Elmendorff Karl Eduard Maria
Dirigent
* 25.10.1891 Düsseldorf 21.10.1962 Hofheim am Taunus Wiesbaden, Nordfriedhof(kath.)
VKarl (1851-1923), KaufmannMAgnes, geb. Gartz (* 1856)1937 Minnegard, geb. Stober (1904-2004)
GND: 11645248X

E. galt insbesondere aufgrund seiner langjährigen Präsenz in Bayreuth (1927-1942) im In- und Ausland als einer der wichtigsten und profiliertesten Wagnerinterpreten, dirigierte aber auch darüber hinaus ein breites Opern- und Konzertrepertoire. Sein Wirken ist in etlichen, z.T. in den letzten Jahren wiederveröffentlichten Plattenaufnahmen sowie vereinzelten Filmaufnahmen dokumentiert. – Nach dem Studium der Klassischen Philologie, Germanistik und - zeitweilig - Zahnmedizin in Freiburg/Breisgau, München und Münster wurde E. in Bonn musikwissenschaftlich sowie 1913 bis 1916 am Kölner Konservatorium von Fritz Steinbach und Hermann Abendroth im Dirigat ausgebildet. Zunächst als Korrepetitor, dann als Zweiter Kapellmeister arbeitete E. am Stadttheater Düsseldorf (1916-1920). Es folgten Engagements in Mainz als Erster Kapellmeister (1920-1923) und an den Opern Hagen (1923/24) und Aachen (1924/25) als musikalischer Oberleiter. 1925 wechselte E. an die Staatsoper München, wo er unter Generalmusikdirektor Hans Knappertsbusch als Erster Kapellmeister fungierte. Durch seine Mitwirkung an den Deutschen Festspielen in Weimar 1926 fiel E. dem Bayreuther Festspielchef Siegfried Wagner auf, der ihn 1927 und 1928 für „Tristan und Isolde“ sowie 1930 für „Der Ring des Nibelungen“ als Gastdirigenten nach Bayreuth einlud. Auch Winifred Wagner, Siegfried Wagners Witwe und Nachfolgerin in der Festspielleitung, verpflichtete E. wiederholt, zunächst 1931 wiederum für den „Ring“. 1932 avancierte E. zum Generalmusikdirektor am Staatstheater Wiesbaden. Bei den Bayreuther Festspielen 1933 übernahm E. neben dem „Ring“ anstelle von Arturo Toscanini, der aus politischen Gründen abgesagt hatte, die Leitung der „Meistersinger von Nürnberg“. Im selben Jahr dirigierte E. zudem in Nürnberg anlässlich des NSDAP-Reichsparteitags eine Festaufführung der „Meistersinger“. Auch in den folgenden Jahren war E. bei den Festspielen aktiv: 1934 betreute er musikalisch wieder den „Ring“ und die „Meistersinger“, 1938 „Tristan“, 1939 bis 1941 den „fliegenden Holländer“ und 1942 ein letztes Mal den „Ring“. Neben den Auftritten in Bayreuth, seiner Tätigkeit als Generalmusikdirektor 1936 bis 1942 am Nationaltheater Mannheim sowie als ständiger Dirigent der Staatsoper Berlin (1937-1941) gastierte E. auch erfolgreich im Ausland, u.a. in Paris und Mailand. Noch während der allgemeinen Aufnahmesperre bemühte er sich 1934 - zunächst erfolglos - um Mitgliedschaft in der NSDAP und wurde erst nach Lockerung der Sperre 1937 Parteimitglied. Als im Laufe des Jahres 1941 absehbar wurde, dass der bisherige Dresdner Generalmusik- und Operndirektor Karl Böhm seinen bis 1944 laufenden Vertrag nicht erfüllen und stattdessen nach Wien gehen würde, brachte sich E. um die Jahreswende 1941/42 bei der Hitlervertrauten Gerdy Troost und bei Reichspropagandaminister Joseph Goebbels als Nachfolger ins Gespräch. Mit Unterstützung von Goebbels und dessen Apparat sowie auf persönlichen Wunsch Adolf Hitlers setzte sich E. als Nachfolger Karl Böhms gegen die Hauptkonkurrenten Herbert von Karajan und Joseph Keilberth - dem Wunschkandidaten der Dresdner Verantwortlichen - durch. Dem Musikkritiker Hans Schnoor zufolge wurde die Dresdner Öffentlichkeit durch E.s Berufung überrascht. Am 10.1.1943 debütierte E., der im selben Monat das Kriegsverdienstkreuz II. Klasse ohne Schwerter verliehen bekam, in Dresden mit „Tristan und Isolde“. Im Wesentlichen führte er während seiner durch das Kriegsende abgekürzten Amtszeit das von Böhm etablierte Opernrepertoire - v.a. Werke von Giacomo Puccini, Giuseppe Verdi, Richard Wagner und Richard Strauss - fort. Dieses wurde aber mit einer Reihe von in Dresden bislang nicht gespielten Werken ergänzt, etwa Antonín Dvořáks „Jakobiner“ (Erstaufführung 2.2.1943), Giacomo Puccinis „Mantel“ (Erstaufführung 15.4.1943), Richard Straussʼ „Capriccio“ (Erstaufführung 2.1.1944) und „Ariadne auf Naxos“ (Erstaufführung 7.6.1944) sowie Leoš Janáčeks „Jenufa“ (Erstaufführung 31.3.1944). Auch brachte E. in Dresden einige Werke zur Uraufführung: Neben Joseph Haasʼ Oper „Die Hochzeit des Job“ (2.7.1944) dirigierte er in Sinfoniekonzerten der Staatskapelle Gottfried von Einems Ballett „Prinzessin Turandot“ (14.2.1944), Heinrich Sutermeisters erstes Konzert für Klavier und Orchester (14.4.1944) und Gottfried Müllers sinfonisches Chorwerk „Führerworte“ (14.4.1944), um dessen Aufführung sich E. schon Ende 1941 bemüht hatte. Daneben spielte er 1943/44 mit dem Ensemble der Staatsoper Dresden für die Reichsrundfunkgesellschaft eine Reihe von Operngesamtaufnahmen bzw. -querschnitten ein, u.a. von Janáčeks „Jenufa“, Wolfgang Amadeus Mozarts „Don Giovanni“, Verdis „Luisa Miller“, Hermann Goetzʼ „Der Widerspenstigen Zähmung“ und Carl Maria von Webers „Freischütz“. Ende 1944 verließ er Dresden und erlebte das Kriegsende in Pfaffenhofen an der Ilm, wo er bis 1947 blieb. – In E.s Entnazifizierungsverfahren wurde er am 2.4.1947 durch die Spruchkammer Mannheim als „Entlasteter“ eingestuft; die Aufhebung dieses Spruchs durch das Ministerium für politische Befreiung Württemberg-Baden erzwang eine erneute Verhandlung, aus der E. am 6.9.1948 wiederum als „Entlasteter“ hervorging. Anschließend war er musikalischer Oberleiter an den Staatstheatern in Kassel (1948-1951) und Wiesbaden (1951-1955). Wegen seiner Verdienste um das hessische Musikleben verlieh ihm der hessische Minister für Erziehung und Volksbildung 1956 die Goethe-Plakette. Ab 1957 war E. Vorsitzender der Jean Sibelius Gesellschaft Deutschland. – E. verkörperte künstlerisch den Typus des deutschen Kapellmeisters, im positiven wie im negativen Sinn. Seine Probenarbeit galt als intensiv und lange ausgedehnt; Goebbels charakterisierte E. als „Orchestererzieher“. Nicht ganz zu Unrecht attestierte ihm der Musikkritiker Alfred Einstein eine „merkwürdige Mischung von Robustheit und Feinheit, von Unbeseeltheit oder Handwerksmäßigkeit [...] und überraschendem Zartsinn“. – In politischer Hinsicht trifft wohl weder die 1949 formulierte Einschätzung der Personalabteilung im Berliner Rundfunk zu, E. sei ein überzeugter Nationalsozialist gewesen, noch die 1948 dargelegte Auffassung der Spruchkammer Mannheim, E. habe aktiv Widerstand geleistet. Allerdings hatte er gegenüber der NS-Führung kaum Berührungsängste und nutzte seine Kontakte, um berufliche Vorteile zu erreichen.



Q  Bundesarchiv Berlin, ehemaliges Berlin Document Center, Parteikorrespondenz, Personenakten der Reichskulturkammer, R 55 Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda; Deutsches Rundfunkarchiv Potsdam-Babelsberg, HA Personal, Schriftwechsel Personalangelegenheiten, Gesperrte Musiker und Komponisten, 1947-1952; Landesarchiv Baden-Württemberg-Generallandesarchiv Karlsruhe, Spruchkammer Mannheim; Die Tagebücher von Joseph Goebbels, 3 Teile, hrsg. von E. Fröhlich, München 1993-2008.

L  H. E. Weinschenk, Künstler plaudern, Berlin 1941, S. 65-69 (P); H. Schnoor, Musik in Dresden, in: Musik im Kriege 1/1943, S. 188f.; E. Voss, Die Dirigenten der Bayreuther Festspiele, Regensburg 1976 (P); Bayreuth in der deutschen Presse, Dokumentenbd. 3,2: Von der Ära Siegfried Wagner bis ins Dritte Reich (1908-1944), hrsg. von S. Großmann-Vendrey, Regensburg 1983; G. Fuhr, Minnegards Erbe, Bd. 1, Wiesbaden 2008, S. 82f., S. 86-92 (P). – DBAII, III; DBE 3, S. 93; MGG2P, Bd. 6, Sp. 280f.; NGroveD (1980) 6, S. 139; NGrove (2/2001) 8, S. 157; RiemannL, Bd. 2, S. 20; W. Habel (Hg.), Wer ist wer?, Bd. 1, Berlin 141962, S. 299; O. Renkhoff, Nassauische Biographien, Wiesbaden ²1992, S. 168; F. Prieberg, Handbuch Deutsche Musiker 1933-1945, ²2009 (CD-ROM).

P  Generalmusikdirektor Karl E. dirigiert „Prinzessin Turandot“ (1944), Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek; Karl E., Fotografie, Sächsische Staatsoper Dresden, Historisches Archiv (Bildquelle).



Helmut K. H. Strauss
12.11.2013


Empfohlene Zitierweise:

Helmut K. H. Strauss, Elmendorff, Karl Eduard Maria, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (1.5.2017)

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