Erlwein Hans (Johannes) Jakob
Architekt, Stadtbaurat
* 13.6.1872 Bayerisch Gmain bei Reichenhall 9.10.1914 Amagne-Lucquy bei Rethel (Frankreich) seit 1922 Noyers-Pont-Maugis (Frankreich), Soldatenfriedhof(ev.)
VJohann (1844-1900), GastwirtMElisabeth, geb. Ziegler († 1900)GLina; Elise; Katharina; Babette; Maria1899 Maria Viktoria, geb. HirschTElisabeth (* 1898)
GND: 119442051





E. war der bedeutendste städtische Architekt in Dresden im 20. Jahrhundert. Obwohl er nur neun Jahre in der sächsischen Hauptstadt als Stadtbaurat wirkte, hat er das Stadtbild durch seine Bauten maßgeblich geprägt und die Dresdner Bautradition fortgeschrieben. Am Umbau Dresdens zu einer modernen Großstadt wirkte er entscheidend mit. E. trat - wie Ludwig Hoffmann in Berlin oder Fritz Schumacher in Hamburg - für eine großstädtische, zugleich jedoch traditionsgebundene und harmonische Bauweise ein, die die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen versöhnen sollte. Damit stand er der gemäßigt modernen und reformorientierten Architekturrichtung vor dem Ersten Weltkrieg nahe. E.s Bauten fügen sich selbstbewusst in den geschichtsträchtigen Stadtraum Dresdens ein und sind selbst zu wesentlichen Bestandteilen der Dresdner Baugeschichte geworden. – Der in Bayern geborene und aufgewachsene E. absolvierte 1893 bis 1896 ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule München. Nachdem er bei den Königlich Bayerischen Staatseisenbahnen in München, im Landbauamt Amberg und im Militärbauamt München praktische Erfahrungen gesammelt hatte, bewarb er sich 1898 um die Stelle des Stadtbaurats in Bamberg. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt weder über einen akademischen Abschluss, noch über größere Bauerfahrungen verfügte und auch keine eigenen Bauten vorweisen konnte, wurde er zum Stadtbaurat gewählt. Der überraschende Karrieresprung ist wohl auf das zielstrebige, gewinnende Auftreten des jungen Architekten zurückzuführen, von dem überdurchschnittliche Leistungen zu erwarten waren, zumal er mit den aktuellen künstlerischen Entwicklungen vertraut war. E. legte 1899 das praktische Regierungsbaumeisterexamen ab. Im Jahr darauf wurde er Magistratsmitglied der Stadt Bamberg. – E. errichtete in Bamberg das Chirurgische Krankenhaus (1899/1900), die Luitpoldschule (1900/01), das Elektrizitätswerk (1900/01) und den Zentralschlachthof (1903/04). Die Bauten sind funktional angelegt, zugleich aber mit prächtigen Renaissancegiebeln versehen, denn E. bediente sich in Bamberg überwiegend des Baustils der deutschen Renaissance. Außerhalb von Bamberg baute E. das Corpshaus der Baruthia in Erlangen (1902/03), wobei er Bauformen des Amberger Schlosses zitierte. – Im November 1904 wurde E. als Stadtbaurat nach Dresden berufen. Mit seinem Amtsantritt begann ein neuer Abschnitt in der Dresdner Stadtentwicklung. E. stand vor der Aufgabe, die sächsische Hauptstadt großstadtgerecht umzubauen und dringend benötigte Verwaltungs- und Versorgungseinrichtungen zu schaffen. Er entwarf Schulen und Wasserwerke, Feuerwachen und Bedürfnisanstalten, Stadthäuser und Sparkassengebäude, städtische Wohnanlagen und Beamtenwohnhäuser. Seine Bauten zeichnen sich durch eine einfache, sachliche Grundhaltung und eine freie, malerische Massengliederung aus. Ihr freundliches und behagliches Aussehen ist insbesondere auf den zielsicher eingesetzten Bauschmuck zurückzuführen, wobei E. v.a. mit dem Bildhauer Georg Wrba und den Malern Otto Gussmann und Paul Rößler zusammenarbeitete. E. griff weniger auf süddeutsche Baumotive zurück, wie er sie in Bamberg bevorzugt hatte, sondern orientierte sich an der Barocktradition Dresdens, die er mit seiner eigenen Architektursprache fortschrieb. Er fand stets Formen, die sich den ästhetischen Gegebenheiten des Stadt- und Landschaftsraums unterordnen. Das betraf auch technisch orientierte Industriebauten wie z.B. den Speicher in der Devrientstraße (sog. Erlwein-Speicher, 1913/14). Im Ostragehege errichtete E. einen großangelegten Vieh- und Schlachthof (1906-1910), der eine in sich geschlossene Stadt darstellt. Die über 30 Einzelbauten sind funktionsgerecht angelegt und gleichzeitig mit den schlichten Fassaden und den roten Ziegeldächern ansprechend gestaltet. – E. fand für die Dresdner Innenstadt überzeugende städtebauliche Lösungen. Mit dem Italienischen Dörfchen (1911-1913), das in klassizistischen Formen gestaltet ist, erhielt der Theaterplatz eine feingliedrige, zur Elbe überleitende Randbebauung. Mit dem Neubau der Löwenapotheke am Altmarkt (1913/14, 1945 zerstört) gelang es, die Wilsdruffer Straße zu verbreitern, ohne die markante Ecksituation aufzugeben. Das süddeutsche Laubengangmotiv, das E. hier einführte, wurde beim Wiederaufbau des Altmarkts in den 1950er-Jahren wiederholt und fortgeführt. An Kirchenbauten war E. mit Ausnahme des Umbaus der Sophienkirche (1910) nicht beteiligt. – E. nahm am gesellschaftlichen Leben der Residenzstadt lebhaft teil und war als Leiter der städtischen Hochbauabteilung seit 1905 auch Mitglied des Magistrats. 1910 erhielt er eine Honorarprofessur an der Technischen Hochschule Dresden. E. war Mitglied der Königlichen Kommission zur Erhaltung der Kunstdenkmäler in Sachsen. 1905 gründete er u.a. mit Wilhelm Kreis, Fritz Schumacher, William Lossow und Max Hans Kühne die Künstlervereinigung „Die Zunft“, um eine engere Verbindung von Architektur, Bildhauerkunst und Malerei zu erreichen. Außerdem gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des 1907 gebildeten Deutschen Werkbunds. E. schuf Straßen- und Festdekorationen, u.a. zum Einzug Kaiser Wilhelms II. in Dresden 1905 und 1912, beteiligte sich an der Kunstgewerbeausstellung 1906 in Dresden, gestaltete den Rundtempel über dem Artesischen Brunnen am Albertplatz (1905) und errichtete mit dem Wolfshügelturm (1911/12, 1945 zerstört) einen beliebten Aussichtssturm in der Dresdner Heide. E.s öffentliche Anerkennung äußerte sich in zahlreichen Ordens- und Preisverleihungen. – E. war außerdem ein begeisterter Autofahrer und gehörte zu den ersten Automobilbesitzern in Dresden. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs trat E. in das Sächsische Freiwillige Automobilkorps ein. Er starb kurz darauf im Oktober 1914 bei einem Transport von Wohltätigkeitsgaben an deutsche Soldaten, als sein Auto am Bahnübergang in Amagne-Lucquy (Frankreich) in den Ardennen von einer Lokomotive erfasst wurde. Sein Grab wurde 1922 auf den Soldatenfriedhof Noyers-Pont Maugis (Frankreich) überführt. Mit seinem frühen Tod endete die für Dresden sehr fruchtbare „Erlwein-Zeit“.



W  Chirurgisches Krankenhaus Bamberg, 1899/1900; Luitpoldschule Bamberg, 1900/01; Elektrizitätswerk Bamberg, 1900/01; Corpshaus der Baruthia Erlangen, 1902/03; Zentralschlachthof Bamberg, 1903/04; König-Georg-Gymnasium Dresden-Johannstadt, 1905-1907; 24. Bezirksschule Dresden-Striesen, 1906/07; Feuerwache Dresden-Striesen, 1906/07; Vieh- und Schlachthof Dresden im Ostragehege, 1906-1910; Gaswerk Reick, 1907/08; 32. Bezirksschule Dresden-Neugruna, 1907-1909; Stadthaus Dresden-Friedrichstadt, 1907/08; Wasserwerk Hosterwitz, 1907/08; Klärwerk Dresden-Kaditz, 1907-1910; Höhere Töchterschule Dresden-Altstadt, 1909-1911, 1945 zerstört; Sophienkirche Dresden, Umbau, 1910; Italienisches Dörfchen Dresden-Altstadt, 1911-1913; Wolfshügelturm Dresdner Heide, 1911/12, 1945 zerstört; Obdachlosenasyl Dresden Pieschen, 1912; 31. Bezirksschule Dresden-Altgruna, 1912-1914; 29. Bezirksschule Dresden-Pieschen, 1913-1915; Feuerwache Dresden-Johannstadt, 1913, 1945 zerstört; Feuerwache Dresden-Neustadt, 1913-1916; Erlwein-Speicher Dresden, 1913/14; Löwenapotheke Dresden am Altmarkt, 1913/14, 1945 zerstört; Fach- und Fortbildungsschule Dresden-Neustadt, 1914-1916; Stadthaus Dresden-Johannstadt am Güntzplatz, 1914.

L  H. Weyer, Der neue städtische Vieh- und Schlachthof zu Dresden, in: Der Industriebau 2/1911, H. 1/2; ders., Neue Bauwerke der Stadt Dresden, Dresden 1913; C. Gurlitt, Hans E. - Das Italienische Dörfchen in Dresden, Berlin 1913; F. Löffler, Das alte Dresden. Geschichte seiner Bauten, Leipzig 1981; H. Magirius, Geschichte der Denkmalpflege. Sachsen, Berlin 1989; A. Böthig, Hans Jakob E. - Stadtbaurat in Dresden von 1905 bis 1914, in: H. Laudel/R. Franke (Hg.), Bauen in Dresden im 19. und 20. Jahrhundert, Dresden 1991, S. 74-86; G. Göbel, Hans E. - Der Dresdner Stadtbaurat, Dresden 1996 (WV); Hans E. - Stadtbaurat in Dresden 1905-1914, Ausstellungskatalog Dresden 1997; R. Zink (Hg.), Stadtentwicklung in Bamberg um 1900, Bamberg 1997; P. Ruderich, Hans Jakob E. (1872-1914). Stadtbaurat in Bamberg und Dresden, Bamberg 1998; G. Kloss, Hans E. (1872-1914). Stadtbaurat in Bamberg und Dresden, Petersberg 2002 (WV). – AKL, Bd. 34, München/Leipzig 2002, S. 406-408; DBA II, III; DBE 3, S. 154; NDB 4, S. 597f.; Thieme/Becker, Bd. 10, Leipzig 1999, S. 610; Vollmer, Bd. 2, Leipzig 1999, S. 51.

P  Hans E., Georg Wrba, 1907, Bronzebüste, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Skulpturensammlung; Hans E., H. Erfurth, um 1913, Fotografie, in: Reclams Universum, Kriegsausgabe 22. Oktober 1914, Nr. 41, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Matthias Donath
4.6.2012


Empfohlene Zitierweise:

Matthias Donath, Erlwein, Hans (Johannes) Jakob, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (18.10.2017)

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