigerist, dem er auch persönlich verbunden war, unermüdlich im Institut weiter. Nachdem die Feier zum 70. Geburtstag auf dem Höhepunkt der Inflation (1923) bescheiden ausgefallen war, wurde sein 75. Geburtstag (1928) unter internationaler Beteiligung und mit akademischer Würdigung begangen. Die größte Ehre war jedoch die anschließende Gründung eines medizinhistorischen Instituts nach Leipziger Vorbild an der Johns Hopkins Universität in Baltimore (1929), an der S. persönlich teilnahm. S. übernahm noch einmal die universitären Amtsgeschäfte, als sich Sigerist 1932 aus politischen Gründen entschloss, nach einem Vortrags- und Forschungsaufenthalt in den USA ein dortiges attraktives Stellenangebot anzunehmen – erst 1934 wurde Walter von Brunn als Nachfolger eingesetzt. Den 85. Geburtstag, der unter Beteiligung aller deutschen Medizinhistoriker gefeiert werden sollte und zu dem das Leipziger Institut den Namen seines Gründers erhielt, hat S. dagegen nicht mehr erlebt. – S.s Verdienste um die universitäre Verankerung des Fachs Medizingeschichte und um dessen Formierung zur wissenschaftlichen Disziplin durch Gründung einer Fachgesellschaft und einer Fachzeitschrift sowie durch die Ausbildung des Nachwuchses sind unbestritten. Auch S.s wissenschaftliche Leistungen haben trotz wechselnder Moden in den historischen Fächern Bestand: Seine Paracelsus-Ausgabe und seine Quellenstudien zur mittelalterlichen Medizin sind bis heute unübertroffen. Dabei umfasste sein Themenspektrum die gesamte Heilkunde von der Frühgeschichte bis in die Gegenwart, alle medizinischen Fächer einschließlich der Zahnheilkunde, die naturwissenschaftlichen Disziplinen und die „Volksmedizin“. Die Ehrendoktorwürden der Universitäten Breslau (poln. Wrocław) und Leipzig wie auch die Ehrenmitgliedschaften in allen wissenschaftlichen Gesellschaften seines Fachs und der Royal Society of Medicine in London würdigten diese ungewöhnliche Lebensleistung. Zu seinen Lebzeiten beeindruckte er durch sein umfassendes Wissen und dominierte konkurrenzlos durch seine starke Persönlichkeit (verbunden mit einer imposanten Erscheinung) nicht nur das Institut, sondern auch jede Tagung. 31 Jahre lang hatte er ununterbrochen den Vorsitz der medizinhistorischen Fachgesellschaft inne. In seinen letzten Lebensjahren wurde S. Mitglied der NSDAP, was seinem Ansehen sehr schadete. Dies wurde etwa von seinem Schüler, Nachfolger und Freund Sigerist mit Unverständnis aufgenommen, der versuchte, diesen Schritt mit Senilität zu erklären. Charles Singer, der S. ebenfalls fachlich viel verdankte, schildert ihn dagegen als politisch absolut naiv und taub für alle Belange außerhalb der Medizingeschichte, was für die späten Leipziger Jahre zutreffen mag. – S.s philologische Vorgehensweise prägte die deutsche Medizingeschichte über Jahrzehnte, was lange Zeit zu einer Unterschätzung der Sozialgeschichte der Medizin, zu einem Ignorieren der Methodendiskussionen in den historischen Wissenschaften und zu einer Vernachlässigung ideengeschichtlicher und wissenschaftstheoretischer Aspekte führte. V.a. wirkt irritierend, dass S. zwar akribisch Texte, Bilder und Sachzeugen in riesiger Zahl sammelte und beschrieb, sie aber weder interpretierte noch in einen historischen Kontext einordnete; dies wollte er, der seine Bemühungen als Pionierarbeiten verstand, späteren Generationen überlassen.
