Swětlik (Swėtlik, Swétlik, Swótlik, Swotlik) Jurij Hawštyn (Georgius Augustinus)
Pfarrer, Philologe, Übersetzer
* 23.1.1650 Wittichenau (sorb. Kulow) 23.2.1729 Bautzen (sorb. Budyšin) Bautzen, Dom St. Petri(kath.)
VJurij, Stadtbürger von Wittichenau
GND: 112114059

S. war neben Xaver Jakub Ticin Mitbegründer der katholischen Variante der obersorbischen Schriftsprache und mit seinen Schriften maßgeblich an der Herausbildung des katholischen sorbischen Schrifttums beteiligt. – Ab 1666 besuchte er das Gymnasium in Böhmisch Krumau (tschech. Český Krumlov), wo er ein Stipendium der Ruhlandschen Stiftung bezog. 1670 wurde er in den Olmützer (tschech. Olomouc) Konvikt aufgenommen und im Sommer 1675 zum Priester geweiht. Im selben Jahr trat er seinen Dienst als Kaplan im böhmischen Joachimsthal (tschech. Jáchymov) an, bevor er 1676 für zwei Jahre als Kaplan nach Radonitz (tschech. Radonice) bei Kaaden (tschech. Kadaň) wechselte. 1678 wurde er zum Vikar im Bautzener Domkapitel berufen. Diese Tätigkeit übte er bis 1682 aus und war dann bis 1683 als Koadjutor in Wittichenau tätig. Anschließend wirkte er bis 1707 als Pfarrer in Radibor (sorb. Radwor) und danach bis 1717 als canonicus residens am Bautzener Domkapitel, wo er die Funktion des procurator capituli auszufüllen hatte und offizieller Vertreter des damaligen Senioren bzw. ab 1714 des Dechanten Měrćin Bjarnat (Martin Bernhard) Just von Friedenfels war. Unter Letzterem wurde er am 12.8.1717 zum Senior bestimmt. Diese Funktion hatte er bis zu seinem Tod inne. – Historisch bedeutsam sind die religiösen Drucke und Handschriften, die S. neben seiner seelsorgerischen und administrativen Tätigkeit fertigstellte. Zum Druck gelangten u.a. seine Evangelien- und Epistelübersetzung ins Obersorbische (wahrscheinlich 1692, rückdatiert auf 1690), ein Gesangbuch (1696), eine Übersetzung des Kleinen christlichen Katechismus des Petrus Canisius (wahrscheinlich 1692) und weitere religiöse Schriften. Ungedruckt blieb das umfangreichste Werk S.s - die zwischen 1688 und 1711 angefertigte Übersetzung der gesamten Bibel ins Obersorbische. Es handelt sich hierbei um die erste Komplettübersetzung der Bibel in diese Sprache überhaupt. Nach eigenem Bekunden diente S. bei der Bibelübersetzung ausschließlich die lateinische Vulgata als Vorlage. Dabei war er um möglichst wortgetreue Übertragungen bemüht, was nicht ohne Einfluss auf Stil und Syntax der Translation blieb. Trotz der nicht erfolgten Drucklegung bestimmte die von S. angefertigte Übersetzung nachhaltig den kirchlichen Sprachgebrauch der katholischen Sorben. Die in der Evangelien- und Epistelübersetzung enthaltenen Auszüge waren fast 60 Jahre ohne Änderung in Benutzung. Die danach von Bischof Wosky von Bärenstamm 1750 besorgte und in den betreffenden Pfarreien bis 1848 benutzte Ausgabe des Evangelistars unterscheidet sich zwar sprachlich in mehreren Punkten von der älteren Ausgabe, ist aber keine eigenständige Neuübersetzung. – Auch über die Grenzen der sorbischsprachigen katholischen Gemeinden hinaus waren die Übersetzungen S.s von Bedeutung. Sie bildeten den Ausgangspunkt für ein Wetteifern zwischen Protestanten und Katholiken bei der Edition kirchlicher Schriften in sorbischer Sprache. Somit wurde die Arbeit S.s indirekt auch zum Motor für das Erscheinen religiöser Drucke der evangelischen Sorben, die zum gegebenen Zeitpunkt den weitaus größeren Teil der damaligen sorbischen Bevölkerung in der Oberlausitz ausmachten. – Von Bedeutung sind auch die sprachbeschreibenden Schriften von S. Es handelt sich um Beobachtungen zum orthografischen, phonetisch-phonologischen und lexikalischen System des Obersorbischen (1687, 1692, 1720). Das Hauptaugenmerk galt dabei zunächst der Rechtschreibung. Die von S. genutzte Form unterscheidet sich in diesem Punkt an einigen Stellen von der bei Ticin verwendeten Orthografie. Als erster bezeichnete S. z.B. die Palatalität von Konsonanten konsequent durch diakritische Zeichen an den jeweiligen Konsonantenbuchstaben und nicht über dem folgenden Vokal. Mit seinen Aussagen zum Lautsystem des Obersorbischen lieferte S. u.a. die erste überlieferte adäquate Beschreibung der in der heutigen obersorbischen Orthografie durch die Grafeme ě bzw. ó repräsentierten Laute. – Während seiner langjährigen Übersetzungstätigkeit stand S. zwangsläufig vor der Aufgabe, das lexikalische System des Obersorbischen auszubauen. Dieser Umstand schlägt sich nicht nur in seinen konkreten Texten nieder. Sichtbaren Ausdruck findet er v.a. im „Vocabularium latino-serbicum“ von 1721. Dieses Wörterbuch enthält insgesamt etwa 16.400 lateinisch-obersorbische Wortgleichungen. – Die Schriften S.s basieren hauptsächlich auf seinem Wittichenauer Heimatdialekt. Dieser lag auch der von Ticin schon 1679 gedruckten Grammatik zugrunde und bildete bis ca. 1750 die Basis der katholischen Variante der obersorbischen Schriftsprache. In seinen handschriftlichen „Observationes in Versionem hanc Serbicam Evangeliorum“ (1687) vermerkte S. aber ausdrücklich, dass er beim Übersetzen bemüht war, neben dem genannten auch den Crostwitzer Dialekt zu beachten. Eine grundsätzliche Verschiebung der Dialektbasis der katholischen Schriftsprachvariante vom Wittichenauer zum weiter südlich gelegenen Crostwitzer Dialekt erfolgte jedoch erst mit der erwähnten erneuten Herausgabe der Evangelien und Episteln durch Wosky von Bärenstamm.



W  Observationes in Versionem hanc Serbicam Evangeliorum, 1687 [Ms.]; Sw˙ate Zcżen˙a, Lekcziyoné ha Epiſtłe toho czéwoho Lėta, każ woni po ſtarom Miſchanskom waſchńu, na te Nėdżełe ha Sw˙ate dné ſo lazuyu, na Serbſku rėtż pżewożene wot Yuriya Hauſchténa Swótlika T. B. toho tżaſa Radworſkoho Farara, 1687 [Die heiligen Evangelien, Lektionen und Episteln des ganzen Jahres, wie sie nach altem Meißner Brauch, auf die Sonn- und Feiertage gelesen werden, in die sorbische Sprache übersetzt von Jurij Hawštyn S. T. B., dem derzeitigen Radiborer Pfarrer] [Ms.]; Sw˙ate Bibliye, 1688-1711 [Die heilige(n) Bibel(n)] [Ms.]; Observationes grammaticales pro debita libelli hujus Evangeliorum lectione, 1692; Schreib- und Lesens-Beobachtungen über das Wendisch Catholische Evangeli-Buch, 1692; Sw˙ate Zcżen˙a, Lekcziyoné ha Epiſtłe na te Nedżełe ha Sw˙ate Dné toho czéwoho Lėta [Die heiligen Evangelien, Lektionen und Episteln auf die Sonn- und Feiertage des ganzen Jahres], Budissin 1692; Tón Mawé kżeſtiyanſki katholſki khatechißmus Pėtra Kanißiyußa [Der kleine christliche katholische Katechismus des Petrus Canisius] (wahrscheinlich 1692 gedruckt); Serbßke katholßke khėrluſche, kiż ßo na te SS. Rócżne Tżaßé habo hėwak wſchėdn˙e ha pżez czéwe Lėto ſpėwayu [Sorbische katholische Kirchenlieder, die auf die heiligen Feiertage oder sonst täglich und durch das ganze Jahr gesungen werden], 1696, ²1720; Ordo Evangeliorum et Epistolarum pro Concione serbice praelegendarum de voluntate Venerabilis Consistorii Budissinensis ad Ordinem Missalis Romani conformatus, Druck wahrscheinlich vor 1699; Parochiale Misnense, seu ordo administrandi sacramenta, Budissin 1716; Ordo Evangeliorum et Epistolarum pro Concione serbice praelegendarum ad Ordinem Missalis Romani conformatus, et cum voluntate (tit.) R[everendissimi] D[omini] Administratoris Ecclesiastici reimpressus, Budissinae 1720; Sw˙ate Bibliye. To yo TÓN STARÉ ha NÓWÉ Teſtament BOŻOHO S. PISzMA [Die heilige(n) Bibel(n). Das ist das Alte und Neue Testament Gottes Heiliger Schrift], 1688-1711; Das Wendische A.B.C., 1720; Vocabularium latino-serbicum, Budissin 1721 (ND Bautzen 1988).

L  M. Hórnik, Swětlikowy rukopis [S.s Manuskript], in: Časopis Maćicy Serbskeje 12/1859, S. 34-37; Ders., Žiwjenjopisne listki. III. Jurij Hawštyn S. [Lebensläufe. III. Jurij Hawštyn S.], in: ebd., S. 31-34; H. Dučman, Přehlad pismowstwa katholskich Serbow [Übersicht des Schrifttums der katholischen Sorben], in: ebd. 20/1867, S. 543-586; B. Šołta, Prěni hornjoserbski přełožk biblije wot J. H. S. [Die erste obersorbische Bibelübersetzung von J. H. S.], in: ebd. 74/1921, S. 3-34; F. Michałk, Jurij Hawštyn S. a serbska spisowna rěč za katolikow [Jurij Hawštyn S. und die sorbische Schriftsprache für Katholiken], in: Lětopis A 27/1980, H. 1, S. 10-25; F. Michałk, Vorwort zum fotomechanischen Neudruck, in: Jurij Hawštyn S., Vocabularium latino-serbicum (fotomechanischer ND), Bautzen 1988, S. 6-23; E. Werner, Studien zur Herkunft der sorbischen Bibelübersetzung von S. 1688-1711, Orthographie, Phonetik, Phonologie, Magisterarbeit Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn 1991.



Fabian Kaulfürst
26.5.2015


Empfohlene Zitierweise:

Fabian Kaulfürst, Swětlik (Swėtlik, Swétlik, Swótlik, Swotlik), Jurij Hawštyn (Georgius Augustinus), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (25.3.2017)

Wikipedia Link