Reuter Fritz
Musikwissenschaftler, Musikerzieher, Komponist, Dirigent
* 9.9.1896 Dresden 4.7.1963 Dresden
VBaumeister, Inhaber eines BaugeschäftsSRolf (1926-2007), DirigentTBarbara, Musikerin; Ursula, Ärztin
GND: 128661097





Auf Veranlassung seiner Mutter erfolgte R.s frühzeitige musikalische Unterweisung. 1912 legte er ein Examen ab, welches ihn berechtigte, an der Dresdner Lehranstalt für Musik Unterricht in Musiktheorie und Klavier anzubieten. Nach dem Abitur (1916) studierte R. zunächst in Dresden, dann am Leipziger Konservatorium sowie gleichzeitig an der dortigen Universität die Kapellmeisterfächer, Orgel, Musikwissenschaft, Pädagogik, ferner Germanistik und Philosophie. Seine wichtigsten Lehrer waren Robert Teichmüller, Hermann Strauben, Stephan Krehl, Hugo Riemann und Arnold Schering. Bei Hermann Abert promovierte er 1922 zum Dr. phil. mit der Dissertation „Geschichte der frühdeutschen Oper in Leipzig 1693 bis 1720“. – Bereits 1917/18 wirkte R. als Theaterkapellmeister in Allenstein (poln. Olsztyn) und danach als Leiter der Michaelschen Chöre in Leipzig. 1921 bis 1933 war er als Lehrer für Musiktheorie am Landeskonservatorium Leipzig tätig, zugleich seit 1922 am Kirchenmusikalischen Institut, an dem er auch Musikgeschichte unterrichtete. 1924 kamen Lehraufträge für Pädagogik der Schulmusik an Universität und Konservatorium in Leipzig hinzu. Neben seiner Lehrtätigkeit nahm er das Studium wieder auf und legte 1930 das Staatsexamen in den Fächern Musik und Deutsch für das Höhere Lehramt ab. 1933 verlor er seine Lehraufträge. Um weiterarbeiten zu können, trat er der NSDAP bei und ging in den Schuldienst. 1934 wurde er Studienrat. R. unterrichtete an Oberschulen in Leipzig und ab 1937 in Dresden, 1945 bis 1948 arbeitete er als Dramaturg und Kapellmeister an der damaligen Volksoper in Dresden-Gittersee. 1949 wurde er als Professor mit Lehrstuhl und Direktor des Instituts für Musikerziehung der Universität Halle/Saale berufen. Daneben lehrte er seit 1950 Musiktheorie und Komposition an der Musikhochschule der Saalestadt und erhielt 1955 den Musikpreis der Stadt Halle. 1956 bis 1962 leitete er das Institut für Musikerziehung an der Pädagogischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin. Sein ständiger Wohnsitz blieb jedoch Dresden. – R. erlangte frühzeitig Ansehen in der deutschen Musikerziehung, um deren wissenschaftliche Fundierung er sich besondere Verdienste erwarb. Als Musiktheoretiker verfocht er wie sein Leipziger Fachkollege Sigfrid Karg-Elert in zahlreichen Publikationen die Prinzipien einer polaristischen, funktionalen Harmonik. Zu seinen zahlreichen Schülern gehörten bedeutende Musiker wie der Dirigent Franz Konwitschny und der Kirchenmusiker Georg Trexler. In seinem vielseitigen kompositorischen Schaffen fand R. vom spätromantisch-expressionistischen Beginn zu melodisch-satztechnischer Prägnanz auf der Basis polyphoner Stimmführung. Einen ersten Erfolg brachte 1930 die Vertonung des „Struwwelpeter“. Mit dem „Spiel vom deutschen Bettelmann“ nach einem Text von Ernst Wiechert entstand ein viel beachtetes, weltliches Oratorium. Die Uraufführung der Oper „Ein Funken Liebe“ an der Dresdner Volksoper 1948 war ein ebenso bemerkenswerter Publikums- und Presseerfolg wie die Uraufführung des Singspiels „Scherz, List und Rache“ nach Johann Wolfgang von Goethe 1949 am Nationaltheater Weimar. R. erhielt 1961 den Vaterländischen Verdienstorden in Silber. – Dem 100. Geburtstag des Stammvaters einer großen Musikerfamilie war am 9.9.1996 im Reuterhaus der Humboldt-Universität zu Berlin, seiner einstigen Wirkungsstätte, ein Gedenkkonzert gewidmet, in dem unter der Leitung von Sohn Rolf 17 Mitglieder der Familie Kammermusikwerke des Vorfahren zur Aufführung brachten, darunter seine Töchter Barbara und Ursula sowie neun Enkel und vier Urenkel.



W  Der Struwwelpeter, Kantate, 1930; Das Spiel vom deutschen Bettelmann, Oratorium, [1935]; Ein Funken Liebe, Komische Oper, ca. 1943; Scherz, List und Rache, Singspiel, 1949; Missa in F, 1949; Deutsche Libertät, Kantate, 1956; Kinderlieder, für Klavier zu zwei und vier Händen, ca. 1960; Suite in C-Dur für zwei Violoncelli solo, Partitur, ca. 1960; Gartenfreuden, Kantate, 1961; Der Hase und der Igel, Melodram, 1962; Erntedankfest-Motetten; 3 Sinfonien (Nr. 3 „Die Heitere“); Geschichte der frühdeutschen Oper in Leipzig 1693 bis 1720, Diss. Leipzig 1922; Die Entwicklung der Leipziger, insbesondere italienischen Oper bis zum siebenjährigen Kriege, in: Zeitschrift für Musikwissenschaft 5/1922/23, H. 1, S. 1-16; Das musikalische Hören auf psychologischer Grundlage, Leipzig 1925, ²1942; Musikpädagogik in Grundzügen, Leipzig 1926; Zur Methodik der Gehörübungen und des Musikdiktats, Leipzig 1927; Praktische Gehörbildung, Leipzig 1928; Methodik des musiktheoretischen Unterrichts auf neuzeitlicher Grundlage, Stuttgart 1928, Leipzig ²1950; Praktisches Partiturspielen, Halle 1951, Leipzig ²1954; Praktisches Generalbassspielen, Halle 1952; Praktische Harmonik des 20. Jahrhunderts, Leipzig 1952; Grundlagen der Musikerziehung, Leipzig 1961.

L  S. Bimberg, Fritz R., in: Hallesche Monatshefte 2/1955, H. 4; R. Reuter, Tagebuch. Fritz R. 60 Jahre alt, in: Musik und Gesellschaft 6/1956, H. 9, S. 356; O. Riemer, Fritz R., der Sechzigjährige, in: Musica 10/1956, H. 10, S. 716f. (P); P. Mies, Fritz R., der Komponist und Pädagoge, in: Musica Sacra 80/1960, H. 3, S. 77ff.; H. Brock, Musiktheater in der Schule, Leipzig 1960; D. Härtwig, in: Die Union Leipzig, 9.10.1961; ders., in: Der neue Weg, Halle 10.9.1961; G. Noll, Fritz R. 65 Jahre, in: Musica 15/1961, H. 9, S. 510f. (P); ders., Prof. Dr. Fritz R. zum 65. Geburtstag, in: Musik und Gesellschaft 11/1961, H. 9, S. 548-550 (P); Gedenkschrift für Fritz R., hrsg. von der Humboldt-Universität Berlin, Berlin 1966; W. Geißler, Fritz R. Seine Entwicklung vom bürgerlichen Kapellmeister, Komponisten und Musikwissenschaftler zum Wegbereiter für eine sozialistische Schulpädagogik, Diss. Halle 1973 [MS]; R. Reuter, Programmheft Gedenkkonzert zum 100. Geburtstag von Fritz R., Berlin 1996; V. Blech, Ein liebevolles Ständchen für Fritz R., in: Berliner Morgenpost 12.9.1996; K. Klingbeil, Ahne einer Musiker-Dynastie, in: Dresdner Neueste Nachrichten 13.9.1996; G. Noll, Fritz R. (1896-1963). Eine Hommage anlässlich seines 100. Geburtstages, in: R.-D. Kraemer (Hg.), Musikpädagogische Biographieforschung, Essen 1997, S. 14-35 (P); ders., Zum 100. Geburtstag von Fritz R. (1896-1963), in: Musik und Unterricht 9/1998, H. 51, S. 48-52 (P). – DBA II, III; DBE 8, S. 260; MGG, Bd. 11, Kassel/Basel 1963, Sp. 335f. (WV); Komponisten und Musikwissenschaftler der DDR, Berlin 1959, S. 169-171.



Dieter Härtwig
9.1.2008


Empfohlene Zitierweise:

Dieter Härtwig, Reuter, Fritz, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (23.10.2017)

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