Bocer (Bocerus, Booker, eigentl. Bodeker, Boedeker, Bodecker, Boedecker) Johannes (Johann, Ioannes)
lateinischer Dichter, Historiker, Jurist
* 1526 (?) Hausberge bei Minden 6.10.1565 Rostock(ev.)
1559 Maria, geb. Kuiper (Helm), verw. Somer († 1565), Schwester des lateinischen Dichters und Heidelberger Professors Lambert Ludolph HelmS1 († 1563)
GND: 117608769

B. war ein neulateinischer Lyriker und Epiker, Historiker sowie Professor an der Universität Rostock. Große Bedeutung innerhalb Sachsens hat er heute noch v.a. für die Stadt Freiberg, auf die er 1553 das Loblied „Fribergum in Misnia“ dichtete. – In der Literatur finden sich zahlreiche unterschiedliche Angaben zu B.s Geburtsjahr, wobei sich in der neueren Forschung 1526 durchgesetzt hat. Über seinen familiären Hintergrund sowie über die genaue Anzahl und die Lebensdaten seiner Kinder ist nichts bekannt. Nachdem B. seit etwa 1533 das drei Jahre zuvor gegründete Martinsgymnasium in der westfälischen Stadt Minden besucht hatte, ließ er sich im November 1540 an der Universität Wittenberg immatrikulieren. Es ist nicht überliefert, ob B. dort einzig die Artistenfakultät besuchte oder darüber hinaus auch ein Fachstudium an einer höheren Fakultät, z.B. der Juristischen Fakultät, aufnahm. Allerdings spricht die lange Studiendauer bis 1549 und der Umstand, dass B. später in Rostock Lizentiat der Rechte wurde, für ein juristisches Studium. In Wittenberg machte B. auch Bekanntschaft mit dem dort lehrenden Philipp Melanchthon. Zum Sommersemester 1553 erfolgte die Immatrikulation an der Universität Leipzig. Im selben Jahr entstand das Städtelob „Fribergum in Misnia“. Vermutlich besuchte B. die Stadt Freiberg bereits 1551 oder 1552 sowie während seiner Leipziger Studienzeit. Da ihm bekannt war, dass die Bergstadt bis zu diesem Zeitpunkt in keinem literarischen Werk gewürdigt worden war, entschloss er sich, ein Loblied zu verfassen. In diesem beschreibt B. sowohl die zeitgenössischen Verhältnisse der Stadt als auch deren Geschichte in 2.654 lateinischen Hexametern. Er hatte den Anspruch, ein genaues Geschichtsbild Freibergs wiederzugeben, wobei er jedoch teilweise chronologische Fehler beging. Trotzdem wurde seine Darstellung lange Zeit als Geschichtsquelle genutzt und hatte auch darüber hinaus großen Erfolg. „Fribergum in Misnia“ wurde dem Freiberger Stadtrat gewidmet, der die Arbeit von Beginn an unterstützte. Nachdem B. sein Werk am 9.10.1553 beendet hatte, wurde das Lobgedicht von dem Buchdrucker Valentin Bapst in Leipzig herausgegeben. 1577, 1588 und 1589 erschienen weitere Auflagen. 1554 verließ B. Leipzig. In den darauffolgenden Wanderjahren entstanden u.a. die Elegien (1554), mit denen B. versuchte, Gönner zu gewinnen und Lohn zu erwerben. Dabei scheute er sich nicht, auch sein eigenes Schicksal zu schildern. Neben Klagen über seine Erfolglosigkeit, Unglück und Not wurden auch die Verhältnisse der Zeit thematisiert. Zum Wintersemester 1556/57 schrieb sich B. an der Universität Frankfurt/Oder ein. Vermutlich folgte er dem Dichter Georg Sabinus dorthin, da er bereits während seines Aufenthalts in Königsberg (russ. Kaliningrad) zu dessen Schüler- und Dichterkreis zählte. In Frankfurt/Oder bildete B. erneut gemeinsam u.a. mit Michael Abel, Johannes Schlosser und Michael Haslob einen solchen Kreis. – Ab April 1558 wurde B. als Professor für Poesie und Redekunst an die Universität Rostock berufen. Diese Verpflichtung ging v.a. auf den mecklenburgischen Herzog Johann Albrecht I. zurück, dem B. seine Geschichte der Herzöge von Mecklenburg („De origine et rebus gestis ducum Megapolensium libri tres“) gewidmet hatte. Auch sein ehemaliger Mentor Sabinus hatte sich mit einer poetischen Empfehlung beim Herzog für den Dichter eingesetzt. Der Eintrag in der Rostocker Matrikel vom 5.1.1558 bezeichnet B. erstmals als „poeta laureatus“, also als mit dem Lorbeerkranz gekrönten Dichter. Vermutlich wurde er 1556 oder 1557 von Sabinus mit dieser Ehre ausgezeichnet. Auch fand hier zum ersten Mal sein Magistergrad Erwähnung. 1559 heiratete B. die Witwe des 1557 in Rostock verstorbenen Theodor Somer. Mit ihr hatte er mehrere Kinder, von denen jedoch keines die Eltern überlebte. Nachdem B. bereits am 29.4.1561 vom Dekan der Juristischen Fakultät der Grad eines Lizentiaten der Rechte zuerkannt worden war, wurde er 1564 ordentlicher Professor für Poesie und Geschichte und am 14.4.1564 von den Mitgliedern der Artistenfakultät zum Dekan gewählt. B. verstarb 1565 an der Pest. Auch seine Frau und Kinder fielen der Pestepidemie im Sommer und Herbst 1565 zum Opfer. – Neben dem Loblied auf die Herzöge von Mecklenburg zählt die Geschichte zum Lob der Könige von Dänemark und der Grafen von Schauenburg (Schaumburg) „Carminum de origine et rebus gestis regum Daniae et ducum Hosatiae comitumque Schowenburgensium libri quinque“ von 1557 zu den umfangreichsten innerhalb B.s poetischem Gesamtwerk. Abgesehen von den dynastiegeschichtlichen Schriften bilden v.a. die Städtelobdichtungen eine markante Gruppe im Werk des Poeten: Außer „Fribergium in Misnia“ entstanden auch Loblieder auf Stadthagen (1560) und B.s Heimatstadt Minden (1563). Als eine dritte Gattung ist die Bukolik (Hirtendichtung) zu nennen. So feierte B. 1562 die drei bedeutenden lateinischen Dichter Sabinus, Petrus Lotichius Secundus und Johannes Stigel in einem bukolischen Trauergesang. Neben weltlichen Stoffen behandelte der Dichter auch religiöse Themen. Diese finden sich v.a. in den beiden ersten in Wittenberg erschienenen Werken „Triumphus domini nostri Iesu Christi“ (Ostergedicht, 1551) und „Panegyris de divo Iohanne Baptista“ (Lobgedicht auf Johannes den Täufer, 1553).



W  Triumphus domini nostri Iesu Christi crucifixi pro nobis et resuscitati ascendentis ad arcanam consuetudinem aeterni patris in coelum, Wittenberg 1551; Panegyris de divo Iohanne Baptista, Wittenberg 1553; Fribergum in Misnia, Leipzig 1553 (ND Porta Westfalica 2002); De origine et rebus gestis ducum Megapolensium libri tres, Leipzig 1556; Carminum de origine et rebus gestis regum Daniae et ducum Holsatiae comitumque Schowenburgensium libri quinque, Leipzig 1557; Epicedion reverendi et clarissimi viri Philippi Melanchthonis, Wittenberg 1560; De morte trium praestantissimorum Germaniae poëtarum et clarissimorum vivorum, Rostock 1562; De origine, antiquitate et celebritate urbis Mindae, Rostock 1563 (ND Minden 1998); Sacrorum carminum et piarum precationum libri quatuor, Rostock 1565, 21565.

L  R. Kade, Johann B. und sein Lobgedicht auf Freiberg 1553, in: H. Gerlach (Hg.), Mitteilungen vom Freiberger Altertumsverein 24/1887, S. 51-58; G. Ellinger, Die neulateinische Lyrik Deutschlands in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts, Berlin/Leipzig 1929; L. Mundt (Hg.), Johannes B., Sämtliche Eklogen, Tübingen 1999 (WV); Johannes B., in: Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins 85/2000, S. 46-48. – ADB 2, S. 760; DBA I, II, III; DBE 1, S. 593; NDB 2, S. 339; J. H. Zedler (Hg.), Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste, Bd. 4, Halle/Saale/Leipzig 1733, Sp. 294; C. G. Jöcher (Hg.), Allgemeines Gelehrten-Lexicon, Bd. 1, Leipzig 1750, Sp. 1149f.; J. G. W. Dunkel, Historisch-kritische Nachrichten von verstorbenen Gelehrten und deren Schriften, Bd. 3, Köthen/Dessau 1757, S. 1032; W. Killy (Hg.), Literatur-Lexikon, Bd. 2, Gütersloh/München 1989, S. 37f.; S. Pettke (Hg.), Biographisches Lexikon für Mecklenburg, Bd. 3, Rostock 2001, S. 18-23; W. Kühlmann (Hg.), Killy Literaturlexikon, Bd. 2, Berlin/New York 22008, S. 3.



Sarah Kunte
24.4.2017


Empfohlene Zitierweise:

Sarah Kunte, Bocer (Bocerus, Booker, eigentl. Bodeker, Boedeker, Bodecker, Boedecker), Johannes (Johann, Ioannes), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (28.7.2017)

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