Krawc (Schneider) Jan (Johannes)
deutscher und sorbischer Schauspieler, Theaterleiter
* 16.1.1902 Cölln bei Bautzen (sorb. Chelno) 10.7.1986 Jesenwang bei München Bautzen (sorb. Budyšin), Nicolaifriedhof(kath.)
VJohannes (1858-1945), BäckermeisterMSelma, geb. Lorenz (1861-1916)GMaria-Sapientia; Agnes-Benedikta; Theresia
GND: 126324565

K. war der Begründer und Intendant der ersten Berufsbühne der Lausitzer Sorben. Er legte den Grundstein für das Sorbische Volkstheater in Bautzen und prägte es als alleiniger Regisseur in der frühen Aufbau- und Entwicklungsphase (1948-1958). – Als jüngstes Kind und einziger Sohn einer streng katholischen Familie setzte K. seine Bühnenkarriere in der Zwischenkriegszeit gegen den Willen des Vaters durch. Nach der Volksschule in Radibor (sorb. Radwor) besuchte er 1916 bis 1921 das Katholische Lehrerseminar in Bautzen, das er vorzeitig verließ. 1920 übernahm er die Hauptrolle in dem sozialkritischen Drama „Janota Wićaz“ des Tschechen František Adolf Šubert, das Seminaristen im Bautzener Stadttheater aufführten. Danach begann er eine Lehre als Bankbuchhalter in den Filialen der Sorbischen Volksbank Cottbus (sorb. Chóśebuz) und Hoyerswerda (sorb. Wojerecy) (bis 1925), anschließend war er in mehreren Anstellungen tätig. 1928 bewarb er sich am Stadttheater Görlitz erfolgreich als auszubildender Schauspieler, wobei ihn der Lehrer Michał Nawka (Michael Nauke) gegenüber der Familie verteidigte. – Zwischen 1929 und 1932 absolvierte K. in raschem Wechsel Engagements in Waldenburg (poln. Wałbrzych), Berlin, Döbeln und Dortmund. Von dort ging er nach Abschluss seiner Ausbildung mit dem Regisseur Arthur Schmiedhammer 1934 an das „Grenzlandtheater“ Konstanz, wo er 1937 zum Chefdramaturgen ernannt wurde. Inzwischen als Charakterdarsteller wie als Komiker anerkannt, folgte er seinem Förderer 1940 - wiederum zugleich als Darsteller, Spielleiter und Dramaturg - an das Staatstheater Oldenburg. 1942 trat er der NSDAP bei. Nach Schließung des Theaters wurde er Ende 1944 zu einer Nachrichteneinheit der Wehrmacht nach Bremen eingezogen. Auf dem Marsch an die Ostfront geriet er in sowjetische Gefangenschaft; er verbüßte sie in Frankfurt/Oder und Posen (poln. Poznań) und wurde Ende August 1945 in die Oberlausitz entlassen. Hier stellte er sich, als einziger professioneller Theatermann der sorbischen Minderheit, in den Dienst seiner Landsleute. – Der Domowina-Vorsitzende Pawoł Nedo (Paul Nedo) übertrug K. im November 1945 die Leitung der neu geschaffenen Theaterabteilung sowie die Gründung einer „Zentralen Theatergruppe“ der nationalen Organisation der Sorben, wodurch die Wiederbelebung der traditionellen Laienbewegung in den zweisprachigen Dörfern gefördert wurde. Infolge des sächsischen Sorbengesetzes vom März 1948 entstand am 13.10. desselben Jahres aus dem von K. gebildeten Ensemble das Sorbische Volkstheater, eine Tourneebühne (bis 1963 ohne festes Haus), die bis Ende der 1950er-Jahre in 105 Orten der Oberlausitz und einigen der Niederlausitz ca. 1.200 Vorstellungen vor jährlich bis zu 20.000 Zuschauern zeigte. K. führte in allen 35 Inszenierungen Regie, er war zudem Übersetzer, Dramaturg, Hauptdarsteller und Conférencier. Der kulturpolitische Auftrag lautete, das zweisprachige Publikum zu bilden, zu belehren und zu erziehen. Da „fortschrittliche“ Gegenwartsstücke von den wenigen eigenen Autoren erst allmählich geliefert wurden, entstammte das Repertoire überwiegend der jungsorbischen Periode vom Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts. Es handelte sich meist um Unterhaltungstheater, um leicht verständliche Komödien, Possen oder Schwänke aus der deutschen und internationalen Dramatik, was die Kritik teils tadelte, teils als Ausdruck des „historischen Optimismus“ wertete. 1956 erhielt das Theater als Kollektiv einen der ersten Ćišinski-Staatspreise. Plakativ politische Schauspiele, wie K. sie damals bei Jurij Brězan (Georg Bresan) zu erkennen glaubte, lehnte er ab. Als die Konflikte um die ideologische Ausrichtung 1957/58 zunahmen, wurde der Intendant aus der Institution gedrängt. Er verließ das sorbische Theater und danach die DDR. K. beendete seine Karriere mit 70 Jahren an den Münchner Kammerspielen. – Nach einer Fusion mit dem Bautzener Stadttheater 1963 setzte das Deutsch-Sorbische Volkstheater seine Existenz als einzige bikulturelle Berufsbühne Deutschlands bis zur Gegenwart fort.



L  M. Völkel, Wo zasłužbach Jana K. [Über die Verdienste von Jan K.], in: Rozhlad 40/1990, H. 11, S. 308-310; D. Scholze, Dźiwadźelnik Jan K. [Der Theatermann Jan K.], in: ders./J. Młynk, Stawizny serbskeho dźiwadła 1862-2002 [Geschichte des sorbischen Theaters 1862-2002], Bautzen 2003, S. 213-221; ders., Das erste Jahrzehnt. Die Anfänge des sorbischen Berufstheaters, in: M. Schmidt (Hg.), Die Oberlausitz und Sachsen in Mitteleuropa, Görlitz/Zittau 2003, S. 346-355; A. Brankačk, Intendant wjesołych serbskich wobličow. Žiwjenski wobraz Jana K. (1902-1986) [Intendant froher sorbischer Gesichter. Ein Lebensbild des Jan K. (1902-1986)], Bautzen 2008; M. Lorenz, Bautzener Theater-Geschichten, Berlin 2013, S. 336-350.



Dietrich Scholze
15.12.2016


Empfohlene Zitierweise:

Dietrich Scholze, Krawc (Schneider), Jan (Johannes), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (28.4.2017)

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