Obst Hermann Bernhard
Arzt, Ethnologe, Anthropologe
* 16.1.1837 Leipzig 16.5.1906 Leipzig
VKarl Christian Friedrich (* 1805), RedakteurMJosephine, geb. CamerlotGMaria Auguste (* 1841); Carl Edmund (* 1848)Maria, geb. von Sokolowska (* 1831)SJohannes Conrad (* 1876)
GND: 117079197

O. war der erste Direktor des Museums für Völkerkunde zu Leipzig. Ihm war es 1869 mit einem Gremium Leipziger Bürger gelungen, die Mittel für den Ankauf der weltweit angelegten kulturgeschichtlichen Sammlung des königlichen Oberhofbibliothekars Gustav Friedrich Klemm einzuwerben, die der Grundstock des Museums wurde. Die Idee Klemms von der Schaffung eines universal ausgerichteten kultur- und entwicklungsgeschichtlichen Instituts aufgreifend, plante und organisierte O. den Aufbau eines allgemeinen anthropologischen Museums. An der weiteren Entwicklung des Museums als Zentrum überwiegend völkerkundlicher Sammlungs-, Forschungs- und Bildungsarbeit hatte O. maßgeblichen Anteil. 1884 vom Vereinsvorstand zum Direktor des sich schnell vergrößernden Museums berufen, leitete er es bis zu seinem Tod 1906. – O. hatte in seiner bürgerlich gebildeten, weltoffenen Familie eine behütete Kindheit. Nach dem Besuch des Nikolaigymnasiums studierte er 1857 bis 1863 an der Universität Leipzig Medizin. 1863 promovierte er mit einer darwinistisch und evolutionistisch ausgerichteten Arbeit zum Thema „Studien über die Entstehung des Menschen und seiner Racen“. Danach arbeitete er einige Jahre am Anatomischen Institut der Universität Leipzig und war daneben in einer medizinischen Privatpraxis sowie als Theaterarzt und Theaterrezensent tätig. Aufgrund seiner Neigungen zu Kunst, Kulturgeschichte, Literatur und Musik wurde O. immer unzufriedener mit seinem ärztlichen Beruf. Während des Deutschen Kriegs 1866 arbeitete er als Oberarzt in sächsischen Feldlazaretten in Böhmen und Österreich. Später bewarb er sich um die Teilnahme an einer Nordpolexpedition (1867) und an einer österreichischen Expedition nach Ostasien (1868), was jedoch aufgrund seiner gesundheitlichen Probleme erfolglos blieb. – Die Gefahr des Verkaufs der Klemmschen Sammlung ins Ausland und die Ablehnung ihres Ankaufs durch die Universität Leipzig motivierten O., sich mit gleichgesinnten Leipziger Bürgern durch Geldsammlungen um deren Erwerb zu bemühen, mit dem Ziel einer Museumsgründung. O. leistete für die Gründung des Museums die Hauptarbeit, ebenso für den das Museum ab 1871 tragenden Verein „Das deutsche Zentralmuseum für Völkerkunde“ bzw. ab 1873 den „Verein Museum für Völkerkunde zu Leipzig“. Im Vorstand des Vereins war O. 1871 bis 1874 erster Schriftführer sowie 1875 bis1883 zweiter Vorsitzender. Im Ergebnis der Umorganisation der Geschäftsleitung des Vereins mit Statutenänderung wurde er 1884 der erste Direktor des Museums. – Neben der Sammlungsverwaltung und der Organisation von Ausstellungen ab 1873 (erste Ausstellung 1874 im Johannishospital) arbeitete O. von Beginn an systematisch an Unterstützungen im In- und Ausland für die Erweiterung der Sammlungen und den Aufbau des Museums. Von langfristiger Bedeutung wurde die Einbeziehung des Rats der Stadt Leipzig, der zum regelmäßigen finanziellen Förderer des Museums wurde. Dem sich schnell vergrößernden Verein, der 1876 bereits über 600 Mitglieder zählte, gehörten in Leipzig viele namhafte und einflussreiche Bürger aus den Kreisen der Universität, des Verlagswesens, von Banken, Industrie und Handel sowie allgemein des Leipziger Bildungsbürgertums und des produzierenden Gewerbes an. O. betrieb eine aufwendige Pressearbeit und veröffentlichte in regelmäßigen Abständen Aufrufe zur Unterstützung in der „Leipziger Zeitung“. Das Museum wurde bald auch national und international bekannt. So zählte u.a. Heinrich Schliemann in diesen Jahren zu den Mitgliedern und Georg Schweinfurth zu den Förderern des Museums. Durch die Bemühungen O.s und einflussreicher Mitglieder des Vereinsvorstands gelang es schließlich, selbst Staatsoberhäupter als Unterstützer des Museums zu gewinnen. Neben den sächsischen Königen Johann (bis 1873 Förderer) und Albert (ab 1873 Förderer, ab 1876 Protektor) wurden ab 1876 u.a. der deutsche Kaiser Wilhelm I., der österreichische Kaiser und ungarische König Franz Josef I., der belgische König Leopold II. sowie der brasilianische Kaiser Dom Pedro II. Protektoren. Zahlreiche Mitglieder königlicher Familien in Europa förderten das Museum, indem sie z.B. Mittel und Sammlungen spendeten. – Eine weitere, von O. sehr erfolgreich umgesetzte Idee war, internationale Beziehungen auf höchsten Ebenen durch den Besuch der Weltausstellungen (z.B. Wien 1873, Paris 1878 und 1900) für das Museum nutzbar zu machen. In Wien stellte O. 1873 z.B. die Verbindung zur kaiserlichen Japanischen Ausstellungskommission und zur k. u. k. österreichisch-ungarischen Legation in Japan her. Er erhielt als Schenkung eine wertvolle Sammlung Japonica. Die in den folgenden Jahren noch ausgebauten Beziehungen führten schließlich zur Übernahme der umfangreichen und kostbaren Sammlung der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens in Tokio, die der Grundstock der Ostasiensammlung des Museums werden sollte. In ähnlicher Weise kam es bei z.B. auch anlässlich der Internationalen Ausstellung für Kolonien und Export in Amsterdam 1883 zu fruchtbaren Kontakten und Sammlungserwerbungen. – Zur Pflege und Erweiterung der Beziehungen nach außen ernannte der Vereinsvorstand ab 1873 satzungsgemäß ehrenamtliche Bevollmächtigte, die für das Museum warben, sammelten und die örtlichen Mitglieder betreuten. Damit wurden weitere Kreise der Bevölkerung angesprochen. Die Zahl der Bevollmächtigten in aller Welt betrug zeitweise über 200. Schließlich wurden Verbindungen zu zahlreichen wissenschaftlichen Vereinen und Instituten hergestellt, mit denen auch ein Publikationsaustausch stattfand. So bestand u.a. ab 1873 die Verbindung zur Smithonian Institution in Washington. Als Vertreter des Museums nahm O. 1881 an dem anthropologisch-archäologischen Kongress in Tiflis teil. Von seiner anschließenden Reise in den Kaukasus, nach Turkmenistan und Armenien brachte er eine wertvolle Sammlung mit. – O. war korrespondierendes Mitglied der Indochinesischen Akademischen Gesellschaft in Paris, Offizier der Französischen Akademie, Ehrenmitglied der Kaiserlichen Gesellschaft von Freunden der Naturwissenschaften, Anthropologie und Ethnografie in Moskau und korrespondierendes Mitglied der Italienischen Gesellschaft für Anthropologie und Ethnologie in Florenz. – Das Engagement von O. für die Kulturgeschichte und Völkerkunde hatte auch immer eine Förderung dieser Wissenschaftsgebiete zum Ziel. Von Beginn an setzte er sich für eine enge Bindung zwischen der Universität Leipzig und dem Museum für Völkerkunde ein, regelmäßig fanden Lehrveranstaltungen für Studenten in den Räumen des Museums statt. Der von ihm oft kritisierte Mangel der Vertretung der Völkerkunde an den Universitäten Deutschlands wurde in Leipzig erst 1901 durch die Besetzung einer ersten außerordentlichen Professur für Völkerkunde und Urgeschichte mit Karl Weule, der seit 1899 hauptamtlich am Museum als Wissenschaftler tätig war, behoben. Für die Einstellung dieses ersten wissenschaftlichen Mitarbeiters hatte sich O. seit Mitte der 1890er-Jahre sehr eingesetzt, da die umfangreichen Bestände des Museums immer dringender einer wissenschaftlichen und museologisch sachgerechten Verwaltung bedurften. – Unter O. wurde zwischen 1895 und 1904 das Museum in städtisches Eigentum überführt. Dieser Schritt stellte die Einrichtung auf eine sichere Existenzgrundlage, da der Verein mit der Verwaltung und Betreuung dieses großen Museums inzwischen an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit gelangt war.



W  Studien über die Entstehung des Menschen und seiner Racen, Diss. Leipzig 1863; Anatomischer Atlas, Leipzig 1868-1874; Gustav Klemm’s culturhistorische Sammlung und ihr Erwerb zur Begründung eines allgemeinen anthropologischen Museums, in: Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung 29.12.1869.

L  Das Museum für Völkerkunde und sein Begründer, in: Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung 86/1906; W. Bergt, Dr. Hermann O., in: Jahrbuch des Museums für Völkerkunde zu Leipzig 1/1906, S. 7-14; A. Lehmann, Fünfundachtzig Jahre Museum für Völkerkunde zu Leipzig, in: ebd. 12/1953, S. 10-51.



Christine Seige
2.2.2005


Empfohlene Zitierweise:

Christine Seige, Obst, Hermann Bernhard, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (28.7.2017)

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