Fechner Gustav Theodor (Pseudonym: Dr. Mises)
Physiker, Philosoph
* 19.4.1801 Groß-Särchen 18.11.1887 Leipzig(ev.)
VSamuel Traugott (1764-1806), PfarrerMJohanna Dorothea, geb. Fischer (1774-1859)GEduard Clemens (1799-1861), Maler; Emilie (1803-1898); Clementine (1804-1893); Mathilde (* 1806-nach 1880)1833 Clara Maria, geb. Volkmann (1809-1900)
GND: 118532154

Zunächst Physiker, später Philosoph, zählt F. zu den wichtigsten deutschen Gelehrten des 19. Jahrhunderts. Er leistete grundlegende Arbeiten auf dem Gebiet der Elektrizitätslehre und gilt als Begründer der sog. Psychophysik. – F. besuchte ab 1814 die Dresdner Kunstakademie, ab 1816 die Medizinisch-Chirurgische Akademie und nahm 1817 das Medizinstudium an der Universität Leipzig auf. Nachdem er 1819 das Bakkalaureat erworben hatte, legte er 1822 das praktische Examen ab. Er verließ jedoch das Gebiet der Medizin und habilitierte 1823 an der Philosophischen Fakultät. – 1827 führte ihn eine Studienreise nach Bayern, in die Schweiz und nach Frankreich. 1831 war F. zunächst außerordentlicher Professor für Physik an der Universität Leipzig, 1834 erhielt er dort ein Ordinariat. Er arbeitete auf dem Gebiet der Elektrizitätslehre, untersuchte die Elektrolyse und prüfte das Ohmsche Gesetz. Ebenso forschte er zum Magnetismus, zur subjektiven Wahrnehmung von Farben und führte Verbesserungen an physikalischen Instrumenten ein. – Durch Selbstversuche fast erblindet, musste F. sein physikalisches Lehramt 1840 niederlegen. Zudem litt er an schweren Depressionen. Er konnte sich jedoch in den kommenden Jahren erholen und den Vorlesungsbetrieb ab 1843 wieder aufnehmen. Allerdings hatte er sich während dieser Krisenzeit von der Physik ab- und der Philosophie zugewandt. Sein Nachfolger auf dem physikalischen Lehrstuhl wurde noch 1843 Wilhelm Eduard Weber, während F. nun als Professor für Naturphilosophie und Anthropologie in Leipzig tätig war. – Die Wurzeln seines philosophischen Weltbilds finden sich in der romantischen Naturphilosophie sowie in mythologisch-christlichen Vorstellungen verankert. In seinen Hauptwerken „Nanna“ (1848) und dem „Zend-Avesta“ (1851) begründete F. einen vollständig beseelten Kosmos. In diesem ordnete er Gott die Funktion einer allumfassenden Weltseele zu. Die Seelen der Menschen sowie aller übrigen Dinge seien ihr untergeordnet und miteinander verwoben. Den Materialismus, welcher diese Einheitlichkeit der Welt nicht berücksichtige, interpretierte er als (dunkle) „Nachtansicht“. Von ihnen grenzte er die ganzheitliche „Tagesansicht“ ab. – Wie F. im „Büchlein vom Leben nach dem Tode“ (1836) darlegte, durchlaufe der Mensch drei Lebensstadien: zunächst einen Schlaf im Dunklen, während dessen sich der Körper entwickle. Es folge die Geburt als Übergang zum zweiten Stadium. Dieses sei nach F. durch ein stetiges Wechseln zwischen Schlaf und Wachzustand sowie durch die Herausbildung des menschlichen Geistes charakterisiert. Durch den Tod gelange der Mensch letztlich in das Stadium des ewigen Wachens. In diesem entwickle sich „der göttliche Keim, der in jedes Menschen Geist liegt“. Letzterer habe durch den Tod seine körperliche Hülle verlassen, wirke aber in den Hinterbliebenen fort. – Mit seinen 1860 veröffentlichten „Elementen der Psychophysik“ begründete F. die Experimentalpsychologie. Das schon 1834 von Ernst Heinrich Weber formulierte Webersche Gesetz, das den physiologischen Reizzuwachs im Verhältnis zum Ausgangsreiz beschrieb, entwickelte er zum Weber-Fechnerschen Gesetz weiter. Nach diesem lässt sich die Empfindungsintensität als proportional zum Logarithmus des Reizes beschreiben. Seine Psychologie beeinflusste u.a. die Arbeiten Ernst Machs und Wilhelm Wundts. – Auf F. gehen in den 1820er-Jahren entstandene Übersetzungen und Ergänzungen des „Lehrbuchs der Experimentalphysik“ von Jean-Baptiste Biot sowie des „Lehrbuchs der theoretischen und praktischen Chemie“ Louis Jacques Thenards zurück. Ab 1834 gab F. ein achtbändiges „Haus-Lexikon“ heraus. Unter dem Pseudonym „Dr. Mises“ verfasste er auch wissenschaftliche Satiren. Zu diesen zählen der „Beweis, daß der Mond aus Jodine bestehe“ (1821) oder „Die vergleichende Anatomie der Engel“ (1825). – F. war Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften, der Academia Leopoldina, der Sächsischen sowie auch der Wiener Akademie der Wissenschaften. Ebenso gehörte er dem liberalen Deutschen Verein in Leipzig an. Die Ehrenbürgerschaft der Stadt Leipzig wurde ihm 1884 verliehen.



W  Beweis, daß der Mond aus Jodine bestehe, Germanien [Leipzig] 1821, Leipzig 21832, München u.a. 1991 (Mikrofiche-Ausgabe der 1. Auflage); Vergleichende Anatomie der Engel, Leipzig 1825, span. Übersetzung: Anatomía comparada de los ángeles, Jaén 2001; Büchlein vom Leben nach dem Tode, Dresden 1836 (ND St. Goar 2006), Leipzig 21866, Hamburg 41900, engl. Übersetzung: The little book of life after death, York Beach 2005; Über das höchste Gut, Leipzig 1846 (ND St. Goar 2004); Nanna oder über das Seelenleben der Pflanzen, Leipzig 1848, 51921; Zend-Avesta oder über die Dinge des Himmels und des Jenseits, Leipzig 1851, 51922, München u.a. 1991 (Mikrofiche-Ausgabe der 1. Auflage); Über die physikalische und philosophische Atomenlehre, Leipzig 1855, 21864 (ND Wien u.a. 1995); Elemente der Psychophysik, 2 Bde., Leipzig 1860 (ND Amsterdam 1964, Bristol 1998), Leipzig 31907, engl. Übersetzung: Elements of psychophysics, New York u.a. 1966; Über die Seelenfrage, Leipzig 1861, Hamburg 21907, Leipzig 31928 (ND Eschborn 1992); Vorschule der Ästhetik, Leipzig 1876, Leipzig 31925 (ND Hildesheim/New York 1978); Die Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht, Leipzig 1879 (ND Eschborn 1994), Berlin 21918, Leipzig 31919; Kollektivmasslehre, Leipzig 1897, München u.a. 1991 (Mikrofiche-Ausgabe); http://gutenberg.spiegel.de/autoren/fechner.htm.

L  H. Gundlach, Entstehung und Gegenstand der Psychophysik, Berlin 1993; M. Heidelberger, Die innere Seite der Natur, Frankfurt/Main 1993; H.-J. Arendt, Gustav Theodor F., Frankfurt/Main 1999 (P). – ADB 55, S. 756-763; DBA I, II, III; DBE 3, S. 238; NDB 5, S. 37f.; C. C. Gillespie (Hg.), Dictionary of scientific biography, New York 1971, S. 556-558; F. Krafft (Hg.), Grosse Naturwissenschaftler, Düsseldorf 1986, S. 122f.; H.-L. Wußing (Hg.), Forscher und Erfinder, Thun 1992, S. 184; D. Hoffmann u.a. (Hg.), Lexikon der bedeutenden Naturwissenschaftler, Heidelberg 2004, S. 11f.

P  Fotografie, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Martin Schneider
31.3.2008


Empfohlene Zitierweise:

Martin Schneider, Fechner, Gustav Theodor (Pseudonym: Dr. Mises), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (26.3.2017)

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