Weller von Molsdorf Jakob
Theologe, Oberhofprediger, Orientalist
* 5.12.1602 Markneukirchen 6.7.1664 Dresden Dresden, Sophienkirche(ev.)
VGeorg, WeißbäckerMDorothea, geb. HeselGJohannes (um 1590-nach 1620), Hauptmann 1.Sibylla, geb. Grützmacher, verw. Gräfenthal (1591-1637) 2.1638 Christina Dorothea, geb. Röber (1620-1697)SGeorg Paul (1642-1679), Theologe; Johann Jakob (* 1644), Jurist, Oberhüttenverwalter in FreibergTDorothea Maria (um 1641-1667); Sophia Christina (um 1643-1695); Anna Elisabeth (1643-1645); Magdalena Sibylla (um 1645-1685); Johanna Magdalena (* um 1647)
GND: 117571687





In seiner exponierten Stellung als Oberhofprediger übte W. maßgeblichen Einfluss auf die Kirchenpolitik der Kurfürsten Johann Georg I. und Johann Georg II. aus. Seine Predigttätigkeit und sein publizistisches Wirken zielten nicht nur auf die Reinerhaltung der lutherischen Lehre ab, sondern trugen auch zum geistig-kulturellen Wiederaufbau Kursachsens nach dem Dreißigjährigen Krieg bei. W.s markanter Predigtstil nimmt zudem einen wichtigen Platz in der Geschichte und Theorie der lutherischen Predigt ein. – W. entstammte einem einst angesehenen, jedoch zunehmend verarmten vogtländischen Patriziergeschlecht. Eine geradlinige Ausbildung blieb ihm aufgrund der begrenzten finanziellen Mittel seiner Eltern versagt. 1613 gelang es ihnen, W. auf die angesehene evangelische Schule im böhmischen Schlaggenwald (tschech. Horní Slavkov) zu schicken. Bedingt durch den Dreißigjährigen Krieg musste er 1620 unter Lebensgefahr nach Hause zurückkehren. Nachdem W. einige Zeit bei dem Poeten Matthias Zuber und dem Schulrektor Johann Vogel in Nürnberg Unterricht erhalten hatte, vermittelte ihn sein Gönner Wilhelm von Boxberg an das Gymnasium nach Schleusingen. Auch hier musste W. den Kriegseinwirkungen weichen und wandte sich 1623 an die Universität Wittenberg, wo seine altsprachlichen Kenntnisse von dem Orientalisten Martin Trost befördert wurden. Zur Sicherung seines Lebensunterhalts erteilte W. parallel zu seinem Studium Privatunterricht. Nach dem Erwerb des Magistergrads begann W. 1630 mit eigenen Vorlesungen, die sich eines solchen Andrangs von Hörern erfreuten, dass der Wittenberger Rat die ehemalige Klosterkirche der Franziskaner dafür zur Verfügung stellen musste. Am 19.10.1632 wurde W. Adjunkt (Angehöriger der Fakultät ohne Lehrverpflichtung) der Philosophischen Fakultät. Weiterführende Studien an der Theologischen Fakultät, u.a. bei seinem späteren Schwiegervater Paul Röber, schloss er am 16.10.1635 mit der Promotion zum Doktor der Theologie ab. Noch im selben Jahr übernahm W. eine außerordentliche Professur. Als sein hochgeschätzter Lehrer Trost 1636 starb, übernahm W. dessen Professur für orientalische Sprachen. Außerdem amtierte er 1636 bis 1639 als Dekan der Philosophischen Fakultät. Zusätzlich machte W. mit verschiedenen Veröffentlichungen auf sich aufmerksam. 1636 gab er eine griechische Grammatik heraus und ein Jahr später besorgte er den Druck einer hebräischen Grammatik seines Vorgängers Trost. Seine Vorlesungen zum Römerbrief wurden 1654 in den „Annotationes in epistolam S. Pauli ad Romanos“ verarbeitet. 1640 wechselte W. mit dem Versprechen, bei Bedarf in das Kurfürstentum Sachsen zurückzukehren, nach Braunschweig, wo er als Co-Adjutor zunächst den dortigen Superintendenten vertrat. Zuvor hatte er teils äußerst ehrenvolle Berufungen nach Berlin, Breslau (poln. Wrocław), Gera, Leipzig, Marburg, Meißen und Stettin (poln. Szczecin abgelehnt. 1641 Superintendent in Braunschweig geworden, füllte W. dieses Amt ganz im Sinne der Reformbemühungen der lutherischen Orthodoxie aus. Nunmehr wandelte sich auch das Profil seiner Veröffentlichungen. An die Stelle sprachwissenschaftlicher Arbeiten traten zunehmend kontroverstheologische Schriften, die sich gegen die reformierte Theologie wandten. So bezieht beispielsweise W.s Abhandlung über „Gottes Heiligkeit“ (1644) eine deutlich anticalvinistische Position. – W.s kämpferisches Eintreten für die lutherische Orthodoxie machte den rhetorisch und pädagogisch glänzenden Theologen auch am Dresdner Hof interessant. Nach dem Tod von Matthias Hoë von Hoënegg trat W. im Frühjahr 1645 dessen Nachfolge als Oberhofprediger und Beichtvater des sächsischen Kurfürsten Johann Georg I. an. In der Endphase des Dreißigjährigen Krieges bemühte sich W. in seinen stets anschaulichen und lebensnahen Predigten, die in Form mehrerer Sammlungen („Nord- und Südwind“, 1647, „unruhige Klaff- und Klappermühle“, 1648) gedruckt wurden, das Kriegsgeschehen theologisch zu deuten und Hilfen bei der Überwindung der Kriegstraumata zu geben. Dabei scheute er sich nicht, die Schuld aller Kriegsparteien an der Verschleppung der Friedensverhandlungen öffentlich zu benennen. In den Friedensverhandlungen selbst unterstützte W. die Position Johann Georgs I., der sich - freilich erfolglos - gegen die Aufnahme der Reformierten in den Religionsfrieden aussprach. Gleichwohl schätzte W. den 1648 zustande gekommenen Westfälischen Frieden und bestärkte seinen Dienstherrn in dessen weiteren Harmonisierungsbestrebungen zwischen Kaiser und Reichsständen. Als Kursachsen 1653 das ständige Direktorium im Corpus Evangelicorum des Regensburger Reichstags erhielt, wertete dies W.s Stellung als kirchenpolitischer Ratgeber Johann Georgs I. zusätzlich auf. Die Einflussmöglichkeit auf den Landesherrn nutzte W. auch innenpolitisch aus, indem er zur Ansiedlung böhmischer Glaubensflüchtlinge in Kursachsen riet. W. wird deshalb bis heute zu den entscheidenden Figuren in der Gründungsgeschichte von Johanngeorgenstadt gezählt. – In Konfliktsituationen bewies W. ein gutes Gespür für die Balance zwischen Polemik und Diplomatie. Gegen den in Helmstedt lehrenden Georg Calixt (Kallisen), der als der bedeutendste Ireniker des 17. Jahrhunderts gilt, verfasste W. mehrere Streitschriften, die das Mysterium der Trinität vom lutherisch-orthodoxen Standpunkt her erläutern sollten. Gegen die Jagdleidenschaft des Kurfürsten ging W. dagegen anders als seinerzeit Nicolaus Selnecker, den seine „Strafpredigten“ das Amt gekostet hatten, wesentlich behutsamer vor, indem er anlässlich einer Hirschjagd Johann Georgs I. bei Freiberg diese umdeutete und in fünf Predigten zur geistlichen Erjagung Christi aufrief. – Unter Johann Georg II. sah sich W. mit einer tief greifenden Wandlung der Hofkultur konfrontiert. Indem durch die Förderung von Musik und Theater zunehmend französische und italienische Künstler nach Dresden kamen, hatte sich W. mit dem verstärkten Einfluss des Katholizismus auf den Kurfürsten auseinanderzusetzen. Dessen Gedanken an eine Konversion thematisierte W. in seiner Landtagspredigt vom 9.2.1657, in der er den Kurfürsten vordergründig vor diesbezüglichen Verdächtigungen in Schutz nahm, ihn zugleich aber indirekt vor einem solchen Schritt warnte. – W. verstarb an den Nachwirkungen einer Krankheit, die ihn 1664 auf der Reise mit Johann Georg II. zum Reichstag nach Regensburg befallen hatte. Sein Epitaph in der Sophienkirche in Dresden wurde 1945 bei Bombenangriffen zerstört.



Q  A. Calov, Christliche Trauer- und Gedächtnis-Predigt auf den Tod Jakob W.s, Wittenberg 1664; ders., Speculum Sacerdotale Oder Ein schöner polirter Spiegel Eines rechten Ober-Hoff-Predigers und Kirchen-Raths, Wittenberg 1664.

W  Grammatica Graeca, Leipzig 1636, ND Leipzig 1781; Gottes Heiligkeit. Das ist: Gründlicher Beweis daß die genante Reformirten in jhren privatis und publicis scriptis [...] Gott den allein Heiligen zu einem Unheiligen und Ungerechten machen thäten, Braunschweig 1644; Nord- und Südwind So da wehen durch den Garten Gottes, Dresden 1647, ND Dresden 1662; Unruhige Klaff- und Klappermühle, das ist: Die Art eines bösen Gewissens und wie solches zu leiden, Dresden 1648; Wegweiser der Gottheit Jesu Christi: Wie dieselbe klar offenbaret [...] Wider D. Georgium Calixtum, Dresden 1649, ND Dresden 1691; Zachaei Erfreuliche Seelen-Jagt [...] Angestellet Anno 1649 bey der damaliger gehaltener Churfürstl. Sächs. Hirschfeiste in der Schloß-Kirchen zu Freyberg, Dresden 1651; Abwischung der unchristlichen Lästerung: Damit D. Georgius Calixtus P. P. zu Helmstett [...] Die Ehre Jesu Christi beschmützet, Dresden 1652; Annotationes in epistolam S. Pauli ad Romanos, Braunschweig 1654; Einer Stadt und Landes höchstes Kleinod, Dresden 1655; Brennender Pusch. Das ist Zwo Jubel- und Danck-Predigten auff den [...] Religions-Frieden in Teutschland, Dresden 1655; Posaune Gottes. Das ist: Des Heiligen Predigtamts Hohe Ehre schwere Last und heilsamer Nutz, Dresden 1657; Göttliche Augen-Salbe. Das ist: Christliche Landtags-Predigt, Dresden 1657; Unüberwindliche Sachsen-Burg. Das ist: Erklärung deß Evangelii Von der Versuchung Christi, Dresden 1659.

L  C. F. Lämmel, Historia Welleriana, Leipzig 1700, S. 105-140 (WV); E. L. T. Henke, Georg Calixtus und seine Zeit, 2 Bde., Halle/Saale 1853-1860; F. Francke, Zur Gründungsgeschichte von Johanngeorgenstadt, Schneeberg 1854; G. L. Zeißler, Geschichte der Sächsischen Oberhofprediger und deren Vorgänger in gleicher Stellung von der Reformation an bis auf die gegenwärtige Zeit, Leipzig 1856, S. 58-76; W. Sommer, Jakob W. als Oberhofprediger in Dresden, in: G. Graf (Hg.), Vestigia pietatis. Studien zur Geschichte der Frömmigkeit in Thüringen und Sachsen. Ernst Koch gewidmet, Leipzig 2006, S. 145-161; ders., Die lutherischen Hofprediger in Dresden, Stuttgart 2006, S. 167-185 (P). – ADB 44, S. 476-478; DBA I, II; H. D. Betz u.a. (Hg.), Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. 8, 42005, Sp. 1385.

P  Jakob W., Johann Caspar Höckner nach Valentin Wagner, 1653, Kupferstich, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett, A 147 877, Fotografie: R. Richter, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Michael Wetzel
30.8.2019


Empfohlene Zitierweise:

Michael Wetzel, Weller von Molsdorf, Jakob, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (21.11.2019)

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