Francke Johann Michael
Bibliothekar
* 6.1.1717 Niederebersbach bei Radeburg 19.6.1775 Dresden
VMichael (1679-1728), PfarrerMEva Dorothea, geb. Oswald 1.1765 verw. Lincke († 1765) 2.1766 Sophie, geb. Drechsler
GND: 100836704

F. studierte nach dem Besuch des Gymnasiums in Bautzen (sorb. Budyšin) ab 1737 bei Johann Christoph Gottsched in Leipzig. Zu seinen Universitätsfreunden zählte u.a. Christian Fürchtegott Gellert. 1740 wurde F. als Bibliothekar des Reichsgrafen Heinrich von Bünau angestellt, der ihn mit der Überführung seiner Bibliothek aus seiner Stadtwohnung in Dresden nach Nöthnitz, dem Ankauf von Büchern nach seinen Vorgaben und der Verzeichnung des Bestands betraute. Der leider unvollständig gebliebene gedruckte Katalog („Catalogus Bibliothecae Bunavianae“) gilt wegen der Zuverlässigkeit und Vollständigkeit der Titelaufnahmen, der Ermittlung anonymer und pseudonymer Verfasser, der Verweise auf Übersetzungen und Kommentare, der Einbeziehung unselbstständig erschienener Beiträge in Sammelwerken und Periodika und der bibliografischen Nachweise fehlender, zur Erwerbung vorgesehener Titel als Spitzenleistung, die zeitgenössische Bücherverzeichnisse weit hinter sich ließ. Als 1764 die 42.000 Bände umfassende, als Muster einer Gelehrtenbibliothek geltende Sammlung Bünaus für die kurfürstliche Bibliothek in Dresden angekauft wurde, erhielt F. den Auftrag, sie mit dieser und der nachgelassenen Bibliothek des Grafen Heinrich von Brühl (62.000 Bände) zu vereinigen. Die Verschmelzung von insgesamt 175.000 Bänden und ihre Aufstellung in systematischer Ordnung waren in drei Jahren vollendet. F. erkannte die Eigenständigkeit bibliothekarischer Systematik und zog daraus als Erster die Konsequenzen. Er setzte an die Stelle eines wissenschaftlichen ein pragmatisches, den Bedürfnissen der Benutzer Rechnung tragendes Prinzip. Das führte zur Ausbildung von Gliederungseinheiten unter vorwiegend historisch-geografischem Aspekt. F. ordnete in die Geschichte eines Landes, einer Region oder eines Orts auch alle Schriften ein, die sich auf Geografie, Naturgeschichte, Recht, Verwaltung, Wirtschaft, Kultur, Religion, Bildungs-, Gesundheits- und Militärwesen bezogen. Das von ihm entwickelte Ordnungs- und Aufstellungssystem ermöglichte die Benutzung ohne Kataloge und Signaturen. Es bestand bis 1927 und wurde auch von anderen Bibliotheken (u.a. von der Königlichen Bibliothek in Berlin) übernommen.



Q  H. Henning, Aus dem Briefwechsel Johann Michael F.s, Weimar 1960; F. A. Ebert, Erinnerung an Johann Michael F., in: Ebertiana, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Handschriftensammlung.

W  Catalogus Bibliothecae Bunavianae, 7 Bde., Leipzig 1750-1756; Catalogus librorum, maximam partem exquitissimorum operum, qua in bibliotheca electorali Dresdensi in duplo extiterunt, 3 Bde., Dresden 1775-1777.

L  K. Assmann (Hg.), Sächsische Landesbibliothek Dresden 1556-1956, Leipzig 1956, S. 229; H. Henning, Aus dem Leben und Wirken Johann Michael F.s., in: Zentralblatt für Bibliothekswesen 72/1958, S. 273-298; M. Mühlner, "Der erste Bibliothekar, den Deutschland je aufzuweisen hatte", in: Buch und Bibliothek 52/2000, S. 240-245. – ADB 7, S. 237f.; NDB 5, S. 327f.; DBA I, II, III; DBE 3, S. 394; S. Corsten/G. Pflug/F. A. Schmidt-Künsemüller (Hg.), Lexikon des gesamten Buchwesens, Bd. 3, Stuttgar 1991, S. 15; T. Bürger/K. Hermann (Hg.), Das ABC der SLUB, Dresden 2006, S. 85.



Manfred Mühlner
2.12.2011


Empfohlene Zitierweise:

Manfred Mühlner, Francke, Johann Michael, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (29.6.2017)

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