Thiele Johann Alexander
Hofmaler, Landschaftsmaler, -zeichner und -radierer
* 26.3.1685 Erfurt 22.5.1752 Dresden
VJohann Christoph (1660-1745), MilitärmusikerMMaria Eleonora, geb. Sander (1662-1706) 1.Clara Benigna, geb. Dönicke (1693-1741)TAugusta Albertina (* 1730) 2.Dorothea Sophia, geb. Schumann, verw. Axt (1718-1777)SS Johann Friedrich Alexander (1747-1803), Landschaftsmaler, -radiererTChristiane Friederike (* 1745)
GND: 12301011X

Nach einer fünfjährigen Lehre als Buchdrucker und einer Wanderschaft kam T. erstmals 1714 nach Dresden, um sich künstlerisch fortzubilden. Als Maler bisher nur Autodidakt, ließ er sich hier von Adam Manyoki und Christian Ludwig Agricola in der Landschaftsmalerei, von Franz de Paula Ferg in der Figurenmalerei und von dem Leipziger Bildnisstecher Johann Martin Bernigeroth im Radieren anleiten. Seit 1718 erhielt er Aufträge von Kurfürst Friedrich August I. (August II., der Starke), dessen Aufmerksamkeit er mit Ansichten aus dem Plauenschen Grund erregt hatte, Aufträge. Nach dem Tod seines Förderers Jacob Heinrich Graf von Flemming kehrte T. 1728 in seine Heimatstadt Arnstadt zurück, wo er bis 1738 als Hofmaler des Fürsten Günther I. (XLIII.) von Schwarzburg-Sondershausen tätig war. Am 3.11.1738 wurde er zum sächsischen Hofmaler ernannt und siedelte im Jahr darauf endgültig nach Dresden über. Seitdem empfing er für jährlich vier abzuliefernde Gemälde neben freier Wohnung das stattliche Gehalt von 1.000 Taler. T. wurde vom Premierminister Heinrich Graf von Brühl und vom Oberkämmerer Karl Heinrich von Heineken gefördert, die unter Kurfürst Friedrich August II. (August III.) die Kunstankäufe auswählten. Zu seinem Bekanntenkreis zählten Ismael Mengs, Anton Graff, Louis de Silvestre, Anna Maria Werner und Bernardo Bellotto. – Bereits 1730/31 hatte T. im Auftrag Friedrich Augusts I. „Das Zeithainer Lager“ gemalt. In diesem Gemälde schildert er großformatig das prunkhafte Manöver des gerade erst modernisierten, ca. 30.000 Mann starken sächsischen Heers. Hier wie in einigen weiteren Werken fügte sein ehemaliger Schüler Christian Wilhelm Ernst Dietrich die Figuren ein. Neben solchen Ereignisbildern, wozu auch „Das Saturnusfest im Plauenschen Grund“ sowie Darstellungen eines „Caroussel Comique“ (1722) im Dresdner Zwinger gehören, schuf T. Ansichten von Schlössern und Städten, jeweils eingebettet in einer erfundenen, meist barock-bewegten Vordergrundlandschaft, den sog. Prospekten. Dazu gehören Ansichten von Arnstadt, Sondershausen, Dresden, Leipzig, Bautzen, Görlitz, Freiberg, Meißen, Kassel, Braunschweig und Schwerin. Ein präzises und zugleich überhöhtes Bild der Elbtal-Landschaft vermitteln sechs großformatige radierte Prospekte von 1726 mit Darstellungen von Dresden, Meißen und Pirna mit der Festung Sonnenstein sowie der Pillnitzer Sommerresidenz, des Schlosses Moritzburg und der Festung Königstein. Damit befand sich T. in der Tradition der topografischen Zeichner und Kupferstecher wie Wilhelm Dilich oder Matthäus Merian. Außer den Prospekten malte T. eine Reihe frei erfundener Landschaften, die meisten in seiner Arnstädter Zeit 1728 bis 1738. Seine Vorbilder waren neben Claude Lorrain und Jacob van Ruisdael v.a. die sog. niederländischen Italianisanten wie Jan Both, Karel Dujardin, Philips Koninck, Herman Saftleven d.J., Nicolaes Berchem und Philips Wouwerman oder auch Salvator Rosa. – Insgesamt leistete T. einen wesentlichen Beitrag zur künstlerischen Erschließung deutscher Regionen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Der Forschung galt er sogar lange Zeit als der älteste deutsche Vertreter der sog. Prospekten- oder Ansichtenmalerei. Auch wenn er sich als Landschaftsmaler an den Darstellungsmustern des 17. Jahrhunderts orientierte, so fand er doch eine eigenständige Bildsprache, um thüringische, sächsische oder mecklenburgische Gegenden darzustellen und zugleich den natürlichen Raum in barock-theatralischer Weise umzuformen. Damit begründete er eine eigene Schule, aus der Dietrich, Christian Benjamin Müller, Johann Christian Vollerdt, Johann Gottlieb Schön und Johann David Friedrich hervorgingen. Seine künstlerische Stärke und Eigenart bewiesen sich darin, wie er überlieferte Sehmuster mit der realen Ansicht eines Naturausschnitts zu einem stimmigen Bild verschmolz. Natürliche Phänomene wie Dunst, Nebel, Licht oder Schatten wurden wie seine einfühlsamen Baum- und Waldschilderungen von seinen Nachfolgern zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufgegriffen und für eine romantische Bildsprache fruchtbar gemacht. Seine Kompositionen wurden druckgrafisch und auf Porzellan reproduziert. Somit stand T. am Anfang der Entwicklung der Landschaftsmalerei von einer untergeordneten zu einer zentralen Bildgattung.



Q  Autobiografische Niederschrift, in: Biblia, Nürnberg 1725 [Staatliche Museen Berlin - Preussischer Kulturbesitz, Kupferstichkabinett].

W  Caroussel Comique, 1722, Öl auf Leinwand, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister; Flusslandschaft mit hohen Bäumen, 1724, Pinsel in Schwarz und Braun, Staatliche Museen Berlin - Preussischer Kulturbesitz, Kupferstichkabinett; Ansicht von Schloss Pillnitz, um 1725/26, Öl auf Leinwand; Das Zeithainer Lager, 1730/31, Öl auf Leinwand; Landschaft mit Stadt im Hintergrund, 1740, Öl auf Leinwand, Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Schlossmuseum; Die Elbe bei Sörnewitz bei Reif und Nebel, 1741, Öl auf Leinwand, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister; Blick auf Görlitz von Nordwesten, um 1745, Öl auf Leinwand, Städtische Sammlungen für Geschichte und Kultur Görlitz; Großer Prospect von Schwerin über den Burgberg gesehen, 1750, Öl auf Leinwand, Staatliches Museum Schwerin; Landschaft mit der Festung Hohnstein, Öl auf Leinwand, Stiftung Pommern, Kiel; Das Saturnusfest im Plauenschen Grund, Öl auf Leinwand; Die Saale von Kösen bis Naumburg, Öl auf Leinwand, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister; Ideallandschaft mit Booten in felsiger Bucht, Öl auf Kupfer, Kunsthalle Kiel; Königstein, Federzeichnung über Graphit, laviert, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett.

L  O. Vater, Verzeichnis der in den Fürstlichen Schlössern befindlichen Gemälde, Bd. I-IV, Rudolstadt 1898 [MS]; M. Stübel, Der Landschaftsmaler Johann Alexander T. und seine sächsischen Prospekte, Leipzig/Berlin 1914; H. Mansfeld, Die mecklenburgischen Zeichnungen und Prospekte von J. A. T. 1685-1752, Schwerin 1952; U. Reyher, Johann Alexander T., ein Landschaftsmaler des Spätbarock, Diplomarbeit Leipzig 1961 [MS]; H.-J. Göpfert, Johann Alexander T., 2 Bde., Diplomarbeit Leipzig 1972 [MS]; H.-J. Stendal, Die Stadtansichten Meißens von 1558 bis um 1815, Marburg 1996; H. Marx (Hg.), Die schönsten Ansichten aus Sachsen, Dresden 2002; A. Fröhlich, Landschaftsmalerei in Sachsen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, Weimar 2002, S. 81-90; dies., Johann Alexander T., in: Weltkunst 72/2002, H. 4, S. 548f.; B. Bärnighausen (Bearb.), „Wie über die Natur die Kunst des Pinsels steigt“, Weimar/Jena 2003. – ADB 37, S. 754; DBA I, II; DBE 10, S. 2; Thieme/Becker, Bd. 33, Leipzig 1999, S. 23f.

P  Porträt Johann Alexander T., J. C. Fiedler, Öl auf Leinwand, Gemäldegalerie Kassel; Bildnis des Johann Alexander T., C. G. Geyser (nach J. C. Fiedler), Radierung, Schlossmuseum Arnstadt; Kupferstich, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Anke Fröhlich
17.11.2011


Empfohlene Zitierweise:

Anke Fröhlich, Thiele, Johann Alexander, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (27.4.2017)

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