Ernemann Johann Heinrich
Unternehmer, Pionier der industriellen Foto- und Filmgerätefertigung in Deutschland
* 28.5.1850 Gernrode/Eichsfeld 16.5.1928 Hartha bei Tharandt Dresden, Johannisfriedhof Tolkewitz(kath.)
VJoseph Brodmann, Bauer, HofbesitzerMCatharina, geb. Ernemann, verh. Günther (* 1824), Magd1875 Therese, geb. Grafe († 1917)SCarl Heinrich Alexander (1878-1956), Ingenieur, Direktor der Zeiss Ikon AG; Fritz (* 1878)TFrieda (* 1878); Trude (* 1880); Dora (* 1883)
GND: 133288617

E. gehörte zu den deutschen Unternehmerpersönlichkeiten, die nach 1871, aus untersten sozialen Schichten stammend, mit Energie und Gespür für zukünftige Trends der Warenproduktion ihre Firmen zu national wie international geachteten Branchenakteuren führten. Als geistiger, finanzieller und organisatorischer Kopf der Ernemann-Werke Dresden etablierte E. die industrielle Foto- und Filmgerätefabrikation in Deutschland, indem er einerseits den Markt für solche Waren erkannte und bereitete sowie andererseits eine für die Massenherstellung notwendige Betriebsstruktur konsequent durchsetzte. – Nach ärmlicher Kindheit und Volksschulbesuch in seinem Geburtsort verließ E. 1866 das Eichsfeld und arbeitete um 1870 in der Krupp Gussstahlfabrik in Essen. Ihm gelang die Freistellung vom Militärdienst, weshalb er nicht am Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 teilnehmen musste. 1873 besuchte E. die Handelsschule in Pirna. Anschließend war er als Handelsreisender tätig, ehe er Silvester 1875 in Dresden heiratete und von da an mit seiner Frau das dortige Textil- bzw. Kurzwarengeschäft seiner Schwiegermutter weiterführte. Aufgrund sparsamer Lebensführung und geschäftlichem Geschick erwirtschaftete E. bis 1888 insgesamt 7.500 Mark, womit er 1889 in Erwartung einer Expansion des fotografischen Gewerbes die Kameratischlerei Matthias kaufte. Die kleine Hinterhofwerkstatt hieß fortan „Dresdener photographische Apparate-Fabrik“. Dort wurden Fotokameras für Reisen und Ateliers als Einzelstücke hergestellt. E. kümmerte sich zunächst um neue Absatzmöglichkeiten und strukturierte die Produktion grundlegend um, wobei die Amateur- bzw. Liebhaberfotografen stärker als potenzielle Kunden ins Blickfeld gerieten. 1890 wurden neue, größere Räume angemietet und 1892 begann die Kamerafertigung mit Dampfmaschinen in einem Neubau. Um Abhängigkeiten von Zulieferern zu mindern, gliederte E. dem Unternehmen eine mechanische Werkstatt an. Im Mai 1892 wurde seiner Firma das erste von 213 Patenten erteilt, vier Jahre später erschien der erste Angebotskatalog. Dass E. qualitativ hochwertige Holzkameras fabrizierte, beweisen Preise bei renommierten Leistungsschauen, u.a. 1896 auf der Großen Gewerbe- und Kunstausstellung in Dresden. E. zählte in dieser Zeit neben Emil Wünsche und Richard Hüttig zu den sächsischen Unternehmern der Fotobranche, die sich unter Konkurrenzdruck behaupteten und vergrößerten, während andere, die nicht in die industrialisierte Produktion wechselten, in Konkurs gingen oder durch Großbetriebe übernommen wurden. Dresden entwickelte sich zu dieser Zeit zum Hauptstandort der fotografischen Wirtschaft - rund 75 % der deutschen Kameras wurden dort produziert. Im Kontext dieses Modernisierungs- und Konzentrationsschubs traf E. richtungsweisende Entscheidungen: 1897 legte er den Grundstein für ein neues Fabrikgelände an der Schandauer Straße in Dresden, das nach mehreren Unterbrechungen im Herbst 1923 mit dem Ernemann-Turm eingeweiht wurde. 1899 wandelte E. seine Firma in eine Aktiengesellschaft um und erwarb kurz darauf die in Görlitz ansässige Firma „Fotoapparatebau Herbst & Firl“. 1907 eröffnete er eine optische Abteilung, in der Fachkräfte die Objektivlinsen nicht nur einfassten, sondern selbst schliffen. Durch solche Maßnahmen stärkte E. neben dem Amateursektor v.a. die Sparten professionelle und Spezialkameras und schuf somit die Basis für spätere Erfolge. Ein weiterer Schritt, um die Konkurrenz niederzuhalten und Nachbauten zu verhindern, war die Ausweisung der Erzeugnisse als Markenartikel. Als Schutzmarken fanden zwischen 1903 und 1917 eine Lichtgöttin, danach ein Symbol mit den Buchstaben E und W für Ernemann-Werke und 1922 bis 1926 ein stilisiertes Malteserkreuz Verwendung. – 1902/03 wagte E. den Schritt, das bewegte Bild auch dem Amateur zu erschließen. Er brachte den weltweit ersten Familienkinematografen als Fabrikware heraus und taufte ihn auf den zugkräftigen Namen „Kino“. In Katalogen bot E. nicht nur Technik und Rohfilm, sondern auch Kauffilme (z.B. Humoresken und Stadtbilder von Dresden) an. Er hatte damit Technologien und Vermarktungswege geschaffen, die richtungsweisend für spätere Heimfilmsysteme wurden. Bis 1910 erfreute sich sein „Kino“ im In- und Ausland großer Beliebtheit. In der prosperierenden Unternehmensphase bis 1918, die durch den Ersten Weltkrieg kaum Einbußen, eher Zugewinne durch Rüstungslieferungen, zu verzeichnen hatte, gelangen seiner Firma weitere bemerkenswerte, oft bahnbrechende Leistungen: 1907 eine Panoramakamera, diverse Modelle für die Stereofotografie, 1909 (durch Sohn Alexander) der erste komplett aus Stahl gefertigte Kinoprojektor „Imperator“, 1916 (durch Hans Lehmann) die weltweit erste Zeitlupenkamera und im selben Jahr eine „kriegswichtige“ Luftbildkamera (zusammen mit Oskar Messter). Dem Betriebszusammenhalt der 825 Beschäftigten (1912) maß E. höchste Bedeutung bei. Er prämierte besonders loyale Mitarbeiter mit Gewinnbeteiligungen, räumte bei längerer Werkszugehörigkeit Weihnachtsgeld und einige Tage Urlaub ein. Konservativen Idealen verpflichtet und als Feind der Gewerkschaften bekannt, sich zugleich zur sozialen Verantwortung für die Belegschaft bekennend richtete E. 1910 einen Unterstützungsverein ein, der den „nationalen Arbeiter“ geistig an das Unternehmen koppeln sollte, der aber auch praktische Hilfe (z.B. Krankengeld) gewährte. Das Bild einer homogenen Werksgemeinschaft, die kontinuierlich innovative Produkte hervorbringt, mit E. als geachtetem Patriarchen, bestimmte auch die Darstellung nach außen. E. agierte mit einer Mischung aus traditionellem und modernem Vokabular: Einerseits akzentuierte er z.B. die Freundschaft zum sächsischen König Friedrich August III. und damit verbundene Ehrungen in der Öffentlichkeitsarbeit (z.B. Ernennung zum königlich sächsischen Kommerzienrat am 25.5.1913), andererseits folgte E. im Reklamedesign den Moden eines immer wichtigeren Wirtschaftsfaktors. Dies geschah durch eine konsequente Einbindung der Schutzmarke, Benutzung zunehmend größerer Werbeträger, um Bild- und Grafikelemente in ihrer Wirkung zu optimieren, Verpflichtung anerkannter Werbekünstler wie Ludwig Hohlwein, Einbeziehung von Sonderwerbeformen wie Preisausschreiben und Fotowettbewerbe. Diese offensive Reklamearbeit leitete sich aus der hauptsächlichen Zielgruppe seiner fotografischen Massenartikel ab, des kleinbürgerlichen bis gehobenen Bürgertums. – Im kommunalen und wissenschaftlichen Leben Dresdens spielte E. eine bedeutende Rolle, ein Renommee, das auch dem Image seiner Firma dienlich war. So erklärte er sich als Mitglied des Direktoriums der Ersten Photographischen Weltausstellung Dresden 1909 zum Förderer des Unterrichtsfilms. 1908/09 engagierte sich E. für die Einrichtung einer von der Wirtschaft bezuschussten Professur für Fotografie an der Technischen Hochschule Dresden. Am 24.7.1918 erhielt E. für die Förderung des wissenschaftlichen und pädagogischen Films die Ehrendoktorwürde der Hochschule. Nach dem Ersten Weltkrieg erkannte er, dass in einem zunehmend globalen Markt für Foto- und Filmtechnik nicht nur beständige Produktinnovationen den Unternehmensfortbestand gewährleisten, sondern dass Rationalisierungen (Sortimentsbereinigungen, Personalabbau) und eine weitere Firmenkonzentration unabdingbar waren. Deshalb trennte er sich 1919 vom Görlitzer Kamerawerk, im Jahr darauf schloss er eine Vertriebs- und Interessenpartnerschaft mit der Krupp AG, was sich auf den Produkten bzw. in der Werbung in der Bezeichnung Krupp-Ernemann niederschlug. Neuentwicklungen der 1920er-Jahre waren die Profikamera „Ernox“ bzw. „Ermanox“, die fotografische Nachtaufnahmen ohne Blitzlicht ermöglichte (1924), sowie eine Geräteserie für das „Kleinbildwesen“ (1926). 1925 ging der mittlerweile 75-jährige Generaldirektor E. aufgrund der Umsatzstagnation und der makroökonomischen Tendenz zur Monopolisierung eine Interessengemeinschaft mit der Internationalen Camera Actiengesellschaft, der Contessa-Nettel AG und der Optischen Anstalt Goerz AG ein. Die einflussreiche Zeiss-Stiftung sicherte sich schließlich durch Kapitalbereitstellung eine Führungsposition in dem im Mai 1926 konstituierten Zeiss Ikon-Konzern. Es entstand das größte Unternehmen der Fotobranche in Europa, hinter Eastman Kodak Ltd. das zweitgrößte weltweit. E. blieb bis zu seinem Tod Aufsichtsrat bei Zeiss Ikon, was die tiefe Bindung an sein Lebenswerk unterstreicht.



L  W. Steinhauer, In memoriam Heinrich E., in: Film Technikum 20/1969, H. 1, S. 16f.; H. Gottwald, Dresdner Kamerafertigung von Heinrich E. ab 1889, in: Feingerätetechnik, 38/1989, H. 7, S. 314-316 (P); R. Hummel, Kalendarium zur 150jährigen Geschichte des Dresdner Kamerabaus, Leipzig 1992; P. Göllner, Ernemann Cameras, Hückelhoven 1995 (P); 75 Jahre Zeiss Ikon AG Dresden, Dresden 2001; W. Kubak, Mitteldeutsche Fotogeschichte, Wolfen (P); R. Forster, Vom „Kino“ und seinen Nachfolgern, in: Dresdner Hefte 82/2005, S. 3-12 (P); K. Vincenz/W. Hesse (Hg.), Fotoindustrie und Bilderwelten, Bielefeld 2008. – DBA II, III; DBE 3, S. 156f.

P  Kgl. Sächs. Kommerzienrat und Dr. Ing. e. h. Heinrich E., R. Sterl, 1919, Öl auf Leinwand, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Ralf Forster
25.11.2011


Empfohlene Zitierweise:

Ralf Forster, Ernemann, Johann Heinrich, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (22.7.2017)

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