Weissenborn Hellmuth
Maler, Grafiker, Illustrator
* 29.12.1898 Leipzig 2.9.1982 London London, Hampstead Cemetery(ev.)
VJulius Fritz, Gymnasialoberlehrer, Akademieprofessor (1869-1941)MClara, geb. Goldacker (1871-1940)GLotte (1896-1986), Marianne (1900-1978) 1.1928 Edith, geb. Halberstam (1906-1978)SFlorian (1931-2004) 2.1946 Lesley, geb. Macdonald (1911-2001)
GND: 118630598

W. erlangte als Landschaftsmaler, Grafiker und Illustrator im 20. Jahrhundert v.a. in England große Bedeutung. – Er entstammte einer traditionsreichen sächsisch-thüringischen Familie, zu der auch Friederike Caroline Weißenborn, die „Neuberin“, gehörte. W. wuchs zusammen mit seinen zwei Schwestern in einem künstlerisch geprägten Elternhaus auf und besuchte in Leipzig das Schiller-Realgymnasium, an dem sein Vater als Lehrer tätig war. Nach dem Abitur 1917 nahm er als Soldat einer Maschinengewehrkompanie am Ersten Weltkrieg in Frankreich, Russland, Estland und Serbien teil. Nach Kriegsende studierte W. ab Wintersemester 1918/19 Kunstgeschichte, Philosophie und Völkerkunde an der Leipziger Universität und wurde dort 1925 bei dem Ethnologen Fritz Krause mit einer Arbeit über „Das Verhältnis der Indianer Guayanas und Nordbrasiliens zum Tier“ promoviert. Gleichzeitig verfolgte er seine künstlerischen Interessen an der Leipziger Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe und absolvierte 1922 die staatliche Prüfung für Zeichenlehrer des höheren Lehramts in Dresden. An der Leipziger Akademie lernte er Walter Tiemann, Max Schwimmer und Hans Alexander Müller kennen. Der freundschaftliche Gedankenaustausch insbesondere mit Schwimmer war für W. wichtig und prägend. – W.s beruflicher Werdegang begann 1925 am Leipziger Völkerkundemuseum als künstlerischer Berater zur Entwicklung zeitgemäßer Ausstellungsprinzipien. Nachdem er bereits 1924 einen Lehrauftrag an der Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe erhalten hatte, berief ihn Tiemann 1926 zunächst als Dozent, später als Professor an die Akademie. W. unterrichtete dort Perspektive, Naturzeichnen und Formenlehre. – Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde W., wie andere Mitarbeiter Tiemanns, aus der Akademie entlassen. Seine Entlassung erklärt sich aus der Tatsache, dass er aus einem sozialdemokratischen Elternhaus stammte und mit einer Jüdin verheiratet war. W. verließ daraufhin Deutschland und zog mit seiner Familie nach London. Als er nach Kriegsbeginn interniert wurde, ging seine Ehefrau Edith mit dem Sohn angesichts der unübersichtlichen Kriegslage in die USA, wo ihre Mutter bereits Zuflucht gefunden hatte. Nach einer sechsmonatigen Internierung auf der Isle of Man im sog. Hutchinsons Camp blieb W. jedoch in England; eine Trennung der Ehe war die Folge. – Trotz guter Referenzen war es für W. schwer, beruflich in London Fuß zu fassen. Während des Kriegs verdiente er seinen Lebensunterhalt durch grafische Arbeiten zur Buchillustration. Er führte u.a. Illustrationsaufträge für die Baynard Press aus und lernte dort 1943 seine zweite Frau Lesley Macdonald kennen. 1941 erlangte W. eine Teilzeit-Lehrtätigkeit am späteren Ravensbourne College of Art, die er bis 1970 ausübte. – Nach dem Krieg übernahm W. zusammen mit seiner Frau den Verlag „The Acorn Press“, in dem zunächst Kinderbücher herausgegeben wurden. Später, in den 1960er- und 1970er-Jahren, publizierte er dort zahlreiche limitierte Editionen seiner grafischen Arbeiten in Mappen- und Buchform. Daneben führte er immer wieder Auftragsarbeiten auch für andere Londoner Verlage aus, u.a. für Readerʼs Digest und den Verlag John Calder. Zu dieser Zeit wurde er Mitglied im Londoner „Club of Authors“. In den 1970er-Jahren entstand eine fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Drucker John Randle und dessen The Whittington Press, die viele der Arbeiten W.s von den Originalstöcken druckte. W. arbeitete kontinuierlich und intensiv bis an sein Lebensende. Noch 1982 fertigte er 154 Holzstiche als Dekoration zu Shakespeares Sonetten, die kurz nach seinem Tod erschienen. – W. war zunächst durch seine Illustrationen und Buchproduktionen in Erscheinung getreten. Das Bekanntwerden seiner Malerei und Grafik förderte er seit Beginn der 1960er-Jahre durch alljährliche Ausstellungen in seinem Haus und Atelier in South Kensington. Daneben verfolgte W. die Entwicklung im Nachkriegsdeutschland mit großer Anteilnahme und besuchte Deutschland regelmäßig, um Freunde und Bekannte zu treffen und um zu malen. Er hielt z.B. Kontakt zu Leipziger Künstlern sowie zu Ernst Hassebrauk in Dresden und ermutigte ihn bei seinen künstlerischen Vorhaben. – W. war zudem bemüht, deutsche Literatur im englischen Sprachraum bekannt zu machen. Bereits 1949 illustrierte und publizierte er mit Richard Friedenthal eine Vorstudie dessen bekannter Goethe-Biografie. Zusammen mit Lesley Macdonald fertigte W. in siebenjähriger Arbeit die erste vollständige englische Fassung des „Simplicius Simplicissimus“ und stattete sie mit 45 Holzstichen aus. Es folgten weitere Publikationen mit Übersetzungen deutscher Literatur, u.a. eine Auswahl aus den Lessingʼschen Fabeln in Englisch und Deutsch. In Anerkennung seiner völkerverbindenden Verdienste erhielt W. 1979 das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. – W.s künstlerische Entwicklung bahnte sich in jugendlichem Alter an. Als Soldat brachte er seine Eindrücke der Kämpfe im Ersten Weltkrieg an der Westfront in Zeichnungen zu Papier, die er schließlich 1977 als Illustrationen zu den Aufzeichnungen von Edward Thomas veröffentlichte, der auf englischer Seite bei Arras (Frankreich) kämpfte. W. gehörte nie einer bestimmten Stilrichtung oder Künstlergruppe an. Er war ein experimentierfreudiger Künstler, entwickelte Techniken weiter und probierte immer wieder Neues. Er hatte ursprünglich den Impuls, sich der Bildhauerei zu verschreiben, konnte aber in jungen Jahren kein aufwändiges Werkstatt-Atelier unterhalten. So fertigte er in kleinerem Rahmen Marionettenfiguren und beschäftigte sich in den 1960er-Jahren mit Modellieren in Ton. Eindrucksvolle Schachfiguren, die jetzt im Besitz des Victoria and Albert Museums in London sind, legen davon Zeugnis ab. – Der Pastellmalerei widmete W. sich dagegen lebenslang. Mit ihr konnte er Eindrücke und Stimmungen schnell zu Papier bringen und das Ergebnis im Atelier überarbeiten. Neben seinen Reisezielen thematisierte er das London der 1960-er Jahre. Er scheute sich dabei nicht, neben dem Atmosphärischen auch die Schattenseiten der Millionenstadt darzustellen und offenbarte dabei eine durchaus sozialkritische Haltung. – Interessante Ergebnisse erzielte W. um 1970 mit Ölmalerei auf Japanpapier, eine Technik, die wegen der starken Saugfähigkeit des Papiers rasches Arbeiten und sicheren Umgang mit Pinsel und Farbe erfordert. Diese Arbeiten sind von starker Leuchtkraft. Als Motive treten Landschaften und Tierdarstellungen auf. – In seiner Londoner Zeit wandte sich W. zum ersten Mal intensiver grafischen Techniken zu, mit denen er sich bis dahin nur am Rande beschäftigt hatte. Ende der 1920er-Jahre experimentierte er damit, die Typen des Setzkastens zur minimalistischen Darstellung kleiner Szenen einzusetzen - eine interessante Beschränkung auf vorgegebene Formen, in gewisser Weise auch eine Beschränkung auf das Wesentliche, das alle seine Arbeiten auszeichnet. Eine systematische Beschäftigung mit Holz- und Linolschnitt setzte erst ein, als W. in London Illustrationsaufträge übernahm, was ihn durch seine weiteren Schaffensperioden begleitete. – Er entwickelte bald eigene Grundsätze und einen eigenen Stil. Er schuf Bücher und Mappenwerke mit Linolschnitten. W. experimentierte mit Farblinolschnitten, färbte seine Linolplatten mehrfarbig ein und fand schließlich in den 1960er-Jahren zur Monotypie als eine ihm adäquate Flachdrucktechnik. Es entstanden auch in dieser Technik Landschafts- und Tierdarstellungen, wobei zunächst die Farbigkeit stärker hervortritt. Später, in den 1970-er Jahren, wandte er sich in seinen Monotypien wieder mehr einer grafisch-monochromen Behandlung der Motive zu. W. selbst räumte den Monotypien einen hohen Stellenwert innerhalb seines Schaffens ein. – Holzschnitt und insbesondere Holzstich setzte W. für die meisten Illustrationsaufgaben ein, dabei zeigt sich stets sein Sinn für interessante Perspektiven. Er experimentierte mit Materialien aus Kunststoffen, wie Perspex- und Vinylplatten, worüber er auch publizierte. In seinem letzten Werk, den von ihm so bezeichneten „Decorations“ zu Shakespeares Sonetten, wich W. ins rein Dekorative der Darstellung aus. – Nach W.s Tod führte seine Frau die Acorn Press weiter und publizierte in der folgenden Zeit Mappen und Bücher mit W.s Illustrationen aus dem Nachlass. 1990 fand in Leipzig unter der Schirmherrschaft des Auswärtigen Amts die ihm gewidmete Ausstellung „Ein Künstler kehrt heim“ statt. – W.s Produktivität ist bemerkenswert, er hinterließ fast 2.000 Holzstiche, hunderte Linolschnitte, Stiche, Zeichnungen, Pastelle und Ölbilder. Sie befinden sich in London v.a. im Victoria and Albert Museum und im Imperial War Museum, in Deutschland u.a. im Gutenberg-Museum in Mainz, im Klingspor-Museum in Offenbach, im Haus der Geschichte in Bonn sowie im Museum der bildenden Künste und im Deutschen Buch- und Schriftmuseum in Leipzig. Seine Arbeiten werden zudem von der Whittington Press weiterhin zur Illustration ihrer Pressedrucke verwendet.



Q  Universität Leipzig, Universitätsarchiv, Promotionsakte W.; Stammbaum Familie Weißenborn, Privatbesitz; Arena: Art and Design, Filmdokument, British Broadcasting Corporation, Ausstrahlung am 6.4.1977; In the Making: The Whittington Press, Filmdokument, British Broadcasting Corporation, Ausstrahlung am 18.5.1977.

W  (Hg.), Prinz Max zu Wied, Unter Rothäuten, Leipzig 1924; Bunte Bilder, Leipzig 1928; Federschmuck im Wandel der Moden, Leipzig 1937; Grafikfolgen „Nazi Elite“ und „Der Krieg“, London 1943; H. J. C. Grimmelshausen, Simplicius Simplicissimus, London 1964 (Übersetzung aus dem Deutschen); R. Gant/M. Thomas (Hg.), The Diary of Edward Thomas (1st January - 8th April 1917), Andoversford 1977; Meine Freundschaft mit Hans Alexander Müller, in: Illustration 63/1978, H. 3, S. 75-77; G. E. Lessing, Gotthold Ephraim Lessing. A selection of his fables, London 1979 (Übersetzung aus dem Deutschen); Roads, rails, bridges, London/Andoversford 1979; Advanced Zoology, London 1980; Mein Leben in London, in: Illustration 63/1980, H. 2, S. 43-47; Holz oder nicht Holz, das ist die Frage, in: Graphische Kunst 17/1981, H. 2, S. 68f.; Werkstattbericht über die Monotypie, in: ebd. 18/1982, H. 2, S.67f.

L  Malerei, Graphik, Keramik. Hellmuth W., London, hrsg. vom Bezirksamt Tiergarten, Berlin 1972; R. Walker (Hg.), Hellmuth W. Painter and Graphic Artist, London 1976; H. Wendland, Der Illustrator und Pressendrucker Hellmuth W., in: Illustration 63/1977, H. 3, S. 75-78 (WV); H. A. Halbey, W. Druckgraphik, in: Katalog zur Ausstellung „Hellmuth W.“ Gutenberg-Museum, Mainz 1980; V. Bonham-Carter, Hellmuth W., in: The Times 11.9.1982; J. Randle, Hellmuth W., Engraver, Andoversford/London 1983; V. Bonham-Carter, A Lifelong Friendship, in: A Posy of Wild Flowers, London/Dulverton 1983, S. 7-9; H.-D. Genscher, Rede aus Anlaß der Eröffnung der Ausstellung der Werke von Hellmuth W. in der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft in Bonn am 24. November 1987, Mitteilung für die Presse Nr. 1215/1987; G. A. Wicke, Hellmuth W. und die graphischen Künste - zum 100. Geburtstag des Künstlers, in: Graphische Kunst 51/1998, S. 58-62 (WV); A. Nyburg, From Leipzig to London, New Castle 2012.

P  Hellmuth W., J. Vickers, 1969, Fotografie, Privatbesitz Vickers (Bildquelle); Hellmuth W., L. Applebee, Ölgemälde, Privatbesitz.



Günter A. Wicke
23.3.2012


Empfohlene Zitierweise:

Günter A. Wicke, Weissenborn, Hellmuth, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (26.4.2017)

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