Deckert Helmut
Bibliothekar, kommissarischer Direktor der Sächsischen Landesbibliothek Dresden
* 18.1.1913 Klotzsche bei Dresden 18.2.2005 Radebeul Radebeul-West, Hauptfriedhof(ev.)
VFriedrich Eduard (1873-1954), IngenieurMHelene, geb. Lechner (1882-1973)GErich-Ludwig (1903-1984)1939 Waltraud, geb. Compter (* 1915), Tochter des Kammermusikers Franz CompterSJoachim (* 1941), Pfarrer in Ruppendorf und Dresden; Andreas (* 1947), Ingenieur
GND: 143382225





D. war Bibliothekar und stellvertretender Direktor der Sächsischen Landesbibliothek (SLB) in Dresden und hatte zeitweilig die kommissarische Leitung dieser Institution inne. Darüber hinaus erlangte er Bedeutung durch seine Mitarbeit an der Edition des als „Codex Dresdensis“ bezeichneten Maya-Kalenders, dessen Geschichte er zudem erforschte. – D., der aus einer Wiener Fabrikantenfamilie stammte und dessen Eltern 1906 nach Dresden zogen, begann nach dem Besuch der Volksschule in Klotzsche und des Wettiner Gymnasiums in Dresden ab 1933 an der Universität Leipzig mit dem Studium der Germanistik und Philosophie. Er verließ die Universität jedoch nach kurzer Zeit, schlug eine Laufbahn als Bibliothekar ein und absolvierte im März 1934 eine Ausbildung für den mittleren Dienst an der SLB, die er im Februar 1936 abschloss und der eine Anstellung an der Landesbibliothek ab September des gleichen Jahres folgte. – D., der sich in Rückblick auf sein Leben selbst als „Christ und pazifistischen Ethiker“ (Bibliothekar aus Leidenschaft, Bd. 1, S. 3) bezeichnete und für den Glaube und Kirche zeitlebens eine wichtige Rolle spielten, kam bereits als Schüler in Kontakt mit der evangelischen Jungmännerbewegung. Über diese gelangte er in der Zeit des Kirchenkampfs im Dritten Reich zu seinem Engagement im Umfeld christlich-evangelischer Organisationen wie dem Pfarrernotbund oder später der Bekennenden Kirche. Besonders aktiv war er dabei in der Gemeinde der Friedenskirche zu Radebeul, wo er - mit kurzzeitiger Unterbrechung - seit 1930 lebte und in welcher er 1938 zum Kirchenvorsteher ernannt wurde - ein Amt, das er bis 1978 innehaben sollte. – Im Oktober 1944 als Soldat eingezogen, geriet D. mit Kriegsende bei Pilsen (tschech. Plzeň) in amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der er im November 1945 zurückkehrte. Bereits im Dezember konnte er seine Arbeit an der SLB wieder aufnehmen, wo es nach Kriegsende zu erheblichen personellen Umstrukturierungen - auch aufgrund der Entnazifizierung - kam. D. selbst erlebte in dieser Zeit den beruflichen Aufstieg in den wissenschaftlichen Dienst und schließlich 1949 die Ernennung zum stellvertretenden Direktor. In dieser Position, die er bis Ende 1976 innehatte, oblag ihm dreimal (1952, 1957-1959 und 1962-1964) die kommissarische Leitung der SLB. 1972 wurde ihm zudem der Titel eines Bibliotheksrats verliehen. – D. hatte nach 1945 Anteil am Wiederaufbau und der Reorganisation der Landesbibliothek, wobei sich den Akteuren eine schwierige Ausgangslage bot. So war nicht nur das Japanische Palais, in dem die Bibliothek seit 1786 untergebracht worden war, infolge der Luftangriffe auf Dresden am 13. und 14.2.1945 schwer zerstört, sondern es waren auch bedeutende Sammlungen beschädigt worden oder gar gänzlich verloren gegangen. Im Rahmen der Reorganisation beteiligte er sich an der Rückführung ausgelagerter Bestände; auch kümmerte er sich um das Schließen von Bestandslücken und die notdürftige Unterbringung der Bibliothek. Außerdem übernahm D. die Leitung des von Erhart Kästner konzipierten Buchmuseums und war eine Zeit lang Leiter aller Sondersammlungen sowie der Handschriften- und Inkunabelabteilung der SLB. Auch sichtete und ordnete er zahlreiche Nachlässe, so u.a. den Nachlass und die Tagebücher Victor Klemperers. – Neben seiner Tätigkeit im Bibliotheksdienst war D. auch publizistisch aktiv. So gab er 1957 nicht nur den ersten Inkunabelkatalog der DDR heraus, sondern förderte auch die Ausgabe von Faksimiledrucken. So erwarb er sich besondere Verdienste durch die Mitarbeit an der Edition des „Codex Dresdensis“, zu dessen Geschichte er zahlreiche Schriften verfasste. Ebenso bedeutsam waren die von ihm betreuten Faksimiledrucke des „Neuen Blumenbuchs“ und der „Metamorphosis insectorum Surinamensium“ von Maria Sybilla Merian. Darüber hinaus publizierte er über die Handschriften- und Autografenbestände der SLB. – Eng verbunden mit seinem Beruf als Bibliothekar war auch seine Mitgliedschaft in der im Kulturbund der DDR organisierten, bibliophilen Pirckheimer-Gesellschaft, die sich 1956 gründete und für die er sich in der Ortsgruppe Radebeul engagierte. 1965 erfolgte seine Ernennung zum Beirat der Oberlausitzer Bibliothek der Wissenschaft. Darüber hinaus war D. seit 1945/46 Mitglied der CDU in der DDR. – 1981 schied D. aus dem bibliothekarischen Dienst aus, blieb jedoch der SLB und später der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) als Mitglied in der Gesellschaft der Freunde und Förderer der SLUB bis zu seinem Tod eng verbunden. Sein umfangreicher Nachlass, der sich im Besitz der SLUB befindet, und v.a. seine Biografie mit dem Titel „Bibliothekar aus Leidenschaft“ bieten nicht nur einen Einblick in das Leben D.s, sondern dokumentieren darüber hinaus die Geschichte der SLB im Dritten Reich sowie in der Zeit der DDR und bieten einen umfangreichen Einblick in das Innenleben dieser Institution.



W  Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Handschriftensammlung, Spezialkatalog zum Nachlass von Bibliotheksrat Helmut D. (Online-Ausgabe: http://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/23827/1/cache.off [Letzter Zugriff am 20.1.2014]) (WV); Katalog der Inkunabeln der Sächsischen Landesbibliothek zu Dresden, Leipzig 1957; mit B. Burgemeister, Sächsische Landesbibliothek. Benutzungsführer, Dresden 1960; Maya-Handschrift der Sächsischen Landesbibliothek Dresden. Codex Dresdensis. Geschichte und Bibliographie, Berlin 1962; M. S. Merian, Neues Blumenbuch. Begleittext zur Faksimileausgabe, Leipzig 1966 (ND 2013); dies., Methamorphosis insectorum Surinamensium. Begleittext zur Faksimileausgabe, Leipzig 1975 (ND Frankfurt/Main/Leipzig 2002); mit F. Anders, Codex Dresdensis. Kommentar, Graz 1975; Führer durch die Handschriftensammlung der Sächsischen Landesbibliothek zu Dresden, Dresden 1976; Bibliothekar aus Leidenschaft, 3 Bde., 1987 [Ms.].

L  D. Schmidmeier, Bibliothekar und Bücherfreund aus Leidenschaft, in: Marginalien 178/2005, H. 2, S. 105f.; T. Bürger, Bibliothekar aus Leidenschaft, in: SLUB-Kurier 19/2005, H. 1, S. 19; ders., Dresdner Bibliothekare - emigriert, geflohen, geblieben, in: ebd. 21/2007, H. 2, S. 13-15. – T. Bürger/K. Hermann (Hg.), Das ABC der SLUB, Dresden 2006, S. 57 (P).

P  Helmut D., 1958, Fotografie, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Henrik Schwanitz
28.5.2014


Empfohlene Zitierweise:

Henrik Schwanitz, Deckert, Helmut, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (11.12.2017)

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