Klammt Georg
Zahnarzt
* 27.2.1907 Bad Flinsberg/Niederschlesien (poln. Swieradów-Zdrój) 20.3.2003 Görlitz(kath.)
VPaul (1875-1961), DentistMBerta, geb. Glaubitz (1887-1921)GElse (1910-1973), Zahnärztin; Werner (1916-1944), Arzt und Zahnarzt1935 Christine, geb. Pick (1909-1962), ZahnärztinSJohannes, Kieferchirurg; Christian, ArztTElisabeth, Zahnärztin; Gertrud, Ärztin; Mechthild, Musikerin
GND: 11019649X






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K. gilt als prominenter Vertreter der Funktionskieferorthopädie in Deutschland. Er beeinflusste in den 1950er- und 1960er-Jahren in einem Prozess stetiger Vereinfachung und Effektivierung der Behandlungsgeräte die Entwicklung des Fachgebiets maßgeblich. Sein Ziel war es, kindliche Patienten unter Nutzung biologischer, körpereigener Kräfte mit einer komfortableren und weniger voluminösen Zahnspange (Aktivator) zu behandeln. – K. siedelte 1914 mit seinen Eltern aus Bad Flinsberg nach Görlitz über, wo sein Vater, ein Dentist, eine Praxis übernahm. Hier besuchte er das Gymnasium und legte 1926 die Reifeprüfung ab. Entsprechend dem Beruf seines Vaters entschloss er sich zum Studium der Zahnmedizin, das er im gleichen Jahr in Freiburg/Breisgau begann. Nach erfolgreichem Abschluss des Vorklinikums wechselte er nach Berlin und später nach Bonn, wo er 1929 die Approbation erhielt und 1930 seine Promotion verteidigte. In dieser Zeit kehrte er nach Görlitz zurück und übernahm die väterliche Praxis. Sein Interesse für die Kieferorthopädie bewog ihn, in den 1940er-Jahren an einem mehrjährigen kieferorthopädischen Lehrgang bei Artur Martin Schwarz in Wien teilzunehmen. Unter schwierigen ökonomischen und gesundheitspolitischen Verhältnissen in Ostdeutschland entwickelte er auf den Grundlagen der Funktionskieferorthopädie den „Offenen Aktivator“ (1955), einen in seiner Größe reduzierten klassischen Aktivator. Praktische Erfahrungen und der Einfluss biologisch determinierter Lehrmeinungen, die dem Einfluss von Zunge, Lippen- und Wangenmuskulatur besondere Bedeutung beimessen (Wilhelm Balters, Hans Peter Bimler u.a.), führten zur Entwicklung des „Elastisch Offenen Aktivators“, den er 1960 erstmals beschrieb. Der Austausch starrer Kunststoffanteile durch Drahtelemente verlieh dem Gerät elastische Eigenschaften und verringerte das Volumen weiter. Es behinderte somit weniger beim Sprechen und konnte auch am Tag getragen werden, was schneller zum Behandlungserfolg führte und die Behandlungszeit verkürzte. K. gründete einen regionalen kieferorthopädischen Arbeitskreis und wurde Gutachter im Bezirk Dresden. 1961 wurde ihm der Titel Sanitätsrat verliehen. Seine Ideen fanden unter den Kollegen eine rege Verbreitung und hohe Akzeptanz. Von staatlicher Seite wurde ihm wegen seiner Niederlassung als Freiberufler die Ausbildung von Fachkollegen nicht gestattet, jedoch hospitierten viele Kieferorthopäden und Zahntechniker in seiner Praxis am Demianiplatz 26 in Görlitz. Neben seiner umfangreichen praktischen Tätigkeit publizierte K. zahlreiche Artikel in kieferorthopädischen und zahntechnischen Fachzeitschriften und trat auf Kongressen im In- und östlichen Ausland auf. Erst im Rentenalter war es ihm möglich, Einladungen zu Kursen und Vorträgen auch nach Westeuropa und Südamerika, u.a. nach Italien, Spanien, Peru und Brasilien, zu folgen. 1984 veröffentlichte er die Monografie „Der Elastisch-Offene Aktivator“, in der er seine Erfahrungen und Modifikationen des Geräts zusammenfasste. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Elastisch-Offene Aktivator, v.a. in der DDR, eine weite Verbreitung gefunden, aber auch in Ost- und Südeuropa sowie Südamerika fand K.s Entwicklung große Anerkennung. Bis zur Vollendung des 80. Lebensjahrs arbeitete er in der von seinem Vater übernommenen Praxis, ohne danach sein fachliches Engagement zu beenden. 1989 verlieh ihm seine Heimatstadt Görlitz, in der er 58 Jahre als Zahnarzt und Kieferorthopäde tätig war, die Ehrenbürgerschaft. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde K. 1990 die Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie verliehen. Sein christliches Engagement, das sein Leben und Wirken kennzeichnete, wurde 1981 mit dem päpstlichen Orden des Heiligen Silvester gewürdigt.



Q  A. Kumpf, Persönliche Mitteilungen und Hospitation bei K., September 1983; R. Oemus, Interview mit K., 7.12.1996 in Dresden; I. Rudzki-Janson, Ehrung Prof. Ascher und Sanitätsrat Dr. K. auf der 76. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie, 11.9.2003 [Vortragsmanuskript]; E. Klammt, Persönliche Mitteilungen und Einsicht in persönliche Dokumente 2006.

W  Zur Photografie in der Kieferorthopädie, in: Fortschritte der Kieferorthopädie 14/1953, S. 201-205; Der offene Aktivator, in: Deutsche Stomatologie 5/1955, S. 322-327; Erfahrungen mit dem offenen Aktivator, in: Fortschritte der Kieferorthopädie 21/1960, S. 124-129; Die Arbeit mit dem Elastischen Offenen Aktivator, in: ebd. 30/1969, S. 305-310; Die Herstellung des Elastischen Offenen Aktivators, in: Zahntechnik 11/1970, S. 474-478; mit G. Schwartz, Veränderungen der Bisslage bei kieferorthopädischen Arbeiten, in: Deutsche Stomatologie 20/1970, S. 432-434; Hinweise zur Herstellung des elastisch-offenen Aktivators, in: Zahntechnik 20/1979, S. 96-101 und in: Die Quintessenz der Zahntechnik 5/1979, H. 9, S. 63-66; Der Elastisch-Offene Aktivator, Leipzig 1984, München 1984; Der elastisch-offene Aktivator, in: Die Quintessenz der Zahntechnik 19/1993, S. 1315-1333; Der elastisch-offene Aktivator. Interpretation von klinischen Fällen, in: ebd. 20/1994, S. 1481-1487.

L  H. Stockfisch, Die neuzeitliche kieferorthopädische Praxis, Heidelberg 21959; E. Bredy, Zur Indikation des offenen Aktivators, in: Deutsche Stomatologie 14/1964, S. 515-520; H. Surber, Vorläufige Ergebnisse mit dem Elastischen Offenen Aktivator nach K., in: Fortschritte der Kieferorthopädie 31/1970, S. 259-308; T. M. Graber/B. Neumann, Removable orthodontic appliances, Philadelphia 1977; E. Bredy/H. Jungto, Der Elastisch Offene Aktivator nach K., in: Fortschritte der Kieferorthopädie 48/1987, S. 87-93; L. Eckhardt/G. Kanitz/W. Harzer, Dentale und skelettale Veränderungen mit dem offenen Aktivator nach K., in: ebd. 56/1995, S. 339-346; K. Frass, Grazil und variierbar im Einsatz, in: Kieferorthopädie-Journal 1/2000, S. 44-46; J. J. Bock/G. Sterzik/J. Bock, Therapie der Angle-Klasse II/1 mit dem Elastisch Offenen Aktivator nach K., in: Informationen aus Orthodontie und Kieferorthopädie 35/2003, S. 71-76; A. Levrini/L. Favero, The Masters of Functional Orthodontics, Berlin 2003; W. Harzer, Georg K., in: Journal of Orofacial Orthopedics 64/2003, S. 235f.; R. C. Goncalves, K.s open elastic activator in the treatment of Class II division 1 malocclusion, Diss. Araraquara 2007.

P  Porträtfoto, schwarz-weiß, Privatbesitz Elisabeth Klammt, Görlitz (Bildquelle).



Andreas Kumpf
16.4.2008


Empfohlene Zitierweise:

Andreas Kumpf, Klammt, Georg, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (18.8.2017)

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