Reiche Gottfried
Trompeter, Stadtpfeifer, Komponist
* 5.2.1667 Weißenfels 6.10.1734 Leipzig(ev.)
VHanß († 1689), SchuhmachermeisterMBlandina († 1690)GJohann Paul (* 1665), Pastor in Kirchscheidungen; Maria (* 1671), Frau von Adam Seyffarth, Schuhmachermeister in Weißenfels; Christian (* 1673); Andreas (* 1674)
GND: 129485209

R. erlernte ca. 1680 bis 1688 das Trompeten- und Clarinblasen wahrscheinlich bei dem Weißenfelser Stadtmusikus Becker. Als Stadtpfeifergeselle kam er um 1688 nach Leipzig und wurde dort als angestellter Musiker der Stadt bald unentbehrlich. Das bezeugen Gratifikationen wie z.B. 1691 für sein Spiel in der Thomas- und Nikolaikirche oder 1694, damit er „nicht außer Diensten gehen möge“, als aufgrund des Trauerjahrs für den verstorbenen Kurfürsten Johann Georg IV. öffentliche Blasmusik verboten wurde (B. F. Richter). – 1690 komponierte R. nach eigenen Angaben 40 Sonaten zu fünf Stimmen. 1696 erschienen seine „Vier und zwantzig Neue Quatricinien“ im Selbstverlag. 1700 berief der Leipziger Rat R. zum letzten, d.h. rangniedrigsten und jüngsten Kunstgeiger. 1706 besetzte R. eine der vakant gewordenen Stellen als Stadtpfeifer und wurde nach dem Tod des Stadtpfeifers Christian Gentzmer schließlich Senior der vier Bläser und somit erster Ratsmusiker. Für Johann Sebastian Bach war R. eine wichtige Stütze in der Kirchenmusik seit seinem Antritt des Thomaskantorats 1723. Bach schnitt wahrscheinlich viele seiner Partien für Clarin und Trompete auf R. zu, denn es ist auffällig, dass nach R.s Tod schwierige Melodieverläufe der hohen Blasinstrumente in seinen Werken abnahmen. Der schon zu Lebzeiten bekannte Stadtpfeifer R. bekam später den Beinamen „Bachs Trompeter“ (W. Ehmann). Um 1727 bestellte der Leipziger Rat oder R. selbst ein Porträt bei Elias Gottlob Haußmann, nach dem Johann Friedrich Rosbach einen Kupferstich anfertigte, was eine hohe Ehre für einen Stadtangestellten darstellte. Bekannt wurde das Bildnis durch das viermal gewundene, lange Zeit unbekannte Blasinstrument in den Händen R.s und den darüber ausgebrochenen Expertenstreit. Es gab mehrere Versuche, das Instrument nachzubauen, so von Horst Voigt (1959), Otto Steinkopf, Helmut Finke, Max und Heinrich Thein (1979) sowie Herbert Heyde mit Friedbert und Frank Syhre (1985). Um 1960 wurde die Clarine als Bachtrompete in der Capella Coloniensis eingeführt. – R. litt seit Mitte seines Lebens wahrscheinlich an einer lebensgefährlichen Krankheit, wovon ein frühes Testament um 1713 zeugt. Am 6.10.1734 ereilte ihn ein Schlaganfall, vermutlich mitbedingt durch Anstrengungen infolge einer Aufführung der Huldigungskantate „Preise dein Glück gesegnetes Sachsen“ (BWV 215) für Kurfürst Friedrich August II., die er tags zuvor unter der Leitung Bachs gespielt hatte. – Die musikgeschichtliche Bedeutung R.s wird oft nur auf sein gekonntes Spiel, besonders des Clarins, reduziert, obwohl er auch als Komponist produktiv war. 1740 erwähnte Johann Mattheson den Clarinbläser R. in seiner „Grundlage einer Ehrenpforte“. R. schrieb 122 Abblasestückchen für verschiedene Instrumente, 40 Sonaten und die einzigen erhalten gebliebenen „Quatricinien“ mit 14 Fugen, neun Sonatinen sowie eine freie Choralbearbeitung (24. Sonatina). Die Sonatinen verfolgen ein wiederkehrendes Schema und beginnen mit einem homophonen Stück, das nach dem anschließenden Hauptteil, einer Fuge, thematisch in den gleichklingenden Schlusstakten wieder aufgegriffen wird. R.s Fugen zeigen eindrucksvoll die Eignung dieser musikalischen Form für die Turmmusik, wobei die teils komplizierten Melodieverläufe der ersten Stimme außerdem R.s spielerische Begabung verdeutlichen. Zusammen mit Johann Christoph Pezels „Hora decima musicorum Lipsiensium“ (1670) bilden die „Vier und zwantzig Neue Quatricinia“ einen der Höhepunkte der Stadtpfeifermusik.



Q  Pfarrarchiv Weißenfels, Tauf- und Sterberegister.

W  Vier und zwantzig Neue Quatricinia. Mit einem Cornett und drey Trombonen, Leipzig 1696 (ND hrsg. von G. Müller, Berlin 31958).

L  B. F. Richter, Stadtpfeifer und Alumnen der Thomasschule in Leipzig zu Bachs Zeit, in: Bach-Jahrbuch 1907, S. 33-78; A. Schering, Zu Gottfried R.s Leben und Kunst, in: ebd. 1918, S. 133-140 (P); ders., Die Leipziger Ratsmusik von 1650 bis 1775, in: Archiv für Musikwissenschaft 3/1921, S. 17-53; M. Rasmussen, Gottfried R. and his Vier und zwantzig Neue Quatricinia (Leipzig 1696), in: Brass Quarterly 4/1960, S. 1-17; J. Mattheson, Grundlage einer Ehrenpforte, Hamburg 1740 (ND Kassel u.a. 1969); W. Ehmann, Der Bach-Trompeter Gottfried R., in: Voca et Tuba. Gesammelte Reden und Aufsätze, Kassel 1976, S. 484-489; D. L. Smithers, Gottfried R.s Ansehen und Einfluss auf die Musik Johann Sebastian Bachs, in: Bach-Jahrbuch 1987, S. 113-150; H. Heyde, Das Instrument von Gottfried R., in: Beiträge zur Bachforschung 6/1988, S. 96-109. – DBA I, II, III; DBE 8, S. 198.

P  E. G. Haußmann, um 1727, Ölgemälde, Museum für Geschichte der Stadt Leipzig, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Nicole Preuß
25.5.2009


Empfohlene Zitierweise:

Nicole Preuß, Reiche, Gottfried, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (30.5.2017)

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