Hammerschmidt Karl Reinhard
Pfarrer, Superintendent von Werdau
* 19.1.1900 Dresden vermisst seit 17.1.1945 bei Warka/Polen(ev.)
VCarl Reinhard (1870-1952), Seminaroberlehrer, StudienratMAgnes Maria Wilhelmina, geb. Bode (1875-1932)GBodo (1898-1986), Berufsschullehrer; Marie Gertraud (1905-1984)1923 Julia Marianne, geb. Thalheim (1902-1964)SKlaus Reinhard Alfred (1924-1943); Karl Dietrich (1927-1935)TJutta Marianne (1930-1989)
GND: 13965643X






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H. war neben Hugo Hahn und Karl Fischer einer der wichtigsten Vertreter und Führer der sächsischen „Bekennenden Kirche“ (BK), die im Kirchenkampf der NS-Zeit den systemkonformen „Deutschen Christen“ (DC) entgegentrat. – Er besuchte 1906 bis 1909 die Volksschule, danach bis 1917 ein Gymnasium in Dresden. 1917 bis 1921 studierte H. in Leipzig Theologie, unterbrochen durch seinen Militärdienst von Juni 1918 bis Januar 1919 im Feldartillerieregiment 48. 1921 bis 1924 war H. als Lehrer in der Anstaltsschule des Bezirkserziehungsheims Meißen-Bohnitzsch und als Lehrkandidat in Meißen-Zscheila tätig. 1924 wurde er in der neu gegründeten Kirchgemeinde in Kirschau bei Bautzen ordiniert und war dort bis 1936 Ortspfarrer. Daneben übernahm er eine Vielzahl kirchlicher und kommunaler Ehrenämter. – Ab 1933 war H. maßgeblich am Aufbau und der Organisation der BK in Sachsen beteiligt. So nahm er bereits am 8.7.1934 an der konstituierenden Sitzung des vorläufigen Landesbruderrats teil und wurde am 29.11.1934 in die „Evangelisch-Lutherische Bekenntnisgemeinschaft Sachsens“ aufgenommen, die sich am 26.9.1935 in „Bekennende Evangelisch-Lutherische Kirche in Sachsen“ umbenannte. Die sächsische BK bestritt die Legitimation des hiesigen DC-Kirchenregiments unter Landesbischof Friedrich Coch. Der Konflikt spitzte sich zu im Streit um die Abgabe der Kollekte an die kirchenpolitisch umstrittene Kirchenleitung - der sog. „Kollektenfrage“. Wegen Befolgung der BK-Instruktionen in der Kollektenfrage wurden gegen H. zwei „nichtförmliche Dienststrafverfahren“ eingeleitet. In beiden wurde er zu Geldstrafen verurteilt. Mit dem Zusammenbruch des Reichskirchenregiments im Oktober 1934 und der Einsetzung des Reichskirchenministers Hanns Kerrl sowie durch die Einführung von Kirchenausschüssen auf Reichs-, Landes- und Ortsebene entspannte sich die Lage vorübergehend. So war es möglich, dass H. Superintendent und Pfarrer von Werdau wurde. Das Scheitern der Kirchenausschüsse und der Kirchenwahl 1937 führten zur erneuten Konfrontation zwischen BK und DC und letztlich zu einer stärkeren Verfolgung der BK. So wurde auch H. am 10.11.1937 vom Amt als Superintendent enthoben. Dies erkannte er jedoch nicht an und nahm weiterhin Amtshandlungen vor, die nur einem Superintendenten zustanden, was am 22.2.1938 eine „vorläufige Dienstenthebung“, die Einleitung eines „Dienststrafverfahrens mit dem Ziele der Entfernung aus dem Kirchenamte“ und die Suspendierung auch als Ortspfarrer zur Folge hatte. Dieser Richtungskampf kulminierte in seiner förmlichen Verurteilung am 6.12.1938 vor dem DC-Kirchengericht in Dresden auf „Dienstentlassung“. – Nach der Ausweisung des Führers der sächsischen BK, Hugo Hahn, am 12.5.1938 durch Martin Mutschmann aus Sachsen wurde H. dessen Nachfolger. In dieser Eigenschaft führte er im September 1938 für die sächsische BK Verhandlungen mit Johannes Klotsche zur Eidfrage. Klotsche hatte im April 1938 von allen Pfarrern und kirchlichen Beamten die Ablegung eines Treueids auf Adolf Hitler verlangt. Die BK, die einerseits ihre Loyalität zum Staat und andererseits ihre Ablehnung des DC-Kirchenregiments bekunden wollte, suchte nach einem theologisch vertretbaren Ausweg. H., der seit Mai/Juni 1938 offiziell für die „Ev. Buchhandlung R. Bach Nachf. (Max Müller)“ in Chemnitz arbeitete, trat nun verstärkt als Vortragsreisender und Verfasser von BK-Rundbriefen in Erscheinung. Bei Kriegsbeginn denunzierte das DC-Landeskirchenamt die BK-Geistlichen beim Arbeitsamt als arbeitslos, um deren Einberufung zum Arbeitsdienst oder zur Wehrmacht zu erreichen. H. wehrte sich zunächst erfolglos dagegen, meldete sich aber Anfang November 1939 freiwillig zur Wehrmacht. Er wurde durchgehend an der Ostfront eingesetzt und bis zum Oberleutnant (August 1943) befördert. Nach einem letzten Heimaturlaub im März 1944 galt er seit Anfang 1945 an der Ostfront als vermisst.



Q  Landeskirchenarchiv der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Dresden, Bestand 5, Nr. 18003 A-F, Nr. 266, Nr. LBR 121, Nr. 18003 G-Kl.

W  Gott zum Gruße!, in: Werdauer Zeitung 56/1936, Nr. 178, 1. Beilage, S. 5; Rundbriefe des sächsischen Landesbruderrats, u.a. vom 13.6.1939, 22.6.1939, 4.7.1939, 7.7.1939, 11.7.1939, 19.7.1939, 20.7.1939, 27.7.1939, 3.8.1939, 29.8.1939, 22.9.1939, 7.10.1939.

L  G. Prater (Hg.), Kämpfer wider Willen, Metzingen 1969; J. Fischer, Die sächsische Landeskirche im Kirchenkampf 1933-1937, Halle 1972, S. 116; W. Feurich, Die Verwirklichung des Dahlemer Notkirchenrechtes durch die Bekennende evangelisch-lutherische Kirche Sachsens, in: Gottes Wort ist nicht gebunden 4/1978, Beiheft, S. 14-18; K. Meier, Die evangelische Kirche im Kirchenkampf, Bd. 3, Halle 1984; H. Klemm, Im Dienst der Bekennenden Kirche, Göttingen 1986; M. Hein, Die sächsische Landeskirche nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges (1945-1948), Leipzig 2002; M. Kluge, Karl Reinhard H. - ein vergessener Exponent des sächsischen Kirchenkampfes, in: R. Wißuwa/G. Viertel/N. Krüger (Hg.), Landesgeschichte und Archivwesen, Dresden 2002, S. 465-485.



Matthias Kluge
8.9.2006


Empfohlene Zitierweise:

Matthias Kluge, Hammerschmidt, Karl Reinhard, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (18.8.2017)

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