Klemm Gustav Friedrich
Kulturhistoriker, Bibliothekar, Oberbibliothekar der Königlichen öffentlichen Bibliothek Dresden
* 12.11.1802 Chemnitz 25./26.8.1867 Dresden(ev.)
VJohann Heinrich Gottlob, königlich sächsischer Generalakziseobereinnehmer1831 Amalie Friederike, geb. Förster, Tochter eines SteuereinnehmersSGustav Johannes (* 1832), Bergingenieur
GND: 10030396X





K. leistete Pionierarbeit als Ethnologe und Prähistoriker. Darüber hinaus erwarb er sich als Bibliothekar und Museumsfachmann große Verdienste. Da die Geschichtswissenschaften seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eine zunehmende Deutungsmacht erlangten, konnten die in seinem wissenschaftlichen Hauptwerk geäußerten Auffassungen von der Rolle der menschlichen Rassen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von völkischen Ideologen instrumentalisiert werden. Das erschwert eine Standortbestimmung K.s in der Wissenschaftsgeschichte. – Einige wesentliche Begabungen und Charakterzüge K.s, die für sein Leben Bedeutung erlangen sollten, zeigten sich bereits in seinen Jugendjahren: eine außergewöhnliche Sammelleidenschaft, verbunden mit einem ausgeprägten Sinn für Klassifizierungen, sowie der Drang, Beobachtungen und Erkenntnisse ausführlich zu Papier zu bringen. 1821 bis 1825 studierte K. an der Universität Leipzig Geschichte. 1825 reichte er an der Universität Jena seine Dissertation „Mein Leben und meine Ansichten über einige Theile des Bibliothekswesens“ ein. Da sich die angestrebte bibliothekarische Tätigkeit vorerst nicht realisieren ließ, beschäftigte er sich danach zunächst mit schriftstellerischen Vorhaben schöngeistiger Natur. Nach einem kurzen Intermezzo als Redakteur beim Nürnberger „Friedens- und Kriegscourier“ (1830) kehrte K. Anfang 1831 nach Leipzig zurück. Am Ende des gleichen Jahres erhielt er die angestrebte Stelle als Zweiter Sekretär an der Königlichen öffentlichen Bibliothek Dresden (KÖB). Als Bibliothekar machte er sich um die Vermehrung der Bestände der Druck- und Handschriften zur sächsischen Landesgeschichte verdient. Seine Vielseitigkeit konnte K. unter Beweis stellen, als ihm im Oktober 1833 zusätzlich zu seiner Bibliothekstätigkeit die Inspektorenstelle der Königlichen Porzellansammlung in Dresden übertragen wurde. In dem von ihm verfassten Führer durch diese Sammlung sind in Ansätzen die von ihm später vertretenen kulturhistorischen und kulturwissenschaftlichen Auffassungen bereits erkennbar. Zwischen 1830 und 1850 publizierte K. einige Arbeiten zur Geschichte Dresdens und Sachsens und sein „Handbuch der germanischen Alterthumskunde“. Vor allem aber beendete er in dieser Zeit sein Hauptwerk, die zehnbändige „Allgemeine Culturgeschichte der Menschheit“, die ihm einen herausgehobenen Platz in der Wissenschaftsgeschichte sicherte. Noch vor Arthur Gobineau und Carl Gustav Carus vertrat K. eine Theorie von der Ungleichheit der menschlichen Rassen, die er als wesentlichen Motor der Weltgeschichte ansah. Nur die Ausbreitung der aktiven und den anderen geistig überlegenen Völkergruppen der Germanen, Griechen, Römer und Perser habe mit der Durchdringung der Gesellschaften der Naturvölker wie der Slawen oder Hindus den Fortgang der Geschichte gesichert und zur Entstehung von Hochkulturen und Staaten geführt. Völkische Ideologen, insbesondere der Arzt Ludwig Woltmann und der Gobineau-Übersetzer, Lagarde-Schüler und Mitglied des antisemitischen Bayreuther Kreises Karl Ludwig Schemann, griffen - wenn auch mit Einschränkungen - die Ideen K.s nach 1900 auf. Als Kulturhistoriker war K. ein Vertreter der strengen Evolutionslehre wie etwa Johann Jacob Bachofen und Lewis Morgan. Seine Auffassungen legte er 1851 in den „Grundideen zu einer allgemeinen Culturwissenschaft“ dar. Karl Marx und Wilhelm Koppers - einer der Begründer der Kulturkreislehre - konstatierten, dass K. einer der ersten Wissenschaftler war, die erkannten, dass die Herstellung von Werkzeugen und die Nutzung des Feuers die wesentlichen Momente seien, die den Menschen vom Tierreich trennen. – 1852 gab K. die Leitung der Dresdner Porzellansammlung auf und folgte Constantin Carl Falkenstein als Oberbibliothekar in der KÖB nach. – Zu K.s bleibenden Leistungen gehört der Aufbau einer zuletzt etwa 15.000 Exponate umfassenden privaten völkerkundlichen Sammlung. Nur aufgrund seiner zahl- und weitreichenden persönlichen Beziehungen, über die er z.T. durch seine Mitgliedschaft in mehr als einem Dutzend wissenschaftlicher Gesellschaften - u.a. dem „Königlichen Verein für sächsische Alterthumskunde“ und der „Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften“ - verfügte, konnte er in jahrelangen Bemühungen die Gegenstände erwerben. Die Sammlung ersetzte K., der selbst kaum Reisen unternahm, die fehlende Kenntnis fremder Kulturen und Völker aus eigener Anschauung und war somit eine wesentliche Voraussetzung für die fast parallel zu seiner Sammeltätigkeit erarbeitete „Allgemeine Culturgeschichte“. Schon 1840 erwarb K. aus Platzmangel für seine Sammlung ein Haus an der Königsbrücker Straße im Norden Dresdens. Die fünf dort eingerichteten Sammlungsräume zogen zahlreiche Besucher an. Adolf Bastian, der Begründer des ersten öffentlichen Völkerkundemuseums Deutschlands in Berlin (1868), bezeichnete die Sammlung als das erste bedeutende Museum seiner Art in Europa. Nur der Initiative einer Gruppe Leipziger Bürger war es zu danken, dass nach K.s Tod die Bestände seines Museums im Wesentlichen zusammengehalten und nach einer großen Spendenaktion in Sachsen 1871 als „Zentralmuseum für Anthropologie zu Leipzig“ von diesen Leipziger Bürgern angekauft werden konnten. Als „Städtisches Museum für Völkerkunde“ ging die Sammlung 1904 in die Verwaltung der Stadt Leipzig über. Die 1990 in Oschatz gegründete Friedrich-Gustav-Klemm-Gesellschaft für Kulturgeschichte und Freilichtmuseen e.V. fühlt sich dem Erbe K.s verpflichtet.



W  Mein Leben und meine Ansichten über einige Theile des Bibliothekswesens, Diss. Jena 1825; Die Königliche Porzellansammlung, Dresden 1834; Handbuch der Germanischen Alterthumskunde, Dresden 1836; Chronik der Königlich Sächsischen Residenzstadt Dresden, 3 Bde., Dresden 1837; Geschichte der Sammlungen für Wissenschaft und Kunst in Deutschland, Zerbst 1837; Allgemeine Culturgeschichte der Menschheit, 10 Bde., Leipzig 1843-1852; Die Verbreitung der activen Menschenrassen über den Erdball, Dresden 1845 (ND Leipzig 1906); Grundideen zu einer Allgemeinen Culturwissenschaft, in: Sitzungsberichte der Wiener Akademie. Philosophisch-historische Klasse 7/1851, S. 167-190; Allgemeine Culturwissenschaft, Leipzig 1854-1855; Die kulturwissenschaftliche Sammlung des Hofrathes Dr. G. K., in: Das Ausland 36/1863, S. 1203-1207, 37/1864, S. 12-17, 38/1865, S. 345-349; Vor 50 Jahren. Culturgeschichtliche Briefe, Stuttgart 1865.

L  R. Eigenwill, Gustav Friedrich K. (1802-1867), in: G. Wiemers (Hg.), Sächsische Lebensbilder, Bd. 5, Stuttgart 2003, S. 313-325 (P); K. Semechin, Gustav Friedrich K. (1802-1867), in: Geschichte im Wald, hrsg. von der Friedrich-Gustav-K.-Gesellschaft für Kulturgeschichte und Freilichtmuseen e.V., Oschatz 2004, S. 7-10; F. Eisl, Gustav K. (1802-1867) Schöpfer sächsischer Museen - Sammler, Stifter, Gründer, in: ebd., S. 11-14; H.-P. Hock, Von Dresden nach London. Die Geschichte des Dresdner Hofrats Gustav K. und seiner Sammlung, in: Archaeo 3/2006, S. 38-43; R. G. Richter, Gustav K.s Bedeutung für die Majolika-Bestände in der Königlichen Porzellan- und Gefässe-Sammlung zu Dresden, in: ders. (Hg.), Götter, Helden und Grotesken, München 2006, S. 51-55; – ADB 16, S. 152f.; DBA I, II; T. Bürger/K. Hermann (Hg.), Das ABC der SLUB, Dresden 2006, S. 130f. (P).

P  Gustav Friedrich K., K. G. Rolle, undatiertes Ölgemälde, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Reinhardt Eigenwill
22.3.2016


Empfohlene Zitierweise:

Reinhardt Eigenwill, Klemm, Gustav Friedrich, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (22.10.2017)

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