Buchholz Johann Hermann Gustav
Historiker, Philosoph, Bibliothekar, Schriftsteller
* 16.2.1856 Buxtehude 26.6.1916 Posen (poln. Poznań) Buxtehude(ev.)
VGeorg Gustav (1812-1856), MedizinerMMarie Antoinette, geb. Wachenfeld (1819-1890)1893 Elisabeth, geb. His († 1907)
GND: 116818395

Nach dem frühen Tod des Vaters übernahm die Mutter B.s Erziehung. Bis zu seinem Eintritt in das Lyceum in Hannover wohnte die Familie in Buxtehude. Der lebenslang religiöse B. besuchte 1865 bis 1871 zunächst das Lyceum I, dann bis Ostern 1875 das Lyceum II in Hannover. Nach dem Abitur studierte er ab 1875 drei Semester an der Universität Bonn Geschichte. Ostern 1877 wechselte er nach Straßburg (frz. Strasbourg) und ging Michaelis 1877 an die Universität Leipzig. Seine Mutter folgte ihm bei diesen Studienortswechseln immer nach. Am 29.4.1879 wurde er von der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig mit der Arbeit „Die Würzburger Chronik“ zum Dr. phil. promoviert. Er versuchte in der Arbeit, den verloren gegangenen Teil dieser Chronik zu rekonstruieren. Bereits am 1.5.1879 trat er durch Fürsprache seines akademischen Lehrers Karl von Noorden als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter in die Dienste der Königlichen öffentlichen Bibliothek in Dresden (KÖB), wo er v.a. in der Handschriftenabteilung arbeitete. Ursprünglich war diese Tätigkeit eine Übergangslösung für die Zeit der Arbeit an seiner Habilitation. Er übte sie dann jedoch acht Jahre aus. Insgesamt befriedigte ihn die Arbeit an der Bibliothek nicht. Schon am 1.11.1880 wurde er zum Vierten und ein Jahr später zum Dritten Sekretär ernannt. In dieser Zeit publizierte B. einige Artikel in Zeitschriften und Jahrbüchern sowie einen Artikel über seinen verstorbenen Doktorvater von Noorden in der ADB. Mit dem Tod seines Lehrers wurde der Einstieg in die reguläre akademische Laufbahn für B. sehr erschwert. Er hatte sich Hoffnung auf das Amt des Privatbibliothekars des sächsischen Königs gemacht. Diese zerschlug sich ebenso wie die Aussicht, nach Ernst Wilhelm Förstemanns Tod Oberbibliothekar der KÖB zu werden. B. verließ daher die Bibliothek zum 15.9.1888, um als Privatdozent zu lehren. Ein Jahr später habilitierte er sich an der Universität Bonn mit der Arbeit „Ekkehard von Aura“. Für die Vorbereitung seiner Habilitation besuchte er zuvor Vorlesungen an der Berliner Universität. Ein ihm in dieser Zeit unterbreitetes Angebot, Privatsekretär Kaiser Friedrichs III. zu werden, lehnte er aufgrund der Arbeiten an seiner Habilitation ab. Nachdem er zunächst in Bonn einige Jahre gelehrt hatte, wechselte er 1895 an die Universität Leipzig und erhielt dort 1896 eine außerordentliche Professur für Mittlere und Neuere Geschichte. Mit dem Lehrstuhlinhaber für Mittlere und Neuere Geschichte, Karl Lamprecht, geriet er in wissenschaftlichen Streit. Im Mai 1900 wurde B. in Leipzig zum etatmäßigen Extraordiniarius mit Lehrauftrag für mittelalterliche Geschichte ernannt. Als 1902 Erich Brandenburg Vertreter von Erich Marcks wurde, reagierte B. jedoch enttäuscht und suchte aufgrund dieser Zurücksetzung Wirkungsmöglichkeiten außerhalb des akademischen Bereichs, indem er zunehmend journalistisch arbeitete. – Politisch war B. ein entschiedener Gegner des Antisemitismus. Er wurde außerdem Anhänger der Politik Fürst Otto von Bismarcks und lehnte den Parlamentarismus ab. Zum „Kampf gegen die zunehmende Demokratisierung unserer inneren Entwicklung“ forderte er im Geleitwort im April 1914 in seiner kurzen Schrift „Bismarck und wir“ auf. B. lernte auf mehreren Reisen durch Ost- und Südosteuropa die deutschen Siedlungsgebiete kennen und versuchte, das dortige Bewusstsein der nationalen Zugehörigkeit zum deutschen Volk zu erhalten und zu fördern, da er u.a. das „Polentum“ in den deutschen Gebieten als „staatsfeindlich“ ansah. In Leipzig war er Vorsitzender der Ortsgruppe des Deutschen Schulvereins (später: Verein für das Deutschtum im Ausland). Aufgrund dieser Aktivitäten und zahlreicher journalistischer Artikel zu dieser Thematik erhielt er vom einflussreichen preußischen Ministerialdirektor Friedrich Althoff das Angebot, an die Königliche Akademie in Posen zu wechseln. Am 1.10.1906 begann B. seine Tätigkeit an dieser Einrichtung und lehrte als etatmäßiger Professor für Mittlere und Neuere Geschichte. Diese Akademie, ein wesentlicher Bestandteil der deutschen Polenpolitik, war am 4.11.1903 eröffnet worden und sollte das Nationalbewusstsein der Deutschen im Raum Posen stärken, v.a. das der Beamten und Militärangehörigen. B. hielt dort u.a. Vorlesungen zur deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts und zur Geschichte der modernen Frauenbewegung. – B. gab die „Ostdeutsche Korrespondenz für nationale Politik“ heraus (1905-1914). Zudem war er Mitherausgeber der „Deutschen Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“ sowie Begründer und gemeinsam mit Rudolf Kötzschke Herausgeber der „Bibliothek der sächsischen Geschichte und Landeskunde“ (1902-1912).



Q  Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Bibliotheksarchiv, Personalia über die seit 1865 a. d. kgl. öff. Bibliothek zu Dresden angestellten Beamten und Hilfsarbeiter, Personalakte B.

W  Die Würzburger Chronik, Diss. Leipzig 1879; Zwei Lessingstudien, Leipzig 1881; Noorden, Karl von, in: ADB 23, S. 768-772; Ekkehard von Aura. Untersuchungen zur deutschen Reichsgeschichte unter Heinrich IV. und Heinrich V., Habil. Leipzig 1888; Die Napoleonische Weltpolitik und die Idee des französisch-russischen Bundes, in: Preußische Jahrbücher 84/1896, S. 385-402; Deutsche Kulturarbeit im Osten, in: Deutschland als Weltmacht, hrsg. vom Kaiser-Wilhelm-Dank. Verein der Soldatenfreunde, Berlin 1910, S. 823-832; Bismarck und wir. Betrachtungen an seinem 99. Geburtstage, Leipzig 1914, 41914; Vaterländische Vorträge, Leipzig 1915.

L  H. Tümpel, Gustav B. Aus dem Leben eines deutschen Mannes, Leipzig 1917 (Bildquelle, P). – DBA I, II, III; Professorenkatalog der Universität Leipzig.



Konstantin Hermann
15.9.2011


Empfohlene Zitierweise:

Konstantin Hermann, Buchholz, Johann Hermann Gustav, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (24.7.2017)

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