Pudor Heinrich (Pseudonyme: Heinrich Scham, Ernst Deutsch)
Musiker, Schriftsteller, Publizist
* 31.8.1865 Loschwitz bei Dresden 22.12.1943 Leipzig(ev., später konfessionslos)
VFriedrich (1835-1887), Leiter des Königlichen Landeskonservatoriums für Musik in DresdenMElisabeth, geb. Schultz (1835-1918)GJulius Friedrich (* 1863), sächsischer Generalmajor; Ottomar Max (* 1868), Kaufmann; Wilhelm (1872-1912), Rechtsanwalt; Richard (1875-1950), Kaufmann 1.1891 (gesch. 1898) Susanne, geb. JacobiTHilda (* 1893); Margot (* 1895) 2.1902 Linda, geb. PrillS1T3
GND: 11630734X

P. trat im Wilhelminischen Kaiserreich, in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus als Musiker, Schriftsteller und Publizist für lebensreformerisches, völkisches und antisemitisches Gedankengut ein. Seine Ideen fanden Eingang in die völkische Bewegung, obwohl er selbst in ihr ein Außenseiter blieb. – Nach dem Besuch des Dresdner Kreuzgymnasiums studierte P. in Leipzig und Heidelberg Philosophie, Archäologie und Musik und promovierte 1889 in Heidelberg über Arthur Schopenhauer. In frühen Schriften und Aufsätzen pries er die Musik Richard Wagners als Grundlage einer völkischen Kulturreform. Nach dem Tod seines Vaters wurde P. 1890 Leiter des Dresdner Konservatoriums, das er nach Wagner’schen Vorstellungen umzugestalten plante. Als sich die Musiker und die Stadt gegen diese Pläne zur Wehr setzten, verkaufte P. das Konservatorium. Fortan versuchte er sich als freier Schriftsteller und Verleger in Dresden, Berlin und Leipzig. Er wurde zum eifrigen Fürsprecher und Theoretiker von Lebensreformbewegungen im Umfeld der Künstlersiedlung und späteren Gartenstadt Hellerau. Durch Impfgegnerschaft, Freikörperkultur, Sexual-, Kleidungs- und Ernährungsreform wollte er der „Dekadenz“ moderner, urbaner Gesellschaften entgegenwirken. Maßgeblichen Einfluss hatte er auf die Nacktkulturbewegung, als deren Mitbegründer er bis heute gilt. Wichtige Anregungen für seine lebensreformerischen Bestrebungen dürfte P. der kulturpessimistischen Philosophie Julius Langbehns („Rembrandt als Erzieher“, 1890) entnommen haben. – Nach seiner Heirat hielt sich P. lange Zeit im Ausland auf und arbeitete als Musiker und Reiseschriftsteller, bis er 1898 endgültig nach Deutschland zurückkehrte. Obwohl er mittlerweile sein Vermögen bei Immobiliengeschäften verloren hatte und seine verlegerische Tätigkeit keinen Gewinn erwirtschaftete, bemühte sich P. nicht mehr um eine gesicherte berufliche Existenz, sondern widmete sich als freier Schriftsteller voll und ganz der völkischen Weltanschauung. Neben Ernst Schmeitzner, Theodor Fritsch, Willibald Hentschel, Hermann Beyer, Erwin Bauer, Ferdinand Woldemar Glöß und Max Bewer ist P. zu jenen Personen zu zählen, die das Königreich Sachsen zu einer frühen publizistischen Hochburg der völkischen Bewegung machten. P.s Antisemitismus radikalisierte sich kontinuierlich. Während seine Judenfeindlichkeit Anfang der 1890er-Jahre noch ein Nebenprodukt der musiktheoretischen und lebensreformerischen Schriften war, wurde sie zusehends zum Angelpunkt von P.s Weltanschauung.1898 ließ P. sich von seiner jüdischen Frau scheiden und bekannte sich zum Rassenantisemitismus. Diese Gesinnung bekundete er in einer Flut von Monografien sowie in Aufsätzen für Periodika nationalistischer und völkischer Verbände. Regelmäßig schrieb er in den „Alldeutschen Blättern“ und in Fritschs „Hammer“. Gelegentliche Beiträge lieferte P. für konservative Kulturzeitschriften wie die „Bayreuther Blätter“ (herausgegeben von Hans von Wolzogen), „Das Zwanzigste Jahrhundert“ (zeitweilig herausgegeben von Heinrich Mann) und „Das heilige Feuer“ (herausgegeben von Ernst Thrasolt). Seit etwa 1910 gewannen in P.s Schrifttum mittelstandspolitische Fragen an Bedeutung, denen er sich im Auftrag von Interessenverbänden wie der Sächsischen Mittelstandsvereinigung, dem Bund der Landwirte und dem Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband widmete. Unter dem Einfluss der Niederlage der Rechtsparteien in der Reichstagswahl von 1912 („Judenwahlen“) begann P., eigene radikalantisemitische Zeitschriften und Rundbriefe herauszugeben, die im Titelkopf das Hakenkreuz führten und unter wechselnden Namen (u.a. „Antisemitisches Rüstzeug“, „Der eiserne Ring“, „Arisches Blut“ und „Die deutsche Partei“) bis in die 1920er-Jahre bestanden. Außerdem schloss er sich der Deutschsozialen Partei an, für die er in Sachsen als Vortragsredner agierte. Ob P., wie er selbst behauptete, mit dem „Deutschen Volksrat“ über eine eigene politische Gruppierung verfügte, ist zweifelhaft. Anders als seinem Idol und Konkurrenten Fritsch gelang es ihm nie, eine nennenswerte Anhängerschaft hinter sich zu versammeln. Im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik geriet P. wegen seiner hemmungslosen antisemitischen und rechtsextremistischen Propaganda in Konflikt mit der Justiz. 1916 wurden seine Zeitschriften von der Zensurbehörde verboten, was er allerdings mit Namensänderungen zu umgehen wusste. Für Kampagnen gegen Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg (1917) und Außenminister Gustav Stresemann (1924) musste sich P. vor Gericht verantworten und verbüßte 1927/28 in Bautzen eine 18-monatige Gefängnisstrafe wegen Beleidigung Stresemanns. – Anfang der 1920er-Jahre nahm P. Kontakt zu den Nationalsozialisten auf und schrieb vereinzelt für den „Völkischen Beobachter“. Er wurde allerdings nie Parteimitglied. P. war seit 1918 immer wieder mit dem Vorschlag in Erscheinung getreten, man solle die Juden durch Pogrome wie im zaristischen Russland zur Auswanderung bewegen. In „Mein Kampf“ kritisierte Adolf Hitler diese Strategie und forderte stattdessen die planmäßige „Lösung der Judenfrage“ im Rahmen eines völkischen Staats. P.s Plädoyer für einen „Antisemitismus der Tat“ entfremdete ihn auch zusehends von den Nachfolgeorganisationen der völkischen Parteien und Verbände des Kaiserreichs, die ein offenes Bekenntnis zur politischen Gewalt scheuten. – P.s Stellung zum Nationalsozialismus blieb ambivalent. Einerseits befürwortete er die Judenpolitik des „Dritten Reichs“, andererseits übte er Kritik am Führerkult und am Alleinherrschaftsanspruch der NSDAP. Aus diesem Grund wurde P. 1933 in „Schutzhaft“ genommen und mit einem Publikationsverbot belegt. Das hielt ihn allerdings nicht davon ab, auch nach seiner Haftentlassung 1934 mit der Publikation völkischer und antisemitischer Broschüren im Selbstverlag fortzufahren. 1934 und 1939 bis 1941 verfasste P. autobiografische Schriften, mit denen er erfolglos versuchte, sich als Vordenker des Nationalsozialismus zu profilieren. Seine Behauptung, einen „Ehrensold des Führers“ in Höhe von 300 Reichsmark zu erhalten, ist nicht nachgewiesen und wahrscheinlich unzutreffend. 1943 wurde der mittlerweile verarmte P. wegen Buchhandelsbetrugs angeklagt und aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen. Er starb noch vor der Urteilsverkündung. – P. galt zeitlebens als Außenseiter und eigenwilliger Exzentriker. Dennoch muss er zu den wichtigsten Ideengebern der völkischen Bewegung gezählt werden. Seine Zusammenführung von lebensreformerischem, nationalistischem und antisemitischem Gedankengut fand zur Wilhelminischen Zeit in der Jugendbewegung sowie in völkischen Verbänden, Bünden und Orden einen Resonanzboden. In der Weimarer Republik und im „Dritten Reich“ blieb P. einflusslos, zumal er sich trotz inhaltlicher Übereinstimmungen nicht vorbehaltlos in die nationalsozialistische Bewegung einreihte. P.s Lebenslauf steht stellvertretend für die Krise bürgerlicher Wertvorstellungen seit dem späten 19. Jahrhundert und für die Suche nach ganzheitlichen, postmodernen und totalitären Gegenentwürfen. Als Feindbild firmierte in diesem Zusammenhang das Judentum, das seine bürgerliche Akkulturation gerade zu einem Zeitpunkt erreicht hatte, als P. und andere völkische Denker begannen, Bürgerlichkeit und Moderne radikal in Frage zu stellen.



W  Das deutsche Herz, Dresden 1890; Ein ernstes Wort über „Rembrandt als Erzieher“, Göttingen 1890; Kaiser Wilhelm II. und „Rembrandt als Erzieher“, Dresden 1891; Sittlichkeit und Gesundheit in der Musik, Dresden 1891; (Hg.), Dresdner Wochenblätter für Kunst und Leben, Dresden 1892; Die alten und die neuen Wege in der Musik, Dresden 1892; Nackende Menschen, Dresden 1893; Kirtara, Leipzig 1894; Die neue Erziehung, Leipzig 1902; Laokon, Leipzig 1902; Die Frauenreformkleidung, Leipzig 1903; (Hg.), Kultur der Familie. Illustrierte Monatsschrift, Berlin 1905-1914; Katechismus der Nacktkultur, Berlin 1906; Bisexualität, Berlin 1906; Hansabund und Judentum, Hamburg 1912; Deutschland für die Deutschen!, 2 Bde., München 1912/13; Antisemitisches Rüstzeug, Leipzig 1912-1923; Deutsche Qualitätsarbeit, Leipzig 1913; Fester im Glauben, Leipzig 1913; Landwirtschaft und Judentum, Berlin 1913; Nordland-Politik, Leipzig 1913; Wie kriegen wir sie hinaus?, Leipzig 1913; Zur Sozialpolitik des Mittelstandes, Leipzig 1913; Familienpolitik, Leipzig 1914; Waldpolitik, Leipzig 1914; Arisches Blut, Leipzig 1915; Der eiserne Ring, Leipzig 1915-1918; Deutscher Volksrat (Flugblätter), Leipzig ca. 1918/19; Der Sinn des Hakenkreuzes, Dresden 1920; (Hg.), Die deutsche Partei. Eine politische Halbmonatsschrift, Leipzig 1923; Die Überwindung des Judenchristentums durchs Germanentum, Dresden 1923; Nordland-Fahrten, Dresden 1923; Zur Wiederbelebung germanischer Volks- und Naturfeste, Dresden 1923; Die Gesetze der Schönheit bei Spiel, Sport und Tanz, Leipzig 1931; Die internationalen verwandtschaftlichen Beziehungen der jüdischen Hochfinanz, Leipzig 1933-1940; Dr. Heinrich P., Leipzig 1934; Völker aus Gottes Atem, Leipzig 1936; Bücher und Schriften von Dr. Heinrich P., Leipzig 1939; Mein Leben, Leipzig 1939-1941.

L  F. Pudor, Die Familie Pudor, Leipzig 1925; A. Mohler, Die konservative Revolution in Deutschland, Darmstadt 1972, S. 358-360; J. H. Ulbricht, Das völkische Verlagswesen im Kaiserreich, in: U. Puschner/W. Schmitz/J. H. Ulbricht (Hg.), Handbuch zur Völkischen Bewegung, München 1996, S. 277-301; U. Schneider, Nacktkultur im Kaiserreich und Heinrich P., in: ebd., S. 411-435, 921; J. H. Ulbricht, Keimzellen „deutscher Wiedergeburt“, in: Dresdner Hefte 15/1997, S. 80-86; T. Adam, Heinrich P., in: M. Lehmstedt/A. Herzog (Hg.), Das bewegte Buch, Wiesbaden 1999, S. 183-196 (P); D. Walter, Antisemitische Kriminalität und Gewalt, Bonn 1999, S. 23-51; M. Piefel, Antisemitismus und völkische Bewegung im Königreich Sachsen, Göttingen 2004, S. 86-90. – NDB 20, S. 759; A. Hampe, Heinrich P., in: W. Benz (Hg.), Handbuch des Antisemitismus, Bd. 2/2, Berlin 2009, S. 658-660.

P  Heinrich P. in „Reformkleidung“, Fotografie, 1895 (Bildquelle).



Thomas Gräfe
21.3.2011


Empfohlene Zitierweise:

Thomas Gräfe, Pudor, Heinrich (Pseudonyme: Heinrich Scham, Ernst Deutsch), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (29.3.2017)

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