Bestelmeyer German (Johann Georg)
Architekt, Hochschullehrer
* 8.6.1874 Nürnberg 30.6.1942 Bad Wiessee München, Waldfriedhof (ev.)
VWilhelm (später von Bestelmeyer) (1847-1913), Generalstabsarzt, Leiter der Medizinalabteilung des bayerischen KriegsministeriumsMJohanna, geb. SchattGAdolf; RichardMargarete, geb. HagenK2
GND: 118662619

B. war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein einflussreicher Architekt und Architekturtheoretiker. Als Hochschullehrer war er auch in Dresden tätig. Er führte bedeutende staatliche Aufträge aus und machte sich v.a. als Kirchenbaumeister einen Namen. Davon überzeugt, dass es unmöglich sei, neue, noch nie da gewesene Formen zu erfinden, setzte er sich für eine Architektur ein, die sich am Formen- und Gestaltungsvorrat vergangener Kunstepochen orientiert. – Der aus einer fränkischen Fabrikantenfamilie stammende B. studierte 1893 bis 1897 an der Technischen Hochschule München. Um in die staatliche Bauverwaltung aufgenommen zu werden, absolvierte er 1897 bis 1902 ein Baureferendariat an den Landbauämtern Nürnberg, Regensburg und München. 1901 errichtete er seinen ersten Kirchenbau in Lauf/Pegnitz-Schönberg. Seine Karriere begann 1902, als er einen Alternativentwurf für die geplante Erweiterung der Ludwig-Maximilians-Universität in München vorlegte und daraufhin im Universitätsbauamt angestellt wurde. Der 1909 abgeschlossene Erweiterungsbau machte den jungen Architekten in ganz Deutschland bekannt. Während seine Universitätsbauten durch den italienischen Renaissancestil geprägt sind, zitiert das 1910 erbaute Gräflich Doernbergische Mausoleum auf dem evangelischen Friedhof in München frühchristliche antike Bauten. – 1910 erhielt B. eine Professur an der Technischen Hochschule in Dresden, nachdem Fritz Schumacher, der bis dahin den Lehrstuhl für Formenlehre innegehabt hatte, nach Hamburg gegangen war. Im Jahr darauf wurde er als Professor an die Dresdner Kunstakademie berufen. B. konnte sich in Dresden v.a. mit internationalen Aufträgen profilieren. Er gestaltete das deutsche Ausstellungsgebäude der Internationalen Kunstausstellung 1911 in Rom und errichtete 1912 das Germanic Museum der Harvard University in Cambridge (USA), heute Busch-Reisinger-Museum. Im gleichen Jahr wurde ihm im Wettbewerb um das Bismarck-Nationaldenkmal in Bingen/Rhein der erste Preis zugesprochen. In Sachsen erhielt B. nur wenige Aufträge, was der enttäuschte Baumeister auf eine gezielte berufliche Ausgrenzung zurückführte. Zum Geheimen Hofrat ernannt entwarf B. 1913 den Dornröslein-Brunnen in Zschopau und gestaltete 1914 den Ehrenhain der Bugra-Messe in Leipzig, doch weitere Bauvorhaben blieben aus. Projekte für einen Gemäldegalerieanbau und ein naturwissenschaftliches Museum in Dresden scheiterten. Die unbefriedigende Auftragslage veranlasste den Architekten, 1915 als Professor an die Berliner Kunstakademie und dann an die Technische Hochschule Berlin zu wechseln. In München baute B. 1915/16 die Versicherungsbank Arminia und leitete 1916 bis 1919 die Erweiterung des Germanischen Nationalmuseums. Im Wettbewerb um das „Haus der Freundschaft“ in Istanbul (Türkei), den der Deutsche Werkbund 1916 unter zwölf prominenten deutschen Architekten ausgeschrieben hatte, errang B. den ersten Preis. In Berlin entwarf er den Verwaltungssitz der Reichsschuldenverwaltung (1921-1923). Der Backsteinbau in der Oranienstraße ist mit expressionistischen Architekturmotiven geschmückt. – Nachdem der Architekturprofessor Friedrich von Thiersch gestorben war, übernahm B. 1922 dessen Lehrstuhl an der Technischen Hochschule in München. In der bayerischen Hauptstadt führte er 1922 bis 1926 nach einer Bauidee von Theodor Fischer den Erweiterungsbau der Technischen Hochschule aus. 1924 wurde er zum Präsidenten der Münchner Kunstakademie gewählt. – In den 1920er-Jahren wurde B. v.a. durch seine Kirchenbauten bekannt. Er errichtete die evangelischen Kirchen in Grafing bei München (1924), Ellingen/Mittelfranken (1925), Fürstenfeldbruck (1927), Prien/Chiemsee (1927), Aichach (1928), Neuburg/Donau (1930) und Bad Kohlgrub (1934). Diese kleinen, oft malerisch angelegten Kirchen zitieren die regionale Architekturtradition, wobei B. romanische und gotische Elemente verwendete, ohne jedoch in einen akademischen Historismus zu verfallen, den er ablehnte. B. bediente sich der Architekturformen der Vergangenheit, die er umformte und frei komponierte, um eine poetische Stimmung zu erreichen. Dabei ließ er sich von der Schlichtheit der frühmittelalterlichen Architektur leiten. Die Friedenskirche in Nürnberg-St. Johannis (1928), die Gustav-Adolf-Gedächtniskirche in Nürnberg-Lichtenhof (1930), die Auferstehungskirche in München-Westend (1932), die Erlöserkirche in Bamberg (1934), die Stephanuskirche in München-Nymphenburg (1938) und die Melanchthonkirche in Nürnberg-Ziegelstein (1938-1940) gestaltete B. als monumentale Großbauten. Mit ihren geschlossenen Wandflächen und den Rundbogenmotiven erinnern sie an die romanische Baukunst des 11. und 12. Jahrhunderts. B.s Großkirchen wurden als „Meisterwerke deutscher Dombaukunst“ gerühmt und B., der als „größter Kirchenbaumeister“ seiner Zeit gefeiert wurde, erhielt 1933 die Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät in Erlangen. – Im Kirchenbau trat B. gegen den modernen Gegenwartsstil auf, aber seine profanen Bauvorhaben der 1920er-Jahre zeigen, dass er die sachliche moderne Architektur nicht grundsätzlich ablehnte. Das Krankenhaus an der Hallerwiese in Nürnberg (1928) und das Studiengebäude des Deutschen Museums in München (1929/30) sind sachlich und funktional gestaltet und mit Flachdächern versehen. Mit dem Bankhaus Kroch am Augustusplatz in Leipzig errichtete B. 1927/28 eines der Wahrzeichen der Messestadt. Um das enge Grundstück optimal auszunutzen, setzte er einen schmalen, elfgeschossigen Turm in die den Platz begrenzende Häuserreihe. Die Uhr und die Glockenschlägerplastiken auf dem Dach sind dem Uhrturm am Markusplatz in Venedig nachempfunden. Mit dem Kroch-Hochhaus bewies B., dass eine sachliche Grundhaltung den Rückgriff auf traditionelle Motive nicht ausschließen muss. Zusammen mit Paul Schmitthenner, Paul Bonatz und Paul Schultze-Naumburg gründete B. 1928 die konservative Architektenvereinigung „Der Block“, die für ein traditionsgebundenes Bauen eintrat. – Nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ trat B. der NSDAP bei. Er beteiligte sich an der Kampagne gegen Thomas Mann und agitierte gegen die avantgardistische Gegenwartskunst. Doch dem offiziellen Architekturgeschehen stand B. fern. Im Gegensatz zu Wilhelm Kreis erhielt er keine Aufträge in Berlin. In München errichtete er das Luftgaukommando in der Prinzregentenstraße (1935/36), das sich durch eine verhaltene klassizistische Fassadengestaltung auszeichnet. Er nahm an Wettbewerben zur Gestaltung des Kraft-durch-Freude-Bads auf Rügen, des Oberkommandos der Marine in Berlin und des Atatürk-Mausoleums in Ankara teil, ohne jedoch berücksichtigt zu werden. Der anlässlich von B.s Tod im Juni 1942 durch Adolf Hitler angeordnete Staatsakt war mehr eine posthume Vereinnahmung als Ausdruck seines Einflusses im nationalsozialistischen Deutschland. – B. genoss als Hochschullehrer hohes Ansehen. Die von ihm vertretene sachliche und zugleich traditionsgebundene Richtung wurde von nachfolgenden Architektengenerationen fortgesetzt. Obwohl sein praktisches und theoretisches Wirken in ganz Deutschland aufmerksam wahrgenommen wurde, konnte er den Niedergang des Münchner Kunstlebens nach dem Ersten Weltkrieg nicht aufhalten. In Sachsen hat B. - mit Ausnahme des berühmten Kroch-Hochhauses - nur wenige Spuren hinterlassen.



W  St.-Jakobus-Kirche Lauf/Pegnitz-Schönberg, 1901; Ludwig-Maximilians-Universität München, Erweiterungsbau, 1906-1909; Gräflich Doernbergisches Mausoleum München, 1910; Deutsches Ausstellungsgebäude der Internationalen Kunstausstellung Rom, 1911; Germanic Museum der Harvard University Cambridge (heute Busch-Reisinger-Museum), 1912; Bismarck-Nationaldenkmal Bingen/Rhein, 1912; Dornröslein-Brunnen Zschopau, 1913; Ehrenhain der Bugra-Messe Leipzig, 1914; Versicherungsbank Arminia München, 1915/16; Germanisches Nationalmuseum München, Erweiterung, 1916-1919; Haus der Freundschaft Istanbul, nicht ausgeführter Entwurf, 1916; Verwaltungssitz der Reichsschuldenverwaltung Berlin, 1921-1923; Technische Hochschule München, Erweiterungsbau, 1922-1926; Heilandskirche Grafing bei München, 1924; Christuskirche Ellingen/Mittelfranken, 1925; Erlöserkirche Fürstenfeldbruck, 1927; Christuskirche Prien/Chiemsee, 1927; Laurentiuskirche Neuendettelsau, Umbau, 1927; Bankhaus Kroch Leipzig, 1927/28; Paul-Gerhardt-Kirche Aichach, 1928; Friedenskirche Nürnberg-St. Johannis, 1928; Krankenhaus an der Hallerwiese Nürnberg, 1928; Studiengebäude des Deutschen Museums München, 1929/30; Christuskirche Neuburg/Donau, 1930; Gustav-Adolf-Gedächtniskirche Nürnberg-Lichtenhof, 1930; Auferstehungskirche München-Westend, 1932; Pauluskirche Bad Kohlgrub, 1934; Erlöserkirche Bamberg, 1934; Luftgaukommando München, 1935/36; Stephanuskirche München-Nymphenburg, 1938; Melanchthonkirche Nürnberg-Ziegelstein, 1938-1940.

L  F. Stahl, German B., Berlin 1928; W. Hegemann, German B., Berlin/Leipzig/Wien 1929; H. Thiersch, German B. - Sein Leben und Wirken für die Baukunst, München 1961 (WV); H. Brülls, Neue Dome, Berlin/München 1994; F. Koch, German B. - Ein Architekt in einer Zeit des Übergangs, in: Schönere Heimat. Zeitschrift des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege 88/1999, S. 165-170. – AKL, Bd. 10, München/Leipzig 1995, S. 226f.; DBA II, III; DBE 1, S. 495; NDB 2, S. 184; Vollmer, Bd. 1, Leipzig 1999, S. 199; D. Petschel (Bearb.), Die Professoren der TU Dresden 1828-2003, Köln 2003, S. 86f.

P  German B., Fotografie, Deutsches Museum München (Bildquelle).



Matthias Donath
3.5.2012


Empfohlene Zitierweise:

Matthias Donath, Bestelmeyer, German (Johann Georg), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (24.6.2017)

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