Gellert Johannes Fürchtegott
Geograf, Geologe
* 4.10.1904 Leipzig 23.3.1994 Potsdam
VMartin (1875-1946), RatsassessorMElsa, geb. Thomas (* 1876)GKäte Thekla, verh. Leopold (* 1909), Kontoristin, Hausfrau 1.1939 Rose-Maria, geb. Eberth 2.1949 Else Melanie, geb. Landgraf, verw. Möbus (* 1904), HausfrauStiefSElmar Gero, geb. Möbus (*1938), Arbeitshygieneinspektor
GND: 116523689

G. zählte zu den einflussreichsten Vertretern der wissenschaftlichen Geografie in der DDR. Sein geografisches und geowissenschaftliches Interesse wurde nach eigenen Angaben bereits frühzeitig, v.a. durch seinen Vater und Großvater, seine Schullehrer sowie seine Reisen mit den Pfadfindern, geweckt. Schon als Schüler nahm er ab 1915 am Vereinsleben der traditionsreichen, 1861 gegründeten Gesellschaft für Erdkunde zu Leipzig teil und hörte dort Vorträge der führenden Geografen und Forschungsreisenden seiner Zeit. Nach seinem 1924 am Leipziger Petri-Realgymnasium abgelegten Abitur studierte G. 1924 bis 1929 Geografie, Geologie, Ethnologie, Klimatologie und Mineralogie sowie Petrografie an den Universitäten Leipzig, Marburg und Gießen. Zu seinen wichtigsten Lehrern gehörten die Professoren Franz Kossmat, Carl Walter Kockel, Hans Meyer, Karl Hermann Scheumann und Wilhelm Volz. – Zwischen 1926 und 1938 unternahm G. mehrere Forschungsreisen nach Bulgarien, u.a. auch als Forschungsstudent des Instituts für Mineralogie und Petrographie der Universität Leipzig und mit Förderung der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaften (1929/30). Die geologische Landeskunde Bulgariens war auch Thema der 1929 in Leipzig eingereichten Dissertation „Die Neogenbucht von Varna und ihre Umrandung“. – G. setzte seine Hochschullaufbahn als Zweiter Assistent am Geologisch-Paläontologischen Institut der Universität Freiburg (1930/31) und als Volontär- und Hilfsassistent von Heinrich Schmitthenner und Karl Heinrich Dietzel am Kolonialgeographischen Institut der Universität Leipzig (1931-1938) fort. Anfang der 1930er-Jahre legte sich G. endgültig auf die Geografie als sein Hauptforschungsgebiet fest. Am Leipziger Institut entstand 1937 auch die Habilitation über die Kulturgeografie Mittelbulgariens. Nach seiner kurzzeitigen Dozententätigkeit am Geographischen Institut der Universität Leipzig (1938) folgte ab 1939 ein längerer Forschungsaufenthalt in Südwestafrika. Dort standen v.a. farmwirtschafts- und siedlungsgeografische, geomorphologische und klimatologische Fragestellungen im Vordergrund. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde G. 1940 in der westlichen Kalahari von der britischen Armee interniert. Auch während dieser Zeit konnte G. seine Forschungen, v.a. Befragungs- und Literaturstudien, fortsetzen. Die Auswertung und Veröffentlichung einiger dort gewonnener Forschungsergebnisse erfolgte jedoch erst ab Ende der 1940er-Jahre. Neben dem Balkan, der Sowjetunion und China, wohin ihn 1959/60 eine ausgedehnte Forschungsreise führte, blieb das südliche Afrika bis in die 1980er-Jahre G.s. regionaler Arbeitsschwerpunkt. Nach seiner im Rahmen des Internierungsaustauschs 1944 über Portugal erfolgten Rückkehr nach Leipzig war er mit wehrgeografischen Sonderaufgaben beschäftigt. Noch im Januar 1945 erfolgte seine Ernennung zum Professor an der Universität Leipzig. – G. hatte schon frühzeitig mit dem nationalsozialistischen System sympathisiert. Neben seiner seit 1933 bestehenden NSDAP-Mitgliedschaft wirkte er 1933 bis 1939 als politischer Leiter der NSDAP und 1939 bis 1945 als Oberscharführer der SA. – Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs übernahm G. kurzzeitig die kommissarische Leitung der beiden Geographischen Institute der Universität Leipzig, wurde jedoch im Oktober 1945 wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft aus der Universität entlassen. Bis zu seiner „Entnazifizierung“ wirkte er als freischaffender Geograf und Schriftsteller. Neben einigen Auftragsarbeiten für die SMAD und die KPD/SED, Zeitungsartikeln und schulgeografischen Aufsätzen hielt G. in dieser Übergangszeit zahlreiche länderkundliche Vorträge, u.a. im Schulfunk der SBZ und innerhalb der „Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion“, der späteren „Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft“. Sein regionales Interesse konzentrierte sich nun besonders auf die Geografie der Sowjetunion und entsprach somit auch den Erwartungen der neuen Funktionseliten in der SBZ. Während G. der Zugang zur Universität versperrt war, engagierte er sich auch in dem aus der Leipziger Gesellschaft für Erdkunde hervorgegangenen und im Mai 1948 gegründeten Arbeitskreis für Erdkunde. – 1949 nahm G. seine Hochschultätigkeit als Dozent am Geographischen Seminar der Universität Halle-Wittenberg wieder auf. Zwei Jahre später begann seine langjährige Potsdamer Schaffensperiode, zunächst als Dozent für „Geographie der südost- und osteuropäischen Länder, insbesondere der Sowjetunion“ am Geographischen Institut der 1948 gegründeten Brandenburgischen Landeshochschule Potsdam und seit 1951 als Professor mit Lehrauftrag. Dort setzte sich G. intensiv für den Aufbau des Fachbereichs der Physischen Geographie ein und leitete die gleichnamige Abteilung an der Pädagogischen Hochschule bis zu seiner Emeritierung 1970. 1954 erhielt er eine Professur mit vollem Lehrauftrag, 1961 mit eigenem Lehrstuhl. Zwischen 1959 und 1966 übernahm G. zusätzlich auch die kommissarische Leitung des Instituts für Mineralogie und Geologie der Pädagogischen Hochschule Potsdam. Die Ernennung zum ordentlichen Professor erfolgte erst 1969, ein Jahr vor seiner Emeritierung. Auch nach der offiziellen Beendigung seiner akademischen Laufbahn setzte G. seine wissenschaftliche Tätigkeit fort. Sein umfangreiches Schriftenverzeichnis zählt mehr als 380 Titel. – G.s Forschungsschwerpunkte waren v.a. die Allgemeine Physische Geografie, die Klimageografie und Geomorphologie, insbesondere die Quartärmorphologie Brandenburgs und die Küstenmorphologie der Ostsee. Davon zeugen auch die von ihm zwischen 1951 und 1958 durchgeführten Praktika in Zietenhorst (Rhinluch) oder die Einrichtung der wissenschaftlichen Station Glowe auf der Insel Rügen, die G. 1957 bis 1969 leitete. Ein weiteres Arbeitsgebiet war die naturräumliche Gliederung, v.a. dokumentiert im „Klima-Atlas der DDR“ (1953) und dem „Handbuch der naturräumlichen Gliederung Deutschlands“ (1953-1962). – Neben seiner Tätigkeit als Hochschullehrer wirkte G. in diversen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Organisationen der DDR in höchsten Funktionen. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der seit 1953 bestehenden Geographischen Gesellschaft in der DDR, an deren Spitze er 1957 bis 1966 als Vorsitzender bzw. Präsident stand. Unter seiner Leitung etablierte sich die Geographische Gesellschaft als nationaler Fachverband der Geografen in der DDR, der dabei von zahlreichen Ortssektionen und fünf Fachsektionen getragen wurde. Intensiv, und noch verstärkt nach seiner Emeritierung, unterstützte er die Fachsektion Physische Geographie. Daneben gehörte er 1957 bis 1969 dem Wissenschaftlichen Beirat für Geographie beim Staatssekretariat für Hochschulwesen der DDR an und war der erste Präsident (1959-1964) des Nationalkomitees für Geographie innerhalb der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. In diese Zeit fällt auch die wissenschaftspolitisch denkwürdige Aufnahme der DDR als Mitglied der Internationalen Geographischen Union (IGU) auf dem Internationalen Geographenkongress 1960 in Stockholm, welche die Systemspaltung innerhalb der deutschen Geografie manifestierte. – Als Reisekader und hoher Funktionär der DDR-Wissenschaft konnte G. zahlreiche Kongresse im Ausland besuchen und bei internationalen Projekten mitwirken, etwa innerhalb der IGU-Kommission für Geomorphologische Erkundung und Kartierung und für die Internationale Geomorphologische Karte 1:2,5 Mio. sowie innerhalb der internationalen Quartärkommission (INQUA). – G. war daneben auch in der URANIA, im Präsidium und als Vorsitzender der Sektion Geowissenschaften (1957-1959 und 1969-1976), im Kulturbund und in der Gesellschaft für Natur und Umwelt aktiv. Seit 1953 gehörte er der NDPD an und war zeitweilig Abgeordneter im Bezirkstag in Potsdam und im Bezirksausschuss Potsdam der Nationalen Front. – G. wurden diverse Ehrungen zuerkannt, u.a. die Ernst-Moritz-Arndt-Medaille der Nationalen Front, die Johannes-R.-Becher-Medaille des Kulturbunds der DDR, die Hermann-Haack-Medaille und die Ehrenmitgliedschaft der Geographischen Gesellschaft der DDR, der Vaterländische Verdienstorden und die Alexander-von-Humboldt-Medaille der DDR. – G. starb 1994 hochbetagt in Potsdam. Sein umfangreicher Nachlass befindet sich im Archiv für Geographie des Leibniz-Instituts für Länderkunde in Leipzig.



Q  Archiv für Geographie des Leibniz-Instituts für Länderkunde, Leipzig, Nachlass G., Nachlass Geographische Gesellschaft der DDR; Universitätsarchiv Leipzig, PA 0497.

W  Die Neogenbucht von Varna und ihre Umrandung, Diss. Leipzig 1929; Mittelbulgarien. Das kulturgeographische Bild der Gegenwart, Habil. Berlin 1937; Die physisch-geographischen Einheiten der Deutschen Demokratischen Republik, Potsdam 1953 [MS]; mit E. Meynen u.a. (Hg.), Handbuch der naturräumlichen Gliederung Deutschlands, Bad Godesberg 1953-1962; Grundzüge der Physischen Geographie von Deutschland, Bd. 1: Geologische Struktur und Oberflächengestaltung, Berlin 1958; Die Weichsel-Eiszeit im Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1965; Die Erde. Sphären, Zonen und Regionen, Territorien, Leipzig/Jena/Berlin 1982, 21987; China. Natur und Umwelt, Gotha 1987.

L  E. Scholz, Dr. phil. habil. Johannes F. G. 75 Jahre, in: ders. (Hg.), Beiträge zur Regionalen Physischen Geographie, Potsdam 1979, S. 11-20; Ders., Verzeichnis der Schriften von Johannes F. G., in: ebd., S. 21-33; H. Barsch, Prof. Dr. habil. Johannes F. G. 80 Jahre, in: Petermanns Geographische Mitteilungen 128/1984, H. 4, S. 297f.; E. Scholz, Zum 85. Geburtstag von Prof. Dr. Johannes F. G., in: Geographische Berichte 34/1989, H. 3, Nr. 132, S. 209f. (Bildquelle). – DBA II, III.



Bruno Schelhaas
9.11.2009


Empfohlene Zitierweise:

Bruno Schelhaas, Gellert, Johannes Fürchtegott, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (28.5.2017)

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