Friedrich II. von Goseck
Pfalzgraf von Sachsen
* um 1005/25 27.5.1088 Barby Kloster Goseck
VFriedrich I. von Goseck, Pfalzgraf von SachsenMAgnes, geb. von WeimarGAdalbert († 1072), Erzbischof von Hamburg-Bremen; Dedo († 1056), Pfalzgraf von Sachsen; OdaHedwig von BayernSFriedrich III. von Goseck († 1085)
GND: 143055143

Als Nachfolger seines 1056 in Pöhlde erschlagenen und in Goslar mit einem Leichenbegängnis geehrten pfalzgräflichen Bruders Dedo erscheint der eventuell in Fulda erzogene F. bis in die späten 1060er-Jahre vergleichsweise häufig in den Urkunden König Heinrichs IV. Dort wird er unter den „fideles“, den „principes nostri“ und den „familiares nostri“ geführt. Auch am Ungarnzug 1063 nahm er wahrscheinlich teil. Für ein gutes Verhältnis von Pfalzgraf und König, ungeachtet des zwischenzeitlichen Sturzes von F.s mächtigem Bruder, Erzbischof Adalbert von Hamburg-Bremen, spricht besonders ein Goslarer Diplom vom 5.12.1064. Mit diesem verlieh Heinrich IV. F. für dessen treue Dienste das Markt-, Münz- und Zollrecht sowie den Bann für sein Allod Sulza im Thüringgau, wo F. auch Grafschaftsrechte ausübte. Zudem wurde ihm die Errichtung einer Salzpfanne gestattet. Dadurch erhielt F. bedeutende Befugnisse in einem weiteren Herrschaftsschwerpunkt. Zentralort der Herrschaftsverdichtung sowie der Memoria war das Kloster Goseck, das von F. auf vielfältige Weise gefördert wurde. Enge Verbindungen lassen sich auch zum Reichskloster Hersfeld nachweisen. Nach dem Zeugnis des Geschichtsschreibers Lampert von Hersfeld schickte der dortige Abt Meginher F. 1059 zum Halberstädter Bischof Burchard I., um strittige Zehntrechte gerichtlich zu klären. Diese betrafen u.a. den Hassegau, der mit dem sächsischen Pfalzgrafenamt in Verbindung zu bringen ist. Wohl wegen der von Heinrich IV. verstärkt betriebenen herrschaftlichen Durchdringung Sachsens, die sich auch gegen den Pfalzgrafen richtete, schloss sich F. der Opposition gegen den Salier an. Im Sachsenkrieg 1073/74 kämpfte er gegen Heinrich IV. Dabei trat er besonders bei der Belagerung der symbolträchtigen „Reichsfestung“ Heimburg hervor. Königliche Quellen brandmarken das pfalzgräfliche Handeln als äußerst brutal. Auf dem sächsischen Stammestag von Hoetensleben („Holcinesleve“, Lokalisierung umstritten) klagte F. den Salier - möglicherweise der konkrete Anlass für F.s Gegnerschaft - wegen widerrechtlichen Lehnsentzugs an. Hierfür legitimierten ihn auch die pfalzgräflichen Gerichtskompetenzen, die er ferner in familienpolitischen Angelegenheiten einzusetzen wusste. Heinrich IV. soll, so der Geschichtsschreiber Bruno von Merseburg, in den Verhandlungen mit der sächsischen Opposition die Auslieferung F.s neben der Bischof Burchards II. von Halberstadt und Herzog Ottos von Northeim verlangt haben. Dies spricht für eine führende Rolle des Goseckers beim Konflikt mit dem Salier. So folgte der Unterwerfung nach dem königlichen Sieg bei Homburg/Unstrut die Verbannung nach Pavia (Italien). Von dort soll F. „zahlreiche“ Bücher weitgehend religiösen Inhalts auf Trageseln mitgebracht haben, ein bemerkenswertes Zeugnis seiner Interessen und seines Selbstverständnisses. Trotz Treueids auf den König kämpfte der freigelassene F. abermals gegen Heinrich IV., nun aufseiten Rudolfs von Rheinfelden. In der Schlacht bei Mellrichstadt im August 1078 führte er seinen Flügel siegreich. In Königsurkunden erscheint F. fortan nicht mehr. Eine Urkunde für Goseck, in der Heinrich IV. am 12.6.1085 zu Quedlinburg die friderizianischen Schenkungen an das Kloster bestätigt, ist unecht. Bis auf die tendenziöse Gosecker Chronik fehlen unzweifelhafte Hinweise für eine Wiedererlangung der Pfalzgrafenwürde. F.s Neffe, Friedrich I. von Sommerschenburg, wurde wohl noch im Todesjahr des in Barby an Fieber verstorbenen Goseckers dessen Nachfolger. Eine Mainzer Königsurkunde vom August 1088 ist entweder posthum auf F. zu beziehen oder nennt bereits den neuen Amtsinhaber. – F.s vor 1063 geschlossene Ehe mit der aus Bayern stammenden, genealogisch jedoch kaum sicher zu identifizierenden Hedwig kann als Beweis für die Vernetzung des Goseckers gewertet werden. Aus der Heirat von F.s gleichnamigem und einzigem Sohn mit der Markgrafentochter Adelheid von Stade lässt sich ebenfalls die Bedeutung des Hauses Goseck ablesen. Im Februar 1085 wurde sein Sohn Friedrich III. auf der Jagd ermordet, woran ein hölzernes Kreuz erinnerte. Nach der problematischen Reinhardsbrunner Chronik und dem Annalista Saxo stiftete der vermeintliche Mörder Ludwig (der Springer), der später Friedrichs III. Gemahlin heiratete, das Benediktinerkloster Reinhardsbrunn als Sühne. – Mit einer risikoreichen, von engen Familieninteressen getragenen „Herrschaftspolitik“ gelang F. eine deutliche, jedoch kurzzeitige und territorial wenig geschlossene Machtausweitung. Wohl spielten nicht zuletzt „territorialpolitische“ Gesichtspunkte eine Rolle, als er die Rechtsungültigkeit der Ehe Graf Gebhards von Supplinburg mit Hedwig von Formbach aufgrund eines zu nahen Verwandtschaftsgrads einklagte. Nach dem späten Zeugnis der Quelle, der Sächsischen Weltchronik, wurde auf einer Halberstädter Synode im Sinne F.s entschieden. Während das „Chronicon Gozecense“ ein verklärtes Bild F.s zeichnete, stilisierten einige Quellen seine Vita als beispielhaft für Aufstieg und Fall eines Hochmütigen, der laut Annalista Saxo behauptet habe, keiner vermöge beim König mehr als er. Inwiefern F.s Leben unter dem Eindruck seines erzbischöflichen Bruders, auf den er nach Adam von Bremen zuletzt nur begrenzten Einfluss hatte, historiografisch verdunkelt wurde, lässt sich nur schwer beantworten.



Q  Sächsische Weltchronik, hrsg. von L. Weiland (MGH Dt. Chron. 2), Hannover 1877 (ND 2001), S. 1-279; Carmen de bello Saxonico, bearb. von O. Holder-Egger (MGH SS rer. Germ. 17), Hannover 1889 (ND 1978); Lamperti monachi Hersfeldensis Opera, bearb. von O. Holder-Egger (MGH SS rer. Germ. 38), Hannover/Leipzig 1894 (ND 1984); Adam von Bremen, Hamburgische Kirchengeschichte, hrsg. von B. Schmeidler (MGH SS rer. Germ. 2), Hannover/Leipzig 1917 (ND 1993); Brunos Buch vom Sachsenkrieg, bearb. von H.-E. Lohmann (MGH Dt. MA 2), Leipzig 1937 (ND 1980); MGH DD H IV; R. Ahlfeld (Bearb.), Die Gosecker Chronik (Chronicon Gozecense), in: Jahrbuch für die Geschichte Ost- und Mitteldeutschlands 16/17/1968, S. 1-49; Die Reichschronik des Annalista Saxo, bearb. von K. Naß (MGH SS 37), Hannover 2006.

L  E. Heinze, Die Entwicklung der Pfalzgrafschaft Sachsen bis ins 14. Jahrhundert, in: Sachsen und Anhalt 1/1925, S. 20-63; R. Ahlfeld, Das Chronicon Gozecense, in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 11/1954/1955, S. 74-100; ders., Die Herkunft der sächsischen Pfalzgrafen und das Haus Goseck bis zum Jahre 1125, in: U. Scheil (Hg.), Festschrift Adolf Hofmeister zum 70. Geburtstage am 9. August 1953, Halle 1955, S. 1-30; H.-D. Starke, Die Pfalzgrafen von Sachsen bis zum Jahre 1088, in: Braunschweigisches Jahrbuch 36/1955, S. 24-52; R. Ahlfeld, Zu einer auf den Namen von Heinrich IV. gefälschten Urkunde für das Kloster Goseck, in: S. Joost (Hg.), Bibliotheca docet. Festgabe für Carl Wehmer, Amsterdam 1963, S. 381-384; L. Fenske, Adelsopposition und kirchliche Reformbewegung im östlichen Sachsen, Göttingen 1977; D. Huschenbett, Eine Mord- und Minne-Geschichte aus Thüringen, in: D. Rödel/J. Schneider (Hg.), Strukturen der Gesellschaft im Mittelalter, Wiesbaden 1996, S. 35-49; M. Suchan, Königsherrschaft im Streit, Stuttgart 1997; J. Schlick, König, Fürsten und Reich (1056-1159), Stuttgart 2001; M. Suchan, Fürstliche Opposition gegen das Königtum im 11. und 12. Jahrhundert als Gestalterin mittelalterlicher Staatlichkeit, in: Frühmittelalterliche Studien 37/2003, S. 141-165; T. Weller, Die Heiratspolitik des europäischen Hochadels im 12. Jahrhundert, Köln/Weimar/Wien 2004; S. Borchert, Herzog Otto von Northeim (um 1025-1083), Hannover 2005; G. Althoff, Heinrich IV., Darmstadt 2006; M. Becher, Ein Reich in Unordnung, in: C. Stiegemann/M. Wemhoff (Hg.), Canossa 1077, Bd. 1: Essays, München 2006, S. 62-69; C. Paulus, Das Pfalzgrafenamt in Bayern im Frühen und Hohen Mittelalter, München 2007; R. Scheunpflug, Die Gosecker - Palatinus comes Gozecensis, München 2009.



Christof Paulus
11.8.2011


Empfohlene Zitierweise:

Christof Paulus, Friedrich II. von Goseck, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (24.5.2017)

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