Schmidt-Rottluff (Schmidt) Karl
Maler, Grafiker, Bildhauer
* 1.12.1884 Rottluff bei Chemnitz 10.8.1976 Berlin
VFriedrich August Schmidt, MüllerMAuguste Marie, geb. HaaseGGertrud1918 Em(m)y, geb. Frisch († 1975)
GND: 118759795





S. zählt zu den bedeutenden Malern des Expressionismus und war Mitbegründer der Künstlergruppe „Brücke“. – S. besuchte ab 1891 zunächst die Volksschule in Rottluff und anschließend für kurze Zeit eine Privatschule in Rabenstein. 1897 wurde er am Humanistischen Gymnasium in Chemnitz aufgenommen, wo er 1901 Erich Heckel kennen lernte. Beide verkehrten im Debattierclub „Vulkan“, einem literarischen Zirkel Chemnitzer Gymnasiasten, in dem über die damals aktuellen Texte von Autoren wie Friedrich Nietzsche, Fjodor Dostojewski, August Strindberg und Henrik Ibsen diskutiert wurde. Nach dem Abitur gingen S. und Heckel 1905 nach Dresden, um Architektur zu studieren und gründeten dort zusammen mit Fritz Bleyl und Ernst Ludwig Kirchner die Künstlergemeinschaft „Brücke“. Seither nannte er sich nach seinem Geburtsort Karl Schmidt-Rottluff. 1906 besuchte er Emil und Ada Nolde in Guderup auf der Insel Alsen. Nachdem S. 1907 sein Architekturstudium abgebrochen hatte, widmete er sich ganz der Malerei. Im selben Jahr lernte er in Hamburg den Juristen und Kunstsammler Gustav Schiefler und die Kunsthistorikerin Rosa Schapire kennen, die als passive Mitglieder für die „Brücke“ geworben werden konnten. Die Sommermonate in den Jahren 1907 bis 1909 verbrachte er gemeinsam mit Heckel und der Oldenburger Malerin Emma Ritter in Dangastermoor und Dangast am Jadebusen. Heckel und S. wurden 1907 Mitglieder der Vereinigung Nordwestdeutscher Künstler. – S.s frühe Bilder sind in einem kleinteiligen, pointillistischen Malstil gehalten („Bahndamm im Winter“, 1905/06), der sich ab 1910 nicht zuletzt unter Einfluss der Fauves zu einem flächigen, farbintensiven und rhythmischen Stil wandelte („Deichdurchbruch“, 1910). Die gleichzeitig entstandenen Holzschnitte lassen in ihrer schlichten, ausdrucksvollen Strenge die Beschäftigung mit der Plastik außereuropäischer Kulturen erkennen. Im Winter 1910 blieb S. in Hamburg und mietete sich dort ein kleines Dachatelier. Die Gemälde und Aquarelle, die vor dem Ersten Weltkrieg entstanden, zeigen v.a. Atelierszenen und Landschaften in einer kräftigen Farbigkeit, in denen er unter Verwendung einer Kombination von einfachen Formen und einigen wenigen ausdrucksstarken Linien bewusst auf kleinteilige Details verzichtete („Tannen vor weißem Haus“, 1911). Von April bis Juni 1911 zog er sich wiederum nach Dangast zurück, bevor er Anfang Juli für einen Monat nach Lofthus/Norwegen reiste. Ende Oktober 1911 übersiedelte S. von Dresden nach Berlin. Dort pflegte er engen Kontakt zu dem sich um Herwarth Walden sammelnden Künstlerkreis. 1912 lernte er Franz Marc kennen, der nach Berlin gereist war, um für die zweite Ausstellung des „Blauen Reiters“ Arbeiten der „Brücke“-Künstler auszusuchen. Auch an der Kölner Sonderbund-Ausstellung beteiligte er sich mit drei Gemälden. Er pflegte Kontakte zu Else Lasker-Schüler, Alfred Mombert, Karl Sternheim und freundete sich mit Lyonel Feininger an. Gegen Ende 1912 fand das Aktmotiv, das zuvor vorrangig in der Zeichnung und in der Druckgrafik auftauchte, verstärkt Eingang in sein malerisches Schaffen („Nach dem Bade“, 1912). Mit Hilfe von Konturen und Binnenstrukturen werden die Körper auf der Leinwand modelliert („Mädchen bei der Toilette“, 1912). – Von Januar bis Mai 1913 hielt sich S. vorwiegend in Berlin und Hamburg auf. Nachdem sich die Künstlergemeinschaft „Brücke“ im Mai offiziell aufgelöst hatte, verbrachte er den Sommer bei Pechstein in Nidden auf der Kurischen Nehrung. Fern von jeglicher Zivilisation entstanden hier Akt- und Landschaftsdarstellungen, Gemälde, Zeichnungen und Holzschnitte, in denen S. zu einem ganz eigenen Stil fand, der in großartiger Weise eine Synthese zwischen Ausdruck und Form bildet. In reduzierten, knappen und klaren Formen, die von kräftigen Konturen gefasst sind, erscheinen die Akte - z.T. ungewöhnlich proportioniert - in der freien Natur („Drei rote Akte“, 1913). Ende 1913 beteiligte sich S. an der Ausstellung der „Neuen Secession“ in Berlin. Im März 1914 erschien in der Zeitschrift „Kunst und Künstler“ ein erster Artikel über seine Kunst. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs zog sich S. bis zu seiner Einberufung 1915 zurück und konzentrierte sich in seiner Malerei verstärkt auf das Figürliche; Landschaftsdarstellungen treten völlig in den Hintergrund. Unter vorrangiger Verwendung monochromer Farbwerte in Verbindung mit Formverzerrungen bis hin zur Stilisierung entstanden „Personifikationen des Melancholischen, Nachdenklichen“ (1914). Während seines Kriegsdiensts begann S. mit seinen ersten bildhauerischen Arbeiten und schuf aus Holz geschnitzte Köpfe und Masken, ganzfigurige Akte sowie bekleidete Figuren. 1917 fanden erste religiöse Themen Eingang in sein Schaffen („Adorant“, 1917). Daneben entstand eine Reihe von Holzschnitten („Die heiligen drei Könige“, 1917), und S. begann mit der Arbeit an der Holzschnittmappe „Kristus“, die nach seiner Entlassung aus dem Kriegsdienst, im Dezember 1918 im Kurt Wolff-Verlag erschien. Nach Berlin zurückgekehrt heiratete er seine langjährige Freundin Em(m)y Frisch. 1919 lernte S. die Bildhauer Georg Kolbe, Richard Scheibe und Emy Roeder sowie den Architekten Walter Gropius kennen. – 1920 bis 1931 verbrachte S. die Sommer in Jershöft an der pommerschen Ostseeküste. In dieser Zeit bestimmte das ländliche Leben seine Bildthemen; Arbeiter, Handwerker, Bauern oder Fischer erscheinen auf seinen Gemälden, die in ihren rhythmischen Bewegungsabläufen bei der Arbeit in fest gefügten Bildkompositionen gezeigt werden („Heuernte“, 1921). Zwischen 1923 und 1926 begannen die Formen plastischer zu werden und die Anlehnung ans Naturvorbild nahm spürbar zu. Ab 1925 entstanden Landschaften und Stillleben in einer eher sanften und gedämpften Farbgebung („Malven am Haus“, 1926). – In der Zeit seines größten Erfolgs begannen ab 1930 die Diffamierungskampagnen der Nationalsozialisten. Daraufhin zog sich S. an die Ostsee zurück und schuf dort seine monumentalen Landschaften, in denen die politische Unterdrückung in großflächigen, oft disharmonierenden Farbklängen und beklemmenden Stimmungen einen deutlichen Ausdruck fand („Dünental mit totem Baum“, 1937). Auch die nun häufiger auftretenden Darstellungen von menschenleeren, die Umwelt gänzlich ausschließenden Innenräumen („Das kleine Zimmer“, 1939) bezeugen seine Einsamkeit. Nachdem über 600 Werke S.s als „entartet“ beschlagnahmt worden waren, erhielt er 1941 schließlich Malverbot. – Eine nächste Schaffensperiode setzte erst 1947 im Zusammenhang mit seiner Berufung zum Professor an die Hochschule für Bildende Künste Berlin ein. S. schuf v.a. zahlreiche Winterbilder, in denen gedämpfte Stimmungen überwiegen („Schneelandschaft“, 1947). Seine späten Ölbilder zeichnen sich durch eine feste und plastische Formgebung und eine extreme Leuchtkraft der Farben aus („Mond und Gartentor“, 1960). Ab 1964 arbeitete er nur noch mit Tusche, Aquarellfarben, Pastell- und Ölkreiden. Neben einem umfangreichen grafischen Werk, das v.a. Holzschnitte und Lithografien umfasst, existieren von S. Entwürfe für Mosaiken, Glasbilder, Gobelins, Gebrauchsgegenstände und Schmuck. – Zahlreiche Ehrungen und Ausstellungen begleiteten seine späten Lebensjahre. Sein Nachlass ging als „Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung“ an das Brücke-Museum Berlin.



W  Bahndamm im Winter, 1905/06, Öl auf Leinwand, Städtische Kunstsammlungen Chemnitz; Deichdurchbruch, 1910, Öl auf Leinwand, Brücke-Museum Berlin; Tannen vor weißem Haus, 1911, Öl auf Leinwand, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie; Nach dem Bade, 1912, Öl auf Leinwand, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Neue Meister; Mädchen bei der Toilette, 1912, Öl auf Leinwand, Brücke-Museum Berlin; Drei rote Akte, 1913, Öl auf Leinwand, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie; Personifikationen des Melancholischen, Nachdenklichen, Akt, 1914, Privatbesitz; Adorant, 1917, Holz, Städelsches Kunstinstitut Frankfurt/Main; Die heiligen drei Könige, 1917, Holzschnitt; Heuernte, 1921, Öl auf Leinwand, Chemnitz, Privatbesitz; Malven am Haus, 1926, Öl auf Leinwand, Chemnitz, Privatbesitz; Dünental mit totem Baum, 1937, Öl auf Leinwand, Kiel, Privatbesitz; Das kleine Zimmer, 1939, Öl auf Leinwand, Brücke-Museum Berlin; Schneelandschaft, 1947, Öl auf Leinwand, Städtische Kunstsammlungen Chemnitz; Mond und Gartentor, 1960, Öl auf Leinwand, Brücke-Museum Berlin.

L  W. Grohmann, Karl S., Stuttgart 1956; G. Thiem, Karl S., Aquarelle und Zeichnungen, München 1963; R. Schapire, Karl S.s grafisches Werk bis 1923, Berlin 1970; E. Rathenau, Karl S.s grafisches Werk seit 1923, Berlin 1970; K. Brix, Karl S., Wien/München 1972; G. Wietek, Karl S. in Hamburg und Schleswig-Holstein, Neumünster 1984; L. Reidemeister, Der Holzstock als Kunstwerk, S., Holzstöcke von 1905-1930, Berlin 1985; G. Wietek, Die Oldenburger Jahre 1907-1912, Oldenburg 1994; M. M. Moeller, Karl S., Werke aus der Sammlung des Brücke-Museums Berlin, München 1997. – DBA II, III; DBE 9, S. 25f.; Thieme/Becker, Bd. 30, Leipzig 1999, S. 170.

P  Selbstbildnis, 1944, Ölgemälde, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Konstanze Rudert
8.1.2008


Empfohlene Zitierweise:

Konstanze Rudert, Schmidt-Rottluff (Schmidt), Karl, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (24.10.2017)

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