Rivius Johann (Johannes) d.Ä.
Lehrer, Inspektor der Fürstenschulen
* 1.8.1500 Attendorn/Westfalen 1.1.1553 Meißen(ev.)
Anna, geb. Beerwald, Tochter des Bürgermeisters von ZwickauSJohann d.J. (1528-1596), Pädagoge, Philosoph; Hieronymus, LehrerTmind. 1
GND: 12459364X

R. zählt zusammen mit Georg von Carlowitz, Georg von Komerstadt und Georg Fabricius zu den bedeutendsten Gestaltern des Schulwesens im albertinischen Sachsen des 16. Jahrhunderts. Im Kontext der reformatorischen Erneuerung des Bildungswesens trug er maßgeblich zur Entstehung und humanistischen Profilierung der sächsischen Fürstenschulen bei. – Seinen ersten Unterricht erhielt R. im westfälischen Attendorn bei dem Ortsgeistlichen Tilomann Mull, der ihm exzellente Latein- und Griechischkenntnisse vermittelte und zugleich mit seinen pädagogischen Methoden die spätere Wirksamkeit R.s beeinflusste. Nach dem Studium und einer kurzen Lehrtätigkeit an der Universität Köln wandte sich R. nach Leipzig, wo er sich dem Humanisten Caspar Borner anschloss. Unter Vermittlung Borners erhielt er als 19-Jähriger eine Anstellung als Lehrer an der Zwickauer Lateinschule. Auch hier pflegte R. intensive Kontakte zu reformatorisch-humanistischen Kreisen, wie etwa zu Nikolaus Hausmann. Eine Unterbrechung des Schulbetriebs verbunden mit Einkommensverlusten zwang R., 1527 seine Tätigkeit in Zwickau zu beenden. Noch im selben Jahr übersiedelte er nach Annaberg und wurde Rektor der dortigen Lateinschule. R.s große Popularität zeigte sich u.a. daran, dass ihm viele Zwickauer Schüler in die noch junge erzgebirgische Bergstadt folgten. In Annaberg führte R. einen leidenschaftlichen Kampf gegen die hier noch herrschenden mittelalterlichen Lehrmethoden. Sein Engagement rief den heftigen Widerstand der konservativen Stadteliten um Pfarrer Johann Zeidler hervor, der zum Rechtsstreit eskalierte. Für seine pädagogischen Innovationen musste sich R. schließlich sogar am herzoglich sächsischen Hof in Dresden verantworten. Verbittert legte er 1533 sein Rektorenamt nieder und gab einige Zeit Privatunterricht. Die geistige Enge im Herrschaftsbereich Herzog Georgs veranlasste R. 1535, in die religiös und wirtschaftspolitisch ein Gegengewicht zu Annaberg bildende, der Regierung Herzog Heinrichs unterstehende Bergstadt Marienberg überzusiedeln. Weiterhin als Privatlehrer tätig, verfasste R. hier eine lateinische Stadtbeschreibung Marienbergs, die 1541 von Nicolaus Wolrab d.J. in Leipzig gedruckt und später auch ins Deutsche übersetzt wurde. Die inhaltlich und stilistisch bemerkenswerte Stadtbeschreibung trägt wesentlich zur Kenntnis der Gründungsgeschichte Marienbergs bei. Sie spiegelt zugleich zeittypische Stimmungslagen, v.a. die Auseinandersetzung mit den reformationsfeindlichen Kräften um Herzog Georg wider, und erhebt R. zum ersten Geschichtsschreiber der Stadt. – Von Caspar Cruciger d.Ä. geworben, ging R. 1536 für kurze Zeit als Lehrer nach Schneeberg. Anderweitige Berufungen nach Bautzen und Königsberg (russ. Kaliningrad) schlug er aus. 1537 ist R. als Rektor der Lateinschule in Freiberg nachzuweisen. Seiner besonderen Vertrauensstellung zu Herzog Heinrich verdankte R. seine Ernennung zum Lehrer und Erzieher Herzog Augusts, des späteren Kurfürsten von Sachsen. Zusammen mit August besuchte er im Herbst 1540 die Universität Leipzig, kehrte aber nach dem Tod Herzog Heinrichs 1541 mit seinem Schüler nach Dresden zurück. Von seinem Erzieheramt entbunden, übernahm R. an der Seite von Carlowitz und Komerstadt im Herbst 1541 verschiedene organisatorische Arbeiten zum Ausbau des albertinisch-sächsischen Kirchen- und Schulwesens im reformatorischen Sinne. Insbesondere machte sich R. um die Konzeption, inhaltliche Ausrichtung und personelle Ausstattung der Fürstenschulen verdient. Ob er dafür auf seine bereits im Frühjahr 1539 - also vor dem kirchenpolitischen Umschwung im Herzogtum Sachsen - im Auftrag des Meißner Bischofs Johann VIII. entworfene Schulordnung zurückgriff und sie den neuen Gegebenheiten anpasste, muss aufgrund der lückenhaften Überlieferung offen bleiben. Fest steht aber, dass sich die Unterrichtsgestaltung und Lehrbuchauswahl für die Fürstenschulen direkt auf R.s Pläne zurückführen lassen. Ihnen kam auch außerhalb Sachsens eine Vorbildfunktion zu. Darüber hinaus erwies sich R.s Personalpolitik als ungemein fruchtbringend für eine qualitätsvolle Entwicklung der Fürstenschulen. Die Mehrzahl der Rektoren und Lehrer, u.a. Fabricius, Johannes Gigas und Adam Siber, stammte aus dem persönlichen Umfeld R.s. Nachdem R. bereits 1543 an den Beratungen zur Neugestaltung der Universität Leipzig und an den Verhandlungen über die Wahl Herzog Augusts zum Administrator des Hochstifts Merseburg teilgenommen hatte, berief ihn Herzog Moritz am 23.1.1544 offiziell zum Inspektor der Fürstenschulen. 1545 bis zu seinem Tod war er Beisitzer des Konsistoriums Meißen. – Als vielseitiger und äußerst produktiver Autor stand R. lange Zeit im deutschsprachigen Raum und auch in England in Ansehen. Seine aus langjähriger Berufspraxis hervorgegangenen pädagogischen Lehrbücher, zusammengefasst in dem 18-bändigen Kompendium „De iis disciplinis, quae de sermone agunt“ (1539) zeichnen sich durch sprachliche Klarheit, Anschaulichkeit und Stoffbeherrschung aus. Philologisch beschäftigte sich R. u.a. mit den handschriftlichen Überlieferungen antiker Schriftsteller. Insbesondere seine „Castigationes“ zu Sallust (1537) erfreuten sich hoher Wertschätzung. R.s. umfangreiche theologische Schriften wurden ergänzt durch apologetische Veröffentlichungen zur Verteidigung der evangelischen Konfession. Eine von seinem Schwiegersohn Alexius Prätorius geplante Gesamtausgabe seiner Schriften blieb unvollendet.



W  Castigationes plurimorum ex Terentio locorum, Leipzig 1537; De iis disciplinis, quae de sermone agunt … libri XVIII, Leipzig 1539 (ND 1550); Mariebergi Descriptio, Leipzig 1541; De conscientia bonae mentis, Leipzig 1541; De religione libri tres, Basel 1546; De officio pastorali, Basel 1549; De vita et moribus Christianorum, Basel 1552.

L  J. C. Gottleber, De Joanne Rivio, Annaberg 1771; C. A. Rüdiger, Kurze Darstellung der Stadtschule zu Freyberg unter Johann R., Freiberg 1824; P. Süß, Geschichte des Gymnasiums zu Freiberg, Freiberg 1876; O. Saxenberger, Johannes R., sein Leben und seine Schriften, Breslau 1886; E. Schwabe, Das Gelehrtenschulwesen Kursachsens von seinen Anfängen bis zur Schulordnung von 1580, Leipzig 1914; A. Lobeck, Das Hochstift Meißen im Zeitalter der Reformation bis zum Tode Herzog Heinrichs 1541, Köln 1971; W. Lauterbach, Zum Wirken von Petrus Mosellanus und Johannes R. in Sachsen, in: Sächsische Heimat. Mitteilungen der Bundeslandsmannschaft Sachsen 26/1980, H. 9, S. 313-316 (P); B. Wiefel, R. und seine Stadtbeschreibung von Marienberg, in: Sächsische Heimatblätter 31/1985, S. 11-13; G. Wartenberg, Landesherrschaft und Reformation, Gütersloh/Weimar 1988, S. 117-121; ders./J. Flöter (Hg.), Die sächsischen Fürsten- und Landesschulen, Leipzig 2004; P. Dorfmüller, Rectores portenses. Leben und Werke der Rektoren der Landesschule Pforta von 1543 bis 1935, Beucha 2006, S. 9f.; K. Kratzsch, Marienberg - eine Idealstadt der Renaissance, in: Y. Hoffmann/U. Richter (Hg.), Herzog Heinrich der Fromme (1473-1541), Beucha 2007, S. 233-245. – ADB 28, S. 709-712; DBA I, II, III; DBE 8, S. 337; A. Hauck (Hg.), Realencyclopädie für protestantische Theologie und Kirche, Bd. 17, Leipzig ³1906, S. 168-170.

P  Kupferstich in: H. Pantaleon, Prosopographiae heroum atque illustrium virorum totius Germaniae, Basel 1565-1566 (Bildquelle).



Michael Wetzel
11.11.2013


Empfohlene Zitierweise:

Michael Wetzel, Rivius, Johann (Johannes) d.Ä., in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (26.4.2017)

Wikipedia Link