Lewald (Lewald-Stahr) Fanny, (Pseudonym: Iduna Gräfin H. H.)
geb. Marcus (Markus)
Schriftstellerin, Frauenrechtlerin
* 24.3.1811 Königsberg (russ. Kaliningrad) 5.8.1889 Dresden 9.8.1889 Wiesbaden, Alter Friedhof(jüd., ab 1828 ev.)
VDavid Marcus (seit 1831 Lewald) (1787-1846), Kaufmann, Stadtrat in KönigsbergMZipora Assur (1790-1841)GOtto (1813-1874); Moritz (* 1815); Clara (1816-1877), Heinrich (1818-1820); Minna (* 1821); Elisabeth, verh. Gurlitt (1822-1909); Marie (* 1824); Henriette (* 1825)1855 Adolf Stahr (1805-1876), Gymnasiallehrer, Literatur- und KunsthistorikerStiefSAlwin; Adolf; EdoStiefTAnna; Helene
GND: 118572393





L. wurde als ältestes von neun Kindern eines jüdischen Kaufmanns geboren. Ihre Mutter kam aus einer reichen, orthodoxen Familie, die aus dem Kurland und aus Posen (poln. Poznań) stammte und in Königsberg ein Handelshaus unterhielt. Die Familie ihres Vaters war dort bereits seit vier Generationen ansässig und gehörte zum aufgeklärten, gebildeten und assimilierten Judentum, an dem sich L. orientierte. – Den Familiennamen änderte David Marcus 1831 in „Lewald“, nachdem seine Brüder dies bereits 1812 getan hatten. Motiviert war diese Entscheidung vermutlich durch das geplante Studium seiner Söhne. – Mit der jüdischen Orthodoxie kam L. erst durch ihre Nachbarn in Berührung. Obwohl die jüdischen Traditionen in der Familie keine große Rolle spielten, prägten L. trotzdem gewisse Werte des Judentums, z.B. der starke familiäre Zusammenhalt, die patriarchalische Stellung des Vaters sowie das Eintreten für sozial Benachteiligte und Wohlfahrtseinrichtungen, die ihre Wurzeln im jüdischen Gemeindeleben hatten. L. erlebte immer wieder Antisemitismus und Ausgrenzungen: Sie wurde von der Teilnahme am Konfirmandenunterricht ausgeschlossen, nicht zu christlichen Familien eingeladen, und auch die Judenverfolgungen im Zusammenhang mit den Hep-Hep-Unruhen 1819 führten ihr ihr Anderssein vor Augen. – L.s demonstrative Vaterlandsliebe, ihre Verbundenheit zur deutschen Kultur sowie ihr Eintreten für die Emanzipation der Frau sprechen für ihre Zugehörigkeit zum assimilierten Judentum. – Das Familienleben wurde von L. als harmonisch beschrieben. Insbesondere zu ihrem Vater und den beiden ältesten Brüdern, Otto und Moritz, hatte sie eine enge Bindung. In ihrer Kindheit und Jugend zeichnete sie sich durch großen Fleiß, Lerneifer und Leselust aus, worin sie ihr Vater förderte. Die häusliche Erziehung durch den Vater sowie der Schulbesuch entfremdeten sie zunehmend vom traditionellen Rollenbild der Frau. Die gesellschaftliche Benachteiligung der Frauen, die ihr bereits während der Schulzeit vor Augen geführt wurde, prägte ihr weiteres Leben und ihre späteren Arbeiten. 1824 wurde die Schule, die L. besuchte, geschlossen, weshalb ihre schulische Ausbildung im Alter von 13 Jahren endete. – 1827 lernte L. bei einer privaten Tanzstunde den Theologiestudenten Leopold Bock kennen, der bei ihrem Vater um ihre Hand anhielt. Die Hochzeit kam nicht zustande, trotzdem erlaubte ihr der Vater, wie zuvor schon ihren Brüdern, den Übertritt zum Christentum. Ihre Taufe erfolgte allerdings ohne große Überzeugung und wurde später von L. bereut. – 1832/33 reiste L. gemeinsam mit ihrem Vater zunächst zu Verwandten nach Baden-Baden und anschließend allein weiter nach Breslau (poln. Wrocław). Im liberalen und bildungsaffinen Haushalt ihres Onkels Friedrich Jakob Lewald, in dem u.a. August Heinrich Hoffmann von Fallersleben verkehrte, wurde ihr Interesse für Politik, Literatur und soziale Fragen geweckt. Auf dieser Reise lernte sie ihren Vetter Heinrich Simon kennen, in den sie sich verliebte. Allerdings scheiterte auch diese Beziehung und bestärkte L. darin, sich nicht auf eine der üblichen Konvenienzehen einzulassen. Infolgedessen lebte sie bis zu ihrem 32. Lebensjahr in Abhängigkeit von ihrer Familie. Dass es ihren Brüdern möglich war, akademische Karrieren zu verfolgen, bestärkte sie abermals darin, die Verbesserung der Mädchenbildung und das Recht der Frau auf eine eigene Berufsausbildung in den Mittelpunkt ihres schriftstellerischen Interesses zu stellen. – Den Anstoß für L.s schriftstellerische Tätigkeit lieferte ihr Onkel August Lewald, der die Zeitschrift „Europa“ herausgab. Dieser hatte bereits zuvor, ohne L.s Wissen, einige ihrer Reisebeschreibungen veröffentlicht. 1841 bat er L. um eine Arbeit über die Königsberger Huldigungsfeiern für den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. Er ermutigte und unterstützte sie zu weiteren Arbeiten, die ihr die Aussicht auf Selbstständigkeit boten. Ihr Vater erlaubte ihr nun, als Schriftstellerin tätig zu sein, bestand jedoch zunächst darauf, geheim zu halten, dass seine Tochter eigenständig Geld verdiente, um seine Autorität als Familienoberhaupt öffentlich nicht zu gefährden. – L. zog nach Berlin und veröffentlichte ihren ersten Roman „Clementine“ 1843. Den literarischen Durchbruch erreichte sie im Folgejahr mit „Jenny“. Die Veröffentlichung beider Werke erfolgte, dem Wunsch ihres Vaters entsprechend, zunächst anonym bei Brockhaus in Leipzig. Bedingt durch die positive Resonanz auf ihre beiden Werke gab sie ihre Anonymität 1844 auf und erhielt erste Auftragsarbeiten. L. erreichte eine für die damalige Zeit bemerkenswerte Auflagenhöhe und gehörte schon bald zu den gefragtesten deutschen Autoren. Sie zählte zu den ersten Schriftstellerinnen, die in der Lage waren, ihre Tätigkeit professionell auszuüben und davon ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. – Ein Wendepunkt in ihrem Leben war ihre Italienreise 1845, die L., für die damalige Zeit ungewöhnlich, als allein reisende Frau unternahm. Zunächst lief sie die Stationen einer klassischen Bildungsreise an, die in ihrem „Italienischen Bilderbuch“ thematisiert werden sollten. In Rom hielt sie sich schließlich länger auf und hatte Zugang zur deutsch-römischen Gesellschaft. Dort begegnete sie dem Oldenburger Gymnasialprofessor, Hauptmitarbeiter der „Hallischen Jahrbücher“, Literatur- und Kunsthistoriker Adolf Stahr. Hieraus entwickelte sich eine Liebesbeziehung zwischen L. und dem verheirateten Familienvater, die 1854 zur Scheidung Stahrs und nach vergeblichen Bemühungen um eine zivile Eheschließung 1855 zur kirchlichen Trauung führte. L., stolz auf die erreichte bürgerliche Existenz, führte seitdem den Doppelnamen „Frau Professor Lewald-Stahr“, der ihren Anspruch auf ein auch weiterhin selbstbestimmtes Leben öffentlich ausdrückte. Durch ihre Beziehung mit einem verheirateten Familienvater geriet L. häufig in Konflikt mit der bürgerlichen Gesellschaft. Aus dem Ehevertrag geht hervor, dass sie finanziell deutlich besser gestellt war als ihr Mann. Das Paar hatte keine gemeinsamen Kinder, L. kümmerte sich jedoch um ihre Stiefsöhne Alwin und Edo, die während ihrer Ausbildung zwischenzeitlich in Berlin lebten. Die zwei Jahrzehnte ihrer Ehe bezeichnete sie später als die glücklichste Phase ihres Lebens. Gemeinsam mit ihrem Mann unterhielt sie in Berlin einen literarischen Salon, den u.a. Theodor Fontane besuchte. Darüber hinaus verkehrten L. und Stahr in anderen Berliner Salons sowie den Künstlerkreisen Dresdens und Zürichs. – Das Ehepaar unternahm weiterhin Reisen zu Freunden und Verwandten sowie zahlreiche Kuraufenthalte in Deutschland - u.a. in Wiesbaden - und der Schweiz, die durch diverse Erkrankungen L.s und ab 1867 die chronische Erkrankung Stahrs notwendig wurden. Diese finanzierten beide durch eine Tätigkeit als Reiseschriftsteller. Die Fürsorge um ihren Mann in seinen letzten Lebensjahren nahm L. völlig in Anspruch. Nach dessen Tod 1876 kehrte sie nach Berlin zurück. Nach wiederholten Herzproblemen und der Verschlimmerung ihrer asthmatischen Beschwerden verstarb sie schließlich im Alter von 79 Jahren im Hotel Bellevue in Dresden. Sie wurde neben ihrem Mann auf dem Alten Friedhof in Wiesbaden bestattet. – Insgesamt behandelt L. ein breites Themenspektrum in 27 Romanen, 43 Novellen, 36 autobiografischen Aufzeichnungen, 40 Feuilletons, Erzählungen, politischen Schriften und Reiseberichten. Mit ihren Werken wollte sie nicht nur unterhalten, sondern auch zur Volksbildung beitragen, Toleranz fördern und Vorurteile abbauen. Wiederkehrende Themen in ihren Werken waren die Verbesserung der weiblichen Bildung, die berufliche Gleichstellung der Frau, die Judenemanzipation, die Überwindung von Standesunterschieden und sozialen Ungleichheiten sowie der Kampf gegen Konvenienzehen. Der für den Vormärz typische Emanzipationsgedanke ging weit über das Bestreben der meisten Zeitgenossinnen hinaus. Dennoch hielt sie an der traditionellen Rollenverteilung fest. Es ist auffällig, wie sehr sie bereits männliche Maßstäbe anwandte. L. behandelte außerdem immer wieder Tagesfragen und verfasste Tendenzschriften. So macht sie in „Clementine“ (1842) ihre Gedanken über Liebe und Ehe deutlich. Die Gleichberechtigung der Konfessionen, insbesondere die des Judentums, behandelte sie in „Jenny“ (1843). „Eine Lebensfrage“ (1845) thematisiert die Frage der Ehescheidung. Ihre Schriften zur Frauenemanzipation „Osterbriefe für die Frauen“ (1863) und „Für und wider die Frauen“ (1870), die von Arbeiter- und Handwerkervereinen beeinflusst wurden, brachten ihr ferner internationale Beachtung ein und bieten Einblick in die erste deutsche Frauenbewegung. Das mehrbändige Werk „Meine Lebensgeschichte“ (1861-1863) stellt ein sozialhistorisch interessantes Dokument und eine einmalige Quelle dar, denn sie liefert nicht nur ein Bild über L.s Leben, ihre Kindheit und Jugend, ihren Bildungsgang und Schreibprozesse, sondern eröffnet darüber hinaus Einblicke in das typische Alltagsleben bürgerlicher gebildeter und jüdischer Frauen und Mädchen im Preußen des 19. Jahrhunderts.



W  Clementine, Leipzig 1843; Jenny, 2 Bde., Leipzig 1843 (ND Frankfurt/Main 1988); Eine Lebensfrage, Leipzig 1845; Diogena, Roman von Iduna Gräfin H...H..., Leipzig 1847; Italienisches Bilderbuch, 2 Bde., 1847 (ND Frankfurt/Main 1989); Meine Lebensgeschichte, Berlin 1861-1863 (ND Frankfurt/Main 1988/89); Osterbriefe für die Frauen, Berlin 1863; Für und wider die Frauen. 14 Briefe, Berlin 1870 (ND Frankfurt/Main 1989).

L  L. Fränkel, Fanny L. und das Judenthum, in: Allgemeine Zeitung des Judenthums 65/1901, Nr. 8, S. 92-94, Nr. 9, S. 103-105; B. van Rheinberg, Fanny L. - Geschichte einer Emanzipation, Frankfurt/Main/New York 1990; G. Schneider, Fanny L., Reinbek 1996; J. Mikota, Jüdische Schriftstellerinnen - wieder entdeckt: Fanny L., in: Medaon - Magazin für Jüdisches Leben in Forschung und Bildung 2/2008, S. 1-5 (P). – ADB 35, S. 403-411; NDB 14, S. 409f.

P  Fanny L., W. Krauskopf, 1889, Druck, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstichkabinett, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Laura Tratz
14.6.2016


Empfohlene Zitierweise:

Laura Tratz, Lewald (Lewald-Stahr), Fanny, (Pseudonym: Iduna Gräfin H. H.), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (19.10.2017)

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