Kretzschmar August Ferdinand Hermann
Musikwissenschaftler, Dirigent, Universitätsmusikdirektor
* 19.1.1848 Olbernhau 10.5.1924 Berlin Berlin, Kirchhof Nikolassee(ev.)
VKarl Dankegott (1794-1868), KantorMKaroline Wilhelmine, geb. Leupold (1803-1864)1880 Clara, geb. Meller (1855-1903), Pianistin
GND: 118715941


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K. war zu seiner Zeit einer der produktivsten, universal denkenden und einflussreichsten Musikwissenschaftler, der akribische Quellenforschung mit moderner Geschichtsbetrachtung verband und auf der wirksamen Popularisierung musikwissenschaftlicher Erkenntnisse bestand. Auf diesem Weg folgten ihm v.a. seine Schüler Arnold Schering und Georg Schünemann. – Nach ersten Unterweisungen durch den Vater und seiner Erfahrung als Kurrendaner in Olbernhau wurde 1862 bis 1867 der Dresdner Kreuzchor für K. zur eigentlichen musikalischen Heimstatt, zur Basis seiner musikpraktischen und -wissenschaftlichen Entwicklung. Ab 1868 studierte er in Leipzig an der Universität Klassische Philologie und Geschichte, parallel dazu ab 1869 Musik am dortigen Konservatorium. Seine Dissertation (1871) zu mittelalterlicher Notation verfasste er in lateinischer Sprache. K. übernahm 1871 am Konservatorium einen Lehrauftrag sowie die Leitung mehrerer großer Chöre. Da er sich als Dirigent profilieren wollte, trat er 1876 am Theater Metz die Stelle eines Kapellmeisters an, folgte jedoch bereits im Jahr darauf dem Ruf der Universität Rostock, um Universitätsmusikdirektor zu werden. Dort widmete er sich neben der musikhistorischen Forschung auch dem gesamten städtischen Musikleben. Für seine Konzerte verfasste er kurze Einführungen, die das Verständnis für den Inhalt von Musik wecken sollten. Gegründet auf der Affektenlehre, legte er damit nicht nur den Grundstein für seinen dreibändigen „Führer durch den Konzertsaal“ (1887-1890), dem Prototyp aller folgenden Publikationen dieser Art. Zugleich begründete und praktizierte er mit ihnen seine Theorie der musikalischen Hermeneutik. Konform damit gingen K.s lebenslange Anstrengungen um eine Reform des gesamten Musiklebens, eingeschlossen die „musikalische Volkserziehung“, sowohl den Privatunterricht und die Schulmusik als auch die Fachausbildung betreffend. Diese und andere „musikalische Zeitfragen“ rückten fortan in den Mittelpunkt des Musikforschers, -praktikers und -politikers. Aber K. strebte in das „Centrum des deutschen Musiklebens“. Deshalb nahm er 1887 die Berufung als Leipziger Universitätsmusikdirektor an, hielt musikwissenschaftliche Vorlesungen zur Geschichte musikalischer Genres, spielte die Orgel der Universitätskirche und leitete neben dem akademischen Männerchor den legendären Riedel-Verein. Außerdem führte er die Akademischen Orchesterkonzerte ein, darunter die „Historischen Konzerte“, die der Renaissance älterer Musik und der historischen Aufführungspraxis galten. So erfolgreich auch die Leipziger Jahre verliefen, für K. waren sie mit schweren Enttäuschungen verbunden, zumal ihm nicht die Stelle des Gewandhauskapellmeisters übertragen wurde. Deshalb kam ihm das Angebot der Berliner Universität gelegen: 1904 übernahm er dort das neu gegründete Ordinariat für Musikwissenschaft und konnte dadurch v.a. auch seine Forschungen zur Geschichte der Oper, des Liedes und anderer Gattungen intensivieren. Gleichzeitig erhielt er durch Ämterhäufung einen musikkulturellen Einfluss wie kein anderer deutscher Musikwissenschaftler, u.a. als kommissarischer Leiter des Königlichen Instituts für Kirchen- und Schulmusik (1907), als kommissarischer Direktor der Königlichen Hochschule für Musik (1909), als Vorsitzender der Neuen Bachgesellschaft und der Internationalen Musikgesellschaft, als Musikberater Kaiser Wilhelms II. usw. Aber als „selbsternannter Gralshüter des nationalen Erbes und intellektueller Leibwächter der Hohenzollern“ (W. Rathert, 2003) geriet K. besonders nach 1919 immer mehr in die Kritik und wurde schließlich zwangspensioniert. – Für K. war Musikwissenschaft legitimiert durch ihren gesellschaftlichen Nutzen, deshalb trachtete er danach, deren Erkenntnisse dem Rezipienten von Musik verständlich zu machen. K. erkannte die Bedeutung der historischen Aufführungspraxis, er setzte sich permanent für grundlegende Reformen des gesamten Musiklebens ein.



W  Vokalmusik: drei Ernste Gesänge op. 2; fünf Lieder op. 3; drei Psalmenmotetten op. 7; „Himmelfahrt“, Motette op. 13; Schriften: De signis musicis, quae scriptores … tradiderint, Diss. Leipzig 1871; Führer durch den Konzertsaal, 3 Bde., Leipzig 1887-90, 51939; Musikalische Zeitfragen, Leipzig 1903; A. Heuss (Hg.), Gesammelte Aufsätze über die Musik und anderes, Bd. 1: Gesammelte Aufsätze über Musik und anderes aus den „Grenzboten“, Leipzig 1910, Bd. 2: Gesammelte Aufsätze aus den Jahrbüchern der Musikbibliothek Peters, Leipzig 1911.

L  H. Loos/R. Cadenbach (Hg.), Hermann K., Konferenzbericht Olbernhau 1998, Chemnitz 1998; dies. (Hg.), Hermann K., Konferenzbericht Berlin 1999 (im Druck). – DBA II, III; DBE 6, S. 100f.; (Artikel W. Rathert) MGG2P 10, Sp. 688ff.; NDB 13, S. 19f.; Sächsische Lebensbilder, Bd. 2, Leipzig 1938, S. 229-241 (Bildquelle); RiemannL 1, S. 968; NGroveD (1980) 10, S. 258f.



Werner Kaden
8.6.2009


Empfohlene Zitierweise:

Werner Kaden, Kretzschmar, August Ferdinand Hermann, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (22.10.2017)

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