Fasch Johann Friedrich
Hofkapellmeister in Anhalt-Zerbst, Komponist
* 17.4.1688 (getauft) Buttelstedt 5.12.1758 Zerbst(ev.)
VFriedrich Georg (um 1663-1700), Rektor in Heldrungen, Buttelstedt und Suhl, Tertius und Cantor figuralis am Fürstlichen Gymnasium Schleusingen, StadtkantorMSophia, geb. Wegerig (Wegerich) (1666-1723)GRegina Rosina (* 1690); Anna Sophia (1692-1726) 1.1717 Anna Christina, geb. Laurentius (1701-1720)SChristian Friedrich (1720-1721)TSophia Maria (1719-1746) 2.1728 Johanna Helena, geb. Simers (1708-1743)SAugust Friedrich Christian (* † 1735); Carl Friedrich Christian (1736-1800), Cembalist am Hof König Friedrichs II. von Preußen, Begründer der Berliner SingakademieTJohanna Friederika (1730-nach 1758)
GND: 11872262X





F. gehört neben Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel und Georg Philipp Telemann zu den bedeutenden mitteldeutschen Komponisten der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. – Nach dem frühen Tod des Vaters verließ F. mit zwölf Jahren die Prima des Gymnasiums in Suhl und wurde als Sopranist Kapellknabe der unter Leitung des Komponisten Johann Philipp Krieger stehenden Hofkapelle in Weißenfels. Der Hof des regierenden Herzogs Johann Georg von Sachsen-Weißenfels war ein bedeutender Aufführungsort der frühdeutschen Oper. 1701 wurde F. einer der ersten Schüler des neu berufenen Thomaskantors Johann Kuhnau und blieb bis 1707 Alumne der Thomasschule in Leipzig. Da er - wie es in seiner Autobiografie heißt - „die Information zu bezahlen nicht vermögend war“, vervollkommnete er sich während der Leipziger Schulzeit autodidaktisch im Violin- und Klavierspiel und begann Solokantaten auf galante Poesien von Christian Friedrich Hunold (Pseudonym Menantes) und Ouvertürensuiten im Stil des zeitlebens von ihm verehrten Freunds Telemann zu komponieren. Mit Beginn des Studiums der Jurisprudenz und wohl auch der Theologie an der Leipziger Universität gründete er neben dem von Telemann 1702 an der Neuen Kirche (später Matthäikirche) als neuem Leipziger Musikzentrum reaktivierten Collegium musicum, dem Vorläufer des späteren Gewandhausorchesters, ein studentisches Collegium musicum an der Leipziger Universität. Dieses musizierte zu akademischen Festlichkeiten in der Paulinerkirche sowie zu städtischen Anlässen und privaten Gelegenheiten wohlhabender Bürger und Gelehrter und konzertierte im Lehmannschen Kaffeehaus. Die beiden musikalischen Kollegien führten zu Konflikten mit dem Thomaskantor Kuhnau, der zum einen den Ruf der Thomaskirche schwinden und zum anderen seine Rechte als städtischer Director musices verletzt sah und sowohl beim Rat der Stadt als auch bei der Universität intervenierte. F. und Studenten der Collegia musica wirkten auch an der Leipziger Oper, die mit dem Musiker- und Komponistengestirn Telemann, Melchior Hoffmann, Johann David Heinichen, Gottfried Heinrich Stölzel, Johann Georg Pisendel und F. eingangs des 18. Jahrhunderts eine glanzvolle Periode erlebte. – Viele späterhin bedeutsame Persönlichkeiten gestalteten zu jener Zeit zumeist in jungen Jahren und am Beginn ihrer Laufbahn die Leipziger Musikszene, weshalb sich von der sächsischen Messe- und Universitätsstadt aus ein gleichermaßen weitreichendes wie weitverzweigtes kollegiales Netzwerk in der deutschen Musiklandschaft entwickelte. Von besonderer Bedeutung für F. sollten sich die in der Musikmetropole Leipzig geknüpften Freundschaften mit dem Violinvirtuosen und Konzertmeister der Dresdner Hofkapelle Pisendel, mit dem Komponisten und Dresdner Hofkapellmeister Heinichen, mit dem Komponisten und Gothaer Hofkapellmeister Stölzel sowie mit dem Komponisten und Darmstädter Hofkapellmeister Christoph Graupner erweisen. – Opernaufträge führten F. an den Hof von Herzog Moritz Wilhelm von Sachsen-Zeitz und zur Peter-Paul-Messe nach Naumburg, wo im Juni 1711 F.s „Clomire“ und im Jahr darauf „Die getreue Dido“ aufgeführt wurde. Im November 1711 kam zudem in Zeitz „Lucius Verus“ auf die Bühne. Eine erhoffte Reise nach Italien zerschlug sich aus finanziellen Gründen, gestaltete sich jedoch zu einer ausgedehnten musikalischen Bildungsreise durch Süddeutschland mit einem 14-wöchigen Aufenthalt am Hof des kunstliebenden Landgrafen Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt. Dort erhielt F. vom Hofkapellmeister Graupner, dem Freund aus der Leipziger Schul- und Studienzeit, und vom Vizekapellmeister Gottfried Grünewald Unterricht im Komponieren. Auf der Rückreise verstärkte F. als Violinist das Orchester der Bayreuther Markgrafenresidenz während der Karnevalszeit 1716, bei der auch seine Oper „Die königliche Schäferin Margenis“ am 27.2.1716 im Großen Theater zur Aufführung kam. – Nach einer kurzen Anstellung als Sekretär und Kammerschreiber im Dienst des Grafen Heinrich XVIII. von Reuß-Gera und der Heirat mit Anna Christina Laurentius am 16.11.1717 erhielt F. auf Vermittlung Georg Michael Laurentius‘, Greizer Archidiakon und F.s Schwiegervater, 1719 das Amt des Stadtschreibers und Stadtorganisten in der Residenzstadt Greiz. Nach dem Tod seiner Ehefrau im Kindbett und den ausbrechenden Streitigkeiten um den turnusmäßigen Ratswechsel zwischen Ober- und Untergreiz verließ F. 1721 Greiz und sah seine Zukunft als Komponist und wahrscheinlich auch als Mitglied der berühmten Adelskapelle des Grafen Wenzel Morzin in Prag, dem Widmungsträger der Sammlung „Il cimento dell’armonia e dellʼinventione“ op. 8 von Antonio Vivaldi mit der bekannten Violinkonzertserie „Die vier Jahreszeiten“. – Zur Betreuung seiner Tochter nach Greiz zurückgerufen und von seinem Freund Stölzel, der inzwischen Hofkapellmeister in Gotha war, als Hofkapellmeister an den Fürstenhof zu Anhalt-Zerbst vermittelt, kam F. nach Mitteldeutschland zurück. Zeitgleich bewarb er sich um das durch Kuhnaus Tod 1722 vakant gewordene Amt des Thomaskantors und Director musices in Leipzig, wofür er aufgrund seiner musikalischen Reputation aus der Studienzeit gute Chancen hatte. Nach den Absagen von Telemann aus Hamburg und Graupner aus Darmstadt rückte F. auf Platz eins. Er geriet jedoch zum einen in die aufkommenden Ratsauseinandersetzungen zwischen Kapellmeister-/Operisten- und Kantorenpartei und zum anderen wollten Fürst Johann August von Anhalt-Zerbst und dessen Gemahlin Hedwig Friederike ihren neuen Hofkapellmeister nicht gleich wieder ziehen lassen. – Ab dem Michaelistag am 29.9.1722 in Zerbst, erhielt F. einerseits gute Entfaltungsmöglichkeiten, andererseits bewarb er sich während seiner fast vier Jahrzehnte währenden Amtszeit verschiedentlich nach außerhalb auf andere, auch sozial untergeordnete Stellenvakanzen. Als Hofkapellmeister war F. für die musikalische Gestaltung des höfisch-repräsentativen und fürstlich-familiären Lebens in der anhaltischen Residenz zuständig. Dazu gehörten sowohl die Organisation der weltlichen wie kirchlichen Musik und die Leitung der Hofkapelle als auch die Schaffung neuer, in der Regel anlassbezogener Kompositionen. Opernaufführungen blieben wandernden Opern- und Schauspielgruppen überlassen. F. komponierte halbszenische Serenaten für Festlichkeiten der fürstlichen Familie, Ouvertüren im französischen Stil, Solo- und Gruppenkonzerte sowie Sinfonien nach italienischem - insbesondere Vivaldischem - Vorbild, Kammermusik und Kirchenmusik wie Messen, Missae breves, Kantatenjahrgänge, Apostelkantaten und Psalmvertonungen. – Um insbesondere die Arbeitsbelastung der Kapellmeister und Kantoren für die Kantaten des Kirchenjahrs zu verringern, rief F. 1728 deutschlandweit zu einem „rühmlichen Brief- und Music-Wechsel“ auf, um untereinander kollegial Kantatenjahrgänge und weitere Kompositionen auszutauschen. Von Zerbst aus sandte F. seine Instrumentalkompositionen an die berühmte kurfürstlich sächsische Hofkapelle, deren Konzertmeister sein Freund Pisendel war, und nach Darmstadt an den Hof der selbst komponierenden hessischen Landgrafen Ernst Ludwig und Ludwig VIII., wo seine Freunde Graupner und Grünewald die Hofkapelle leiteten. Die erhaltenen Musikalien bezeugen, dass die Werke von F. als Musiziergut auf den Notenpulten lagen. – Ein besonders herausragender Aufführungsort für F.s Werke wurde der Dresdner Hof Kurfürst Friedrich Augusts I. (August II., der Starke) und dessen Sohns Friedrich August II. (August III.). 1727 hatte ihm der Zerbster Hof einen mehrmonatigen Studienaufenthalt in Dresden ermöglicht, bei dem F. über Pisendel und den Kapellmeister Heinichen in freundschaftlicher Verbundenheit mit den Musikern der Dresdner Hofkapelle näher bekannt wurde. Auf der Grundlage des Dresdner Musizierstils und der Dresdner Musikästhetik entwickelte F. einen eigenen kompositorischen Personalstil, der ihn auszeichnete. F scheint nach Vivaldi und Telemann der wohl meist gespielte deutsche Komponist am Dresdner Hof gewesen zu sein, denn es entspann sich eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Zerbst und Dresden, die bis in die Zeit des Siebenjährigen Kriegs anhielt. F. wurde quasi inoffizieller Hofkomponist für die Dresdner Hofkapelle. Im Regelfall sandte F. selbstgefertigte Kopien der Partituren seiner Werke nach Dresden, aus denen die Dresdner Notenkopisten die Einzelstimmen für die Aufführungen durch die Hofkapelle herausschrieben. Somit haben sich im Notenarchiv der Hofkapelle bzw. der Musikabteilung der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) auch weltweit die meisten überlieferten Instrumentalwerke von ihm erhalten. – F. stand anfänglich dem Halleschen Pietismus Franckescher Prägung nahe, wandte sich jedoch später der pietistischen Theologie von Nikolaus Ludwig von Zinzendorf zu, mit dem er längere Zeit im Briefwechsel stand und den er in Herrnhut aufsuchen wollte. Seine pietistische Haltung kommt auch in seinen geistlichen Werken zum Ausdruck, wodurch F. in Konflikt mit der Zerbster lutherischen Orthodoxie geriet. Das Anhalt-Zerbster Fürstenhaus schätzte seinen Hofkapellmeister und gewährte dem aus Jugendjahren verschuldeten F. Kredite, erhöhte sein Jahresgehalt auf 400 Reichstaler und ließ ihm offenbar freie Hand bei der Anschaffung von Notenmaterial zeitgemäßer Komponisten für die Hofkapelle. Während des Aufenthalts der 13-jährigen Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst, der späteren Zarin Katharina II. von Russland, 1742 bis 1744 in Zerbst wurde sie mit der Musik von F. bekannt und wird von ihm musikalische Unterweisungen erhalten haben. – Gemeinsam mit dem Zerbster Konzertmeister Carl Hoeckh unterrichtete F. u.a. den Komponisten und späteren Mecklenburg-Schweriner Hofkapellmeister Johann Wilhelm Hertel und seinen eigenen Sohn Carl Friedrich Christian Fasch, später Schüler von Carl Philipp Emanuel Bach. – Das musikalische Schaffen F.s wurde bereits zu seinen Lebzeiten hoch geschätzt und in der zeitgenössischen musikästhetischen sowie -theoretischen Literatur gewürdigt, so z.B. als der „berühmte [...] Herr [...] Capellmeister [...] Fasch zu Zerbst“ (Friedrich Wilhelm Marpurg, 1757). Auch der Leipziger Komponist und Musikschriftsteller Johann Adam Hiller fand in seinen 1784 publizierten „Lebensbeschreibungen berühmter Musikgelehrten und Tonkünstler neuerer Zeit“ äußerst lobende Worte für F.s kompositorischen Fähigkeiten. – Kommt bei F. eine eigengeprägte personalstilistische Kompositionsästhetik zum Tragen, so gilt er darüber hinaus als einer der Wegbereiter des die italienischen, französischen und deutschen Stilkomponenten bündelnden „vermischten Geschmacks“ im Entwicklungsprozess zur klassischen Musik. Zu den wegweisend neuartigen Gestaltungsmitteln der Zeit gehören die von F. in die Ouvertürensuiten aufgenommenen konzertierenden Elemente, die meisterliche Handhabung konzertierender Instrumentengruppen - bspw. Trio-Episoden im orchestralen Geschehen - sowie alternierender Passagen in Vorbereitung des obligaten Accompagnement als Vorboten des klassischen Wechselspiels von Motiven und eine subtile Klangfarbenregie. Seine geistlichen Werke zeugen von der musikalischen Erschließung sensibler Gefühlswelten und Ausdrucksnuancen verinnerlichter Religiosität und bildhafter Musiksprache. – Mit weit über 300 Kompositionen im archivalischen Überlieferungsbestand ist ein umfangreiches Musikschaffen erhalten, das im Fasch-Werke-Verzeichnis (FWV) systematisch erfasst ist und international zunehmend von Musikensembles aufgeführt wird.



Q  Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden; Hessische Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt; Landesarchiv Sachsen-Anhalt.

L  J. Mattheson, Der musicalische Patriot, Hamburg 1728, S. 340-342; ders. (Hg.), Der vollkommene Capell-Meister, Hamburg 1739, S. 216f.; F. W. Marpurg, Abhandlung von der Fuge, Berlin 1754, S. 94f.; ders., Historisch-kritische Beyträge zur Aufnahme der Musik, Bd. 3, Berlin 1757, 124-129; B. Engelke, Johann Friedrich F. Sein Leben und seine Tätigkeit als Vokalkomponist, Diss. Leipzig 1908; G. Küntzel, Die Instrumentalkonzerte von Johann Friedrich F., Diss. Frankfurt/Main 1965; E. Thom (Hg.), Concert-Stube des Zerbster Schlosses, Michaelstein 1983; R. Pfeiffer, Die Überlieferung der Werke von Johann Friedrich F. (1688-1758) auf dem Gebiet der DDR, Diss. Halle 1987 (WV); ders., Verzeichnis der Werke von Johann Friedrich F., Magdeburg 1988; Fasch-Studien 1/1991-13/2015; R. Dittrich, Die Messen von Johann Friedrich F., Frankfurt/Main 1992; R. Pfeiffer, Johann Friedrich F. 1688-1758. Leben und Werk, Wilhelmshaven 1994 (P); ders., Thematisch-Systematisches Verzeichnis der Werke von Johann Friedrich F., Bd. 1, Essen 1997; ders., Thematisch-Systematisches Verzeichnis der Werke von Johann Friedrich F. Fasch-Werke-Verzeichnis. Zur Aktualität und Historizität von Komponisten-Werke-Verzeichnissen am Beispiel des Fasch-Werke-Verzeichnisses, Habil. Potsdam 2000; E. Sawtschenko, Die Kantaten von Johann Friedrich F. im Lichte der pietistischen Frömmigkeit, Paderborn u.a. 2009; G. Gille, Fasch-Repertorium (WV), Bad Langensalza 2016. – MGG2P, Kassel/Basel 2001, S. 759ff.; J. Walther (Hg.), Musicalisches Lexicon, Leipzig 1732, S. 240; J. A. Hiller (Hg.), Lebensbeschreibungen berühmter Musikgelehrten und Tonkünstler, neuerer Zeit, Teil 1, Leipzig 1784, S. 59-65.



Rüdiger Pfeiffer
12.11.2018


Empfohlene Zitierweise:

Rüdiger Pfeiffer, Fasch, Johann Friedrich, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (18.12.2018)

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