Myconius (Mecum) Friedrich
Theologe, Reformator
* 26.12.1490 Lichtenfels 7.4.1546 Gotha(kath., später ev.)
1526 Margarita, geb. Jäck († 1548)K9 u.a. Johann Friedrich (1537-1565); Barbara
GND: 118735454





M. zählte zum Kreis der profiliertesten Reformationstheologen im Dienst der ernestinischen Kurfürsten von Sachsen. Als Visitator, Superintendent und Publizist verhalf er der Reformation in Gotha und weiten Teilen Thüringens zum Durchbruch. – Nach dem Besuch der Stadtschule in Lichtenfels erhielt der vermutlich aus einem vermögenden Elternhaus stammende M. 1503 die Gelegenheit, seine Bildung an der noch jungen, aber bereits überregionale Ausstrahlung entfaltenden Lateinschule Annaberg zu vervollkommnen. War er 1504 beim Einzug der Reliquien der heiligen Anna in die Bergstadt noch Zuschauer, so trat M. 1508 erstmals öffentlich in Erscheinung, als er von Johann Tetzel vergeblich einen kostenlosen Ablass für Arme forderte. Unter dem Einfluss seines Lehrers Andreas Staffelstein entschied sich M. am 14.7.1510 für den Eintritt in das Annaberger Franziskanerkloster. Eigener Angabe zufolge soll M. dort eine Vision empfangen haben, in der ihn der Apostel Paulus zu Christus führte. M. deutete dieses religiöse Erlebnis später auf Martin Luther, mit dem er 1518 in Weimar zusammentraf. In das dortige Franziskanerkloster war M. zwei Jahre zuvor nach zwischenzeitlichem Aufenthalt in Leipzig (seit 1512) gewechselt. In Weimar hatte er auch die Priesterweihe erhalten und eine Predigttätigkeit an der Stadtkirche begonnen. Als eifriger Rezipient von Luthers Theologie predigte M. immer deutlicher im reformatorischen Sinn und rief damit heftige Spannungen in seinem Mönchsorden hervor. Zum Jahreswechsel 1522/23 erfolgte deshalb die Versetzung M.s, zunächst nach Eisenach, später nach Leipzig. Von dort ließ ihn der altgläubige albertinische Herzog Georg (der Bärtige) von Sachsen als Gefangenen in seinen Annaberger Heimatkonvent bringen. Es gelang M. jedoch Anfang März 1524, in das unmittelbar angrenzende ernestinische Herrschaftsgebiet zu fliehen. Gemeinsam mit seinem ebenfalls geflohenen Ordensbruder Johannes Voit hielt sich M. zu Ostern 1524 in Zwickau auf und hielt u.a. an der Marienkirche einen Gottesdienst. Im Juli 1524 zogen seine reformatorischen Predigten in Buchholz scharenweise Bürger aus dem benachbarten Annaberg an. Eine in Buchholz erhoffte Verpflichtung M.s zum Pfarrer kam jedoch nicht zustande, da der begabte Theologe auf Empfehlung Luthers im August 1524 eine Berufung nach Gotha erhielt. Dort sah sich M. vor die Aufgabe gestellt, die seit dem sog. Pfaffensturm vom 17.5.1524 aufgewühlte Stimmung in der Stadt zu beruhigen und eine umfassende Kirchen- und Schulreform im Sinne der Wittenberger Reformatoren umzusetzen. M. gab zu diesem Zweck eine Kirchen- und Schulordnung heraus und vereinigte die beiden Gothaer Knabenschulen miteinander. Außerdem etablierte er eine auf humanistische Grundsätze ausgerichtete Lateinschule, aus der später das Gymnasium Ernestinum (Gymnasium illustre) hervorging. 1525 verhinderte M.s geschicktes Verhandeln ein Übergreifen des Bauernkriegs auf Gotha. – In der Folgezeit gehörte er mehreren Visitationskommissionen an, u.a. 1526 für das Amt Tenneberg und während der landesweiten ernestinischen Visitation 1528/29 für Eisenach, Gotha und Weimar. Seit 1529 führte er den Titel eines Superintendenten. – Für das hohe Ansehen M.s am ernestinischen Hof spricht, dass er 1526/27 den späteren Kurfürsten Johann Friedrich (der Großmütige) von Sachsen zur Vermählung mit Sibylle von Jülich-Kleve-Berg nach Düsseldorf begleitete. Unterwegs predigte er in Paderborn und im Düsseldorfer Schloss, was den scharfen Widerspruch des Franziskanerobservanten und Kölner Dompredigers Johannes Heller von Korbach zur Folge hatte. Auf Anregung des mitgereisten ernestinischen Rats Anarg Heinrich von Wildenfels kam es daraufhin am 19.2.1527 zwischen M. und Heller zum sog. Düsseldorfer Religionsgespräch. Mehr noch als dieses begründete M.s Teilnahme am Marburger Religionsgespräch 1529, an der Erarbeitung der Wittenberger Konkordie 1536 und an den Beratungen über die Schmalkaldischen Artikel 1537 seinen Ruf als enger Weggefährte Luthers und Philipp Melanchthons. 1538 gehörte er der Abordnung an, die am Hof Heinrichs VIII. in England erfolglos über die Confessio Augustana verhandelte. Sein Engagement für die Einführung der Reformation im albertinischen Herzogtum Sachsen, namentlich in Annaberg und Leipzig, war 1539 bereits von gesundheitlichen Problemen überschattet. Aufgrund eines Luftröhrenleidens musste M. das Predigen aufgeben, nahm aber noch an verschiedenen Religionsverhandlungen in Frankfurt/Main und Nürnberg sowie am Hagenauer Religionsgespräch 1540 teil. Danach konzentrierte er sich auf publizistische Tätigkeiten. Unter M.s Werken ragt eine mit vielen persönlichen Erlebnissen angereicherte „Historia Reformationis“ heraus, die den Verfasser als frühen Vertreter der reformatorischen Geschichtsschreibung kennzeichnet. Zusammen mit Justus Menius setzte sich M. literarisch mit den Wiedertäufern auseinander. – In seiner Wahlheimat Gotha erlebte M. vier Jahre vor seinem Tod noch die bauliche Fertigstellung der von ihm stark geförderten Margarethenkirche.



Q  Thüringisches Staatsarchiv Gotha, Oberkonsistorium Gotha; P. Scherffig, Briefe des M. an Justus Menius, in: Beiträge zur Thüringischen Kirchengeschichte 4/1939, S. 177-254; H.-U. Delius (Hg.), Der Briefwechsel des Friedrich M. 1524-1546, Tübingen 1960; E. Koch, Aktenstücke zur Visitation in Thüringen 1528/29 als Ergänzungen zum Briefwechsel Melanchthons und Friedrich M.s, in: Herbergen der Christenheit 16/1987/88, S. 53-59; ders., Neue Quellen zur Visitation im ernestinischen Thüringen 1528/29, in: ebd. 19/1995, S. 111-115.

W  Eyn freuntlich Ermanung und troestung aller freundt und liebhaber gottis wort yn ... S. Annapergk, Zwickau 1524; Handlung und Disputation so zwischen ... Friedrich Mecum und eynem Oberservanten Moenich genant Johan Korbach von Coeln zu Düsseldorf ... geschehen und ergangen, Magdeburg 1527; mit Justus Menius, Der widderteufer lere und geheimnis, Wittenberg 1530; Wie man die einfeltigen und sonderlich die Krancken im Christenthumb unterrichten sol, Wittenberg 1539; Von der wohlriechenden und koestlichen Salbe, 1543; Historia Reformationis vom Jahr Christi 1517 bis 1542, Leipzig 1715 (ND Leipzig 1718); Vita Ioannis Tezeli, Wittenberg 1717.

L  C. Sneegass, XVI selectiores verequetheologicae clarorum virorum epistulae ad Frid. Myconium, Schmalkalden 1593 (P); K. H. G. Lommatzsch, Narratio de Friderico M., Annaberg 1825; K. F. Ledderhose, Friedrich M., Pfarrherr und Superintendent von Gotha, Hamburg/Gotha 1854; F. M. Meurer, Friedrich M., Hamburg 1860; O. R. Redlich, Das Düsseldorfer Religionsgespräch vom Jahre 1527, in: Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 29/1893, S. 193-213; F. Prüser, England und die Schmalkaldener 1535-1540, Leipzig 1929; H.-U. Delius, Friedrich M., in: K. Brinkel/H. v. Hintzenstern (Hg.), Luthers Freunde und Schüler in Thüringen, Bd. 1: Des Herren Name steht uns bei, Berlin 1961, S. 35-53; H. Ulbrich, Friedrich M. 1490-1546. Lebensbild und neue Funde zum Briefwechsel des Reformators, Tübingen 1962; H.-U. Delius, Königliches Supremat oder evangelische Reformation der Kirche. Heinrich VIII. von England und die Wittenberger 1531-40, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, Gesellschafts- und sprachwissenschaftliche Reihe 20/1971, S. 283-291; S. Raßloff/M. Märtin, Orte der Reformation: Gotha, Leipzig 2015 (P). – ADB 23, S. 123-127; BBKL 6, Sp. 410-412; DBA I, II, III; DBE 7, S. 322; LThK3 7, S. 567f.; NDB 18, S. 661f.; RGG4 5, S. 1632f.; A. Hauck (Hg.), Realencyklopädie für protestantische Theologie und Kirche, Bd. 13, Leipzig 31903, S. 603-607.

P  Bildnis Friedrich M. (eig. Mekum), unbekannter Künstler, 1551/1600, Holzschnitt, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Inventar-Nr. A 27223 (Bildquelle) [CC BY SA 3.0 DE; dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons 3.0 Deutschland Lizenz].



Michael Wetzel
20.2.2018


Empfohlene Zitierweise:

Michael Wetzel, Myconius (Mecum), Friedrich, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (16.12.2018)

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