Felfe Johann Paul Heinz
Kriminalkommissar, Geheimdienstmitarbeiter, Professor für Kriminalistik, Spion
* 18.3.1918 Dresden 8.5.2008 Berlin Berlin(ev.)
VJohann (1863-1945), KriminalpolizistMElisabeth, geb. Ulbricht (1880-1977) GElsa Elisabeth, verh. Opp (1896-1961) 1.1941 (gesch. 1962) Ingeborg, geb. Conrad (* 1919)SHans-Ulrich (* 1944) TUrsula, verh. Reinhartz (1948-2010) 2.1971 Junta, geb. Storch (* 1933)
GND: 118809946





F., der für sieben verschiedene Geheimdienste arbeitete, zählt zu den bekanntesten deutschen Spionen und löste Anfang der 1960er-Jahre einen der größten Spionageskandale im westdeutschen Auslandsnachrichtendienst, dem Bundesnachrichtendienst (BND), aus. Er wurde Ende 1961 verhaftet, nachdem er für den sowjetischen Geheimdienst (KGB) zehn Jahre lang den BND und dessen Vorgängerorganisation, die Organisation Gehlen, ausspioniert hatte. – F.s Elternhaus in Dresden-Striesen war bürgerlich und national geprägt. F. selbst schloss sich früh der nationalsozialistischen Bewegung an. Als Schüler der Dürerschule trat er mit 13 Jahren in die Hitlerjugend ein und war ab 1936 Angehöriger des SS-Motorsturms sowie Mitglied der NSDAP. Nachdem F. die Schule 1934 verlassen hatte, absolvierte er eine Feinmechaniker-Lehre bei der Firma Müller & Wetzig, arbeitete jedoch 1937 bis 1939 als Registerführer beim NSDAP-Gaugericht in Dresden. 1939 leistete er seine Arbeitspflicht beim Reichsarbeitsdienst in Radeburg ab. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde F. Soldat. Er nahm am Polen-Feldzug teil, wurde aber nach wenigen Wochen aufgrund einer Erkrankung wehruntauglich. F. holte über ein Langemarck-Stipendium 1941 sein Abitur in Dresden nach, wurde 1943 Kriminalkommissar und arbeitete als SS-Obersturmführer für den Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD) im Auslandsnachrichtendienst des Reichssicherheitshauptamts in Berlin und bis Kriegsende im niederländischen Enschede. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs orientierte sich F. politisch schnell neu und diente sich während seiner Kriegsgefangenschaft dem ihn verhörenden britischen Geheimdienst an. In seine Heimatstadt Dresden kehrte F. aufgrund seiner früheren SD-Zugehörigkeit aus Angst vor sowjetischen Repressionen nicht zurück, sondern zog nach Honnef ins Rheinland. F. spionierte 1947 bis 1950 als V-Mann für den britischen Auslandsgeheimdienst (MI6) in Nordrhein-Westfalen kommunistische Aktivitäten aus und verkaufte diese Informationen auch an die Vorgängerorganisation des Verfassungsschutzamts Nordrhein-Westfalen. Eine geregelte und dauerhafte Anstellung mit Perspektive fand F. allerdings nicht. Über einen früheren Dresdner SD-Kollegen, der Kontakt zum sowjetischen Geheimdienst unterhielt, ließ er sich, angetrieben von beruflicher Perspektivlosigkeit und geheimdienstlicher Selbstüberschätzung, im September 1951 vom KGB anwerben. Sein Auftrag war es, in den westdeutschen Auslandsnachrichtendienst einzudringen. F. war hiermit erfolgreich und wurde im November 1951 Mitarbeiter der Organisation Gehlen. Zehn Jahre lang sollte er zunächst in einer Außenstelle in Karlsruhe, ab 1953 in der Geheimdienstzentrale in Pullach im Isartal arbeiten - am Ende als Leiter der Gegenspionage/Sowjetunion im BND. Durch einen polnischen KGB-Überläufer, der für den amerikanischen Geheimdienst CIA arbeitete, wurde F. am Ende selbst enttarnt. Am 6.11.1961 wurde er in Pullach verhaftet und am 22.7.1963 wegen Geheimnis- und Landesverrats zu 14 Jahren Haft verurteilt. Am 14.2.1969 kam F. im Rahmen eines größeren Austauschs politischer Häftlinge aus der DDR und der Sowjetunion vorzeitig wieder frei und siedelte in die DDR über. In Ostberlin verhalfen ihm das KGB und das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), das ihn intensiv in allen Lebensbereichen betreute, zur Promotion und Professur an der Humboldt-Universität im Fachbereich Kriminalistik. 1980 begann F. als Hauptamtlicher Inoffizieller Mitarbeiter für das MfS zu arbeiten. Sechs Jahre später veröffentlichte er im Auftrag Moskaus und mit Hilfe des MfS seine autobiografische Rechtfertigungsschrift „Im Dienst des Gegners“. Erst nach der deutschen Wiedervereinigung musste er 1991 seine Professur aufgeben. F. verstarb am 8.5.2008 in Berlin und wurde anonym bestattet.



Q  Archiv des Beauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik Berlin (BStU), MfS, HA II; Archiv des Bundesnachrichtendienstes Berlin (BNDA); Bundesarchiv Berlin (BArchiv), B 206 Bundesnachrichtendienst; Central Intelligence Agency, Electronic Reading Room Washington, D.C. (USA) (CIA-ERR); National Archives and Records Administration Washington, D.C. (USA) (NARA), RG 236.

W  Im Dienst des Gegners. 10 Jahre Moskaus Mann im BND, Hamburg/Zürich 1986 (ND Berlin 1988, ND Moskau 1988 [russ.]).

L  Norman J. W. Goda, The Gehlen Organization and the Heinz Felfe Case: The SD, the KGB, and Western German Counterintelligence, in: David A. Messenger/Katrin Paehler (Hg.), A Nazi past. Recasting German Identity in postwar Europe, Lexington 2015, S. 271-294; Bodo V. Hechelhammer, Eine akademische Karriere im Auftrag der Geheimdienste. Der universitäre Werdegang des KGB-Spions Heinz F.: vom Studenten des SD und MI6 zum Professor für das MfS, in: Jahrbuch für Universitätsgeschichte 18/2015, S. 9-34; ders., „On His Majesty´s Secret Service“. Heinz F. und seine nachrichtendienstliche Tätigkeit für den britischen Geheimdienst gegen die KPD (1947-1950), in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2016, S. 75-96; ders., Doppelagent Heinz F. entdeckt Amerika. Der BND, die CIA und eine geheime Reise im Jahr 1956, Paderborn 2017; ders., Spion ohne Grenzen. Heinz F. - Agent in sieben Geheimdiensten, München 2019. – Helmut Müller-Engbergs (Hg.), Wer war wer in der DDR?, Bd. 1, Berlin 52010, S. 314.

P  Heinz F., 1954, Fotografie, Archiv des Bundesnachrichtendienstes Berlin, 5157_Teil2 (OT).



Bodo V. Hechelhammer
28.10.2019


Empfohlene Zitierweise:

Bodo V. Hechelhammer, Felfe, Johann Paul Heinz, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (21.11.2019)

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