Holtzhauer Helmut Richard
Minister für Volksbildung, SED-Politiker; Kulturpolitiker, Literaturhistoriker, Gegner des NS-Regimes
* 2.12.1912 Leipzig 16.12.1973 Bad Berka Weimar(konfessionslos)
VHermann Heinrich Aloisius Adolf (1874-1952), JustizobersekretärMMelanie Walburga, geb. Wilisch (1876-1947)G4Johanna Renate, geb. Scharsig (1915-1982)SMartin
GND: 116970391





H. verband in allen seinen politischen Funktionen und als Literaturhistoriker seine kommunistische Grundüberzeugung mit seiner volksbildnerischen, humanistischen Zielsetzung. Die daraus resultierenden Konflikte mit SED-Funktionären hinderten ihn nicht, seine Ziele mit großer Energie weiter zu verfolgen. Eine Anerkennung, v.a. seines Weimarer Lebenswerks, erfolgte erst Jahrzehnte nach seinem Tod. – H. schloss sich 1928 der Sozialistischen Arbeiterjugend an, wechselte 1930 in den KJVD und trat 1933 der KPD bei. Nach dem Abitur begann er 1930 eine Buchhändlerlehre bei F. Volckmar in Leipzig, aus der er nach seiner Verhaftung 1934 entlassen wurde. Vom Oberlandesgericht Dresden war er wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt worden, die er in Waldheim verbüßte. Seine spätere Ehefrau Renate Scharsig wurde mit gleicher Begründung in einem anderen Prozess 1934 ebenfalls zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. – Nach der Haftentlassung arbeitete H. zunächst im Albatross-Verlag Leipzig, dann bis zu seiner erneuten Verhaftung 1941 in der Maschinenfabrik Müller & Montag in Leipzig. Vom Volksgerichtshof in Berlin erfolgte wegen „Unterlassung einer Anzeige eines hochverräterischen Unternehmens“ eine Verurteilung zu zwei Jahren Gefängnis, die er in Zwickau verbüßte. Wegen der Urteile wurde H. als „wehrunwürdig auf Lebenszeit“ eingestuft und entkam so dem Militärdienst. Nach der Haftentlassung arbeitete er in der Buchhandlung A. Lindig in Leipzig. – H. begann ab Ende 1944 zusammen mit Gerhard Ellrodt, Fritz Gietzelt und anderen eine Gruppe des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD) in Leipzig aufzubauen. – Auch mit dem Kriegsende und der amerikanischen Besetzung Leipzigs setzte sich für H. zunächst die Zeit der Illegalität fort, da die amerikanischen Besatzer das örtliche NKFD verboten und mehrere hundert Personen inhaftierten. Nach Eingliederung Leipzigs in die SBZ wurde er jedoch bereits im August 1945 von der Bezirksleitung Leipzig der KPD als Stadtrat für Volksbildung vorgeschlagen und übernahm 1946 als 3. Bürgermeister das Ressort Wirtschaft. In diesen Funktionen war er maßgeblich an der Wiederbelebung des Kulturlebens Leipzigs (u.a. Wiedereröffnung der Universität Leipzig, Gründung des Verlags „Volk und Wissen“ und von Sportausschüssen sowie Mitbegründung des Kulturbunds in Leipzig) und dem Wiederaufbau der städtischen Wirtschaft beteiligt. – 1948 bis 1951 war H. Minister für Volksbildung im Land Sachsen. Zu seinen Aufgaben gehörten u.a. die Schulreform, die Gründung von Arbeiter- und Bauernfakultäten, von staatlichen Volksmusikschulen, die Förderung der Museumsarbeit und von Kunstausstellungen in Dresden sowie die Wiedereröffnung der Sächsischen Akademie der Wissenschaften. 1951 wurde H. zum Vorsitzenden der Staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten berufen, womit auch die Mitgliedschaft im Ministerrat der DDR im Rang eines Staatssekretärs verbunden war. Hier versuchte er, Fortschritte auf kulturellem Gebiet - flächendeckend und nicht ausschließlich in und für Berlin - zu sichern. Dies geschah durch die Einrichtung von Kreiskulturorchestern, durch die Reformierung des Besucherbetriebs an den Theatern, durch die Umformierung des Museumswesens mit Fokus auf den Besucher und durch die Gründung folkloristischer Gesangs- und Tanzensemble sowie des Zentralhauses für Volkskunst in Leipzig. In diese Zeit fallen zudem erste Kulturabkommen der DDR mit Polen und der Tschechoslowakischen Republik. – Nach der Auflösung der Staatlichen Kunstkommission übernahm H. 1954 den Aufbau und die Leitung der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar (NFG, heute Klassik Stiftung Weimar). Neben der Erschließung der Gedenkstätten für ein breites Publikum war ein Schwerpunkt der Tätigkeit der NFG deren denkmalgerechte Erhaltung und Restaurierung. Das unter H.s Leitung 1960 neu gestaltete Goethe-Nationalmuseum wurde in seiner Zeit international als museumsstilprägend angesehen. – H.s Wirken ist es zu verdanken, dass die Goethe-Gesellschaft, deren Vizepräsident er seit 1955 und Präsident seit 1971 war, als einzige literarisch-wissenschaftliche Gesellschaft in Deutschland ungeteilt blieb. Neben seiner Tätigkeit als Generaldirektor der NFG war H. Vorsitzender des Museumsrats der DDR und Vertreter der DDR im International Council of Museums (ICOM), einer UNO-Unterorganisation. – Auf H.s Initiative wurden die „Weimarer Beiträge“ als eine der wichtigsten literaturgeschichtlichen Zeitschriften der DDR begründet, die bis heute unter dem Titel „Weimarer Beiträge. Zeitschrift für Literaturwissenschaft, Ästhetik und Kulturwissenschaften“ fortgeführt wird. Er gehörte zu den Mitbegründern und Herausgebern der „Bibliothek deutscher Klassiker“ (BDK), einer Reihe von Volksausgaben deutschsprachiger Autoren vom 16. bis ins ausgehende 19. Jahrhundert, die 1955 bis 1991 durch den „Aufbau-Verlag“ Berlin herausgegeben wurde und fast 70 Autoren in über 150 Bänden mit einer Gesamtauflage von mehr als sieben Millionen Exemplaren umfasste.



W  (Hg.), Heines Werke in fünf Bänden, Weimar 1956, Berlin/Weimar 181991, Ergänzungsband Lutetia, Weimar 1960; (Hg,), Natur und Idee, Weimar 1966; (Hg.), Goethes Werke in zwölf Bänden, Berlin/Weimar 1966, 31974; (Hg.), Goethe-Almanach auf das Jahr 1967-1971, Berlin/Weimar 1966-1970; Goethe-Museum. Werk, Leben und Zeit Goethes in Dokumenten, Berlin/Weimar 1969; (Hg.), Winckelmanns Werke in einem Band, Berlin/Weimar 1969, 41986; (Hg.), J. W. v. Goethe, Winckelmann und sein Jahrhundert in Briefen und Aufsätzen, Leipzig 1969; (Hg.), Goethes Briefe in drei Bänden, Berlin/Weimar 1970, 21984; (Hg.), Jahrbücher der Goethe-Gesellschaft 89/1972-91/1974; mit I. Möller, J. C. Goethe, Liber domesticus 1753-1779, Leipzig 1973; mit R. Schlichtling (Hg.), H. Meyer, Geschichte der Kunst, Weimar 1974; Weimarer Tagesnotizen 1958-1973, hrsg. von M. Holtzhauer/K. Kratzsch/R. Krauß, Hamburg 2017; Literarische Revolution. Aufsätze zur Literatur der deutschen Klassik, hrsg. von M. Holtzhauer, Hamburg 2017.

L  G. Schmid, Nationale Forschungs- und Gedächtnisstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar, in: G. Bollenbeck u.a. (Hg.), Weimar. Archäologie eines Ortes, Weimar 2001, S. 196-205; G. Steinecke, Drei Tage im April. Kriegsende in Leipzig, Leipzig 2005, S. 85f.; P. Raabe, Blaubuch 2006: kulturelle Leuchttürme in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, Berlin 2006, S. 19; A. Lange, Meuten - Broadway-Cliquen - Junge Garde. Leipziger Jugendgruppen im Dritten Reich, Köln/Weimar/Wien 2010, S. 83, 234f.; L. Ehrlich, 1912: Helmut H. - Kulturpolitiker, Literarhistoriker, in: Mitteldeutsches Jahrbuch für Kultur und Geschichte 19/2012, S. 182-186; J. Golz, Zwischen Pflicht und Neigung. Helmut H.s Dienst an Goethe und seiner Gesellschaft, in: Goethe-Jahrbuch 130/2013, S. 123f. – DBA III; H. Müller-Enbers (Hg.), Wer war wer. Ein Lexikon ostdeutscher Biographien, Bd. 1, Berlin 2010, S. 573f.

P  Helmut H., W. Rudolph, 1965, Öl auf Leinwand, Fotografie: M. Holtzhauer, Privatbesitz (Bildquelle).



Martin Holtzhauer
4.4.2018


Empfohlene Zitierweise:

Martin Holtzhauer, Holtzhauer, Helmut Richard, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (23.10.2018)

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