Hiller (Hüller) Johann Adam
Komponist, Dirigent, Thomaskantor, Musikpädagoge, Musiktheoretiker
* 25.12.1728 Wendisch Ossig (poln. Osiek Łużycki) bei Görlitz 16.6.1804 Leipzig(ev.)
VJohann Christoph, Schulmeister, GerichtsschreiberMgeb. Schicketanz1766 Christiana Eleonora, geb. GestewitzS3 u.a. Friedrich Adam (1767-1812), KomponistT3 u.a. Henriette (* 1766), Sängerin; Wilhelmine (1769-1806), Sängerin
GND: 118551124





H. besuchte 1740 bis 1745 das Gymnasium in Görlitz. 1746 wurde er Alumnus der Kreuzschule in Dresden und durch Gottfried August Homilius in Klavier- und Generalbassspiel unterwiesen. Auch bot das reiche höfische Musikleben der Stadt dem wohl noch längere Zeit zwischen einer musikalischen und juristischen Laufbahn schwankenden H. Anregungen vielfältigster Art, v.a. durch die Aufführungen der Opern von Johann Adolf Hasse. – 1751 wurde H. an der juristischen Fakultät der Universität in Leipzig immatrikuliert. Zu seinen Lehrern zählten der Jurist Johann Gottfried Sammer und der Historiker Christian Gottlieb Jöcher. Außerdem knüpfte er Kontakte zu Johann Christoph Gottsched und Christian Fürchtegott Gellert. Neben dem Studium widmete sich H. zunehmend der Musik. 1754 trat er eine Stelle als Hofmeister bei Graf Heinrich von Brühl in Dresden an. 1758 nach Leipzig zurückgekehrt, wurde H. v.a. als Komponist von Liedern und Singspielen („Lottchen am Hofe“ 1767, „Die Liebe auf dem Lande“ 1768, „Die Jagd“ 1770) populär. – Ab 1763 trat H. als Organisator und Dirigent des „Großen Konzerts“ hervor. Zur Förderung des deutschen Gesangs gründete er Anfang der 1770er-Jahre eine Singschule und 1775 eine „Musikübende Gesellschaft“. Mit der Eröffnung des Konzertsaals im neuen Leipziger Gewandhaus 1781 leitete H. bis 1785 die dort stattfindenden Konzerte, verließ dann jedoch Leipzig. Nach jeweils kurzen Aufenthalten in Mietau, Berlin und Breslau (poln. Wrocław) kehrte er 1789 in die Messestadt zurück, wo er, inzwischen 61-jährig, zum Thomaskantor ernannt wurde. Mit einer Aufführung von Wolfgang Amadeus Mozarts Requiem 1792 und der Herausgabe des „Allgemeinen Choral-Melodienbuchs“ (1793) krönte er seine Bemühungen um die „musica sacra“. – H. universales und folgenreiches Wirken in der Musik wurde von aufklärerischen Gedanken geprägt. Ziel war es, die Tonkunst zu einem anerkannten und blühenden Zweig des gesellschaftlichen Lebens zu entwickeln. In dem Wissen, dass eine reich entfaltete Musikkultur frühe pädagogische Initiativen voraussetzt, schenkte er der musischen Erziehung im Kindesalter besondere Aufmerksamkeit. Gleichermaßen bemühte er sich um eine Breitenwirkung der Musik. Dem entsprach ein Tätigkeitsspektrum von geradezu enzyklopädischem Zuschnitt, als Organisator und künstlerischer Leiter von Konzerten, als Musiktheoretiker und -pädagoge, als Herausgeber der „Wöchentlichen Nachrichten und Anmerkungen die Musik betreffend“, als Bearbeiter und Editor von zeitgenössischen Werken sowie als Komponist. – Von Jugend an fühlte sich H. zum öffentlichen Musizieren hingezogen. Der Übernahme der Leitung des „Großen Konzerts“ ging die Mitwirkung in Liebhaber-Gesellschaften sowie eigenen Konzertunternehmungen voraus. Auffällig ist die Ausrichtung des Repertoires auf italienisches Musikgut, wobei er bis in die späten 1770er-Jahre hinein die Oratorien und Opern von Hasse in Originalbesetzung favorisierte. Neu war H.s dramaturgische Betreuung der Konzerte durch Werkeinführungen und Analysen, für die er eigene musikpublizistische Foren nutzte. Sein Verdienst war es auch, in Corona Schröter und Elisabeth Schmehling erstmals zwei exzellente deutsche Sängerinnen für das Leipziger Konzertleben ausgebildet zu haben. Überhaupt richtete H. auf die Hebung des Gesangs stets besonderes Augenmerk. Die von ihm 1775 gegründete „Musikübende Gesellschaft“ verankerte die professionelle künstlerische Ausbildung ihrer Mitwirkenden in einer angegliederten Singschule. Neben Werken von Hasse und Carl Heinrich Graun, die H.s Idealbild sängerischer Vokalität verkörperten, rekrutierte sich das Repertoire der „Musikübenden Gesellschaft“ und seit 1781 der Gewandhauskonzerte zunehmend aus Komponisten der jüngeren Generation: Johann Gottlieb Naumann, Johann Christian Bach, Joseph Haydn, František Xaver Brixi, Johann Baptist Vanhall, Carl Ditters von Dittersdorf sowie die neueren italienischen Opernkomponisten Antonio Sacchini, Antonio Salieri, Pietro Alessandro Guglielmi und Vincenzo Righini. Karitative Zwecke verfolgte H. mit den 1781 begründeten und seitdem jährlich stattfindenden „Konzerte zum Besten der Armen“. – In engem Zusammenhang mit seinen Konzerten sind H.s zahlreiche Bearbeitungen gedruckt oder handschriftlich überlieferter, zumeist oratorischer Werke zu sehen. In den Veranstaltungen des „Großen Konzerts“ oder der „Musikübenden Gesellschaft“ konnte er ihre Wirkung testen, ehe er - immer die pädagogische Intention der Hebung des Gesangs und die Popularisierung von „wahrer Kirchenmusik“ vor Augen - an die Drucklegung gehen konnte. Mit Werken von Hasse („Die Pilgrimme auf Golgatha“), Graun („Der Tod Jesu“) und Giovanni Battista Pergolesi („Stabat mater“) traten bedeutende Kompositionen der Kirchenmusik und des Belcanto in den Vordergrund. – H.s pädagogische Bestrebungen basierten auf philanthropischen Grundsätzen (Johann Bernhard Basedow, Joachim Campe u.a.) einer auf der Vernunft basierenden, Welt zugewandten und praxisbezogenen Erziehung, die auf die Glückseligkeit des Einzelnen durch freie Entfaltung der natürlichen Kräfte des Kindes und dessen Ausbildung zu für die menschliche Gesellschaft nützlichen Tätigkeiten zielte. H.s pädagogisches Konzept beinhaltete die musikalische Früherziehung und Breitenausbildung. Den Anfang bildete eine privat betriebene Singschule, später nutzte er den institutionellen Rahmen des Thomaskantorats für seine Bemühungen um eine Verbesserung der Kirchenmusik. Schließlich wurde sein „Allgemeines Choral-Melodienbuch“ zum verbindlichen Gesangbuch für die Evangelische Landeskirche Sachsen erklärt. – Mit der Übernahme des Amts des Thomaskantors trat nunmehr die Kirchenmusik verstärkt in H.s Blickfeld, wobei auch die „musica sacra“ einige Neuerungen erfuhr: So trat an die Stelle der bisher ausgiebig gepflegten lateinischen Motette die deutsche zur Eröffnung des sonn- und festtäglichen Gottesdiensts, während als Hauptmusik Kantaten, Psalmen und Ausschnitte aus Oratorien fungierten. Den Abschluss bildeten Choralgesänge. Aus diesem Programm heraus ergab sich ein enormer Bedarf an Motetten, Hymnen und Chorälen, den H. - er war, im Gegensatz zu seinen Vorgängern, nicht mehr zur ständigen Komposition von Kirchenmusik angehalten - zum großen Teil aus Werken älterer und neuerer Zeit deckte. Immer wieder waren es ausgewählte Chöre und Arien aus Oratorien von Hasse und Georg Friedrich Händel. Grauns „Tod Jesu“ erklang fortan als Karfreitagsmusik in Leipzig. – Die Dominanz vokaler Gattungen in H.s kompositorischem Schaffen erklärt sich aus seiner Auffassung, dass vornehmlich über die wortgebundene Musik ihr Endzweck, den Hörer zu rühren und zu erbauen, erreicht werden könne. Mit seiner Bevorzugung des einfachen Strophenlieds und der Forderung, im Lied müsse ein Grundaffekt vorherrschen, stand H. der Ästhetik der sog. Ersten Berliner Liederschule nahe. Der Forderung nach Einfachheit und Sangbarkeit, die in den mehrfach aufgelegten „Liedern für Kinder“ gleichsam ästhetisches Programm wurde, blieb er auch in seiner letzten weltlichen Liedersammlung „Letztes Opfer, in einigen Lieder-Melodien“ (1790) treu. Zahlreiche als Choräle oder einfache Strophenlieder gestaltete geistliche Lieder sowie unterschiedlichste Formen des dramatischen Gesangs (Arien, Duette, Kantaten) unterstreichen H.s weites Gattungsverständnis und sein Bemühen, diese heterogenen Liedbereiche in Mustersammlungen (oftmals mit instruktiven Vorworten versehen) einem breiten Publikum und didaktischen Zwecken zugänglich zu machen. – Einfluss v.a. auf das Musikverständnis breiter Liebhaberkreise der Musik hatten die von H. 1766 bis 1770 herausgegebenen „Wöchentlichen Nachrichten und Anmerkungen die Musik betreffend“. Neu war nicht nur ihre wöchentliche Erscheinungsweise, sondern auch die Informationsfülle, die Nachrichten zu Musik und Musikleben aus allen europäischen Musikmetropolen, Anzeigen und Rezensionen von Musikalien und theoretischen Schriften etc. umfasste. Verbreitung fand auch H.s „Anweisung zum musikalisch-richtigen Gesange“ (1774). – H.s Vorbildwirkung auf die Entwicklung des nord- und mitteldeutschen Singspiels ist unbestritten. Folgenreich war auch sein Wirken als Musikorganisator und -pädagoge. So wurden mit den von ihm ins Leben gerufenen Gewandhauskonzerten die institutionellen Grundlagen für das Leipziger Konzertwesen im 19. Jahrhundert geschaffen.



W  Vokalmusik: Lieder für Kinder, Leipzig 1769-1784; (Hg.), Letztes Opfer, in einigen Lieder-Melodien, der comischen Muse … dargebracht, Leipzig 1790; Allgemeines Choral-Melodienbuchfür Kirche und Schulen, und zum Privatgebrauche, Leipzig/Dresden 1793; Bühnenmusik: Lottchen am Hofe, Singspiel, 1767; Die Liebe auf dem Lande, Singspiel, 1768; Die Jagd, Singspiel, 1770; Schriften: (Hg.), Wöchentliche Nachrichten und Anmerkungen die Musik betreffend 1/1766-4/1770; Anweisung zum musikalisch-richtigen Gesange, Leipzig 1774, 21798; Anweisung zum musikalisch-zierlichen Gesange, Leipzig 1780 (ND Leipzig 1976, ND Cambridge 2001 [engl.]); Lebensbeschreibungen berühmter Musikgelehrten und Tonkünstler neuerer Zeit, Leipzig 1784 (ND Leipzig 1975); Was ist wahre Kirchenmusik?, Leipzig 1789.

L  J. F. Reichardt, Über die Deutsche comische Oper, Hamburg 1774 (ND München 1974); F. Rochlitz, Zum Andenken Johann Adam H.s, in: Allgemeine musikalische Zeitung 6/1803/04, S. 845-858, 861-872; M. Friedlaender, Das deutsche Lied im 18. Jahrhundert, 2 Bde., Stuttgart/Berlin 1902 (ND Hildesheim 1970); G. Calmus, Die ersten deutschen Singspiele von Standfuss und H., Leipzig 1908 (ND Wiesbaden 1973); A. Prümers, Berühmte Thomaskantoren und ihre Schüler, Langensalza 1908; M. Schipke, Der deutsche Schulgesang von Johann Adam H. bis zu den Falkschen Allgemeinen Bestimmungen (1775-1875), Berlin 1913; A. Einstein (Hg.), Lebensläufe deutscher Musiker, Bd. 1: Johann Adam H., Leipzig 1915; K. Kawada, Studien zu den Singspielen von Johann Adam H. (1728-1804), Diss. Marburg 1969; W. H. Marshall, „The devil to pay“ and its influence on eighteenth-century German Singspiel, Diss. London 1985; B. H. van Boer, Coffey’s „The devil to pay“, the comic war, and the emergence of the German Singspiel, in: Journal of Musicological Research 8/1988, S. 119-139; J. Dahlberg, Das Görlitzer Tabulaturbuch 1650 von Samuel Scheidt und das Allgemeine Choral-Melodiebuch 1793 von Johann Adam H., in: Musik und Kirche 58/1988, S. 22-28; R. Didion, „Der Teufel ist los“ von Johann Adam H., in: Carl Dahlhaus (Hg.), Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters, Bd. 3, München/Zürich 1989, S. 49-51; ders., „Die Jagd“ von Johann Adam H., in: ebd., S. 51f.; M. Marx-Weber, Johann Adam H.s Bearbeitung von Händels Messias, in: Händel-Jahrbuch 39/1993, S. 60-77; H. Heidrich, Johann Adam H. und das Leipziger Thomaskantorat im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, in: J. Kremer (Hg.), Das Kantorat des Ostseeraums im 18. Jahrhundert, Berlin 2007, S. 95-104. – ADB 12, S. 420-423; DBA I, II, III; DBE 5, S. 44f.; NDB 9, S. 154; Die Musik in Geschichte und Gegenwart, 2. Aufl., hrsg. von Ludwig Finscher, Personenteil, Bd. 8, Kassel/Stuttgart 2002, Sp. 1561-1579 (WV).

P  Johann Adam H., Ch. G. Geyser, Kupferstich, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstichkabinett, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Hans-Günter Ottenberg
7.12.2010


Empfohlene Zitierweise:

Hans-Günter Ottenberg, Hiller (Hüller), Johann Adam, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (23.11.2017)

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