Muthesius Adam Gottlieb Hermann
Architekt, Architekturschriftsteller, Designer
* 20.4.1861 Großneuhausen bei Weimar 26.10.1927 Berlin Berlin-Steglitz-Zehlendorf, Kirchhof Nikolassee, Ehrengrab(ev.)
VEhrenfried (1831-1891), MaurermeisterMHenriette, geb. Müller (1833-1919)GKarl (1859-1929), Pädagoge1896 Anna, geb. Trippenbach (1870-1961)SGünther (1898-1974), Architekt; Klaus (1900-1959), Landwirt; Eckart (1904-1989), Architekt, Designer
GND: 118585983





M. hatte im frühen 20. Jahrhundert als Kulturreformer, Architekturschriftsteller und praktischer Architekt großen Einfluss auf das deutsche Kunstleben. Er wirkte an dem kulturellen Aufbruch mit, der in den Jahren nach 1900 die deutsche Gesellschaft erfasste. Sein Name verbindet sich v.a. mit dem neuzeitlichen Landhausbau und mit der Gründung des Deutschen Werkbunds (DWB), in dem sich die reformorientierten Künstler versammelten. Durch seine Schriften, seine künstlerischen Entwürfe und sein kulturpolitisches Engagement prägte er Kunstgewerbe und Design in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. M. setzte sich frühzeitig mit dem Problem der Wohnungsnot auseinander. In Sachsen zeugt die Gartenstadt Hellerau bei Dresden von seiner Reformgesinnung und seinen künstlerischen Ideen. – M. wurde im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach geboren. Er absolvierte bei seinem Vater eine Maurerausbildung und erwarb technische und zeichnerische Grundkenntnisse, da er den väterlichen Baubetrieb übernehmen sollte. Nach dem Besuch des Realgymnasiums in Weimar studierte er 1883 in Berlin zunächst Philosophie und Kunstgeschichte, dann bis 1887 Architektur. Zu seinen Lehrern an der Technischen Hochschule Berlin gehörte Hermann Ende. Während des Studiums arbeitete er im Architekturbüro von Paul Wallot. Nach bestandener Bauführerprüfung trat M. in die erfolgreiche Architekturfirma von Ende und Wilhelm Böckmann ein, die nicht nur in Deutschland, sondern auch in Japan bedeutende Aufträge hatte. M. ging 1887 nach Tokio, wo er bis 1891 als Mitarbeiter von Ende & Böckmann die Bauausführung des japanischen Parlamentsgebäudes und des Justizministeriums leitete und als ersten eigenen Bau die evangelische Kirche der Stadt errichtete (1890, 1923 zerstört). Nachdem er 1893 die Hauptprüfung für den Staatsdienst bestanden hatte, war er in der Entwurfsabteilung des preußischen Ministeriums für öffentliche Arbeiten beschäftigt. Fast zwei Jahre lang leitete er den Hochbauteil der amtlichen Zeitschriften „Zentralblatt der Bauverwaltung“ und „Zeitschrift für Bauwesen“. – 1896 wurde M. auf kaiserliche Initiative hin „zur technischen Berichterstattung“ an die deutsche Botschaft in London entsandt, um sich mit den neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der Baukunst und des Kunstgewerbes in England vertraut zu machen. In London entstanden zahlreiche Briefe, Berichte, Aufsätze und Bücher, die sich mit der Kunstentwicklung der Gegenwart auseinandersetzten. Darunter zählen das Buch „Stilarchitektur und Baukunst“ (1902), das sich gegen die sinnentleerte Verwendung von Formen und Stilen vergangener Kunstepochen richtete, und das dreibändige Werk „Das englische Haus“ (1904/05), in dem M. das englische Landhaus als Vorbild für die neuzeitliche Wohnkultur anpries. 1902 promovierte M. an der Technischen Hochschule Dresden zum Dr.-Ing. – 1904 kehrte M. nach Deutschland zurück, um im preußischen Handelsministerium die Verantwortung für die Reform der Kunstgewerbeschulen zu übernehmen. Gleichzeitig gründete er in Berlin ein eigenes Architekturbüro. Die Landhäuser, die M. nach englischem Vorbild errichtete, wurden anfangs als Sensation verstanden, doch verbreitete sich der neuartige Baugedanke sehr schnell. Im Gegensatz zur traditionellen Villa sind die von M. gestalteten Landhäuser auf die umgebende Natur bezogen. Der Grundriss richtet sich nach den Bedürfnissen der Bewohner, nicht nach repräsentativen Raumfolgen. M. wurde bald zum gefragtesten Architekten des gehobenen Bürgertums. Auf ihn gehen mehr als 60 Landhäuser zurück, die überwiegend in den Berliner Villenvororten Zehlendorf, Dahlem, Schlachtensee und Nikolassee, aber auch in anderen Gegenden Deutschlands entstanden. Mit den in die Natur hineinkomponierten, oft malerisch angelegten Landhausbauten, darunter das Haus von Seefeld in Zehlendorf (1904/05), Haus Freudenberg in Nikolassee (1907/08), Haus Cramer in Dahlem (1911/12), M.s eigenes Wohnhaus in Nikolassee (1906) oder das Herrenhaus in Wendgräben bei Magdeburg (1910), hatte M. einen großen Einfluss auf die Architekturentwicklung vor dem Ersten Weltkrieg. Für die Seidenweberei Michels & Cie. in Nowawes bei Potsdam erstellte M. eine vorbildhafte Fabrikanlage (1912). Im Ersten Weltkrieg entstanden die Pläne für die Großfunkstelle in Nauen bei Berlin (1917-1920). – In seiner Antrittsvorlesung, die M. im Frühjahr 1907 an der Berliner Handelshochschule hielt, setzte er sich abermals dafür ein, im Kunstgewerbe auf historisierende Stilimitationen zu verzichten. Darauf reagierten die Fabrikanten und Händler mit lebhaftem Protest. Die dadurch ausgelöste Diskussion bewirkte, dass sich die reformorientierten Künstler, Industriellen und Kunstfreunde im DWB zusammenschlossen. Auf der Gründungsversammlung 1907 wurde M. zum zweiten Vorsitzenden gewählt. Er vermittelte zwischen den Behörden und der Industrie und warb für eine zeitgemäße Gestaltung handwerklicher und industrieller Produkte. M. war an der Deutschen Werkbund-Ausstellung 1914 in Köln beteiligt, für die er das Gebäude der Farbenschau sowie den Pavillon der Hamburg-Amerika-Linie entwarf. Mit seinem Bestreben, gebrauchsfähige und formschöne Gegenstände auch in industrieller Fertigung herzustellen, traf er im DWB auf heftigen Widerspruch. Die Streitigkeiten führten dazu, dass M. 1916 als zweiter Vorsitzender zurücktrat und an späteren Diskussionen nicht mehr teilnahm. – M. widmete sich seit 1910 verstärkt dem Problem der Wohnungsnot. Die englische Gartenstadt-Idee hielt er für geeignet, um das Wohnungsproblem zu lösen und gesunden Wohnraum in der Umgebung der dicht besiedelten Großstädte zu schaffen. Am Bau der ersten deutschen Gartenstadt in Hellerau war M. maßgeblich beteiligt. Bereits 1903 hatte Karl Schmidt, der Leiter der Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst, mit M. Kontakt aufgenommen. Daraus ergab sich eine enge Zusammenarbeit. Gemeinsam mit Richard Riemerschmid, Fritz Schumacher und Theodor Fischer gehörte M. der Bau- und Kunstkommission für Hellerau an. Er errichtete 1910 verschiedene Wohnhausgruppen mit schlichten und doch behaglichen Kleinhäusern, die sich um gebogene Gassen und platzartig aufgeweitete Straßenräume gruppieren. Die Reformbewegung hatte eine große Ausstrahlung, denn die Gartenstadt-Idee verbreitete sich in ganz Deutschland. In der Umgebung Leipzigs wurden die Gartenstädte Marienbrunn und Lößnig gegründet, für die M. ebenfalls Einfamilien- und Reihenhäuser entwarf. Zu den von ihm geplanten Kleinwohnungssiedlungen gehören die Siedlung Zum Lith in Duisburg (1910), eine Siedlung in Berlin-Altglienicke (1914), die Siedlung Ackermannshöhe in Stettin (poln. Szczecin) (vor 1918), die Siedlung Tannenwalde in Königsberg (russ. Kaliningrad) (1918/19), die Siedlung Harleshausen in Kassel (1918-1920), die Beamtensiedlung der Großfunkstelle Nauen (1918-1920) und eine Wohnanlage in Berlin-Wittenau (1924-1928). – Den neuen künstlerischen Entwicklungen, die nach dem Ersten Weltkrieg sichtbar wurden, stand M. ablehnend gegenüber. Er hielt an seiner Landhausarchitektur fest und verwendete zunehmend klassizistische und neobarocke Formen. An Debatten über moderne Kunst nahm er jedoch nicht mehr teil. 1926 wurde er pensioniert und starb im Oktober 1927, als er bei einem Baustellenbesuch in Berlin-Steglitz von einer Straßenbahn erfasst wurde.



W  Bauwerke: Kreuzkirche Tokio, 1890, 1923 zerstört; Landhaus von Seefeld Berlin-Zehlendorf, 1904/05; Landhaus Muthesius Berlin-Nikolassee, 1906; Landhaus Freudenberg Berlin-Nikolassee, 1907/08; Herrenhaus Wendgräben Möckern/Fläming, 1910; Gartenstadt Hellerau Dresden-Hellerau, verschiedene Wohnhausgruppen, 1910; Siedlung Zum Lith Duisburg, 1910; Haus Cramer Berlin-Dahlem, 1911/12; Seidenweberei Michels & Cie. Nowawes, 1912; Gartenstadt Marienbrunn Leipzig-Marienbrunn, Einfamilien- und Reihenhäuser, 1913; Siedlung Berlin-Altglienicke, 1914; Deutsche Werkbund-Ausstellung Köln, Gebäude der Farbenschau, Pavillon der Hamburg-Amerika-Linie, 1914; Großfunkstelle Nauen, Hauptgebäude, 1917-1920, Beamtensiedlung, 1918-1920; Gartenstadt Alt-Lößnig Leipzig-Lößnig, Einfamilien- und Reihenhäuser; Siedlung Ackermannshöhe Stettin, vor 1918; Siedlung Harleshausen Kassel, 1918-1920; Siedlung Tannenwalde Königsberg, 1918/19; Wohnanlage Berlin-Wittenau, 1924-1928; Schriften: Italienische Reise-Eindrücke, Berlin 1898; Architektonische Zeitbetrachtungen, Berlin 1900; Der kunstgewerbliche Dilettantismus in England, Berlin 1900; Die Englische Baukunst der Gegenwart, Leipzig 1900; Die neuere kirchliche Baukunst in England, Berlin 1901; Der Kirchenbau der englischen Secten, Halle/Saale 1902; Stilarchitektur und Baukunst, Mühlheim/Ruhr 1902; Das moderne Landhaus und seine innere Ausstattung, München 1904; Das englische Haus, 3 Bde., Berlin 1904/05; Landhaus und Garten, München 1907; Wie baue ich mein Haus?, München 1917; (Hg.), Die schöne Wohnung, München 1922.

L  H. Schmitz, Hermann M., in: Deutsche Bauzeitung 60/1926, S. 627-630; Hermann M. †, in: ebd. 61/1927, S. 728; F. Schultze, Hermann M. †, in: Zentralblatt der Bauverwaltung 47/1927, S. 573f.; S. Günther u.a. (Hg.), Hermann M. 1861-1927,Ausstellungskatalog Berlin 1977 (WV); J. Campbell, Der Deutsche Werkbund 1907-1934, Stuttgart 1981; H.-J. Hubrich, Hermann M. - Die Schriften zu Architektur, Kunstgewerbe, Industrie in der „Neuen Bewegung“, Berlin 1981; F. Löffler, Das alte Dresden, Leipzig 1981; K. Junghans, Der Deutsche Werkbund, Berlin 1982; W. Ribbe/W. Schäche (Hg.), Baumeister, Architekten, Stadtplaner, Berlin 1987; Hermann M. im Werkbund-Archiv, hrsg. vom Werkbund-Archiv, Ausstellungsmagazin Berlin 1990. – DBA II, III; DBE 7, S. 320; NDB 18, S. 651-653; Thieme/Becker, Bd. 25, Leipzig 1999, S. 296f



Matthias Donath
1.12.2006


Empfohlene Zitierweise:

Matthias Donath, Muthesius, Adam Gottlieb Hermann, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (24.11.2017)

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