Keller Friedrich Gottlob
Erfinder des Holzschliffpapiers, Leineweber
* 27.6.1816 Hainichen 8.9.1895 Krippen Krippen, Waldfriedhof(ev.)
VJohann Gottlob Israel (1789-1867), Leineweber und Blattbinder in HainichenMJohanna Juliane, geb. Engelmann (1791-1848), Tochter eines Hainichener Zeug- und LeinewebersGTotgeburt (1815); Friedrich August (* † 1818); Karl August (* † 1819); Adolph (* † 1821); Johanne Juliane (* † 1823); Christiane Wilhelmine (* † 1824); Auguste Juliane (* † 1827); Franz Friedolin (* † 1830); Karl Ernst (* † 1833) 1.1840 Juliane Friedericke, geb. Matties (1811-1841)TAmalie Friederike (1840-1894) 2.1843 Juliane Wilhelmine, geb. Lehmann, verw. Oehlschlägel (1812-1876)SErnst Friedrich (1850-vor 1897 in den USA); Paul Emil (1855-1906)TEmma Luise (1846-1848) 3.1878 Auguste Georgine, geb. Pfüller (1839-1888)
GND: 118561073


Verknüpfte Personen im Text:

Der technisch begabte und naturwissenschaftlich interessierte K. lernte beim Vater den Beruf eines Webers und Blattbinders. Nach der Wanderschaft arbeitete er in der väterlichen Werkstatt und erlangte 1839 das Bürger- und Meisterrecht in Hainichen. Er war v.a. als Blattbinder tätig, fand aber darin keine Befriedigung. 1841/42 führte er ein „Ideen-Notiz-Buch“, in dem er eigene Entwürfe für technische Verfahren und Erfindungen auflistete, so z.B. auch zur Papierherstellung. 1843 begann K. auf einem Werkzeugschleifstein mit der mechanischen Zerkleinerung von Holz. Im Dezember desselben Jahrs gelang ihm eher zufällig die Herstellung von Papier aus Holzschliff. K. verbesserte sein Verfahren und die Apparaturen und konnte Ende 1844 so viel Holzschliff herstellen, dass auf dem daraus in einer Altchemnitzer Papiermühle hergestellten Papier 1845 eine Teilauflage des „Intelligenz- und Wochenblatts für Frankenberg und Umgebung“ gedruckt wurde. Dies war zugleich der weltweit erste Druck auf Holzschliffpapier. K. stellte mehrere Gesuche auf finanzielle Hilfe und die Patentierung der Holzschlifferfindung beim Sächsischen Ministerium des Innern, wo man allerdings deren Bedeutung nicht erkannte. 1845 erhielt K. lediglich für fünf Jahre das „Privilegium auf ein eigenthümliches Verfahren, durch einen zusammenhängenden Prozeß Lohextract und Rindenpapiere aus der Rinden der Nadelhölzer zu erzeugen“. Für die Holzschlifferfindung konnte er selbst kein Patent erwerben. Trotzdem pachtete er die Papiermühle in Kühnhaide, um das Verfahren dort zu praktizieren. Zu geringes Startkapital, hohe Kosten für die nicht betriebsfähige Anlage und fehlende geschäftliche Erfahrung, aber auch der Mangel an technischem Wissen ließen das Projekt scheitern. 1846 nahm Heinrich Voelter Verbindung zu K. auf. Voelter war als anerkannter Fachmann technischer Direktor der Vereinigten Fischerschen Papierfabriken zu Bautzen und Obergurig und an K.s Erfindung interessiert. Laut Vertrag planten die Partner, gemeinsam die Holzschlifferfindung sowie die Rindenpapiererzeugung weiterzuentwickeln und später kommerziell zu nutzen. Für die Teilhaberschaft am Rindenpapierpatent und die Einweihung in die Verfahrensweise der Holzschliffgewinnung zahlte Voelter K. zunächst ratenweise 700 Reichstaler. Fünf Jahre später wurde die Holzschlifferfindung zwar auf den Weg gebracht, warf jedoch infolge der immensen Entwicklungskosten noch immer keinen nennenswerten Gewinn ab. Da sich K. nach wie vor weder zeitlich noch materiell daran beteiligen konnte, überließ er Voelter sein Rindenpapierpatent und die Holzschlifferfindung zur alleinigen Nutzung. K. musste die Papiermühle, inzwischen sein Eigentum, mit großen Verlusten aufgeben und zog nach Krippen in die Sächsische Schweiz. Dort ließ er sich nach mehreren Beschäftigungverhältnissen als Mechaniker nieder und fertigte in eigener Werkstatt kleine Maschinen und Geräte. Wenigstens neun von ihnen wurden patentiert, ohne dass K. ökonomischen Nutzen daraus ziehen konnte. Mit dem Kauf eines Grundstücks und dem Bau eines Wohnhauses mit Werkstatt hatte er sich finanziell erneut übernommen. Holzstoff- und Papierhersteller, längst Nutznießer der Holzschlifferfindung, würdigten K.s Verdienste mit Ehrungen und organisierten Sammlungen, um den in Not befindlichen Erfinder zu entlasten, was ihnen jedoch nur bedingt gelungen ist. – Bereits 1858 hatte Voelter die Erzeugung von Holzschliffpapier in den USA patentieren lassen. Dies stellte, wie sich später erweisen sollte, nach amerikanischem Patentrecht eine eklatante Verletzung des Urheberrechts dar und führte dazu, dass er K. angemessen zu entschädigen hatte. Einen großen Teil dieses Betrags musste K. zur Begleichung einer Wechselschuld einsetzen, für die er gebürgt hatte. Den völligen Ruin K.s, inzwischen hochbetagt und krank, verhinderte eine von namhaften Zeitschriften im In- und Ausland initiierte, überaus erfolgreiche Spendenaktion, die ihm 1892 sein verschuldetes Anwesen erhielt und einen monatlichen Zuschuss sicherte. Zudem erfuhr K. eine Vielzahl von Ehrungen, so die Ehrenmitgliedschaft des Hainichener Gewerbevereins, die Verleihung des sächsischen Ritterkreuzes II. Klasse des Zivilverdienstordens, die Ehrenbürgerschaft der Stadt Hainichen sowie die Benennung eines Keller-Felsens in Krippen.



W  Ideen-Notiz-Buch 1841 [Deutsches Buch- und Schriftmuseum Leipzig]; Erfindung des Holzschleifens. Autobiografie, in: Papierzeitung 10/1885, Nr. 40-42.

L  E. Gaus, Erinnerungs-Schrift an Heinrich Voelter, o.O. 1917; A. Graefe (Hg.), Sächsische Köpfe im zeitgenössischen Bild, Dresden 1938 (Bildquelle); Papier aus Kriebstein. Festschrift zum 100. Jubiläum der Firma Kübler & Niethammer, Darmstadt 1956; W. Schlieder, Der Erfinder des Holzschliffs Friedrich Gottlob K., Leipzig 1977; H. L. Sittauer, Der Papiermüller von Kühnhaide, Berlin 1980; ders., Friedrich Gottlob K. Biographien hervorragender Naturwissenschaftler, Techniker und Mediziner, Bd. 59, Leipzig 1982; W. Schlieder, Papier, Leipzig 1985; ders., Besitzer und Papiermacher auf Papiermühlen in Sachsen und angrenzenden Gebieten, Marburg/Lahn 1993; K. Beneke, Friedrich Gottlob K., Erfinder des Holzschleifers, Nehmten 1998; Aus der Geschichte der Papiermacherei, hrsg. vom Traditionsverein Papierfabrik Fockendorf e.V., ausgewählt und bearb. von F. Heinzig, Greiz 2001; U. Kolb, Der rastlose Geist, Friedrich Gottlob K., Hainichen 2008.

P  Bildnis, 1885, Öl auf Pappe, Heimatmuseum Hainichen; Bildnis, um 1890, Foto, Atelier E. Lieske, Schandau, Heimatmuseum Hainichen; Bildnis, vor 1893, Foto, Atelier E. Lieske, Schandau, Heimatmuseum Hainichen; Büste, vor 1966, Ton, R. Köhler, Frankenberg, Heimatmuseum Hainichen; Büste, 2008, Bronze, nach A. Künne, Gießerei Lauchhammer, Keller-Brunnendenkmal Hainichen.



Wolfgang Uhlmann
19.11.2009


Empfohlene Zitierweise:

Wolfgang Uhlmann, Keller, Friedrich Gottlob, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (28.4.2017)

Wikipedia Link