Nagler Johannes Franciscus
Komponist, Kantor, Schriftsteller
* 22.7.1873 Prausitz bei Riesa 4.6.1957 Leisnig Leisnig, Friedhof(ev.)
VFranz Eduard (1827-1897), Kirchschullehrer, Kantor in LeipzigMAurelie Therese Rosalie, geb. Hermann (1831-1890)G9 1.1897 Marie Emilie, geb. Glühmann († 1904)SMartin Johannes Hellmuth (* 1902)TIrmgard (* 1898) 2.1905 Elise Helene, geb. Busching (* 1872), SängerinSErhard (* 1908)
GND: 116880430

Als jüngstes Kind von neun Geschwistern besuchte N. zuerst die Dorfschule und ab 1883 das Thomasgymnasium in Leipzig. Dort wurde er als Sopransolist Mitglied des Thomanerchors. Seine Liebe zur Musik fand hier bereits reichlich Nahrung und bestimmte fortan sein Wirken. Musik- und Heimatliebe waren die beiden Grundpfeiler seines späteren Wirkens und literarischen Schaffens. Nach dem Gymnasium absolvierte N. als Internatsschüler am Freiherrlich von Fletscherschen Seminar in Dresden eine Lehrerausbildung und übernahm anschließend für drei Jahre eine Hilfslehrertätigkeit an der Trachauer Schule in Dresden. 1894 bis 1898 studierte er Musik am Konservatorium in Leipzig und war gleichzeitig als Chorrepetitor an den Städtischen Bühnen tätig. 1897 wurde N. Kantor der evangelischen Gemeinde in Limbach bei Chemnitz. Die evangelische Gemeinde Leisnig wählte ihn 1902 zum Kantor. In dieser Stellung blieb er, 1910 zum Kirchenmusikdirektor ernannt, bis zum Eintritt in den Ruhestand 1936. Danach zog er nach Dresden, kehrte jedoch 1945 nach Leisnig zurück. – N. komponierte Kantaten und Motetten, Chorwerke und Oratorien, z.B. „Die heilige Nacht“ oder das „Helden-Requiem“. Als Dirigent mehrerer Männer-, Frauen- und Kinderchöre in Dresden, Leipzig, Hannover und Wien erwarb er sich besonderes Ansehen. Seine musikpädagogische Arbeit mit Kindern ordnete sich in die pädagogische Reformbewegung um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ein. Motive für Texte und Musik gewann er aus der durch die heimatliche Landschaft und das Handwerk bestimmten Umwelt des Kindes sowie aus dem natürlichen Tages- und Jahresablauf. „Der Weihnachtsengel“, ein Spiel für Kinderchor, Einzelstimmen, Deklamationen und Begleitinstrumente, war ein erstes Werk dieser Art, das 1901 uraufgeführt wurde. 1904 folgte „Friedels Wanderschaft“, um 1905 „Vom Morgen bis zum Abend“, 1913 die „Jahreszeiten, Kinderfreuden!“, 1914 „Mein Dörfchen“, um 1920 „Wettstreit der Handwerker“ und 1926 „Kleinstadtzauber“. N. baute mit reicher poetischer und musikalischer Erfindungsgabe die überlieferten Formen der Kinderkantate und der Schuloper aus und gestaltete auch bekannte Märchen zu Singspielen für Kinder um, so z.B. „Die Bremer Stadtmusikanten“ oder „Die zertanzten Schuhe“. – Als Schriftsteller stellte N. 1919 eine Sammlung eigener Märchen für die Jugend in dem Band „Mit Märchenaugen in die Welt“ zusammen. Darin werden in Vers und Prosa, zuweilen auch von Noten begleitet, Märchen erzählt, die in der sächsischen Landschaft angesiedelt sind. Am weitesten verbreitet ist das Buch „Dorfheimat - Bilder aus der Knabenzeit“. Es erschien zuerst 1915 und brachte es bis 1920, trotz der Kriegszeit, auf 16 Auflagen. Der Untertitel weist auf autobiografische Züge hin, sodass das starke Interesse nicht nur dem Buch, sondern auch seinem Autor gegolten hat. Ganz ähnlich angelegt und im Tonfall des Erzählens mit der „Dorfheimat“ verwandt, ist das Buch „An der Stadtmauer - Bilder und Geschichten der Kleinstadt“. Darin wird die Geschichte einer Freundschaft erzählt, die N. mit Peter Quincke verband. Es werden tiefe Lebensweisheiten und Erkenntnisse vermittelt und ohne moralisierende oder belehrende Attitüde vorgetragen. 1936 erschien „Das klingende Land“, eine kleine sächsische Musikgeschichte mit besonderer Berücksichtigung der Kirchenmusik. – Als Komponist arbeitete N. mit dem Textdichter Adolf Holst zusammen. Gemeinsam gestalteten sie Anfang der 1930er-Jahre den Band „Spiel mit“ mit lustigen Kinderszenen, Vortragsstücken und einem Gedicht im Volksliedton von Hugo Schmidtverbeek. Ein weiteres gemeinsames Werk mit Holst trägt den Titel „Vom Himmel hoch“, mit Weihnachtsspielen, Gedichten und Liedern. Daran beteiligt waren auch Lotte Arlt-Kruse mit Kompositionen und Ernst Kutzer, von dem die Illustrationen stammen. – Für sein Wirken wurde N. vielfach ausgezeichnet. Ihm wurde u.a. 1927 die Ehrenbürgerschaft der Stadt Leisnig verliehen. 1993 wurde eine Gedenktafel an N.s Geburtshaus in Prausitz angebracht und die dortige Grundschule trägt seinen Namen.



W  Kompositionen: Der Weihnachtsengel, op. 26, Leipzig [1903]; Friedels Wanderschaft, op. 30, Leipzig 1904; Vom Morgen bis zum Abend, op. 44, Meißen [um 1905]; Jahreszeiten, Kinderfreuden!, op. 59, Meißen [um 1920]; Die heilige Nacht, op. 63, Leipzig 1910; Mein Dörfchen, op. 85, Meißen [um 1914]; Helden-Requiem, op. 88, Leipzig [um 1915]; Wettstreit der Handwerker, op. 96, Meißen [um 1920]; Der Raritätenmann aus Sachsen, Leipzig [um 1921]; Kleinstadtzauber, op. 110, Leipzig 1926; Schulze Hoppe, der Wettermacher von Gersdorf, op. 114, Berlin [um 1927]; Die Bremer Stadtmusikanten, op. 117, Berlin [um 1929]; Die zertanzten Schuhe [um 1947]. Schriften: Dorfheimat. Bilder aus der Knabenzeit, Meißen 1915, 161920; Mit Märchenaugen in die Welt, Meißen [um 1919]; An der Stadtmauer. Bilder und Geschichten aus der Kleinstadt, Meißen 1917, 51930; O du Heimatflur. Ein Strauß von Versen und Liedern aus Kinderfestspielen, Meißen [um 1927]; mit A.Holst/L. Arlt, Vom Himmel hoch, Leipzig [um 1929]; Der Wunderstein oder Die Mühle im Spitzgrund, Leipzig [um 1931]; mit A. Holst, Spiel mit, Leipzig [um 1932]; Das klingende Land. Musikalische Wanderungen und Wallfahrten in Sachsen, Leipzig 1936, 21936; Von Organisten und anderen Musikanten aus der heimatlichen Vergangenheit, Dresden [um 1936].

L  R. Baumgärtel, Franciscus N., Braunschweig 1998. – DBA II, III; DBE 7, S. 336; H.-J. Moser, Musiklexikon, Berlin 21943, S. 612; K. Doderer (Hg.), Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur, Weinheim/Basel 1977, Bd. 2, S. 532f.; M. Altner, Sächsische Lebensbilder, Radebeul 2001, S. 130-133; K. Franz/G. Lange/F.-J. Payrhuber (Hg.), Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur, Meitingen 2007.



Manfred Altner
4.10.2007


Empfohlene Zitierweise:

Manfred Altner, Nagler, Johannes Franciscus, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (23.6.2017)

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